Rausch­giftiges „Bundes­lage­bild“

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figure-535237_1280Religion ist auch eine Droge, zumindest wirkt sie so (2.). Aber die Religion steht im Bundes­lage­bild Rausch­gift 2017 (1.) nicht drin, sondern nur Haschisch (60%), Amphetamin (11%), Kokain (5%), Ectasy (3%), Crystal (3%), Heroin (3%) und Sonstiges (8%, Bild: sipa, pixabay).

Weil die Rauschgiftkriminalität wieder mal zugenommen hat, gibt es Geschrei in dieser Art: Wer den neuen Rauschgiftbericht des BKA liest, muss Drogen legalisieren – oder zumindest einsehen, dass die deutsche Drogenpolitik gescheitert ist (3.).

Dem Bundeskriminalamt wird sogar in den Mund gelegt: "Wir leisten gute Arbeit, die absolut nichts bringt." Das BKA hat aber eine bessere Erklärung für die Zahlen: Rauschgiftkriminalität ist eine sogenannte "Kontrollkriminalität":

Der weit überwiegende Anteil der polizeilichen Erkenntnisse zu diesem Phänomen wird durch eigeninitiierte (Kontroll-) Maßnahmen der Strafverfolgungsbehörden gewonnen. Ohne Kontrollen bleibt sie zumeist unentdeckt, da es keine Opfer gibt, die von sich aus Strafanzeige erstatten. Dies erklärt die überdurchschnittlich hohe Aufklärungsquote (93%) im Vergleich zu anderen Kriminalitätsphänomenen (ca. 57 %).

Insofern ist keine Panikmache angebracht bei Haschisch, Heroin und Kokain, bei etablierten synthetischen Drogen und neuen psychoaktiven Stoffen. Es gibt pro Jahr um die 1.300 Drogentote (leichte Abnahme nach langem Anstieg), während die bearbeitete Zahl der Rauschgiftdelikte immer weiter ansteigt. Auch große Fahndungserfolge bringen keine Abhnahme, was der Logik der Kontrollkriminalität entspricht.

Es wurden z.B. 1,6 t Kokain aufgebracht, aber der Nachschub funktioniert trotzdem, im Straßengeschäft blieben die Preise stabil. Das Angebot wird ja auch ständig erweitert, in Afghanistan wuchs die Opiumanbaufläche 2017 um geschätzte 63% auf 328.000 Hektar an (siehe auch wb-Links).

Die Hauptmenge der verbotenen Drogen macht Haschisch oder Marihuana aus. Oft wird auch vom Cannabis geredet, also der ganzen Hanfpflanze. Nicht ganz korrekt, denn die wird auch zur Herstellung von Seilen und Öl benutzt. Zum Teil ist Haschisch auch als Medizini auf Rezept zu beziehen.

Haschischkonsum und -dealen wird damit quasi zum Rauschgiftkavaliersdelikt, wird aber trotzdem eifrigst verfolgt. Die einschlägigen (meist) Bagatelldelikte heißen beim BKA Besitz, Erwerb und Abgabe von Betäubungsmitteln, wobei die Kriminalisierung auf gerechtfertigte Kritik stößt: Warum wird nicht in Aufklärung investiert, statt aus Freizeitkiffern Kriminelle zu machen, teilweise mit Vorstrafen, bloß weil sie ein paar Joints geraucht haben (2.)?

Im Fachslang heißen die Produktionsstandorte Cannabis-Indoor-Plantagen. Von denen wurden 20% weniger aufgebracht, auch wenn die Zahl genauso weiter steigt wie die Gesamtzahl der Pflanzen. Mit  hohem Aufwand versucht die Polizei, "die illegale Cannabisszene auszuräuchern" – nun ja, in Afghanistans Mohnfeldern kann sie ja nicht tätig werden.

Dabei wird das meiste "Gras" importiert. Marokko und Albanien liefern den größten Teil von dem in Deutschland sichergestellten Marihuana. Wie Afghanistan beim Mohn feiert Albanien beim Hanf Rekordernten, und das, obwohl Albanien was dagegen tut (Afghanistan nicht, da sorgt die Nato für die Mohnernte).

In BKA-Kreisen zählen die Einnahmen aus der Drogenproduktion als Grundlage für viele weitere kriminelle Bereiche. Drogenhandel ist ein lukratives, internationales Geschäft – auch für die Organisierte Kriminalität. Daraus leitet sich die Forderung ab, dass man etwas ändern müsste, z.B. die Prohibition beenden (wb-Link).

Der Kampf gegen die Drogen scheint aussichtslos zu sein. Wo die Drogen ausgeräumt werden, kommen neue Lieferanten mit neuen Schleichwegen und neue Produzenten mit neuen Produkten nach. Die Drogenkriminalität hier zu bekämpfen, ist deshalb weitgehend wirkungslos. In den Herkunftsländern kann man auch nur wenig erreichen. Der war on drugs wird nicht nur in den USA verloren (wb-Links) – das rauschgiftige Bundeslagenbild gilt wahrscheinlich für die ganze Welt.

