Die 25%-Mehrheit

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percent-1176971_1280Der Weg zum Bolschewismus ist nicht so weit wie gedacht. Von 25% bis zur Mehrheit ist es nur ein Klacks.

Das ist eine neue wissenschaftliche Erkenntnis, die Freude ins trübe Dasein der GroKos bringen sollte, und die der neuen sozialen Sammelbewegung einen Stimmungsumschwung verheißt (Bild: kalhh, pixabay).

Die ursprüngliche Fragestellung befasste sich mit der Beeinflussung von Gesellschaften – wieviel % der Leute muss man auf seine Seite ziehen, um den Stimmungsumschwung (tipping point) zu erreichen? 10%? 51%?

Nein, 25%. 25% ist das neue 100%.

Diese Antwort gibt ein cleveres Online-Experiment von Forschern an der University of Pennsylvania und der University of London, das in Science veröffentlicht wurde (1.). Die grundlegende Theorie geht von einer kritischen Masse aus, und als solch eine kritische Masse wird eine Minorität bezeichnet, die einen gesellschaftlichen Stimmungswandel hervorbringen kann. Der Rahmen wird noch ein bisschen überhöht durch die Rede von der "Emergenz neuer sozialer Konventionen".

Das Experiment studiert ein "künstliches System von sozialen Regeln, innerhalb dessen menschliche Subjekte interagieren, um ein neues Koordinations-Gleichgewicht zu etablieren". Was dabei rauskam, ist ein "direkter empirischer Nachweis der Existenz eines tipping points in der Dynamik veränderlicher gesellschaftlicher Konventionen". Die kritische Masse war wiederholbar imstande, das etablierte Verhalten umzukehren – und die "kritische Masse folgt der Theorie ihrer vorausgesagten Dynamik entsprechend des empirischen Systems der gesellschaftlichen Koordination".

In der praktischen Umsetzung ist das Ganze längst nicht so abgehoben. Die einfache Formulierung steht in futurism (2.): Wie viele Leute braucht man auf seiner Seite für den Stimmungsumschwung?

Hier geht es beim Vorgeplänkel um all die sozialen Umschwünge, die in den letzten 100 Jahren bei der Mehrheitsmeinung stattfanden, in bezug auf Frauen-, Schwulen-, Minderheitenrechte und was noch alles. Nur dass man nie den tipping point oder die kritische Masse dafür festlegen konnte. Wie groß musste die sein, damit aus den Randerscheinungen ein Mainstream wurde?

Die Zahl 25% lieferte nun das Online-Experiment mit 194 Teilnehmern, die in 10 Gruppen von 20-30 Leuten aufgeteilt wurden (mathematisch durchaus anspruchsvoll). Die Teilnehmer wurden zu Paaren verkuppelt und mussten dann ein Foto anschauen. Auf dem Foto war z.B. ein Gesicht abgebildet. Dem sollten die Teilnehmer einen Namen verpassen.

Wenn beide sich auf denselben Namen einigen konnten, gab es eine Belohnung. Wenn nicht, gab's eine (Geld-)Strafe. Damit war die erste Runde vorbei, und die Partner wurden neu verkuppelt, mit demselben Ziel: Einigt euch auf einen Namen.

Es dauerte nicht lange, bis sich alle 20-30 Mitglieder einer Gruppe auf denselben Namen einigten. In diesem Moment wurde das Experiment erweitert, es wurden "Verbündete" in die Gruppen eingeschleust – Leute, die den etablierten Namen zu ändern versuchten.

Sobald diese dezidierte Minderheit 25% der Gruppe erreichte, hatte sie Erfolg. Sie brachte die anderen dazu, den von ihr gewünschten Namen zu übernehmen. Oft reichte ein einziger Zugang bei der Verbündeten-Gruppe, um den Umschwung zu bewirken.

Sicher ist das Experiment recht abstrakt und berücksichtigt nicht die ganzen Einflussgrößen der Realität, Zeit, Engegement, sonstwas. Trotzdem haben die 25% Bestand – und das kann man positiv oder negativ sehen.

Soziale Aktivisten mögen die positive Sicht bevorzugen, denn sie brauchen nicht die ganze Bevölkerung von ihren Vorstellungen zu überzeugen. 25% reichen, und oft bringt eine einzige Person den Umschwung.

Aber es ist auch ein bisschen furchterregend. Wie die Forscher schreiben, könnten Regierungen oder andere Organisationen ihre eigenen "Verbündeten" ins Spiel bringen, also z.B. in Online-Gruppen einschleusen. Wenn sie da die 25%-Grenze überwinden, haben sie eine gute Chance, die Meinung der Gesamtheit zu ihren Gunsten umzukrempeln.

Ergänzung der futurism-Autoren: Mit Online-Bots könnte das noch besser funktionieren. Da wünsche man sich fast, diese Art der Forschung wäre nur ein Spaß.

 

Medien-Links:

  1. Experimental evidence for tipping points in social convention (Science 8.6.): Once a population has converged on a consensus, how can a group with a minority viewpoint overturn it? Theoretical models have emphasized tipping points, whereby a sufficiently large minority can change the societal norm.
  2. Want to Change Society’s Views? Here’s How Many People You’ll Need on Your Side (futurism 8-6-): Estimates ranged from as low at 10 percent of a population to as high as 51 percent, but now, researchers from the University of Pennsylvania and the University of London claim an online experiment let them hone in on the most likely number: 25 percent.

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