Marx & Medien

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facebook-2387089_1280Eigentlich sollte es bei wissenbloggt keinen Marx-Artikel geben, und dessen 200. Geburtstag sollte mit einem Kommentar abgebügelt sein. Nun gibt es aber doch einen aktuellen Bezug, der recht unverhofft kommt – eine Verbindung zwischen dem Uralt-Sozialisten und den modernen sozialen Medien wird plötzlich hergestellt (Bild: Mediamodifier, pixabay).

1844 hat Marx von der Religion als Opium des Volks geschrieben (1. Link unten). Jetzt sprechen 2 Artikel von den Sozialen Medien als Opium des Volks (2. und 3.). Forscher haben beunruhigende Parallelen zwischen süchtigmachenden Drogen und den Sozialen Medien gefunden, so wie dunnemals Marx Parallelen zwischen der Religion und den Drogen fand: Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks (1.).

Die heutige Schelte an den sozialen Medien liest sich weitaus prosaischer. Ja, wie tief sie in die Privatsphäre eingreifen, wird wohl erst in Jahren gänzlich klarwerden. Ein Zeitalter geht zuende, wo Menschen physisch zusammenkamen und persönliche Netzwerke unterhielten. Nun können die Leute ihren Klatsch und Tratsch übers Internet austauschen – die Sozialen Medien haben die Bedeutung des menschlichen Lebens verändert.

Sie haben auch einen Multimilliarden-Markt geschaffen, der von Firmen wie Facebook Inc., Snap Inc. und Twitter Inc. dominiert wird (wb-Links unten). Und dabei sind ihre Leistungen meistens umsonst. Angesichts der Zeit, welche die Benutzer an den Bildschirmen verbringen, wären sie vielleicht sogar bereit, den Anbietern etwas zu zahlen. Im Mittel verbrachten sie weltweit täglich so viel Zeit mit den Sozialen Medien:

2013: 95 min, 2014: 101 min, 2015: 109 min, 2016: 126 min, 2017: 135 min (2.).

Aber es breitet sich ein Unbehagen aus. Die Sorge um die Privatsphäre ist schon schlimm genug. Die ganzen Porno-Links sind gespeichert, die Mails mit Hetze, die kessen Bilder – eine üble Vorstellung, dass das irgendwann gegen einen benutzt werden könnte, von Hackern, von Erpressern, von Datenfuzzies. Man kann seine Files downloaden, und dann kriegt ein gestandener Facebook-Nutzer schon mal 400 Seiten Material, das er lieber vernichtet sähe (3.).

Das ist nicht alles, was Unbehagen schafft. Dazu gibt's die potentielle Wahlbeeinflussung und den sonstigen Online-Missbrauch, und die Abhängigkeit, die sich beim intensiven Gebrauch einstellen kann. Das trägt die Züge von Drogensucht.

Inzwischen gibt es das klinische Bild der Sozialen-Medien-Sucht. Es gibt Studien, die Korrelationen zwischen dem Gebrauch der Online-Medien und der abnehmenden sozialen Interaktion feststellen (4.). Neue Studien sprechen von Social media addiction als Abart der Internetsucht (5.). Und Smartphone-Entzug ist für viele so schrecklich wie Drogenentzug (6.).

Es betrifft nicht alle, klar. Nicht jeder ist ein Junkie, der seine Zeit bei Facebook & Co. verplempert. Nur die Intensivtäter sind gefährdet, aber ein Viertel der US-Amerikaner sind ständig online. Dazu das bonmot:

Früher bot das Internet ein Entkommen aus der Realwelt – jetzt bietet die Realwelt eine dringend benötigtes Entkommen aus der Internet-Welt (2.).

Aber man muss relativieren. Was für einige schädlich ist, muss nicht die ganze Gesellschaft schädigen. Es gilt den Nutzen abzuwägen. Autos töten Zehntausende pro Jahr, und doch will sie niemand verbannen. Auch können süchtigmachende Drogen ihre Vorteile haben, z.B. Kaffee. Das sollte man beachten, wenn man vom Bann der Sozialen Medien spricht.

Aber man muss aufpassen mit der Sucht. Wer nicht raucht, weiß nicht, wie schwer es ist aufzuhören. Wer das Suchtpotential des Internets nicht kennt, kann sich unversehens in Abhängigkeiten verstricken. Aber ob es so weit geht wie bei Zigaretten und Heroin? Wären die Leute bereit, jeden Preis für eine Internet-Session zu zahlen? Zur Aufklärung braucht es mehr Forschung, z.B. um die Sozialen Medien endgültig auf dem Level von Tabak einzustufen und nicht auf dem von Heroin. Immerhin geht es um erhebliche Teile der gesellschaftlichen Ressourcen, die in drogenähnlichen Kanälen vergeudet werden – und das ist wirklich beunruhigend. Ob der moderne Kapitalismus damit wirklich was besseres erfunden hat als die alte Religion?

Soziale Medien generieren nicht nur negative Produktivität (7.), sie fügen einer ganzen Generation psychische Schäden zu. Wenn die 15-Jährigen ihre Zeit mit Instagram-Fotos verballern, schaffen sie sich nur Depressionen an, weil sie nie die beste Trophäe vorzeigen können (die dünnsten Beine, den komischsten Mund, was eben gerade angesagt ist).

