Philosophie: Panpsychismus als Bewusstseinstheorie

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Der emergentistische Materialismus durfte hier breiten Raum einnehmen (wb-Links Bunge), und jetzt kommt eine Sichtweise dran, für die der Altmeister  Mario Bunge wohl nur Spott übrig hätte:

Der Panpsychismus möchte allen existenten Objekten geistige Eigenschaften zuschreiben. Das Sandkorn denkt, der Wassertropfen hat Geist, die Welle hat Bewusstsein (Bild: sciencefreak, pixabay).

Modern ausgedrückt heißt das Integrated Information Theory IIT. Diese Theorie versucht zu erklären, was das Bewusstsein ist und warum es mit bestimmten physikalischen Systemen assoziiert sein könnte. Nach dem IIT-Erfinder Giulio Tononi bePhi-iit-symbol.svgzeichnet der Phi-Wert Φ in der Kybernetik die Bewusstheit bzw. das Bewusstsein eines Systems (Bild: Wmayner, Wikimedia Commons).

Damit befasst sich ein Conversation-Artikel von (EPSRC Research Fellow in Complexity Science, University of Sussex, 1. Link unten, Why we need to figure out a theory of consciousness). Demnach wird eine neue Theorie des Bewusstseins gebraucht, und das könnte IIT sein. Die Bewusstseinsfrage wird von einigen als letzte Grenze der Wissenschaft (2.) angesehen. In der letzten Dekade haben die Bewusstseins-Wissenschaftler interessante Information über den Unterschied zwischen bewusster und unbewusster Hirnaktivität herausgefunden. Strittig ist nur, ob es eine valide Theorie gibt, die erklärt, was das Spezielle an der Hirnmaterie ist.

Bei einigen eminenten Neurowissenschaftlern gewinnt die IIT zunehmende Beachtung (3.) und Unterstützung (4.). Ihr Wesen ist, dass absolut jedem physikalischen Objekt ein wie gering auch immer ausfallender Level von Bewusstsein anhaftet. Einige behaupten (5.) sogar, sie hätten eine mathematische Formel zur Messung des Bewusstseins von allem, iPhones eingeschlossen.

Die Behauptungen sind widersprüchlich und unterminieren den möglichen Fortschritt, der von diesen Ideen kommen könnte. Um das zu belegen, widmet der Autor der IIT einige Erklärungen. Sie beginnt mit zwei grundlegenden Beobachtungen über die Natur und unsere bewussten Erfahrungen als Menschen:

  1. Alles, was wir erfahren, ist nur eine Auswahl der immensen Möglichkeiten.
  2. Alle Bestandteile unserer Wahrnehmungen (Farbe, Textur, Vordergrund, Hintergrund) werden simultan erfahren.

Aufbauend auf diesen Beobachtungen besagt die Theorie, dass die mit dem Bewusstsein assoziierte Hirnaktivität sich ständig ändern muss; sie muss aus vielen verschiedenen Mustern bestehen und eine Menge Kommunikation zwischen den Hirnarealen beinhalten.

Das wäre ein solider Ausgangspunkt. Bis zu einem gewissen Maß ist er sogar testbar. Z.B. mit einer Magnetspule auf dem Schädel, die sehr kurze magnetische Impulse emittiert und dem Hirn Reaktionen entringt (6.transkranielle Magnetstimulation). Die Reaktionen werden mittels Elektroden überall auf dem Kopf aufgezeichnet. Im Wachzustand der Testperson breitet sich die Reaktion auf die magnetische Stimulation in komplexen Mustern aus.

Wenn sich die Testpersonen im Tiefschlaf befinden oder betäubt sind, breitet sich die Reaktion nicht weit aus, und die Riffelmuster sind einfacher. Diese Beobachtung stützt die Theorie angeblich. Sie zeigt, dass jede Hirnregion im wachen Zustand etwas anderes tut und alles miteinander kommuniziert.

Soweit, so gut, doch weitergehende Erkenntnisse wären schön. Deshalb die Suche nach einer Formel, die einen präzisen Level des Bewusstseins aus den Daten errechnet – und genau an diesem Punkt beginnen sich die Gelehrten zu streiten.

Die IIT behauptet, dass die endgültige Formel irgendwie die Information quantifiziert, die in irgendwas steckt. In dem Zusammenhang soll Information bedeuten, wieviel man durch Analyse der Gegenwart über Vergangenheit und Zukunft des betrachteten Objekts herausfinden kann.

Die Messgrundlage können Spannungen von Neuronenbündeln sein, und auf Basis der Spannungsmessungen sollen die vorherigen und die folgenden Messwerte gefolgert werden. Wenn man gute Ergebnisse von allen Neuronen und schlechte ein einigen wenigen feststellt, ist man dem Ziel nah.

Die Probleme auf dem Weg dahin sind zahlreich, theoretisch (7.) und praktisch. Die bisher gefundenen Formeln funktionieren nicht (8.). Das führt einige Leute dazu, dass sie das mathematische Abenteuer lieber auf Eis legen möchten (9.). Immerhin geht es bei der experimetiellen Erforschung des Bewusstseins voran, also warum sich nicht darauf konzentrieren? Aber Faktensammeln reicht nicht, so Barrett, man braucht auch eine Theorie, um die Fakten zu verstehen. Und die IIT verspricht Erfolg in der Hinsicht.

