Erfolg! Mehr Profit auf Kosten von Arbeitenden & Jugendlichen

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2018-03-09_11-24-552018-03-09_11-24-54Immer wieder kommt dieses leidige Thema hoch, denn die Ungleichheit wird immer größer. Das belegen diverse Studien (1., 2.). In der Auswirkung sind schöne Erfolge zu verzeichnen:

  • 2014 – “die 85 reichsten Leute sind so reich wie die ärmere Hälfte der Welt,”
  • 2016 – “die 62 reichsten Leute sind so reich wie die ärmere Hälfte der Welt,”
  • 2017 – “die 8 reichsten Leute sind so reich wie die ärmere Hälfte der Welt.”

Egal, ob diese Zählweise nun stimmt, oder ob es das ganze obere 1% ist, das mehr als die unteren 50% besitzt (3.). Wie der Freitag schreibt (4.), besitzt das reichste Zehntel der deutschen Gesellschaft 66,6% aller Güter, die reichsten 0,1% besitzen 23%. Einige wenige Familiendynastien besitzen die größten Konzerne des Landes und haben Milliardeneinkommen, derweil ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft am Existenzminimum lebt.

In keinem anderen Staat innerhalb der Euro-Zone ist die Kluft zwischen arm und reich größer (5.), nur in den USA ist die Lage noch extremer. Ein YouTube-Video von 2014 (6.) zeigt das anschaulich auf. Faszinierend findet der Freitag an dem Video, wie die amerikanischen Befragten die Verteilung der Güter einschätzen: Sie liegen völlig daneben und verkennen die krass ungleiche Verteilung der Güter.

Ein Wunder ist die Ungleichheit jedenfalls nicht, weil auch statistisch immer weniger bei den Arbeitenden landet. Z.B. in den USA betrug der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen 1980 noch 62% und heute nur noch 56%. In Deutschland gab es 1981 eine Lohnquote von 75%, 2000 waren es 72%, 2016 waren es nur noch 68,7%.

Was davon in der Lohntüte übrigbleibt, wird auch weniger. Zwar blieb die Steuerquote nach offiziellen Zahlen 1995-2016 ungefähr bei 23,3%. Aussagekräftiger ist der Wert incl. Sozialabgaben, das machte dann zusammen 49,4% in 2016. Ganz anders die deutschen Unternehmenssteuern, die lagen 1995 noch bei 59%, 2016 waren sie nur noch knapp 30%.

Die Unternehmenssteuern haben sich halbiert, die Steuern für Arbeitnehmer sind gleichgeblieben. Und die Unternehmen betreiben noch dazu Steuerflucht im Wert von hunderten von Mrd., während die normalen Steuerzahler nur wenig schummeln können (mehr zu diesem Thema bieten die wb-Links unten).

Die Ungleichheitsforschung befasst sich ja mit allen Aspekten dieser Verhältnisse. Einen interessanten Beitrag liefert auch die SZ (7.), basierend auf Daten von OECD und IWF. Demnach gibt es vor allem zwei Ursachen für die weltweit steigende Ungleichheit:

  • die schnelle Entwicklung neuer Technologien und
  • die globale Arbeitsteilung.

Der technologische Fortschritt macht inzwischen quasi offiziell immer mehr Arbeitsplätze überflüssig. Besonders Routine-Tätigkeiten werden automatisiert, und das macht die neuen Technologien zum größten Treiber für wachsende Ungleichheit in Industriestaaten. Sie wirkten sich laut SZ stärker aus als die Globalisierung; Studien bestätigen demnach, dass zunehmende Automatisierung plus Auslagerung der Produktion ins Ausland plus zunehmender Preiskampf über Importe die normal qualifizierten Arbeitskräfte langfristig ihre Jobs kosten.

Damit vollziehen sowohl IWF als auch OECD eine Kehrtwende in ihren marktliberalen Ansichten. Es wird sogar vor den Schäden der Ungleichheit gewarnt; die gestiegene Ungleichheit habe das Wachstum der Industriestaaten von 1990-2010 durchschnittlich um 5% reduziert – im Fall Deutschland hochgerechnet rund 100 Mrd. Verlust.