In der US-Kultur zählt das Geld noch mehr als die Depris, und auch da lesiten die Sozialen Medien ihren Teil. Eine Fake-Nachricht auf Twitter brachte 2013 einen kurzfristigen Absturz vom Dow-Jones-Index von 14.700 runter auf 14.550, entsprechend 90 Mrd. $ Verlust (8.). Dazu wäre allerdings anzumerken, dass die heutigen Twitter-Meldungen keine Fakes sind, wenn sie vom US-Präsi kommen …

Trotzdem sieht der Artikel (3.) das Schicksal der Demokratie von spam,  clickbait und fake news abhängen (clickbait sind Köder, auf die man klicken soll). Dort warnt man auch vor noch mehr Gefahren, vor einem Rückschlag (blowback, 9.). Wir würden in einer neofeudalen Gesellschaft enden, wo die Privilegierten (Protected Few) auf Kosten der machtlosen Ausgebeuteten leben. Deshalb sollten die Besitzenden nicht nur auf die Gewinne (blow-out earnings) von Facebook und Amazon achten, sondern auf den Rückschlag gegen die technischen Supermächte (Facebook, Amazon, Google=Alphabet).

Diese Technik hat nicht den gleichen Jobmultiplikator wie früher die Autoindustrie. Da gab's Tankstellen, Reifenhändler, Reparaturwerkstätten, Smoginspektoren, Farbdesigner. Bei den Sozialen Medien gibt's die Werbetreibenden, die ihren junk über diese Plattformen vertreiben können. Ansonsten tun sich die technischen Supermächte bloß dadurch hervor, dass sie bei der Künstlichen Intelligenz ganz vorn mitmischen. Das finanzieren sie mit ihren Werbe-Erlösen im Hinblick darauf, dass sie später ganz vorn dabei sind, wenn die KI den Menschen ersetzt.

Das hat auf zweierlei Weise was mit Marx zu tun:

  • einmal das Suchtverhalten mit der Parallele Religion ist Opium fürs Volk / Soziale Medien sind Opium fürs Volk,
  • und das Ausbeutungsverhalten, bei dem die technischen Supermächte (Facebook, Amazon, Alphabet) Grundbausteine der kapitalistischen Wirtschaft sind.

Man muss das auf marxistisch sagen, nicht nur in den USA grassiert die Ausbeutung. In Deutschland tut sie es auch. Die Löhne werden gedrückt, die Arbeitsbedingungen prekarisiert, die Lasten auf Arbeitnehmer und Sozialkassen abgewälzt. Jobs im sozialen Bereich, im Servicebereich, im Bereich von Sub- und Unterfirmen werden standardmäßig unterbezahlt. Um so mehr unverdienter Reichtum entsteht, bei Leuten, die beliebig viel Schaden anrichten, solange sie nur davon profitieren.

Karl Marx formulierte die Losung: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Es läuft genau andersrum, als ob es hieße: Ausbeuter aller Länder, vereinigt euch!

 

Medien-Links:

  1. Religion als Opium des Volkes (Karl Marx 1844, Religionskritik der Aufklärung): Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.
  2. Social Media Looks Like the New Opiate of the Masses (Bloomberg 4.4.): Researchers have found some troubling parallels with addictive drugs.
  3. Social Media, Not Religion, Is The Opium Of The People (Global Macro Monitor 5.5.): Social media is becoming the new whipping boy and poster child for all that ills our culture and contributing to its decline.
  4. Online Social Networking and Addiction—A Review of the Psychological Literature (PMC, Daria J. Kuss and Mark D. Griffiths 29.8.11): Negative correlates of [social media] usage include the decrease in real life social community participation and academic achievement, as well as relationship problems, each of which may be indicative of potential addiction.
  5. The Predictive Level of Social Media Addiction for Life Satisfaction: A Study on
    University Students
    (TOJET: The Turkish Online Journal of Educational Technology, Cengiz ŞAHIN, 10/17): Social media addiction is considered as a sort of Internet addiction. Individuals who spend too much time on social media have a desire to be notified of anything immediately, which can cause virtual tolerance, virtual communication and virtual problems.
  6. Surviving a Day Without Smartphones (MITSloan Management Review 29.11.17): For young adults accustomed to continually checking their cellphones, even a single day without access to them can be anxiety-producing. What are the implications for executives about managing this constantly connected generation?  … 15% of Americans between ages 18 and 29 were “heavily dependent” on their smartphones for online access.
  7. Why Google Is A Short (Global Macro Monitor 24.4.): Many of our largest companies are in the social media space, such as Google and Facebook. What exactly do they produce? … They have strange business models as they are not directly compensated for their product, but indirectly are paid for the content or platform they provide for advertisers and mind benders. Then there is selling your, what you thought was private, data to the highest bidder.
  8. 'Bogus' AP tweet about explosion at the White House wipes billions off US markets (The Telegraph 23.4.13): The FBI and SEC are to launch investigations after more than £90bn was temporarily wiped off the US stock market when hackers broke into the Twitter account of the Associated Press and announced that two bombs had exploded at the White House, injuring Barack Obama.
  9. The Blowback Against Facebook, Google and Amazon Is Just Beginning (of two minds.com 26.4.): This is how we end up with a neofeudal society that benefits the Protected Few at the expense of the powerless, exploited Many. Blow-out earnings from Facebook and Amazon have cheered Wall Street, but institutional owners might want to focus not just on blow-out earnings but rising blowback against the tech superpowers (Facebook, Google and Amazon).
  10. Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung (Karl Marx 1843) (Nochmal das Opium)
  11. Manifest der Kommunistischen Partei (Karl Marx / Friedrich Engels 1848 mit Vorwort von atheisten-info.at)

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