Ob Empfängnisverhütung, Schwangerschaftsabbruch, künstliche Befruchtung oder embryonale Stammzellforschung – es gibt kein medizinethisches Thema, zu dem die Kirchen sich nicht öffentlich zu Worte melden. Dass Geistliche zu drängenden moralischen Problemen unserer Zeit Stellung beziehen, ist freilich ihr gutes Recht. Dennoch muss der Anspruch, den sie mit ihren Verlautbarungen erheben, verwundern.
Wohl nirgends wird dies so deutlich wie in der Debatte um die Sterbehilfe. Die Mitglieder der Kirche daran zu gemahnen, dass sie sich nicht zum „Herrn über Leben und Tod“ aufschwingen mögen, ist das eine; doch von Menschen, die der Kirche gar nicht angehören, zu verlangen, dass sie „ihr Kreuz auf sich nehmen und in Christo leiden“ sollen, ist etwas anderes.
In seiner Enzyklika „Evangelium vitae“ von 1995 forderte Papst Johannes Paul II. beispielweise von allen sterbenden Menschen, dass sie nur in der „von Gott beschlossenen Stunde“ verscheiden dürfen, „am Leiden des gekreuzigten Heilands“ teilhaben sollen und sich an ihrem Lebensende der Worte des Apostels Paulus erinnern mögen, die er in seinem Brief an die Kolosser schrieb: „Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1, 24).
Ja, der Apostolische Stuhl geht sogar noch einen erheblichen Schritt weiter, indem er die Sterbehilfe unverblümt als ein „Verbrechen“ bezeichnet, das „für rechtmäßig zu erklären sich kein menschliches Gesetz anmaßen“ dürfe. Folgerichtigerweise wendet sich der Klerus denn auch mit dem Hinweis darauf, dass „man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen“, direkt an alle Wähler und Politiker: „Es ist niemals erlaubt, sich einem ungerechten Gesetz, wie jenem, das die Euthanasie zulässt, anzupassen, weder durch die Beteiligung an einer Meinungskampagne für ein solches Gesetz noch dadurch, dass man bei der Abstimmung dafür stimmt.“
Als wäre dies nicht bereits genug, getraut sich der Vatikan schließlich sogar, die Gesetzgeber säkularer Staaten zu warnen. Ein staatliches Gesetz habe nur insoweit den Charakter eines „wahren Gesetzes, insoweit es mit dem göttlichen Gesetz übereinstimmt. Daraus folgt, dass ein staatliches Gesetz, wenn es die Euthanasie billigt, eben darum kein wahres Gesetz ist.“
Die Kirchen – allen voran die römisch-katholische – maßen sich also einen Anspruch auf moralische Wahrheit und rechtliche Verbindlichkeit an, den nicht nur Christen, sondern alle Menschen, ja sogar die Parlamente säkularer Staaten anerkennen sollen.
In diesem Beitrag möchte ich zu zeigen versuchen, dass sich dieser Anspruch der Kirchen philosophisch einfach nicht einlösen lässt. Politisch ließe er sich bereits in einem einzigen Satz zurückweisen, und zwar mit dem bloßen Hinweis darauf, dass in einer säkularen Gesellschaft, die auf einer strikten Trennung von Staat und Kirche beruht, niemand das Recht hat, anderen Menschen seine religiösen Werte aufzwingen.
Im folgenden soll es jedoch nicht so sehr um die politischen als vielmehr um die philosophischen Einwände gehen, dem der moralische Anspruch der Kirchen ausgesetzt ist. Diese Einwände beziehen sich auf die explizite Behauptung, dass das Unwerturteil der Kirchen über die Sterbehilfe rational begründet sei, und die implizite Behauptung, dass die Religion die Grundlage von Moral und Recht sei.
Zunächst also zu dem explizit religiösen Unwerturteil über die Sterbehilfe. Mit der „Sterbehilfe“ meine ich hier selbstredend nur den „assistierten Suizid“ und die „aktive Euthanasie“. Die von den Kirchen gebilligte „passive Euthanasie“ und „indirekte Euthanasie“ sind ja letztlich auch gar keine Formen der Sterbehilfe. Wenn ein Arzt auf den ausdrücklichen Wunsch seines Patienten von der Durchführung einer Operation oder dem Anschluss eines Respirators absieht, kann man dies wohl schwerlich als „Sterbehilfe“ bezeichnen – schließlich wäre alles andere eine Körperverletzung.

Das geläufigste christliches Argument gegen die Sterbehilfe lautet bekanntlich, dass Gott der alleinige Herr über Leben und Tod sei und wir daher in der von ihm beschlossenen Stunde zu sterben haben. Wie leicht zu erkennen ist, lässt sich diese Forderung nur schwer verteidigen. Denn wenn wir tatsächlich in der von Gott bestimmten Stunde sterben müssten, hätten wir nicht nur kein Recht, das Leben todgeweihter Menschen zu verkürzen, sondern auch kein Recht, das Leben todgeweihter Menschen zu verlängern. Schließlich schwingen wir uns nicht nur beim Suizid und der Euthanasie, sondern auch bei einer Bypassoperation oder einer Organtransplantation zum Herrn über Leben und Tod auf. Im einen wie im anderen Fall sorgen wir dafür, dass die Menschen nicht in der von Gott beschlossenen Stunde sterben.