An dieser Stelle soll es nun um personenbezogene Auswirkungen gehen, wie von der zynischen Erfolgsmeldung im Titel versprochen. Dazu hat die junge Welt einen Artikel namens Gestohlene Zukunft aufgelegt (8.). Der Autor Werner Seppmann beschreibt die katastrophalen Folgen der wachsenden Jugendarmut in den entwickelten kapitalistischen Ländern des Westens.

  • Seit Beginn der neoliberalen Umwälzungen (Deregulierung) in den 1970er Jahren geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander.
  • Arbeitslosigkeit breitete sich aus, überall entstanden prekäre Arbeitsverhältnisse.
  • In vielen Industrieländern, darunter den 35 entwickelten kapitalistischen OECD-Staaten, breiteten sich Verelendung und Hoffnungslosigkeit aus, wie sie bis dahin nur aus der "Peripherie" bekannt waren.
  • In der Bundesrepublik stecken 25% aller Beschäftigten in prekären Arbeitsverhältnissen, in den um sich greifenden Armuts- und Bedürftigkeitszonen leben inzwischen 20% aller Kinder.
  • 1965 war nur jedes 75. Kind auf Sozialhilfe angewiesen, heute ist es fast jedes fünfte.
  • Jugendarbeitslosenquoten in Griechenland: 45%, in Italien und Spanien 35-42%, in Frankreich, Belgien und Finnland über 20%, in Deutschland 7% – aber diese niedrige Quote ist fragwürdig, denn die Erfassung der Erwerbslosigkeit ist bei Jugendlichen sehr lückenhaft.

Der Autor bilanziert, dass auch bei Jugendlichen offensichtlich kein automatischer Zusammenhang zwischen Prekaritäts- bzw. Armutslagen und Protest- und Widerstandsverhalten besteht. Zur Entwicklung der Aktionsbereitschaft müssen die Jugendlichen das Bewusstsein entwickeln, dass ihre prekären Verhältnisse nicht 'normal' oder 'unabdingbar' sind. Und sie müssen erkennen was für ihre prekären Verhältnisse verantwortlich ist.

In die gleiche Stoßrichtung argumentiert der Freitag in einem anderen Artikel (9.) Die etablierten Parteien, die regierenden Politiker, die Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland, die Massenmedien und die Wissenschaftler beschäftigen sich kaum mit "der Zerklüftung unserer Gesellschaft". Anmerkung wb: Das erstaunt um so mehr, als sie sich intensivst mit den Belangen der Flüchtlinge und Immigranten befassen.

Damit keiner sagen kann, er hat es nicht gewusst, noch ein paar Links zur Schädlichkeit der zunehmenden Ungleichheit in Bezug auf das Wachstum. Die Friedlich Ebert Stiftung liefert ein Modell dazu (10.), die Ökonomenstimme (11.) rechnet genau vor warum moderne Indistriestaaten ein Viertel ihres BIP dafür aufwenden, die Folgen der Ungleichheit zu bewältigen:

  1. Kaufkraft muss mit bürokratischem Aufwand von Reich zu Arm zurücktransferiert werden.
  2. Die Wirtschaft muss unter hohem Werbeaufwand die Kaufkraft der Reichen mobilisieren, um Nachfrage für Bedürfnisse zu schaffen, die es eigentlich nicht gibt.
  3. Die Verwaltung der durch die Ungleichheit kumulierten finanziellen Ansprüche kostet auch.
  4. Die Ungleichheit führt zu schlechter Arbeitsqualität, was u.a. auch die Gesundheitsausgaben erhöht.

Höhere Profite werden noch immer auf Kosten der Arbeitenden realisiert, heißt der Spruch dazu. Aber es funktioniert nicht uneingeschränkt, und irgendwann muss doch mal ein Ende sein?!

