Daten besteuern?

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matrix-2975868_1280tweetyspicsEs tut sich was an der Datenfront (zumindest wird drüber geredet). Bislang fiel die deutsche Datenpolitik vor allem durch Verhindern auf, genannt Datenschutz. Das rief fortschrittliche Techniker auf den Plan, die z.B. Datenhygiene statt Datenschutz forderten (wb-Link, Bild: tweetyspics, pixabay; symbolische €-Zeichen von wb).

Unter die Fortschrittlichen hat sich jetzt Bundeskanzlerin Merkel eingereiht: "Die Bepreisung von Daten, besonders die der Konsumenten, ist aus meiner Sicht das zentrale Gerechtigkeitsproblem der Zukunft." Das wird in einem Zeit-Artikel diskutiert (1.).

Seit die Datenfluten in finanzielle Fluten umgemünzt werden, gibt es Bestrebungen, etwas für die Nutzer abzuzwacken. Denn: Wenn ein Service umsonst ist, ist man nicht dessen Kunde, sondern man ist das Produkt (2.). Die Zahlungen sind also falsch etikettiert, um davon abzulenken, dass eigentlich diejenigen kassieren müssten, welche die Daten schaffen (3.).

Von Edward Snowden stammt ein sarkastischer Spruch dazu (4.): Das Geschäft von Sammeln und Verkaufen privater Daten hieß früher "Überwachungsfirma". Die Umbenennung in "Soziale Medien" war die erfolgreichste Verschleierung seit das US-"Kriegsministerium" zum "Verteidigungsministerium" wurde.

Man könnte sogar noch weiter gehen und den Standpunkt vertreten, Aufmerksamkeit ist ein knappes, wertvolles Gut, und wer der Werbung ausgesetzt ist, sollte auch dafür bezahlt werden.

Aber wie soll der Zahlungsbetrag ermittelt werden? Die heraufgeladenen Datenmengen des einzelnen Users sind so gering, dass so etwas wie Micropayment nicht in Frage kommt. Nur für den umgekehrten Fall wäre es sinnvoll, die Flatrate durch Micropayment zu ersetzen, also für das Runterladen von Daten. Denn dann zahlt derjenige User mehr, der mehr Daten herunterlädt. Das wäre ein gutes Mittel gegen Spam, denn jede Mail kostet dann 1 Cent, und vorbei wäre der Spuk der milliardenfachen Mailverseuchung.

Damit kann man zugleich die kostenlosen Dienste beenden, indem man eine Art Datensteuer zahlt, also nicht nur für TV und Telefon, sondern auch für Facebook, Google & Co. Wenn sich diese Firmen durch Gebühren finanzieren, müssten sie keine Werbekonzerne mehr sein. Das hört sich nicht gerade attraktiv an:

  • kein Geld für den User für dessen Daten,
  • dafür Geld der User für die Anbieter.

In Wirklichkeit liegt der Fall aber anders, denn am Ende zahlt der User sowieso alles. Wenn er keine direkten Gebühren zahlt, zahlt er hintenrum für die beworbenen Artikel um so mehr. Und:

  • das Geld für die Daten landet wahrscheinlich eh beim Staat und nicht beim User,
  • die Anbieter sind ja nicht bloß Werbekonzerne, sondern die weltweit größten Datendienstleister auf dem Gebiet personalisierter Informationen – mehr noch, sie sind Publizisten und verschleierte Meinungsmacher.

Deshalb spricht einiges für die Alternative Micropayment statt Flatrate und Gebühren vom User statt "kostenlosem" Service. Die gesammelten Daten müssten dann nicht mehr besteuert werden, weil die Serviceanbieter sie gar nicht mehr verkaufen dürften. Der Datenmoloch wäre dann automatisch auf überschaubares Maß zurechtgestutzt.

Trotzdem ist die Initiative zum Besteuern der Daten nicht falsch. Man muss sich ja Gedanken machen, wie die künftige Robotersteuer ausfallen soll, bzw. die Sozialabgaben für Computer und Automaten – wenn die nicht kommen, gibt es garantiert Randale. Deshalb kann die Datensteuer ein guter Einstieg in Richtung soziale Marktwirtschaft 2.0 sein.

Dazu vielleicht noch eine Nervsteuer, die das knappe Gut Aufmerksamkeit schützt. Der Nervgrad wird KI-mäßig erhoben, für Werbesprüche, Polit-Talk, Reportergelaber. Eine Gebührenuhr läuft mit, die zeigt, wieviel das Generve kostet. Eine wunderbare Vorstellung für eine erholsame Zukunft.

Aber wer bekommt das Geld von den Nervern und den Datenkraken? Das bleibt bestimmt in den Staatskassen hängen. Abschließend zwei Argumente aus den Zeit-Foren (1.):

  • Demnach wird die Welt nicht gerechter, wenn der Staat die abgesaugten Daten der Menschen besteuert. Die kriegen ja nix davon ab; der Staat will einfach bloß an diesem Geschäftsmodell mitverdienen.
  • Und es fehlt die ethische Basis, denn die meisten Menschen verhalten sich so, als ab ihre Daten überhaupt nichts wert wären – und wenn etwas keinen Wert hat, muss es auch nicht besteuert werden.

 

Medien-Links:

  1. Steuerreform: Angela Merkel fordert Besteuerung von Daten (Zeit Online 28.5., 300 Kommentare): Die Kanzlerin warnt vor einer Welt, in der Bürger kostenlos Daten liefern, mit denen andere Geld verdienen. Forscher sollten Vorschläge für eine Steuerreform ausarbeiten. Merkel-Zitat: "Die Bepreisung von Daten, besonders die der Konsumenten, ist aus meiner Sicht das zentrale Gerechtigkeitsproblem der Zukunft."
  2. Should Facebook and Google Pay Users When They Sell Data Collected from Users? (of two minds 22.3.): If you're not paying for it, you're not the customer; you're the product being sold, also phrased as if the service is free, you are the product. However the payment is labeled, the point is that the profits should be shared with those who are creating the data being sold.
  3. Net Neutrality – The End Of Google's Biggest Subsidy (Zero Hedge 16.12.17): Lost in all of the theoretical debate about how evil ISPs (Internet Service Providers) will create a have/have-not divide in Internet access, is the reality that it already exists along with massive subsidies to the biggest bandwidth pigs on the planet – Facebook, Google, Twitter, Netflix and the porn industry. … the price paid to deliver the ad, i.e. Google’s cost of goods sold (COGS), thanks to Net Neutrality, was held artificially low.  And Google, Facebook and the Porn Industry pocketed the difference. Wenn sie was an die ISPs abgegeben hätten, könnten die bessere Dienste anbieten.
  4. Edward Snowden (Twitter 17.3.): Businesses that make money by collecting and selling detailed records of private lives were once plainly described as "surveillance companies." Their rebranding as "social media" is the most successful deception since the Department of War became the Department of Defense.

Links von wissenbloggt dazu:

 

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2 Antworten auf Daten besteuern?

  1. Wilfried Müller sagt:

    Danke, ein interessanter Link, aber der Lobo weiß leider auch nicht recht, wovon er redet: Die "Bepreisung von Daten" ist deshalb unmittelbar der Ausdruck eines Nichtverständnis der Digitalwirtschaft. Es handelt sich um magisches Datendenken von Offlinern. Wäre anders wenn er dies gelesen hätte: Rezension „Weapons of Math Destruction“ von Cathy O’Neil

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