Zinsfreies Banking: Fata Morgana

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Hoverfly_December_2007-5Bei wissenbloggt war das Islamic Banking schon mal auf dem Vormarsch (wb-Link), und nun kommt es in Form des arabischen Mädchennamens Insha (von Inshallah, "So Gott will").

Eckhardt Kiwitt setzt sich mit diesem neuen Anlauf zu Finanzierungsaufschlag,  Beteiligungsgesellschaften und sonstigen Rechtskniffen auseinander (1.).

Zinsverbot und Täuschung von Eckhardt Kiwitt, 21.5.

Von der Schwierigkeit des Hinterfragens (Bild Täuschung: Wespenschwebfliege, Alvesgaspar Wikimedia Commons).

Täuschung – sich täuschen und getäuscht werden – ist nichts Ungewöhnliches. Sie gehört in vielen Bereichen der Natur wie des Zusammenlebens von uns Menschen zum Alltag. Manche Tiere, Pflanzen und Pilze täuschen über ihre wahre Natur bzw. ihre tatsächlichen Eigenschaften (Stichwort u.a. Mimikry), weil sich dies im Laufe der Evolution als für sie bzw. für ihre Art vorteilhaft erwiesen hat. Menschen und andere höhere Tiere täuschen bisweilen bewusst und mit Überlegung, weil sie sich davon in bestimmten Situationen einen Vorteil erhoffen

Zinsen als Gegenleistung für vorübergehend überlassenes Kapital zu verlangen – und zu bezahlen -, ist seit Jahrtausenden eine gängige geschäftliche Praxis; heute kann man es eine Win-Win-Situation nennen: Der Kapitalgeber erhält einen Zins, der Kapitalnehmer kann mit dem geliehenen Kapital wirtschaften und Gewinne erzielen, von denen er einen Teil an den Kapitalgeber abgibt.

Jemand, der z.B. von Almosen, Spenden oder sonstigen geldwerten Gaben seinen Lebensunterhalt bestreitet, kann sich über diese Praxis wohlfeil ereifern und sie verurteilen; er braucht (im Extremfall) schließlich selber nicht zu wirtschaften, sondern nur die Hand aufzuhalten (womit ich Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind, nicht verurteilen möchte!). Ein Zinsverbot auszusprechen, ist in einer solch komfortablen Situation nicht schwierig.

fotothek_df_roe-neg_0000371_003_polizeiplakat_im_schaufenster_eines_lampenladens_excÜber das Zinsverbot schreibt Wikipedia u.a.:

Zinsverbot bezeichnet das im Alten Testament der Bibel und im Koran ausgesprochene Verbot, Zinsen zu verlangen. Dieses Verbot galt nach wiki über lange Zeit auch im Christentum, wurde aber später abgeschwächt bzw. ganz aufgehoben.

Ein Zinsverbot kann selbstverständlich eine gewisse Berechtigung haben, insbesondere, wenn Zinsen zu Wucherzinsen werden, oder wenn z.B. der Zinseszins die Leistungsfähigkeit des Kapitalnehmers übersteigt (Bild: Deutsche Fotothek, Leipzig, 1948, Polizeiplakat im Schaufenster eines Lampenladens, Ausschnitt gemacht vom Autor‎; Rössing, Roger & Rössing, Renate, Wikimedia Commons). Dazu merkt Wikipedia an, dass die Erfahrungen mit dem Zins nicht immer positiv ausfielen, denn sein exponentielles Wachstum, insbesondere beim Zinseszins, konnte die Schuldner ausbeuten und in den Ruin treiben.

Dann kehrt sich die oben erwähnte Win-Win-Situation ins Gegenteil. Heutzutage ist es nicht mehr verpönt, Zinsen für überlassenes Kapital zu verlangen; Banken bestreiten damit einen Teil ihrer Existenz.

In einem Beitrag der Wochenzeitung Die Zeit vom 21. Mai 2018, Eine Bank nach den Regeln des Islam (2.), schreibt Nils Wischmeyer bereits im ersten Absatz: Auf der Website aber macht bereits das fünfte Wort stutzig: zinsfrei.

… und ein paar Absätze weiter sagt er, um ohne Zinsen Gewinne zu machen, gingen die (Islamic-)Banken sogenannte "Beteiligungsgesellschaften" ein. Er nennt ein Beispiel: Wenn ein Kunde ein Haus kaufen will, erwerben die Bank und der Kunde es zusammen. Die Bank packt dann einen Finanzierungsaufschlag drauf, und der Kunde kauft Stück für Stück die Beteiligungen von der Bank zurück, bis ihm das Haus am Ende gehört.

Dass der von ihm erwähnte bzw. so bezeichnete "Finanzierungsaufschlag" nichts anderes als Zinsen ist, für die lediglich ein anderes Wort verwendet wird, schreibt er nicht.

