Forscher entdecken „christliches Westeuropa“

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Da staunen Laien und Geistliche gleichermaßen … Weil sich wissenbloggt der Verlogenheitsbewältigung verschrieben hat, kann es die Umtriebe von den religiösen Zahlenjongleuren genausowenig ignorieren wie die von den Euro- und Staats-Zahlenlieferandos (Bild: geralt, pixabay).

So ein religiöser Zahlenlieferando ist z.B. Pew (1.). Bei atheisten-info.at wird die Leistung dieses Thinktanks so gewürdigt: Diese Einrichtung ist ein Teil der "Pew Charitable Trusts", also von Wohltätigkeitsvereinen, die von der frommen Presbyterfamilie Pew gegründet wurden, die ihr Geld mit der Mineralölfirma Sunoco verdient. Und die Forschungsergebnisse des Pew Research Center sind darum oft sehr gut religiös unterfüttert (2.).

In anderen Medien kam das Thema an als Warum Christen so häufig schlecht über Juden und Muslime denken (3.). Die Pew-Forscher sind also ganz geschickt auf der Welle des Der-Islam-gehört-nicht-zu-Deutschland gesurft – dieser Meinung waren demnach 55% von  Deutschlands praktizierenden Christen, 45% der nicht-praktizierenden Christen und 32% der Konfessionslosen. 

Das hat der Studie Aufmerksamkeit gebracht, und dabei konnte sie noch andere Inhalte mit transportieren. So nebenbei war das z.B. die Aussage, dass es große Ähnlichkeit bei den Nichtreligiösen in den USA und in Westeuropa gibt (Atheisten, Agnostiker und Areligiöse werden gern kollektiv als "nones" verunglimpft, als "Nichtse"):

  • nur 27% der US-Amerikaner glauben mit absoluter Gewissheit, 23% der Westeuropäer tun dasselbe,
  • nur 13% der US-Amerikaner sagen, Religion sei sehr wichtig in ihrem Leben, gegenüber 14% der Westeuropäer,
  • nur 20% der US-Christen sagen, dass sie täglich beten, und 18% der westeuropäischen Christen sagen dasselbe.

An den harten Zahlen von knapp 40% Religionsfreien in Deutschland und 80% bei der deutschen Jugend kommt man nicht so leicht vorbei, aber man hat natürlich Gestaltungsmöglichkeiten bei der Fragestellung. Wenn es darum geht, die Entwicklung weg von der Religion irgendwie umzudeuten, lässt sich das nicht nur durch suggestive Fragestellungen erreichen. Das geht bis dahin, dass die letzten Karteileichen aktiviert werden, die zwar nicht in die Kirche gehen, aber sich irgendwie doch noch Christen identifizieren lassen.

In dieser Beziehung liefert Pew einen illusionären Spitzenwert von 71% der Deutschen mit der Fragestellung "Was ist Ihre jetzige Religion, wenn Sie eine haben? Sind Sie Christ, Muslim, Jude, Buddhist, Hindu, Atheist, Agnostiker, etwas anderes oder nichts Spezielles?" (3. Statistik in 1.) Das hält die Werte für Religionsfreie klein, weil darunter nur Atheist & Agnostiker fallen, während etwas anderes oder nichts Spezielles zusammen mit Muslim, Jude, Buddhist, Hindu unter Sonstiges laufen kann. Korrekt wäre natürlich eine neutrale Abfrage wie: "Welcher Religion oder Nichtreligion hängen Sie an?"

Richtig (Bibel-)Gläubige sind nach der 4. Statistik 27% der Westeuropäer, und von den Kirchenbesuchern glauben 64% bibeltreu. Wer das umrechnet, kommt auf 42% Kirchenbesucher (64% von 42% sind 27%). Bei den Deutschen sind es nach der 2. Statistik 22%, zu denen Pew 49% "nicht-praktizierende Christen" dazurechnet, um auf die 71% Christen zu kommen.

Quelle Religionsfreie "Christen" Gläubige
Pew 2018 (1.) 24% 71% 27%
SMRE 2006-15 (6.) 30% 55%  
fowid 2016 (7.) 36,2% 55%  

Demnach gäbe es in Deutschland mehr Christen als Mitglieder der christlichen Kirchen – das Gegenteil dürfte realistisch sein. Da muss man schon zu solchen Kategorisierungen greifen wie dieser: "Although many non-practicing Christians say they do not believe in God 'as described in the Bible,' they do tend to believe in some other higher power or spiritual force" (1.). Also als "nicht-praktizierende Christen" werden auch die gezählt, die gar nicht an Gott glauben, sondern an irgendeine höhere Macht oder spirituelle Kraft.

