Politik muss mit dem Märchen vom Einzelfall aufhören!

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wing-tsun-3265770_1280Bei der Gewalt gegen Lehrkräfte geht es nicht nur um Einzelfälle, und die Politik soll bittesehr mit ihrer ‚Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß‘-Haltung aufhören. Deshalb werden öffentliche Statistiken gefordert (hoffentlich nicht solche wie vom Arbeitsamt). Eine Pressemitteilung vom VBE, einem der zwei größten deutschen Lehrerverbände (Berlin, 02.05.18, pd 32_18, das pädagogische Bild: sifusergej, pixabay).

forsa-Schulleitungsumfrage „Gewalt gegen Lehrkräfte“

Politik muss mit dem Märchen vom Einzelfall aufhören!

„Die uns vorliegenden Fakten beweisen erneut, dass die Kultusministerien mit ihrer Einschätzung, dass ‚Gewalt gegen Lehrkräfte‘ lediglich Einzelfälle sind, schlicht falsch liegen. In den letzten fünf Jahren gab es an der Hälfte der Schulen direkte psychische Gewalt gegen Lehrkräfte  an einem Fünftel Cybermobbing, an jeder vierten Schule körperliche Gewalt gegen Lehrkräfte. Nach  der Lehrkräftebefragung im November 2016 wird mit der aktuellen, bundesweit  repräsentativen  Schulleitungsbefragung erneut deutlich, wie relevant das Thema ist. Die Ergebnisse sind so eindeutig, wie erschütternd“, kommentiert Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), die heute veröffentlichten Ergebnisse  einer vom VBE in Auftrag gegebenen forsa-Umfrage.

Bei der Umfrage wurden 1.200 Schulleitungen allgemeinbildender Schulen danach befragt, ob es an ihrer Schule Gewalt gegen Lehrkräfte gibt, welche Arten von Gewalt auftreten und ob sie die angegriffenen Lehrkräfte ausreichend unterstützen können. Der VBE hatte zu dem Thema „Gewalt gegen Lehrkräfte“ zuletzt im November 2016  eine ebenfalls von forsa durchgeführte Umfrage veröffentlicht. Damals wurden 1.951 Lehrkräfte allgemeinbildender Schulen befragt.

„Heute wie damals  gilt: Es braucht öffentliche Statistiken. Nur, wenn das Ausmaß für  die Ministerien greifbar wird, werden sie die angemessenen Maßnahmen umsetzen, um Lehrkräfte besser zu schützen, im Falle eines Falles besser zu unterstützen und  das Klima an den Schulen langfristig zu verbessern. Die Politik darf mit ihrer ‚Was  ich  nicht weiß, macht mich nicht heiß‘-Haltung in keinem einzigen Bundesland mehr durchkommen“ kritisiert Beckmann.

Der VBE hatte den Kultusministerien im September vergangenen Jahres die Möglichkeit  gegeben, unter anderem die Frage zu beantworten, ob in den Bundesländern Statistiken zu Gewaltvorfällen gegen Lehrkräfte geführt werden (→ Übersicht). Der Bundesvorsitzende äußert sich dazu: „Enttäuschend ist zum einen die Antwort: ‚Obwohl wir keine Zahlen erheben, können wir versichern, dass es nur Einzelfälle gibt.‘ Da muss man sich schon fragen, woher diese Gewissheit genommen wird. Zum anderen halten wir die Einschätzung, dass eine standardisierte Erfassung de  Zahlen im Kultusministerium  Lehrkräfte davon abhalten würde, sich Hilfe zu holen,  für grundsätzlich falsch. Im Gegenteil: Die Kultusministerien würden damit endlich das Zeichen aussenden, dass ihnen das Thema wichtig ist und sie möchten, dass nichts unter den Teppich gekehrt wird.“

Beckmann ist davon überzeugt, dass das Veröffentlichen von Zahlen einen positiven  Effekt hat. So sagten in der letzten Umfrage noch 57 Prozent der befragten Lehrkräfte, dass ‚Gewalt gegen Lehrkräfte‘ ein Tabu-Thema sei. Nun stimmen dieser Aussage nur  noch 39 Prozent der befragten Schulleitungen zu. „Ein offener Umgang mit diesem Thema ist vor allem fürdie Betroffenen immens wichtig“, meint er.

Jede zehnte Schulleitung gibt an, dass die Lehrkräfte nach einem Gewaltvorfall nicht ausreichend unterstützt  werden  konnte. Als Gründe nennen 63 Prozent von ihnen, dass sich betroffene Schülerinnen und Schüler uneinsichtig zeigten und 59 Prozent bemängeln, dass Eltern nicht kooperationswillig waren. Jede dritte Schulleitung sagt,  dass sich das Schulministerium des Themas nicht ausreichend annimmt. „Wenn zudem jeweils 20 Prozent der Befragten an geben, dass die Meldung zu bürokratisch sei,    sie zu viele andere Aufgaben haben, eine Meldung zu Reputationsverlusten führe und sich die Schulverwaltung des Themas nicht ausreichend  annehme, ist das beschämend“,  bewertet  Beckmann. Zudem sagen 11 Prozent, dass die Meldung von Vorfällen von den Schulbehörden nicht gewünscht sei.

Beckmann kommentiert: „Neben schwierigen Schülerinnen und Schülern und deren  Eltern ist das größte Problem der Schulleitungen also der fehlende Rückhalt aus der Politik und die immer weiter steigende Aufgabenmenge. Dies zeigte auch unsere Umfrage zur Berufszufriedenheit von Schulleitungen, die wir im März veröffentlicht haben. Es braucht endlich Lösungen statt Relativierungen, Handeln statt Abwarten.“ Der VBE fordert:

  • Statistiken müssen geführt und von denKultusministerien regelmäßig veröffentlicht werden.
  • Lehrkraft und Schulleitung müssen die volle Unterstützung des Dienstherrn erhalten. Dazu zählt auch die unbürokratische Meldung und schnelle Hilfe nach einem Vorfall.
  • Es braucht massive Investitionen in die Bildungsinfrastruktur, damit Lehrkräfte   durch   multiprofessionelle Teams mit Schulpsychologen, Schulsozialarbeitern und weiteren Fachkräften unterstützt werden können und  ein  Lernumfeld  geschaffen  werden  kann, das nicht durch Ressourcenmangel geprägt ist, sondern individuelle Förderung
  • gewährleistet.
  • Lehrkräfte müssen besser  auf  den  Umgang  mit  Heterogenität  und  das Verhalten in Konfliktsituationen vorbereitet werden. Hierfür braucht es ein breites Fortbildungsangebot

 

Medien-Links:

  1. Schulen – Berlin – Gewalt gegen Lehrer: Expertin sieht "Kultur des Schweigens" (dpa, Süddeutsche Zeitung 3.5.): Nach einer Studie des VBE, die am Mittwoch vorgestellt worden war, sind Lehrkräfte an etwa jeder dritten Grundschule in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren körperlich angegriffen worden.
  2. Gewalt gegen Lehrer: VBE fordert "Null Toleranz" (INFO-radio rbb 3.5.): Immer häufiger werden Lehrer Opfer von Gewalt an Schulen. Nach einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage unter 1.200 Leitern allgemeinbildender Schulen gab es in den vergangenen fünf Jahren an der Hälfte der Einrichtungen direkte psychische Gewalt.
  3. Gewalt gegen Lehrkräfte 2018 (Material vom VBE)

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