Ähnlich geläufig ist das christliche Argument, dass unser Leben ein Geschenk Gottes sei, über das wir nicht nach Belieben verfügen dürfen. So anschaulich diese Analogie auch sein mag, sie ist offenkundig unhaltbar. Um ein Geschenk erhalten zu können, muss man schließlich zuallererst existieren. Wenn man nicht existiert, kann man auch kein Geschenk in Empfang nehmen. Wem genau könnte Gott also überhaupt das Leben zum Geschenk machen? Denjenigen, die existieren? Aber sie haben es bereits! Denjenigen, die noch nicht existieren? Aber es gibt niemanden, der nicht existiert!
Selbst wenn es auf wundersame Art und Weise möglich wäre, Nichtexistierenden etwas zu schenken, würde es sich offenbar um ein Geschenk handeln, das der Betroffene weder erbitten noch ausschlagen konnte. Ein Geschenk aber, das man buchstäblich nicht ablehnen kann, ist überhaupt kein Geschenk.

Wie auch immer, selbst wenn die Analogie vom Leben als Geschenk schlüssig wäre, erreichte sie nicht ihr Ziel. Denn definitionsgemäß gehen die Verfügungs- und Besitzrechte eines Geschenks stets vom Schenkenden auf den Beschenkten über, so dass dieser mit ihm tun kann, was ihm beliebt. Gewiß mag man denjenigen, der ein Geschenk wegwirft oder gar vernichtet, der Undankbarkeit bezichtigen; doch niemand wird bestreiten können, dass er durchaus das Recht dazu hat.
Das dritte und letzte christliche Argument gegen die Sterbehilfe, auf das ich kurz eingehen möchte, beruft sich auf die Heilige Schrift. In der Bibel wird alles in allem von neun Selbsttötungen berichtet; die bekanntesten betreffen Abimelech, Samson, Saul und natürlich Judas, der sich, wie es bei Matthäus heißt, aus Reue über den Verrat an Jesus erhängt habe. In keinem dieser Berichte, nicht einmal in dem über Judas, wird die Selbsttötung auch nur mit einer einzigen Silbe missbilligt. Da sich also weder im Alten noch im Neuen Testament ein moralisches Unwerturteil über den Suizid findet, sahen sich die Kirchenväter im vierten und fünften nachchristlichen Jahrhundert denn auch zu einem Sophismus genötigt. So interpretierte Augustinus das Fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ kurzerhand so um, dass es fortan auch die Selbsttötung einschloss. „Auch wer sich selbst tötet, tötet einen Menschen“, behauptete er. Damit hatte er freilich recht. Dennoch lässt sich der definitorische Trick, dessen er sich hier bediente, kaum übersehen. Dies wird spätestens dann offenkundig, wenn wir berücksichtigen, dass das Fünfte Gebot eigentlich nicht „Du sollst nicht töten!“, sondern „Du sollst nicht morden!“ lautet. Und mit Morden war auschließlich die Tötung der Mitglieder des Volkes Israels gemeint, nicht aber die Tötung von Midianitern, Kanaanitern, Amoritern, Jebusitern oder Hetitern. Nicht von ungefähr ruft daher ja auch sogar Jahwe höchstpersönlich immer wieder zur Tötung auf: „So spricht der Herr der Heerscharen: Schlage Amalek und vollstrecke den Bann an ihm und allem, was er hat; schone seiner nicht, sondern töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge“ (1. Samuel 15, 27).
Angesichts dieses und zahlloser weiterer Aufrufe zum Völkermord kommt man übrigens nicht umhin, der Evangelischen Kirche Deutschlands eine gesunde Portion Humors zu attestieren, wenn sie ihrer Streitschrift gegen die Sterbehilfe sinnigerweise den Titel „Gott ist ein Freund des Lebens“ gibt.
Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.
Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.
Denn wenn wir tatsächlich in der von Gott bestimmten Stunde sterben müssten, hätten wir nicht nur kein Recht, das Leben todgeweihter Menschen zu verkürzen, sondern auch kein Recht, das Leben todgeweihter Menschen zu verlängern.
Das ist ein gutes Argument, aber es kommt noch etwas hinzu: Wenn der Allmächtige eine Stunde bestimmt hat, dann hätten wir nicht nur kein Recht sondern vorallem auch gar keine Möglichkeit das zu ändern. Die haben wir (angenommen, es gäbe diesen allmächtigen Gott) nur dann, wenn er diese Stunde nicht selbst bestimmt sondern uns – zumindest innerhalb bestimmter Grenzen – die Freiheit gegeben hat über sie zu bestimmen.