Was dadran christlich sein soll, verschweigt die Studie. Bei den Zahlenlieferandos sind aber nicht nur suggestive Fragestellungen beliebt, sondern auch spezielle Aufteilungsmethoden, mit denen große Zahlen in viele kleine zerlegt werden (Arbeitslose, Migranten). Den Religiösen geht es ums Gegenteil: Wenig Substanz nach viel aussehen zu lassen, etwa alle, die an irgendein höheres Wesen glauben, als Christen zu vereinnahmen. So kommt dann ein Europabild heraus, das von Gläubigen strotzt (3. Statistik in 1.) – aber wenn die anderen Zahlen dieselbe Qualität haben wie die deutschen 71%, dann müsste das gerechterweise unter Fake laufen.

 

Medien-Links:

  1. Being Christian in Western Europe (Pew Research Center 29.5.): The majority of Europe’s Christians are non-practicing, but they differ from religiously unaffiliated people in their views on God, attitudes toward Muslims and immigrants, and opinions about religion’s role in society.
  2. Das Pew Research Center hat wieder einmal geforscht… (atheisten-info.at 30.5.): … die aktuelle am 29.5.2018 veröffentlichte Studie "Being Christian in Western Europe" zeigt nicht unbedingt hohe prochristliche Ergebnisse, denn wie die FAZ dazu meldete, stellt Studie "Christ sein in Westeuropa" einen Zusammenhang zwischen der "christlichen Identität in Westeuropa" und negativen Gefühlen gegenüber Einwanderern und religiösen Minderheiten fest. Was außerdem festgestellt wurde, war der hohe Anteil praktizierender Christen in Europa:
    Österreich hat demnach 28 % praktizierende Christen. Laut kircheneigenen Zählungen gehen in Österreich ca. elf Prozent der Katholiken sonntags zur Messe. Und gelegentlich geht sogar ein rabiater Atheist wie meinereiner in die Kirche: wenn es bei Begräbnissen nicht anders möglich ist. Und die Zahl der Konfessionslosen liegt in Österreich bei über zwei Millionen, das sind nicht 16, sondern um die 25 %!
    Auch in der BRD sind die 22 % praktizierender Christen schwer zu ermitteln, denn es gehen ungefähr gleich viele Katholiken sonntags zur Kirche wie in Österreich (11 %), bei den Protestanten sind es 3,5 %. Dass im Schnitt in Westeuropa 18 % der Christen praktizierende Christen wären, darf daher bezweifelt werden, da hat man vermutlich alle mitgerechnet, die zu Weihnachten mit der Oma in die Kirchen gehen.
  3. Europaweite Untersuchung : Warum Christen so häufig schlecht über Juden und Muslime denken (Frankfurter Allgemeine Zeitung 29.5.): Die religiöse Identität eines Menschen hat oftmals großen Einfluss auf dessen Haltung gegenüber Minderheiten. Das hat eine Studie des Pew Research Centers festgestellt.
  4. Western Europe’s Christians Are As Religious As America’s ‘Nones’ (Christianity today 29.5.): However, Pew researchers find Christianity across 15 countries is “not just a ‘nominal’ identity devoid of practical importance.”
  5. 10 key findings about religion in Western Europe (Fact Tank – Our Lives in Numbers 29.5.): Most Christians in Western Europe today are non-practicing, but Christian identity still remains a meaningful religious, social and cultural marker, according to a new Pew Research Center survey of 15 countries in Western Europe.
  6. Swiss Metadatabase of Religious Affiliation in Europe (SMRE) (fowid 7.3.): Die Universität Luzern hat eine Metadatenbank freigeschaltet, in der für alle Länder Europas plus weiterer Länder die Religionsdaten aus Umfragen seit 1996 erfasst worden sind. Da in mehreren Staaten Europas (z. B. Frankreich, Österreich) die formalen Religionszugehörigkeiten nicht mehr in den Volkszählungen staatlich erfasst werden, sind Umfragen die einzigen Quellen für statistische Angaben.
  7. Religionszugehörigkeiten in Deutschland 2016 (fowid 4.9.17): Im Jahr 2016 … im gleichen Zeitraum ging der Anteil der katholischen Kirchenmitglieder von 28,9 auf 28,5 Prozent zurück, die der evangelischen Kirchenmitglieder von 27,1 auf 26,5 Prozent. Die größte weltanschauliche Gruppe in Deutschland, die Gruppe der Konfessionsfreien, wuchs 2016 um weitere 380.000 Personen und stellt nun 36,2 Prozent der Gesamtbevölkerung.

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