Rezension zu „Größer als das Amt – Auf der Suche nach der Wahrheit“ von James Comey

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978-3-426-27777-5_Druck.jpg.39627759Der Verlag findet die Erinnerungen von Ex-FBI-Chef James B. Comey "aktuell, brisant und spannend wie einen Krimi". Unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz spricht von einem Buch, das er kaum aus der Hand legen konnte.

Comey befand sich 20 Jahre im Zentrum der Macht, als "unbeugsamer Ermittler", der gegen Mafia, CIA-Folter, NSA-Überwachung, Clintons Umgang mit dienstlichen Emails und Trumps Russland-Verbindungen vorging.
Der Verlag spricht von einer politischen Achterbahnfahrt: stellvertretender Justizminister unter George W. Bush, FBI-Direktor unter Barack Obama und gefeuert von Donald Trump. Rezension von Gerfried Pongratz 6/2018.

James Comey:

„Größer als das Amt – Auf der Suche nach der Wahrheit

„Wer bin ich, dass ich mir einbilde, ich sollte anderen Menschen etwas über Führungsethik erzählen?“

„Ich hoffe…, dass es …ein aufschlussreiches Buch für meine Landsleute bleibt, indem es sie animiert, sich für eine Loyalität zu entscheiden, die größer ist als Parteizugehörigkeit und Amt – und aus den Lügen die Wahrheit herauszufiltern und sich für eine integre, ethisch geerdete Führung einzusetzen.“

Zwischen diesen beiden Sätzen, dem ersten und letzten des Buches, spannt der Autor James Comey einen weiten Bogen über das sein Leben bestimmende Bemühen, als Jurist mit hohen ethischen und moralischen Ansprüchen Recht zu erwirken, Gerechtigkeit zu fördern und damit seinem Land in hohen und höchsten Staatsämtern bestmöglich zu dienen. Entlang seiner bemerkenswerten Biografie berichtet er von ungewöhnlichen Erlebnissen in seiner Berufslaufbahn, beleuchtet die dabei gewonnenen Erfahrungen und beschreibt die bei der US Präsidentschaftswahl 2016 aufgetretenen Vorkommnisse, die ihn als Direktor des FBI ins Kreuzfeuer der Kritik brachten und letztendlich zu seiner Entlassung führten.

Der 1960 im Bundesstaat New York geborene Autor durchlief eine hochkarätige Karriere als Anwalt, Staatsanwalt, Universitätslehrer und Spitzenjurist in der Privatwirtschaft. Von 2003 bis 2005 war er in der Regierung Georg W. Bush stellvertretender Justizminister, 2013 wurde er von Präsident Obama als Direktor des FBI bestellt, im Mai 2017 enthob ihn Präsident Trump mit sofortiger Wirkung seines Amtes. Laut Wikipedia wurde James Comey über Parteigrenzen hinweg respektiert und als unabhängig und integer geschätzt.

„Der 11. September 2001 hatte nicht nur unser Land, sondern auch das Leben von uns Staatsdienern verändert“ (S. 120). In der Folge kam es durch Präsidentenverfügungen und zweifelhafte Rechtsgutachten zu Überwachungs- und Foltermaßnahmen, denen sich Comey als stellvertretender Justizminister heftig – allerdings zunächst vergeblich – widersetzte. Die Schilderung dieser Vorgänge sowie seine dabei gewonnenen Erkenntnisse und Einsichten – u.a. zu einer „politischen Kultur“, die Nachdenklichkeit von Politikern in Spitzenpositionen mit Schwäche und Unfähigkeit gleichsetzt – bilden hochinteressante Kapitel des Buches.