Das Werben mit dem Begriff "zinsfrei" kann man evtl. als Täuschung bezeichnen, denn die Bank verlangt für geliehenes Geld selbstverständlich Zinsen, auch wenn sie diese anders deklariert.

Zum Begriff "Täuschung" erklärt Wikipedia:

Durch Täuschung wird eine Fehlvorstellung (Irrtum) durch nicht der Wahrheit oder Wirklichkeit entsprechende Umstände oder Sinneswahrnehmungen hervorgerufen, die zu einer falschen Auffassung eines Sachverhalts führen. Dabei ist es laut wiki gleichgültig, ob die Täuschung bewusst durch einen anderen herbeigeführt wird (jemand wird getäuscht) oder nicht (jemand täuscht sich). Im ersten Fall spricht man demnach auch von Irreführung.

… und fährt im Absatz "Täuschung im Recht" fort, die Täuschung sei im deutschen Recht ein vom Täter eingesetztes, unwertiges Mittel zur Willensbeeinflussung des Opfers. Eine Täuschungshandlung sei jedes Verhalten, das darauf abzielt, bei einem anderen eine unrichtige Vorstellung hervorzurufen, sie zu bestärken oder aufrechtzuerhalten. Die Täuschung müsse kausal beim Opfer einen Irrtum auslösen.

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Nun möchte ich der Bank, um die es hier geht und von deren Website ich einen Screenshot erstellt habe (Bild: 3.) nicht unterstellen, dass sie ihre (potenziellen) Kunden täuschen möchte. Es ist im islamischen Recht durchaus üblich, das Zinsverbot mit einigen Kniffs zu umgehen. Wikipedia schreibt im Beitrag Zinsverbot im Unterpunkt Islam u.a.:

Im Islam gibt es eine Vielzahl von Rechtskniffen (Hiyal; arabisch حيلة / hīla; pl. حيل / hiyal), um die Schari’a-Bestimmungen zu umgehen. Umgehungen dieser Art finden sich laut wiki in der islamischen Rechtspraxis häufig; sie sind eines der Mittel, die finanziellen Aktivitäten scheinbar schari’a-konform zu gestalten.

Auf der Website Finanz-Szene.de schreibt ein Autor (evtl. ein wenig ahnungslos tuend?) im Beitrag Exklusiv: Erstes Islam-Fintech unmittelbar vor Deutschland-Start u.a. (4.):

In einer späteren Entwicklungsstufe sind dann aber auch Kreditangebote geplant (womit die Sache spannend wird, weil islamisches Banking ja auf dem Prinzip der Zinslosigkeit beruht).

Vielleicht muss man auch als Bankkunde einer islamischen Bank die oben erwähnten Rechtskniffe nur kennen und über ihre Hintergründe Bescheid wissen, um sich nicht […] zu fühlen.

Eine andere Möglichkeit könnte sein, das Zinsverbot im Islam mal kritisch zu hinterfragen …

 

Eckhardt Kiwitt

 

Medien-Links:

  1. Zinsverbot und Täuschung (Das Islamprinzip 21.5.)
  2. Fintech Insha: Eine Bank nach den Regeln des Islam (Zeit Online 21.5., 260 Kommentare): Keine Zinseinnahmen, keine Investitionen in Alkohol: In Deutschland startet mit Insha bald das erste Fintech, das dem islamischen Bankwesen folgt. … So soll Insha zu einem "digitaler Lebensbegleiter" werden, …
  3. Das neue Gesicht des zinsfreien digitalen Bankings (insha): Zinsfreies Banking gewinnt eine digitale Dimension und wird nun Teil Deines Lebens. Mit Insha musst du keine Zeit mehr damit vergeuden, zur Bank gehen und anzustehen. Verwalte Dein Geld ganz nach Deinen Wünschen – und mit Deinen Werten!
  4. Exklusiv: Erstes Islam-Fintech unmittelbar vor Deutschland-Start (Finanz-Szene.de 6.5.): In einer späteren Entwicklungsstufe sind dann aber auch Kreditangebote geplant (womit die Sache spannend wird, weil islamisches Banking ja auf dem Prinzip der Zinslosigkeit beruht).

Links von wissenbloggt dazu:

 

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Eine Antwort auf Zinsfreies Banking: Fata Morgana

  1. Kleiner Hinweis:

    Der Text dieses Gastbeitrags wurde, mit meinem Einverständnis (!), gegenüber der von mir auf meiner Website veröffentlichten Version stellenweise geringfügig geändert bzw. anders formuliert, ohne jedoch den Wesensgehalt der Aussage zu verändern.

    Das ist OK so !

    Den Beitrag von Nils Wischmeyer auf ZON, der mich inspiriert hat, habe ich dort (auf der Website von Zeit-online) nicht kommentiert, auch nicht unter Pseudonym.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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