Tausche Gott gegen gute Regierung

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Das ist der Deal: Wenn die Regierung sich ordentlich um die Bevölkerungsinteressen kümmert, werden Götter überflüssig – und umgekehrt. Also: Schlecht regiert ist halb gewonnen für die gottsgefällig Frommen,
zu denen man unsere Regierungspolitiker leider rechnen muss. Wen gruselt es nicht, angesichts dieser Perspektive? (Bild: Maklay62, pixabay)

Mal der Reihe nach: Erst hat die Wissenschaft die Religion als Welterklärung obsolet  gemacht. Dann hat sie herausgefunden, dass Intelligenz mit Religion negativ korreliert ist (für Religiöse: je religiöser, desto dümmer, 1., 2., 3., 4. Link unten). Und nun legt eine wissenschaftliche Studie dar, dass säkulare Institutionen wie z.B. Regierungen die gleichen Leistungen erzielen können wie Religionen.

Wenn sie die weltlichen Bedürfnisse der Menschen befriedigen, brauchen die nicht Zuflucht zu übernatürlichen Wesen zu nehmen. Wo es einen Wohlfahrtsstaat gibt, sinkt der Bedarf an religiösem Beistand. Und umgekehrt: Wo der Staat die Menschen unzureichend unterstützt, wie z.B. in den USA, grassiert die Religiosität. Es ergibt eine klare Korrelation zwischen Lebensqualität, sozialer Sicherheit und Einkommen auf der einen Seite und niedriger Religiosität auf der anderen (5., 6., 7).

  • Mithin lässt sich das austauschen: Gott gegen gute Regierung.
  • Oder in den Worten von atheisten-info.at: Das ist der clash of middleages with civilisation.
  • Oder in den Worten von wissenbloggt: Schlecht regiert ist halb gewonnen für die gottsgefällig Frommen.

Für die 1. Studie von (5.) wurden Daten von 455 000 Personen aus 155 Nationen ausgewertet, die von Gallup World Poll 2005 … 2009 weltweit erhoben wurden, von Christen, Muslimen, Hindus und Buddhisten. Die 2. Studie von (5.) wurde 2008 … 2013 in den einzelnen Bundesstaaten der USA durchgeführt. Beide Teilstudien zeigten nach (6.), dass Religiosität nur in Staaten mit schwacher Verwaltung für die persönliche Lebensqualität relevant war.

Im Ergebnis sind Religionen nicht wegen ihrer spezifischen Inhalte attraktiv, sondern weil sie psychische Bedürfnisse befriedigen, vor allem das Bedürfnis nach Sicherheit. Das leisten die meisten Glaubenssysteme, indem sie ihren Anhängern ein Gefühl von Kontrolle und Trost im Angesicht von Unsicherheit bieten. Sie versprechen Halt bei persönlichen Verlusten, bei Einsamkeitsgefühlen, bei Naturkatastrophen oder auch bei prekären ökonomischen Verhältnissen.

Das Vertrauen in die Rolle des Staates steht der Anziehungskraft von Religion entgegen. Wo sich säkulare Stellen verantwortlich darum kümmern, den Menschen eine Krankenversicherung zu bieten und Kriminelle zu verfolgen, wo staatliche Organe Recht und Gesetz und soziale Sicherheit gewährleisten, hat die Vorstellung von einem intervenierenden Gott weniger Gefolgschaft, der die Menschen durch Furcht zu Wohlverhalten bewegt und ihnen das verheißt, was die staatlichen Stellen nicht bieten.

Die Religiosität verteilt sich unterschiedlich in der Welt (8.). Die Tabelle (mit den Daten aus 8., ergänzt aus 4.) zeigt die Staaten mit der religiösesten und der am wenigsten religiösen Bevölkerung. Was in der Tabelle fehlt, ist die Qualität der Regierung. Man sieht aber auch so, dass bei den religiösesten Staaten failed states vorherrschen. Bei den areligiösen Staaten dürfte eine Mischung von guter Regierung und atheistischem Erbe maßgeblich sein (die Prozentwerte sind die der Religiösen im Land):

am religiösesten %   am atheistischsten %
Äthiopien 99 1 China 7
Malawi 99 2 Japan 13
Niger 99 3 Estland 16
Sri Lanka 99 4 Schweden 19
Jemen 99 5 Norwegen 21
Burundi 98 6 Tschechien 23
Dschibuti 98 7 Hongkong 26
Mauretanien 98 8 Niederlande 26
Somalia 98 9 Israel 30
Afghanistan 97 10 Großbritannien 30
Komoren 97 11 Neuseeland 34
Ägypten 97 12 Australien 34
Guinea 97 13 Aserbaidschan 34
Laos 97 14 Weißrussland 34
Myanmar (Burma) 97 15 Kuba 34
Kambodscha 96 16 Deutschland 34
Kamerun 96 17 Vietnam 34
Jordanien 96 18 Spanien 37
Senegal 96 19 Schweiz 38
Tschad 95 20 Albanien 39
Ghana 95 21 Österreich 39
Mali 95 22 Ungarn 39
Katar 95 23 Luxemburg 39
       
