Welchen ontologischen Status hat Gott?

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medal-3054508_1280Der ontologische Status einer Entität gibt Auskunft darüber, zu welcher Kategorie des Seienden die Entität gehört. Hier bei wissenbloggt wird das vom materialistischen Standpunkt aus betrachtet. Schließlich sind praktisch alle Naturwissenschaftler Materialisten, auch wenn sie es nur unausgesprochenermaßen sind und sie sich nicht so nennen.

Sie dürfen ja nicht postulieren, dass ihre Untersuchungsobjekte mit immateriellen Agenten wie Geistern oder Seelen interagieren – und mit Göttern auch nicht. Das sagt schon mal einiges über den Status der Götter aus (Bildvorlage: ROverhate, pixabay).

Als Maßstab für solche Einschätzungen gilt hier Mario Bunge, der materialistische Philosoph mit den klaren Kanten und den guten Definitionen (wb-Ontologie-Links unten). Demnach sind alle materiellen bzw. konkreten Gegenstände Dinge. Dazu zählt alles von Atomen und Photonen über Magnetfelder und Ökosysteme bis zu Lebewesen und Sternen. Nur materiellen Dingen billigt Bunges Ontologie reale Existenz zu.

Im Gegensatz zu den Dingen haben immaterialle Objekte wie die Zahl 3, der Satz des Pythagoras, ein Musikstück, die Mathematik keine reale Existenz. Sie existieren nicht aus sich selbst heraus, sondern nur abstrakt: Sie sind Konstrukte. Die Existenz dieser Konstrukte hängt nicht von ihnen selbst ab, sondern sie existieren nur dadurch, dass sie von Menschen oder vergleichbaren Existenzen gedacht werden können. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich nicht (von selbst) ändern. Aus der Zahl 3 wird keine 4. Nur durch menschliches Denken kann ein Konstrukt anders oder ganz neu gemacht werden. Zu den Konstrukten gehören auch Geschichten, Religionen, Weihnachtsmänner und Götter. Das wurde bei wb schon dargelegt (wb-Götter-Links unten).

Damit hat es aber nicht sein Bewenden, denn der ontologische Status von Gott ist nicht bloß der eines Konstrukts. Immerhin haben die Kirchen einen gewaltigen Unterbau mit Gebäuden, Institutionen, Schriften, TV-Sendern und Bodenpersonal. Zum Vergleich kann man das Geld heranziehen – Geld ist auch ein Konstrukt. Es hat ebenfalls eine gewaltige Infrastruktur mit Banken, Zentralbanken, Börsen, Computern, Geldscheinen und Münzen.

Deshalb ist Geld mehr als ein Konstrukt. Durch seine Verkörperung in der Infrastruktur hat es zugleich eine reale Existenz. Es ist benutzbar und in der Praxis brauchbar. Solange die Menschen an den Wert des Geldes glauben, ist dieser Gegenwert gegeben. Auch wenn das Geld eigentlich nur eine Idee ist, ein Versprechen und oft nur eine Blase, existiert es auch als konkretes Ding.

Genauso verhält es sich mit Gott.

Er ist eigentlich nur ein Phantasieprodukt, aber zu dem Konstrukt kommt die real existierende Infrastruktur hernieden auf der Erden. Die ist riesengroß, und wie sogar manche Ungläubigen meinen, too big to fail. Wie auch immer, das macht Gott zu einem Zwitter, teils Konstrukt und teils Ding – beides menschengemacht selbstverständlich. Solange genug Menschen an den Gott glauben, funktioniert die Religion; sie indoktriniert Kinder, sie zwingt Erwachsene auf die Knie und stiftet Segen oder Streit, je nachdem.

Der ontologische Status von Gott ist mithin beides, Konstrukt und Ding.

 

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