Rezension zu „Man kommt sich vor wie in der Wüste“ – Der langsame Abschied des Peter Rosegger von Christian Teissl

image_pdfimage_print

9783222135828-man-kommt-sich-vor-wie-in-der-wueste-6682

 

Unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz meldet sich zu Peter Roseggers 100. Todestag, der demnächst begangen wird. Das Buch stammt von Christian Teissl, und der Verlag zitiert schwermütige Worte zu diesem Alterswerk Peter Roseggers: »Unsere Zeit straft die Irrtümer, die wir seit Jahren gemacht haben. Unser Denken, Wissen, Wollen, Handeln, Politisieren, Kritisieren, Voraussagen, es war alles falsch …«

Christian Teissl:

Man kommt sich vor wie in der Wüste“ – Der langsame Abschied des Peter Rosegger

Es „roseggert“ im Jahr 2018! Gilt es doch, am 26. Juni des 100. Todestages und am 31. Juli des 175. Geburtstages Peter Roseggers zu gedenken. Landauf, landab im deutschen Sprachraum, besonders aber in seiner engeren Heimat Steiermark, wird mit neuen Publikationen, Ausstellungen und Veranstaltungen, wie Vorträgen, Lesungen, Symposien, Workshops, Theater- und Musikaufführungen, literarischen Führungen sowie mit Festakten das Werk und die Bedeutung des Dichters, Schriftstellers und kritischen Journalisten wieder ins Bewusstsein gerufen und in manchen Aspekten neu beleuchtet.

Der junge Grazer Autor Christian Teissl ist im Reigen der Veranstaltungen mit seinem Buch „Der langsame Abschied des Peter Rosegger“ prominent vertreten. Er skizziert anschaulich, oftmals berührend, mit viel Empathie, aber auch mit kritischen Analysen, die letzten Lebensjahre des „alten Heimgärtners“, wie Rosegger sich selbst nannte. Neben biografischen Details und zahlreichen Rückschauen sind es vor allem die Reflexionen des Dichters – besonders zum großen Krieg -, die das Buch spannend gestalten und nicht nur biografisch-literarische, sondern auch historische Erkenntnisse erweitern.

Ab etwa 1915 trat Peter Rosegger in der Öffentlichkeit kaum noch in Erscheinung; er besaß den Nimbus einer sagenhaften Figur, seine Anhänger heben ihn in den Himmel und preisen ihn gleichzeitig als Inbegriff von Erdverbundenheit (S. 17), die zum Teil auch auf der Weigerung beruht, zwischen Person und Werk zu unterscheiden. Literarische Zeitgenossen wie Richard Plattensteiner und Ottokar Kernstock wirken an Legendenbildungen mit, von der beinahe religiösen Verehrung, die Rosegger im Alter zuteil wird, lässt der Dichter sich aber nicht blenden; dem Ehrentitel des „Weisen von Krieglach“ begegnet er mit Ironie (S. 25).

In seinem publizistischen Ausgedinge, in „Heimgärtners Tagebuch“, trägt Rosegger seine Irrtümer, Vorlieben und Aversionen offen zur Schau; er hält Rückschau auf die Schauplätze seines Lebens, die nicht selten Kampfschauplätze waren. Besonders als Publizist, als Herausgeber des „Heimgarten“ scheute er keinen Konflikt und gewann damit ein Profil, das ihn im Alter mitunter auch selbst befremdet. Fragen im Zusammenhang mit dem Krieg, den er zunächst begrüßte, dessen Ende er aber bald ersehnte, trieben ihn um und hielten ihn in Atem. Einerseits schrieb er als Pazifist während der ersten Kriegswochen „Das, was wir jetzt sehen, ist nicht das natürliche Antlitz der Menschheit, es ist eine durch Fieberwahnsinn entstellte Fratze“ (S. 40), andererseits ließ er sich aber auch von der Welle der Begeisterung mitreißen und findet dabei für sich die Strategie, den Krieg als Verteidigungskrieg zu rechtfertigen – allerdings mit der Einschränkung: „Geben wir dem Krieg, was er haben muß, aber verschreiben wir ihm nicht unsere Seele“.

Freunde waren Rosegger Zeit seines Lebens wichtige Begleiter, Diskussionspartner, Unterstützer, Lobspender, aber auch Kritiker; die wöchentliche Stammtischrunde in Graz versäumte er selten, manche seiner Werke sind auch im Kontext mit Aussagen und Arbeiten von Weggefährten zu sehen. Das Buch beschreibt daher auch die wechselseitigen Beeinflussungen durch Ottokar Kernstock, Max Mell, Wilhelm Kienzl, Stefan Zweig, Rudolf Hans Bartsch, Anton Kuh bis hin zu Roseggers Schwiegersohn Bernhard Paumgartner. Nachdem Rosegger die Redaktionsleitung des „Heimgarten“ an seinen Sohn Hans Ludwig übertragen hatte, widmete er sich ab 1912 vorzugsweise seinem öffentlichen „Heimgärtners Tagebuch“, das mit Miniaturen aller Art – „absichtslos und abgeklärt“ – „Altersgaben“ in hoher literarischer Qualität bot: „Ein milder Betrachter im Spätglanz der Jahre, innen schon friedlich und abgeklärt, so sieht der alte Heimgärtner wie Lynkeus der Türmer nieder in unsere heutige wirre und wahnsinnige Welt“ (S. 69).