Kann denn die panpsychistische Position ernstgenommen werden? Die Ansicht, dass alles bewusst ist? Man sollte sorgfältig damit umgehen, was man das ausdrückt – die Rede von der bewussten Welle ist nicht hilfreich (10.).

Gäbe es eine Menge widerstreitende plausible mathematische Beschreibungen des Bewusstseins, und keine wäre testbar, dann läge kein Nutzen darin, noch eine von der Sorte zu erfinden. Doch bis jetzt gibt es null davon, da ist die Lage anders.

Barrett zieht den Vergleich mit Einsteins Relativitätstheorie, die war auch sehr überzeugend, noch ehe sie getestet wurde (Anmerkung wb: die etablierte Physik fand sie gar nicht überzeugend). Die IIT ist noch nicht überzeugend für den informierten Mathematiker, aber sie ist die vielversprechendste Grundlage (11.), auf der man die Wurzeln des Bewusstseins angehen kann. Und Fortschritt an dieser letzten Grenze ist schon ein wenig mehr bewusste Anstrengung wert.

Soweit der Artikel. Offen bleibt dabei, wie das gehen soll, dass das Bewusstsein beim Schlaf abgeschaltet ist. Ist dann die Materie nicht mehr bewusst? Für eine kritische Sicht sei die Lektüre der u.a. Texte empfohlen, die aus dem Artikel gesammelt wurden. Der Löffel-Artikel (10.) widerspricht der Ansicht aus diesem Artikel (1.) sogar.

 

Medien-Links:

  1. Why we need to figure out a theory of consciousness (The Conversation 11.5.): Understanding the biology behind consciousness (or self-awareness) is considered by some to be the final frontier of science. And over the last decade, a fledgling community of “consciousness scientists” have gathered some interesting information about the differences between conscious and unconscious brain activity.
  2. Consciousness: The Final Frontier (Psycology Today 4/16): Why does being a brain feel like something instead of nothing? (Über Qualia und Solipsismus und IIT.)
  3. A Theory of Consciousness Can Help Build a Theory of Everything – Neuroscience is weighing in on physics’ biggest questions (Nautilus 4.5.17): Physicists, in other words, face the same hard problem of consciousness as neuroscientists do: the problem of bridging objective description and subjective experience. To relate fundamental theory to what we actually observe in the world, they must explain what it means “to observe”—to become conscious of.
  4. ROCK CONSCIOUSNESS -The idea that everything from spoons to stones is conscious is gaining academic credibility (Quartz 27.1.): Consciousness permeates reality. Rather than being just a unique feature of human subjective experience, it’s the foundation of the universe, present in every particle and all physical matter. Der Artikel nennt das "easily-dismissible bunkum", aber weil die traditionellen Erklärungsversuche scheitern, hat diese panpsychische Sicht immer mehr Fürsprecher.
  5. Can We Quantify Machine Consciousness? ( 25.5.17): Artificial intelligence might endow some computers with self-awareness. Here’s how we’d know. (Über Deep machine learning, Spracherkennung usw. und die persönlichen Assistenten Alexa (Amazon), Siri (Apple), Now (Google) und Cortana. (Microsoft).)
  6. Consciousness – A Theoretically Based Index of Consciousness Independent of Sensory Processing and Behavior (Science 14.8.13): We introduce and test a theory-driven index of the level of consciousness called the perturbational complexity index (PCI).
  7. A comment on Tononi & Koch (2015) ‘Consciousness: here, there and everywhere?’ (The Royal Society 4.1.16): It is a beautiful idea that consciousness could in some sense be identified with intrinsic integrated information, and it is fascinating to contemplate a theory of consciousness that has the potential to explain the relationship between physical structure and conscious phenomenology. However, strong assertions that existing ‘Φ’ measures have even come close to successfully capturing intrinsic integrated information overstate how well-developed integrated information theory (IIT) is.
  8. From the Phenomenology to the Mechanisms of Consciousness: Integrated Information Theory 3.0 (Plos Computational Biology 8.5.14): The postulates are used to define intrinsic information as “differences that make a difference” within a system, and integrated information as information specified by a whole that cannot be reduced to that specified by its parts.
  9. how to make IIT (& other theories of consciousness) more respectable (In Conciousness We Trust 10.8.17): Although I’m not exactly a fan of the theory, I find the basic ideas of IIT intriguing and intuitively interesting.
  10. Conscious spoons, really? Pushing back against panpsychism (Neurobanter.com 1.2.): If you come to the primary academic meeting on consciousness science … you’ll find a wealth of work like this and very little – almost nothing – on panpsychism. You’ll find debates on the best way to test whether prefrontal cortex is involved in visual metacognition – but you won’t find any experiments on whether stones are aware.
  11. An integration of integrated information theory with fundamental physics (frontiers in Psychology 4.2.14): Here I hypothesize that consciousness arises from information intrinsic to fundamental fields. This hypothesis unites fundamental physics with what we know empirically about the neuroscience underlying consciousness, and it bypasses the need to consider quantum effects.
  12. Why is Conciousness so Baffling (Guilio Toroni)

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