Antwort auf: Humanismus als Forschungsobjekt

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Button-neuDieser Darstellung liegen mehrere grundlegende Fehler zugrunde, die leider immer wieder anzutreffen sind:

DEN Humanismus gibt es nicht. Bereits ein oberflächlicher Blick in die Wikipedia zeigt, dass „Humanismus“ im Laufe der Geschichte immer wieder neu interpretiert und mit Inhalten gefüllt wurde. Dabei unterscheidet sich der „Humanismus“ eines Erasmus von Rotterdam oder ein „Humanismus“ sozialistischer Prägung in einem entscheidenden Punkt von dem, was heute (sprich seit ca. 150 Jahren) unter evolutionärem Humanismus verstanden wird: die Ideologiefreiheit.

Den Kritikern des evolutionären Humanismus kommt dabei zugute, dass es keinerlei markenrechtlichen Schutz gibt. So kann ein jeder – fast nach Belieben – Inhalte hinein bugsieren, die mit dem evolutionären Humanismus unserer Auffassung nichts oder nur Entferntes zu tun haben. Vor allem im politischen Bereich ist die Missbrauchsrate enorm groß. Sie reicht von sozialistischer Gleichmacherei bis hin zur platten Menschenfeindlichkeit.

So kann es eben kommen, dass selbst in der größten deutschsprachigen FB-Gruppe, der Initiative Humanismus, mindestens einmal pro Woche jemand die Frage stellt, ob das eben Gesagte denn mit „Humanismus“ vereinbar sei. Dabei hat sich die Initiative Humanismus als einzige Gruppe der Mühe unterzogen, ein gemeinsames Manifest zu erarbeiten, in dem seit nunmehr über sechs Jahren unverändert (obwohl immer wieder zur Diskussion gestellt) die Grundzüge eines modernen Humanismus zusammengefasst sind: http://www.wissenbloggt.de/?page_id=10526 (auch auf Englisch: http://www.wissenbloggt.de/?page_id=26354).

Auch gibt es durchaus Galionsfiguren, die unseren Humanismus unterstützen. An hervorragender Stelle sei der Philosoph Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung genannt. Jüngere wie Philipp Möller und andere wachsen nach.

Ein weiterer häufig anzutreffender Irrtum steht auch im Artikel gleich oben: „Seid nett zueinander“ mag zwar ein hübsches Motto der Bild-Zeitung vor Jahren gewesen sein, hat aber mit Humanismus wiederum nichts zu schaffen. Zugrunde liegt diesem Fehler die allzu häufige Verwirrung zwischen Humanitarismus und Humanismus. Mein Paradebeispiel dafür ist immer Albert Schweitzer, der Lambarene aufbaute und zu großen Erfolgen in der Heilung unterversorgter Patienten in Afrika brachte. Diese unzweifelhaft zugrunde liegende Empathie (er hätte wohl gesagt „Nächstenliebe“) war humanitär, aber nicht humanistisch. Und zwar aus folgendem Grunde: In der angeschlossenen Missionsschule wurden die „armen Negerkinder“ zum Christentum indoktriniert, was ihnen jede Freiheit im Denken nahm.

Auch die häufig anzutreffende Verwechslung Atheismus = Humanismus ist äußerst ärgerlich.

Speziell zu den Atheisten lässt sich festhalten, dass der Atheismus eine logisch isolierte Position ist, die über die sonstige Weltanschauung oder Ethik eines Menschen keinerlei Schlussfolgerungen zulässt. Daraus folgt, dass es für die Beurteilung des Atheismus völlig irrelevant ist, was irgendwelche Menschen, die auch Atheisten waren, Gutes oder Böses getan haben.

Religionen haben jeweils eine charakteristische Ethik. So gibt es Dinge, die ein Christ tun oder lassen sollte, weil er ein Christ ist. Für den Atheisten hingegen gilt das nicht. Der handelt, wie es seinem persönlichen Gewissen entspricht, nicht im Namen des Atheismus, denn das wäre mangels einer damit verknüpften spezifischen Ethik gar nicht möglich.