Nach acht Jahren in der Privatwirtschaft wurde Comey 2013 von Präsident Obama zum Direktor des FBI (Federal Bureau of Investigation, weltweit agierend, Budget 2012 laut Wikipedia 8 Milliarden US-$) ernannt; eine Position, die, wie Obama ausdrücklich forderte, politisch unabhängig, unbeeinflußbar und neutral zu führen ist (und deshalb mit zehnjähriger Amtszeit ausgestattet wird) und auch zum Präsidenten der USA Abstand halten muss. In der langen Geschichte des FBI wurde, was Comey sehr offen darlegt, diesen Prinzipien häufig nicht entsprochen und so war es ihm ein besonderes Anliegen, im FBI Rekrutierungs-, Handlungs- und Führungsprinzipien zu etablieren, die sehr hohen ethischen Standards und dem Leitbild „das amerikanische Volk schützen und die Verfassung der USA bewahren“ entsprechen; mehrere Kapitel sind neben der Beschreibung aktueller Fälle diesen Bemühungen und Maßnahmen gewidmet.

2016 kam das FBI, bzw. Comey ins Kreuzfeuer der Politik, als im Präsidentschaftswahlkampf (durch vermutlich russische Interventionen) bekannt wurde, dass Hillary Clinton in ihrer Amtszeit als Außenministerin einen privaten E-Mail Account mit ungeschütztem Server für Tausende als geheim eingestufte dienstliche Mails verwendet hatte und das FBI die sich daraus ergebenden Fragen und Konsequenzen eingehend untersuchte. Nach Abschluß der Ermittlungen kamen Comey und seine Mitarbeiter jedoch zum Schluß, Clintons Verfehlung rechtfertige kein strafrechtliches Vorgehen. Nachdem Comey diese Entscheidung im Juli 2016 unter Eid verkündet hatte, kam es zu heftigen Protesten der Republikanischen Partei und ihr nahestehender Medien, wie auch von Donald Trump; man warf Comey Parteilichkeit vor.

Die Situation verschlimmerte sich, als Anfang Oktober 2016 dem FBI bekannt wurde, dass sich auf einem privaten Laptop eines Abgeordneten weitere Hunderttausende vermutlich als geheim eingestufte E-Mails von Hillary Clinton befanden; obwohl sich Comey sehr wohl bewusst war, was es für den Wahlkampf bedeutete, neue Ermittlungen gegen Hillary Clinton einzuleiten, entschied er sich dazu und zeigte dies dem Kongress pflichtgemäß an. Die Veröffentlichung führte zu heftigsten politischen und öffentlichen Kontroversen und obwohl auch diese Untersuchungen zwei Tage vor der Wahl mit dem Ergebnis strafrechtlicher Irrelevanz abgeschlossen wurden, verhalfen sie nach Einschätzung vieler Beobachter Donald Trump zum Wahlsieg.

In der Folge wurde Comey von vielen Seiten massiv angegriffen und diffamiert, auch Verwandte, Freunde und Bekannte überzogen ihn mit heftigen Vorwürfen („am schlimmsten setzte mir die Behauptung zu, ich sei in meine Integrität verliebt, in meine Tugendhaftigkeit“, S. 287), Präsident Obama allerdings versicherte ihm: „Ich habe Sie zum FBI-Direktor gemacht, weil ich Ihre Integrität und Ihr Können zu schätzen weiß… Sie sollen wissen, dass nichts, aber auch gar nichts in diesem Jahr geschehen ist, was meine Meinung geändert hätte“ (S. 291).

Nach seiner Wahl zum Präsidenten versuchte Trump, Comey mit Schmeicheleien, privaten Anrufen, 4-Augen-Gesprächen und bei einem intimen Essen im Weißen Haus dazu zu bewegen, Ermittlungen des FBI im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl, u.a. zu russischen Einflußnahmen, auszusetzen und seine, Trumps, Sicht der Vorfälle zu übernehmen (Comey: „Ich fühlte mich an die Klubs der New Yorker Mafia erinnert, die ich in den 1980er- und 1990er- Jahren als Staatsanwalt kennengelernt hatte“, S. 306).

„Und völlig verrückt ging es dann auch weiter“ (S. 314). Trumps Bemühungen, Comey – z.B. mit versuchten Umarmungen vor der Presse – zu beeinflussen, nahmen abstruse Formen an; er wollte gegenüber Comey ein auf Patronage beruhendes Verhältnis etablieren und drohte gleichzeitig unverhohlen, ihn bei Unfügsamkeit aus dem Job zu werfen (Comey: „Nichts an seinem Verhalten entsprach auch nur im Geringsten dem, was man von einer Führungspersönlichkeit erwarten könnte“, S. 329). Dabei scheute sich Trump auch nicht, absurde Behauptungen und leicht durchschaubare Lügen von sich zu geben und Offensichtliches vehement zu bestreiten. „Dabei wußten wir, dass sich Wladimir Putin auf beispiellose Art und Weise in die US-Wahl eingemischt hatte, nicht zuletzt auch, um Trump zum Sieg zu verhelfen“ (S. 341). Die Auseinandersetzungen zu diesen sowie auch zu anderen aufklärungsbedürftigen Vorgängen in Trumps Umfeld, verbunden mit Comeys Unbeugsamkeit und kritischen Reaktionen auf Trumps Einflußnahme- und Rechtfertigungsversuche, führten dazu, dass Comey am 9. Mai 2017 während einer Rede in Los Angeles via Fernsehbildschirm erfuhr, dass er von Trump fristlos entlassen worden war („das Ende kam in der passenden Form eines Orkans aus schlechten Manieren“, S. 356).

„Ich war nicht wütend über meine Erlebnisse mit diesem Präsidenten, ich war traurig… für unser Land macht es mir Angst“ (S. 364/365). Nach einem beeindruckenden Abschiedsbrief (S. 370-372) an alle FBI-Mitarbeiter kommt Comey in einem Epilog zum Schluss: „Der gegenwärtige Präsident ist ein Mann ohne Moral und agiert ohne jede Bindung an die Wahrheit und Werte einer Demokratie“ (S. 373). „Ja, unser gegenwärtiger Präsident wird auf kurze Sicht erheblichen Schaden anrichten…“(S. 375), aber: „Heute sehe ich, während die Flammen noch wüten, neues Leben aus diesem Boden hervorwachsen – junge Menschen, die sich engagieren wie nie zuvor, und Medien, Gerichte, Akademiker, gemeinnützige Organisationen und alle anderen Elemente der Zivilgesellschaft, die neue Kraft schöpfen“ (S. 376).

James Comey gelingt es mit diesem Buch, nicht nur tiefgründige Einblicke in die derzeitige US Administration zu geben, sondern auch viel Wissen zum amerikanischen Rechtswesen und Regierungssystem zu vermitteln. Der vermutlich vom Verlag stammende zweite Untertitel des Buches „DER EX-FBI-DIREKTOR KLAGT AN“ wird seinem Inhalt nur bedingt gerecht, das Buch (Originaltitel: „A higher Loyality, Truth, Lies, and Leadership“) bietet sehr viel mehr als die Beschreibung einer hochkarätigen Juristenlaufbahn mit zahlreichen ungewöhnlichen Begebenheiten und Auseinandersetzungen. Neben Berichten darüber ist es James Comey ein großes Anliegen, seine persönlichen (amerikanisch-idealistischen) Standards im Hinblick auf Moral, Loyalität, Berufsethik und Mitarbeiterführung darzulegen. Auch seine aus beruflicher Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse zur Qualifikation und Integrität von Führungspersönlichkeiten und sein Wunsch, die oftmals in Vergessenheit geratenen „alten“ amerikanischen Tugenden und Wertvorstellungen wieder zu beleben, bilden einen Teil seiner Ausführungen.

Wenn man der persönlichen Integrität des Autors traut und seinen Darstellungen Glauben schenkt – es besteht kein Anlass, dies nicht zu tun -, kann das Buch als detailreich spannende und damit auch unterhaltsame Lektüre mit hohem Informationsgehalt einschlägig Interessierten uneingeschränkt empfohlen werden!

 

Gerfried Pongratz

James Comey: „Größer als das Amt – Auf der Suche nach der Wahrheit“, Droemer Verlag München, 2018, ISBN 978-3-426-27777-5, 384 Seiten

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