Krankenkassen – die kranken Kassen

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toe-tag-42544_1280In der Reihe der wissenbloggt-Privatisierungskritik haben auch die Krankenkassen ihren Platz verdient. Probleme machen nicht nur die privaten Krankenversicherungen (PKV), sondern auch die politische Behandlung der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Wie manche Dinge rechtens sein können, die da geschehen, darüber staunt man nur (Bild: Clker-Free-Vector-Images, pixabay).

Zugrunde liegt die Mär vom Wettbewerb: Eine Vielzahl von Krankenkassen sorge für Konkurrenz und günstige Angebote. In Wirklichkeit sorgt sie nur für viele hohe Gehälter in vielen KV-Chefetagen. Wenn das alles wäre, würde sich der Schmäh nicht lohnen – aber leider, leider …

… ist das noch so ein Unsinnssystem, wo es keine Besitzstände gibt, wo über Bezugsberechtigungen nach politischem Gusto verfügt wird, und wo die Korrelation zwischen Einzahlungen und Ansprüchen zu schwach ausgeprägt ist. Schranken und Hürden spielen eine Rolle, Obergrenzen und Mindestdauern, und wehe, man erfüllt eins von den willkürlichen Kriterien nicht zu 100% – dann kann der komplette Anspruch flöten gehen.

Bloß weil man weniger Beiträge zahlt als die Sollzahl, zählt es gar nicht? Oder weil shot-31144_1280man nur 24 Jahre gezahlt hat statt der verlangten 25 Jahre, verliert man den ganzen Anspruch? Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Und wieso müssen alle Arbeitnehmer bis zum Einkommen von 4.687,50 Euros in die GKV (ca. 90%), während alle Beamten de facto in die PKV müssen (ca. 5%), selbst wenn sich das negativ für sie auswirkt? (Bild: Clker-Free-Vector-Images, pixabay)

Solche negativen Wirkungen gibt es nämlich, sogar für die Gutverdienenden und Selbständigen, die zwischen GKV und PKV wählen können (ca. 5%). Wenn die eine private wählen, dann kommen sie da nicht mehr raus, auch wenn sie nicht mehr gut verdienen und nicht mehr selbständig sind. Die aufgelaufenen Beiträge bleiben nämlich bei der PKV und werden nicht an die GKV transferiert (wie z.B. bei der KFZ-Versicherung). Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb die GKV nein zu denen sagen muss, die zurückwechseln wollen, die GKV darf sie nicht aufnehmen.

So kommt es, dass mehr als 103.000 Menschen im "Notlagentarif" der Privatkassen geführt werden, weil sie ihre Beiträge nicht mehr zahlen können und die private Versicherung trotzdem nicht verlassen dürfen. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, sie seien oft Patienten dritter Klasse, denn sie können bestimmte Behandlungen nicht in Anspruch nehmen (1. Link unten). Dazu kommen rund 30.000 Menschen, denen es auch nicht besser geht, weil sie im "Basistarif" privat versichert sind, in einem gesetzlich definierten Produkt, das den Leistungskatalog der GKV nachbilden muss.

Private Krankenversicherungen ködern mit verlockenden Einstiegstarifen junge, gesunde Leute, bloß später wird's für die alten, kranken Leute dann teuer. Die sind der Versicherungsgesellschaft mit steigendem Lebensalter quasi ausgeliefert. Hier eine kleine Liste der Beschwerden über die Privaten (entnommen den Leserkommentaren vom SZ-Artikel (2.):

  • viele bereuen den Schritt in die PKV, weil dort mit harten Bandagen kontrolliert wird (z.B. heißt es schnell "Vorerkrankungen verschwiegen", wenn bald nach dem Eintritt der Krankheitsfall eintritt,
  • viele Rechnungen werden dort beanstandet, entweder von der Kasse oder von der Beihilfe (bei Beamten) – eine unangenehme Situation,
  • es gibt Streit ums Geld – viele Patienten lassen sich die Kosten erstatten und bezahlen erst dann den Arzt (wenn überhaupt),
  • auch wenn Behandlungen mit der Versicherung abgestimmt sind, werden Zahlungszusagen oft zurückgenommen, und dann müssen die privat Versicherten privat zahlen (1.),
  • chronisch Kranke werden nicht aufgenommen oder nur mit horrendem Risikoaufschlag, was die Idee der Solidarität zerstört,
  • Beamte können der PKV nur entkommen als freiwillig in der GKV Versicherte, aber dann zahlen sie Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge, eine verrückte Regelung,
  • in Wirklichkeit gibt es nicht bloß eine Zwei-Klassen-Medizin durch GKV und PKV, sondern eine Drei-Klassen-Medizin: In Krankenhäusern und Privatkliniken gibt es Bereiche, die für Patienten aus dem arabischen Raum und ihre Entourage reserviert sind – deren Behandlung bekommt auch kein privatversicherter Patient.