Ferner ist zu beachten, dass sich natürlich kein Atheist in seinem Atheist-Sein erschöpft. Zusätzlich hat er natürlich auch noch zahlreiche Meinungen zu allen möglichen Themen, die er auch als Theist haben könnte.

Es ist zwar richtig, dass unser Humanismus den Atheismus nahelegt, eine logische Verbindung besteht aber, wie die obige Gleichung suggerieren könnte, nicht.

Und wenn nun in allen diesen genannten Punkte Einigkeit besteht und man das Manifest zwar nicht als Handlungsanweisung aber als eine Grundlage des modernen Humanismus begreift, gibt es gleichwohl immer wieder Personen oder auch Gruppierungen, die andere als die von uns erarbeiteten Voraussetzungen einfließen lassen möchten. Geradezu ein Paradebeispiel für einen solchen Fall sind die Veganer. Manche Veganer sind davon überzeugt, man könne nur dann ein „guter“ Humanist sein, wenn man auf tierische Produkte vollständig verzichtet. Das ist ihr gutes Recht so zu denken. Kritisch wird es erst in dem Augenblick wenn behauptet wird, ALLE  Humanisten müssten notwendig Veganer sein, und die Überzeugung mit geradezu missionarischem Eifer vertreten wird. Aber erstens ist Mission laut unserem Manifest unerwünscht, da sonst Freiheiten geraubt werden, und zweitens stellen dann als nächstes die Nichtraucher oder die Antialkoholiker dieselben Forderungen.

Das sind so die Dinge (unter vielen anderen mehr), die dem Uneingeweihten den Eindruck vermitteln, „die“ Humanisten seien ein von Egoismen und Eifersüchteleien zerfressener wilder Haufen, dem eine einheitliche Führung fehle. Dabei ist Vielfalt unter einem gemeinsamen Dach – so wie von uns gelebt – eine der Grundvoraussetzungen für einen funktionierenden Humanismus. Schließlich sind wir keine politische Partei, die sich in etlichen Punkten eben durchsetzen und bereits deshalb Vereinheitlichungen anstreben muss.

Dr. Frank Berghaus

 

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Eine Antwort auf Antwort auf: Humanismus als Forschungsobjekt

  1. Wilfried Müller sagt:

    Frank hat eine gute Antwort auf meinen Artikel geschrieben, finde ich. Die Kritik an meiner Darstellung geht aber an der Sache vorbei. Ich habe ja nicht über den Humanismus geschrieben, sondern über die real existierende humanistische Szene, wie ich sie tatsächlich erlebt habe. Da kann ich Frank nur zustimmen, dass es da einigen Missbrauch des Wapperls "Humanismus" gibt.

    Ich stimme auch zu, dass z.B. MSS sich für den Humanismus einsetzt. Aber wer kennt ihn außerhalb der Szene? Die Vertreter der Humanismus-Bewegungen kommen nur sehr spärlich in den Medien vor, die ich täglich scanne; nicht mal in der linken & sozialen Szene. Daran ändert auch Franks FB-Gruppe, die Initiative Humanismus IH, nicht viel.

    Dass "Seid nett zueinander" mit Humanismus "nichts zu schaffen" hat, beklage ich ja, und vor allem finde ich es falsch. Wer den Menschen zum Maß der Dinge macht, sollte auch dem Menschen gegenüber positiv eingestellt sein; in den Worten von Frank, zum Humanismus gehört auch Humanitarismus.

    Frank sagt, "die" Humanisten seien kein "von Egoismen und Eifersüchteleien zerfressener wilder Haufen, dem eine einheitliche Führung fehle". Diese Haltung wundert mich, nachdem er selber durch den Wasch- und Schleudergang gedreht wurde, und auch seine IH nicht gerade zimperlich mit missliebigen humanistischen Stimmen umgeht. Und nach dem, was in der HU passierte, beim hpd, in der gbs MUC usw.

    Egal drum, was ich vermisse, ist die kompetente humanistische Stimme zu den aktuellen Themen mitsamt der undogmatischen Diskussion selbiger Themen. Es gibt viele Autoren, die gute Rezensionen schreiben, aber wo sind die, die Meinungen in Worte fassen und publizieren wollen? Da hapert's.

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