 

Medien-Links:

  1. Rauschgiftkriminalität Bundeslagebild 2017 (Bundeskriminalamt, Auszüge):
    Die Anzahl der in der PKS für das Jahr 2017 erfassten Rauschgiftdelikte beträgt 330.5801. Dies entspricht einem Anstieg von 9,2 % gegenüber dem Vorjahr. Der Anstieg erstreckte sich deutlich sowohl auf die konsumnahen Delikte2 (255.344; +10,1 %) als auch auf die Handelsdelikte3 (54.605; +5,5 %) und die sonstigen Verstöße4 (20.136; +6,4 %). Die Aufklärungsquote bei den Rauschgiftdelikten betrug 92,6 % und lag damit etwa auf dem Niveau der Vorjahre. … Der Anteil der Rauschgiftdelikte an der Gesamtkriminalität entsprach ca. 6 %.
    Im Jahr 2017 wurden in Deutschland 1.272 drogenbedingte Todesfälle polizeilich registriert. Dies entspricht einem Rückgang von etwa 5 % gegenüber dem Vorjahr (1.333) und stellt erstmals seit vier Jahren einen Rückgang der Todesfälle durch Drogenkonsum dar.Der Drogenhandel ist überwiegend international organisiert. Das Internet hat sich mittlerweile als ein weiterer gängiger Vertriebsweg etabliert. Handelsplattformen im Darknet werden von Straftätern zum Anbieten inkriminierter Waren in unterschiedlichen Deliktsbereichen, vorwiegend jedoch von Betäubungsmitteln, genutzt. Dieses belegen nationale wie internationale Ermittlungen gegen Plattformbetreiber und Verkäufer. Darüber hinaus existiert weiterhin eine Vielzahl von Onlineshops, auf denen NPS angeboten werden. Die gestiegenen Fallzahlen zum Rauschgifthandel im Internet sowie beim Postversand dürften das tatsächliche Ausmaß jedoch nicht annähernd widerspiegeln. Konsumenten empfinden in der vermeintlichen Anonymität des Internets mehr Sicherheit vor Strafverfolgung, da beim Betäubungsmittel-Erwerb kein persönlicher Kontakt zu Straßenhändlern aufgenommen werden muss.
    Rauschgifthandel ist ein fester Bestandteil und eine der wichtigsten Einnahmequellen international Organisierter Kriminalität (OK). Die Bekämpfung des international organisierten Rauschgift-handels ist daher eine wesentliche Aufgabe der deutschen und europäischen Strafverfolgungs-behörden.
    Bereits im siebten Jahr in Folge ist die Anzahl der in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Rauschgiftdelikte angestiegen. Auch zahlreiche große Einzelsicherstellungen lassen darauf schließen, dass die Verfügbarkeit von und die Nachfrage nach illegalen Drogen ungebrochen hoch sind. Gestützt wird diese Annahme durch die erhebliche Zunahme der Anbauflächen für Kokain in Kolumbien, für Heroin in Afghanistan und für Marihuana in Albanien sowie durch die wachsenden Produktionskapazitäten illegaler Labore zur Herstellung Synthetischer Drogen, insbesondere in den Niederlanden.

  2. Religion wirkt wie Drogen (science ORF.at 29.11.16): Religion ist „Opium des Volkes“, notierte einst Karl Marx. US-Neurowissenschaftler geben ihm nun recht: Spirituelle Erfahrungen wirken sich ihnen zufolge im Gehirn nämlich ähnlich aus wie Liebe, Drogen und Glücksspiel.

  3. Wer den neune Rauschgiftbericht des BKA liest, muss Drogen legalisieren (vice 23.5.): Wer den neuen Rauschgiftbericht des BKA liest, muss Drogen legalisieren – oder zumindest einsehen, dass die deutsche Drogenpolitik gescheitert ist. Dem BKA in den Mund gelegt: "Wir leisten gute Arbeit, die absolut nichts bringt."

  4. Aus dem Schatten heraus (NachDenkSeiten 3.5.16): Dass westliche Geheimdienste mit dem globalen Drogenhandel vernetzt sind, wird heutzutage teils immer noch als Verschwörungstheorie abgestempelt. In seinem aktualisierten Werk „Die CIA und das Heroin – Weltpolitik durch Drogenhandel“ beschreibt der US-amerikanische Historiker Alfred W. McCoy in investigativer Manier, wie real die Verschwörung ist – und wie sie zahlreiche Länder seit Jahrzehnten auffrisst.

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Eine Antwort auf Rausch­giftiges „Bundes­lage­bild“

  1. Im Jahr 1990, als DJT noch nicht von der Macht des Präsidentenamtes berauscht war, hat er lt. einem Bericht des Sarasota Herald Tribune vom 14. April 1990 gesagt:

    “We’re losing badly the war on drugs.
    You have to legalize drugs to win that war.
    You have to take the profit away from these drug czars.”

    Trump: „Wir verlieren den Krieg gegen Drogen.
    Man muss Drogen legalisieren, um diesen Krieg zu gewinnen.
    Man muss den Drogenbaronen den Profit nehmen.“

    Auch wenn ich wahrlich kein Trump-Fan bin, und auch nicht die Absicht habe, illegale Drogen zu konsumieren, aber damit hatte er m.E. recht — denn die exorbitanten Gewinne im Drogenhandel sind nur möglich, weil das Zeugs als illegal eingestuft ist.

    Würde man die derzeit illegalen Drogen legalisieren und z.B. unter staatlicher Kontrolle in dafür geeigneten Geschäften (Apotheken ?) zum Verkauf anbieten, wäre erstens die Beschaffungskriminalität vermutlich zu Ende, und zweitens wäre den jetzigen kriminellen Drogendealern das "Geschäft" vermiest.

    Dass dies nicht geschieht, lässt Raum für wilde Vermutungen — mindestens.

    Beim Umgang manch anderen Drogen (Tabak, Alkohol) ist "der Staat" schließlich auch großzügig und verdient gut daran.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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