Die Liste der generellen Beschwerden übers System ist mindestens genausolang (2.):

  • es gebe monopolartige Strukturen, z.B. darf man nicht mal einen Baustein aus der privaten Vollversicherung herausnehmen und durch eine anderweitige Zusatzversicherung ersetzen – das kommt einem staatlich geschützten Angebotsmonopol gleich,
  • Der Leistungskatalog der GKV werde regelmäßig zusammengestrichen, Hörgeräte, Zahnersatz, Fahrkosten zum Arzt usw, werden aus dem Leistungskatalog gestrichen,
  • die GKV werde über die PKV subventioniert, weil die Zahlungen der Krankenkassen zu niedrig sind; die privat Versicherten seien die Melkkühe der Ärzte,
  • die Bundesregierung plündere die Sozialkassen (GKV, Rentenversicherung usw.), um den Flüchtlings-Zustrom aufzufangen. Die medizinische Versorgung der Flüchtlinge tragen nur die gesetzlich Krankenversicherten und deren Arbeitgeber (mit einer Kopfpauschale von 97 €) und nicht die PKV – mithin Subventionierung umgekehrt.

Letzteres etwas genauer recherchiert: Nach 15 Monaten wechseln die Flüchtlinge, die bis dahin keine Arbeitsstmummy-309452_1280elle haben (also die allermeisten), aus dem Asylbewerberleistungssystem in Hartz IV. Damit werden sie automatisch auch Mitglied einer gesetzlichen Krankenversicherung und haben die gleichen Leistungsansprüche wie andere Bezieher von Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld (3., Bild: Clker-Free-Vector-Images, pixabay).

Für jeden der rund sechs Millionen Hartz-IV-Bezieher (Deutsche, Flüchtlinge und EU-Einwanderer) zahlt der Bund den Krankenkassen im Monat pauschal 97 €. Dieser Betrag ist allerdings bei weitem nicht ausreichend, um die für diese Gruppe anfallenden Ausgaben abzudecken. Während die EU-Zuwanderung für die Krankenkassen eine Entlastung bedeutet, zumal vor allem junge, gesunde Arbeitsmigranten kommen, gilt dies aufgrund der Finanzierungslücke für Hartz-IV-Empfänger bei den Flüchtlingen nicht – die gefühlten Argumente, die Betreffenden seien ja jung und männlich und damit kostengünstiger, stimmen also nicht.

Es stimmt an allen Ecken und Enden nicht. Es wird quersubventioniert und willkürlich geschaltet und gewaltet. Die Klagen über mangelnde Gerechtigkeit gehen bis dahin, wo die Sinnhaftigkeit des ganzen Systems in Frage gestellt wird. Allerdings ist es woanders auch nicht besser, z.B. in Großbritannien. Da gibt's die Zwei-Klassen-Medizin nicht. Aber der National Health Service ist grottenschlecht, so dass die Briten sich über zusätzlich abgeschlossene Versicherungen helfen und damit doch ein Zwei-Klassen-System aufbauen.

Das "duale System" GKV & PKV hat viele Argumente gegen sich. Es befriedigt nicht mal alle von den angeblich privilegierten Privatversicherten. Und es ist sozial ungerecht, weil die Gesetzlichen jeden nehmen müssen, während die Privaten sich um die Aufnahme von teuren Risiken drücken. Wie gerecht oder ungerecht die Lasten verteilt sind, bleibt dabei genauso undurchschaubar wie der ganze Komplex. Gerechte, günstige, gutverwaltete Krankenversicherung sieht anders aus.

 

Medien-Links:

  1. Private Krankenversicherung – "Abschaffen!" (Süddeutsche Zeitung 8.4.): Es gibt viele Argumente gegen eine Zwei-Klassen-Medizin. Das drängendste: Sie ist sozial ungerecht. Auch für diejenigen, die auf privater Seite im System gefangen sind.
  2. Private Krankenversicherung – Viele Fehler im System (Süddeutsche Zeitung Leserkommentare 19.4.)
  3. Gesundheitsversorgung – Mitglieder-Rekord der Krankenkassen kostet alle viel Geld (Welt 29.12.17): Für jeden der rund sechs Millionen Hartz-IV-Bezieher zahlt der Bund den Krankenkassen im Monat pauschal 97 Euro. Dieser Betrag ist allerdings bei Weitem nicht ausreichend, um die für diese Gruppe anfallenden Ausgaben abzudecken. … Während die EU-Zuwanderung für die Krankenkassen eine Entlastung bedeutet, zumal vor allem junge, gesunde Arbeitsmigranten kommen, gilt dies aufgrund der Finanzierungslücke für Hartz-IV-Empfänger bei den Flüchtlingen nicht.

Links zu Privatisierungsproblemen von wissenbloggt:

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2 Antworten auf Krankenkassen – die kranken Kassen

  1. Saco sagt:

    Es gibt Hunderte von Krankenkassen. Es bräuchte nur eine. So ist das System auch für Insider nicht mehr  überschaubar. 

  2. Wolfgang Goethe sagt:

    Ich würde den Titel umbennen, anstatt "Krankenkassen – die kranken Kassen" sondern "Krankenkassen – die Kranken von der Krankenkasse"

    Gruß Johann Wolfgang Goethe

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