USA 71      
       


Medien-Links:

  1. The relation between intelligence and religiosity a meta-analysis and some proposed explanations (Personality and Social Psychology Review Zuckerman, M., Silberman, J., & Hall, J. A.., 2013): A meta-analysis of 63 studies showed a significant negative association between intelligence and religiosity.
  2. Je intelligenter, desto weniger religiös (blooD'N'Acid 14.10.16): Das ist das Fazit einer Metaanalyse [siehe oben 7.], die anhand von 63 einbezogenen Studien den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Religiosität untersucht und eine deutliche, signifikant negative Korrelation zwischen Intelligenz und Religiosität festgestellt hat.
  3. Why Are Religious People (Generally) Less Intelligent? (Psychology Today26.12.13): Understanding the negative relationship between IQ and religiosity.
  4. In America, Does More Education Equal Less Religion? (pewforum 26.4.17): On one hand, among U.S. adults overall, higher levels of education are linked with lower levels of religious commitment by some measures, such as belief in God, how often people pray and how important they say religion is to them. On the other hand, Americans with college degrees report attending religious services as often as Americans with less education. Je ärmer desto religiöser und umgekehrt, auch wenn man da differenzieren muss.
  5. Religion as an Exchange System: The Interchangeability of God and Government in a Provider Role (Personality and Social Psychology Bulletin 12.4.): An exchange model of religion implies that if a secular entity such as government provides what people need, they will be less likely to seek help from supernatural entities. Controlling for quality of life and income inequality (Gini), we found that better government services were related to lower religiosity among countries (Study 1) and states in the United States (Study 2)
  6. Sozialpsychologie – Wer dem Staat vertraut, braucht keinen Gott (Süddeutsche Zeitung 26.4., gedruckt: Amt statt Kirche): Eine aktuelle Studie hat den Zusammenhang zwischen Religiosität und staatlicher Fürsorge untersucht. Ergebnis: Je weniger Sicherheit säkulare Instanzen bieten, desto attraktiver erscheint den Menschen der Beistand eines Gottes. Andersherum bedeutet das allerdings auch: Wo es einen Wohlfahrtsstaat gibt, sinkt der Bedarf an religiösem Beistand.
  7. Wer dem Staat vertraut, braucht keinen Gott (atheisten-info.at 26.4.): Was meinereiner auf dieser Site dauernd behauptet, ist nun wissenschaftlich bewiesen! Der Sozialstaat macht Gott überflüssig! In der "Süddeutschen Zeitung".
  8. Mapped: The world's most (and least) religious countries (The Telegraph 14.1.): We've based our map on the results of three WIN/Gallup International polls, taken in 2008, 2009 and 2015. Each asked respondents whether or not they felt religious; for each country we've included the most recent figures available (der Telegraph zeigt eine schöne interaktive Grafik zur Religiosität).
  9. Interesse an Religion in Europa geringer als im Rest der Welt (idea 5.5.17): Das Interesse an Religion ist in Europa weniger ausgeprägt als im Rest der Welt. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos (London) zu globalen Trends. (18.000 Befragte in 23 Ländern, für 53% war der Befragten war ihr Glaube sehr wichtig).
  10. Der Glaube in den USA (atheisten-info.at 28.4.): 80% glauben an Gott, 19% nicht. 56% glauben an Gott wie in der Bibel beschrieben, 33% glauben an höheres Wesen (9% davon nicht an Gott), 10% glauben an nix.

Links von wissenbloggt:

 

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Eine Antwort auf Tausche Gott gegen gute Regierung

  1. Saco sagt:

    Wer nichts zu essen hat, der muss von der Hoffnung leben, die ihm irgendwer macht, und sei es ein Gott oder ein Geistlicher. Letzterer erklärt dann auch, woher die Armut kommt. Von der Ausbeutung durch Nordstaaten.  Und: gegen die müsse man sich mit der Hilfe des jeweiligen Gottes wehren. So entsteht ein Religionskrieg, der eigentlich ein Wirtschaftskrieg ist. War auch die EU zu lange auf den eigenen Gewinn fixiert? Wäre eine WU  besser gewesen?

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