Rosegger war von jeher kränklich, er litt an schwerem Asthma, mit zunehmendem Alter wurde sein Atem immer kürzer. Wenn es ihm schlecht ging, behalf er sich oftmals mit Sarkasmus und Selbstironie. Während des Krieges, besonders im Steckrübenwinter 1916/17, verschlechterte sich sein Zustand deutlich; die Bande, die ihn noch am Leben erhielten, waren vornehmlich seine Familie. Er wurde zunehmend depressiv, wobei der Krieg eine große Rolle spielte. Die von ihm erbetenen Befürwortungen von Kriegsanleihen begleitete er mit Mahnworten, die das indirekte Eingeständnis enthielten, dass seine Wunschvorstellung vom Krieg als Völkererzieher ein Irrglaube war und dass die noch aufzubringenden Opfer ausschließlich seiner Beendigung dienen müssen.

Ende 1917 meinte Rosegger „Ich bin jetzt wieder ein armer Hund, der nicht atmen kann“, sein Asthma und Bronchialkatarrh verschlechterten sich dramatisch. Deutlicher denn je wendet er sich gegen den Krieg und erteilt der Kriegpropaganda, der er selbst seinen Tribut gezollt hatte, eine deutliche Absage (S. 120). Sein in früheren Jahren oftmals bekundeter Optimismus im Hinblick auf „Güte, Zuversicht und Tapferkeit der Menschheit“ und sein Credo „im Suchen und heißen Streit/steht immer der Herr an ihrer Seit“ wich düsterem Zweifel und Pessimismus: Bereits 1915 hatte er sich angesichts hunderttausender Gefallener und angesichts des unermesslichen Leids und Leidens die Fragen gestellt: „Wer ist der Herr, der ein so großes Interesse an der Vertilgung hat? Was will er damit? …. Oder ist ihm das nur ein ergötzliches Spiel, um sich in der unermeßlichen Ewigkeit die „Zeit“ zu vertreiben?“ (S. 146). Aus Roseggers Friedenssehnsucht wurde Todessehnsucht: „Der Körper zerfällt, das Bewusstsein ist vernichtet – der Friede ist da“.

Im Mai 2018 verlieh Kaiser Karl dem Schriftsteller Peter Rosegger das „Großkreuz des Franz-Josef-Ordens“. Diese Auszeichnung am Krankenbett hatte zur Folge, dass sein schlechter Gesundheitszustand publik wurde und der gesamte deutsche Sprachraum daran Anteil nahm. Verbunden mit Glückwünschen zur Verleihung des Ordens trafen zahlreiche Genesungswünsche aus aller Welt – von Schülern, Lehrern, Vereinen, Arbeitern, Politikern, Schriftstellern, Gelehrten etc. – bei ihm ein.

Man kommt sich vor wie in der Wüste“, klagt Peter Rosegger am Ende seines Lebens, den Kriegslärm im Ohr, die (beklagenswerten) Verhältnisse im Hinterland vor Augen …. Aus dieser Wüste befreit ihn am 26. Juni 1918, wenige Monate vor dem Schweigen der Waffen, der lange erwartete Tod“ (S. 146). Sein Begräbnis am 28. Juni in der von ihm gewünschten Einfachheit und die Nachrufe wurden zu einem Bekenntnis der hohen Anerkennung, wie auch der Liebe und Achtung, die er sich in weiten Bevölkerungskreisen erworben hatte.

Christian Teissl gelingt es, das Alterswerk Peter Roseggers, sein Denken und Fühlen, seine Zweifel, auch seine Verzweiflung, „hautnah erlebbar“ zu vermitteln. Unter der Vielzahl von Biografien, Abhandlungen und wissenschaftlichen Texten zu Roseggers Leben und Werk kann die vorliegende Arbeit sowohl wissenserweiternd, wie auch als literarische Lektüre gut bestehen. Zahlreiche Zitate und Original-Textausschnitte erweitern das Verständnis und obwohl manchen Ausführungen zu „Nebenschauplätzen“ (z.B. zu Ottokar Kernstock) eine Straffung gut getan hätte, ist die Absicht des Autors, den „Weisen von Krieglach“ empathisch umfassend, mit seinen Vorzügen, aber auch in seinen Widersprüchlichkeiten, zu würdigen, sehr gut gelungen.

 

Gerfried Pongratz

Christian Teissl: Man kommt sich vor wie in der Wüste“ – Der langsame Abschied des Peter Rosegger, Styria Buchverlage 2018, ISBN 978-3-222-13582-8, 160 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Buch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar