Rezension „Endlich frei von Göttelei“

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GötteleiDer Rezensent zeigt sich überrascht. Sowohl vom Umfang des Buches (über 300 recht dicht bedruckte Seiten) als auch von seiner Konzeption. Helmut Monreal legt hier eine Art Kompendium der Widersprüche, Unsinnigkeiten und Zumutungen vor, die das institutionalisierte Christentum in historischer, geistesgeschichtlicher, dogmatischer und alltäglicher Hinsicht von der gottesfürchtigen Herde einfordert. All dies stellt ersichtlich eine Reflexion und Aufarbeitung vieler Dinge dar, die den Autoren lebenslang beschäftigt haben.

Es sei gleich vorweg verraten: Es handelt sich um eine sehr persönliche Bestandsaufnahme des im Klima des rheinischen Katholizismus aufgewachsenen Autors, ohne Zweifel um eine Aufarbeitung persönlicher Kenntnisse, Erfahrungen und Prägungen. Helmut Monreal nimmt seine Sache ernst und pflügt den steinigen Acker der religiösen Begrifflichkeiten, Lehrsätze und Dogmen mit großer Ausdauer. Nahezu alles, was das religiöse Lehrgebäude für den praktischen Glauben enthält, nimmt er sich vor. Und zwar mit ebenso großer Akribie wie Ernsthaftigkeit. Ich gestehe, dass ich bisher kein religionskritisches Werk gelesen habe, das sich mit einer derartigen Intensität dem „täglichen Brot“ des religiösen Themenkreises widmet.

Nach eigenem Bekunden des Autors ist das Buch das Ergebnis des Wunsches, die aufgehäufte „Gedankenlast“, die ihn „drückte und erdrückte“ mit der Niederschrift zu mindern. Nun, man darf anhand des vorliegenden Ergebnisses mit einiger Sicherheit mutmaßen, dass dies eine große Gedankenlast war, zu deren Verarbeitung es erheblicher Mühe und Zeit bedurft hat.

Nun soll es ja Aufgabe des Rezensenten sein, dem Leser der Rezension zu vermitteln, aus welchem Grund er das besprochene Buch lesen (und erwerben) möge. Dazu sei gesagt: Der Leser wird überrascht sein von der Vielfalt der Themen und von der Art ihrer Behandlung – sie werden auf oft überraschende Weise „zu Ende gedacht“. Der Leser wird auch als erfahrener Religionskritiker Gedanken, Schlussfolgerungen und Begründungen finden, die ihm so noch nicht begegnet sind. Er wird aber auch eine Reise unternehmen, die nicht ganz anstrengungslos ist. Das Lesen des Buches ist am ehesten zu vergleichen mit einer langen Wanderung in wechselnden Landschaften mit immer anderem Gelände, mal mit weiten Ausblicken, mal in einem Auf und Ab einer Hügellandschaft. Es mag der stärker verbindende Gedanke fehlen, der eher konzeptionell-monothematisch angelegten Werken zu eigen ist (natürlich ist der verbindende Gedanke per se eine fundierte Kritik am Bestand der religiösen Ramschkiste) – aber das wird ohne Weiteres ausgeglichen durch die unglaubliche, manchmal fast kaleidoskopartige Vielfalt von Themen und Darstellung. Und an so mancher Ecke wartet eine überraschende Wendung oder ein ungewöhnlicher Gedankengang. Ein Kompendium, in gewisser Weise – das aber stets der Gefahr widersteht, ins Lexikalisch-Unlesbare abzugleiten.

Ja, man liest eine Weile an dem Buch. Es erfordert Konzentration. Es gehört aber dann auch zu denjenigen, die man immer wieder einmal in die Hand nimmt, entweder um etwas aus dem Gedächtnis nochmals nachzuschlagen oder aber auch, um ein beliebiges Kapitel oder gar eine beliebige Stelle einfach noch einmal zu lesen.

Von Gottvater selbst über die Schöpfung, über den Begriff der Seele, wie uns die Bibel ihn vermitteln und die Kirche ihn uns weiterhin aufdrängen will, über den für den Nichtgläubigen inhaltsleeren Begriff der Frohen Botschaft bis hin zur jedem mit freiem Blick als Zumutung erscheinende Opfergeschichte des Gottessohnes und noch weit mehr geht das theologische Spektrum. Helmut Monreal spart aber auch die religiöse Last der Lebensrealität nicht aus. Aktuelle Themen wie die Missbrauchsskandale der Kirchen behandelt er ebenso wie die Monstrositäten der Kirchengeschichte, wobei er in diesem Kontext seine Bewunderung für Karlheinz Deschners großes Werk nicht verhehlt.

Dieses Buch ist keine Biografie und auch kein Bekenntnisbuch im eigentlichen Sinne. Trotzdem ist es sehr persönlich und lässt erkennen, dass die Lebenserfahrung des Autors in hohem Grade in diesem Werk zusammengeflossen ist. Er hat mit „Endlich frei von Göttelei“ der aktuellen religionskritischen Literatur einen besonderen, sehr individuellen Akzent hinzugefügt. Einen Akzent, der mit durchaus persönlicher Färbung die „großen Themen“ ins Auge fasst, aber den Blick ebenso auf die unzähligen Zumutungen des religiösen Glaubens richtet, denen der Gläubige durch die Forderungen seiner Kirche – im speziellen der katholischen – ständig in allen Alltags- und Lebenssituationen ausgesetzt ist. Helmut Monreal gibt insofern eine nachvollziehbare Antwort auf die Frage vieler Verunsicherter, was sie von alledem wirklich „glauben sollen“: Nichts.

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