Nachtrag 11.7.: Die Hurun Global Rich List 2018 (12., Bild: Hurun Report). Übersetzt bei atheisten-info.at (13.): Das Gesamtvermögen stieg um erstaunliche 31% auf 10, 5 Billionen US-Dollar, was 13,2% des weltweiten BIP entspricht, und fast das Doppelte der 7% des globalen BIP vor sechs Jahren. Rupert Hoogewerf sagte: "Nie war so viel Reichtum in den Händen von so wenigen konzentriert."

hurunlist2018

Medien-Links:

  1. World Inequality Report 2018 (World Inequaltiy Lab): In den letzten Jahrzehnten hat die Einkommensungleichheit in fast allen Ländern zugenommen, jedoch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, was darauf hindeutet, dass der Politik bei der Ausprägung der Ungleichheit eine wichtige Rolle zukommt.
  2. The Rise of Market Power and the Macroeconomic Implications (janeckhout.com 25.10.17): Using micro  data on the accounts of publicly traded firms in the US starting in 1950, we find that markups have been relatively constant between 1950 and 1980 at around 20% above marginal cost. From 1980 onwards, there has been marked change in this pattern with markups steadily rising from 18% to nearly 67% in 2014, a three and a half fold increase (die Waren werden mit 20% … 67% über den Kosten angeboten – markup = Preisaufschlag).
  3. For The First Time Ever, The "1%" Own More Than Half The World's Wealth: The Stunning Chart (Zero Hedge 14.11.17): According to our latest estimates, the top one percent own 50.1 percent of all household wealth in the world.”
  4.  Verteilungsgerechtigkeit (Der Freitag 12.11.15): Ein Plädoyer Wie entwickelt sich die Wohlstandsverteilung in Deutschland und welche Alternativen gibt es, auch unter Berücksichtigung des ökonomischen Anreizsystems?  
  5. Vergleich in der Euro-Zone Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland am größten (Spiegel Online 26.2.14): Manche haben Millionen, andere nur Schulden: Laut einer DIW-Studie sind die Vermögen in keinem Euro-Land so ungleich verteilt wie in Deutschland. Der durchschnittliche Besitz von Arbeitslosen hat sich seit 2002 fast halbiert.
  6. Vermögen in den USA, Ideal und Wirklichkeit (brilliante Visualisierung) (YouTube 20.1.14): Harvard fragte 5000 Amerikaner, wie sie die Ungleicheit in den USA einschätzen, und stellt dagegen die Realität.
  7. Neoliberal war einmal (Süddeutsche Zeitung 10.4.17): Immer mehr internationale Organisationen wie der IWF sorgen sich um die Ungleichheit. Eine Lösung: höhere Steuern für Reiche.
  8. Gestohlene Zukunft (junge Welt 9.7.):  In den entwickelten kapitalistischen Ländern des Westens wächst die Jugendarmut – die Folgen sind katastrophal (Vorabdruck aus dem Sammelband »Eine Welt zu gewinnen«, der bald im Kölner Papyrossa-Verlag erscheint).
  9. Armes Deutschland – Ungleichheit – Die Politik orientiert sich an den Interessen der Reichen – und ignoriert die Armut (Der Freitag 9.8.16): Immer reicher werden die Reichen und die Armen immer zahlreicher. Trotzdem hört man von den etablierten Parteien und regierenden Politikern nicht mehr als Lippenbekenntnisse im Kampf gegen die Armut. Warum beschäftigt sich die Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland, handle es sich nun um Parteien, Massenmedien oder Wissenschaftler, kaum mit der Zerklüftung unserer Gesellschaft?
  10. Zunehmende Ungleichheit verringert langfristig Wachstum – Analyse für Deutschland im Rahmen eines makroökonomischen Strukturmodells (Friedlich Ebert Stiftung 2017): In der langen Frist dominiert er (der Humankapitalkanal) die Gesamtwirkung, so dass nach 25 Jahren das reale Bruttoinlandsprodukt deutlich – um etwa 50 Milliarden Euro – unter seinem Vergleichswert in einem Szenario ohne Anstieg der Ungleichheit liegt.
  11. Die wahren Kosten der Ungleichheit (Ökonomenstimme 12.1.): Moderne Industriestaaten müssen mindestens einen Viertel ihres BIP allein dafür aufwenden, die Folgen der wachsenden Ungleichheit zu bewältigen, wie dieser Beitrag zeigt.
  12. Hurun Global Rich List 2018 (Hurun Report).
  13. Top 100 – Hurun Global Rich List 2018 (atheisten-info.at 11.7.).

Links von wb dazu:

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