Solange diese Unkultur besteht, das man Glaubensvertreter immer wieder eine Wortmeldung erlaubt, wird man sich auch darüber aufregen, einfach auf Durchzug stellen, wenn mal wieder einer dieser Spezies anfängt zu reden…….[..]
#2 Indianerjones am 15. Juli 2011 um 09:38
Solange diese Unkultur besteht, das man Glaubensvertreter immer wieder eine Wortmeldung erlaubt …
Jeder hat das Recht auf eine Wortmeldung. Das Problem in diesem Fall ist nicht die Wortmeldung sondern die Bedeutung, die dieser Wortmeldung seitens der Gesellschaft fälschlich beigemessen wird.
#1Argutus rerum existimator am 15. Juli 2011 um 08:46
"Wenn der Allmächtige eine Stunde bestimmt hat, dann hätten wir nicht nur kein Recht sondern vorallem auch gar keine Möglichkeit das zu ändern. Die haben wir (angenommen, es gäbe diesen allmächtigen Gott) nur dann, wenn er diese Stunde nicht selbst bestimmt sondern uns – zumindest innerhalb bestimmter Grenzen – die Freiheit gegeben hat über sie zu bestimmen."
Das war auch mein erster Gedanke dabei …
#3 Argutus rerum existimator am 15. Juli 2011 um 11:30
Jeder hat das Recht auf eine Wortmeldung. Das Problem in diesem Fall ist nicht die Wortmeldung sondern die Bedeutung, die dieser Wortmeldung seitens der Gesellschaft fälschlich beigemessen wird.
Zustimmung. Seltsamerweise kenne ich viele Leute, die sich zwar selber als Atheisten bezeichnen würden und keine Beziehung zur Religion haben, die aber dennoch irgendwie der Meinung sind, das Priester und religiöse Würdenträger eine Art Instanz sind und eine Kompetenz darstellen, wenn es um moralische und ethische Fragen geht.
Schon Obi Wan stellte vor langer langer Zeit in einer weit weit entfernten Galaxis die berechtgte Frage: "Wer ist der grössere Narr? Der Narr, oder der Narr der ihm folgt?"
#5 Firithfenion am 15. Juli 2011 um 12:13
Seltsamerweise kenne ich viele Leute, die sich zwar selber als Atheisten bezeichnen würden … die aber dennoch irgendwie der Meinung sind, das Priester und religiöse Würdenträger eine Art Instanz sind und eine Kompetenz darstellen, wenn es um moralische und ethische Fragen geht.
Das sind Folgeschäden einer übermächtigen proreligiösen Sozialisierung, die durch spätere theoretische Einsichten oft nicht beseitigt werden können.
Ich kannte einen spanischen Atheisten, der sich jedesmal bekreuzigte, wenn er an einer Kirche vorüberging. Er meinte: "Das ist keine Frage des Glaubens, sondern das gehört sich einfach".
#3 Argutus
Eben drum, hatt das für mich keine Bedeutung, was Vertreter der Glaubensrichtungen so von sich geben….[..]
Man erinnere sich doch bitte an die "selige Mutter Theresa", die Sterbenden Schmerzmittel verweigerte, weil sie glaubte, die Sterbenden würden das Himmelreich dadurch eher erlangen. Was für ein Wahnsinn.
Komische Alte.
Der Wahnwitz war auch, wie die Alte (Drache Theresa) starb, hat man zentnerweise SChmerzmittel und andere lindernde Medikamente gefunden, die sie den bedauernswerten Opfern verweigert hatte. Soviel zur christlichen Nächstenliebe.
Die Sterbenden mussten bis zuletzt unvorstellbar furchtbare Schmerzen aushalten, bis sie der Tod endlich erlöste. Bis dahin war es eine grausame Agonie für die Sterbenden.
Das sieht man mal wieder, wie religiöser Wahn den Verstand und die Menschlichkeit vernebelt – ja sogar umnachtet.
Bezeichnend und interessant ist auch, dass bei den meisten an Schizophrenie Erkrankten, als Vorstufe dieser Krankheit, der religiöse Wahn vorausgeht, bis dann die Krankheit richtig ausbricht. Das lässt doch tief blicken, nicht wahr?
Indianerjones am 15. Juli 2011 um 09:38
Solange diese Unkultur besteht, das man Glaubensvertreter immer wieder eine Wortmeldung erlaubt, wird man sich auch darüber aufregen, einfach auf Durchzug stellen, wenn mal wieder einer dieser Spezies anfängt zu reden…….[..]
Indy
Wenn die Männchen in ihren lustigen bunten Kleidchen mal den Mund aufmachen, dann wird es immer lustig zugehen. Aber leider hat diese bunt-lustige Kleidchentruppe in unserem Staat viel zu viel Gehör und Einfluß. Noch schlimmer wird es, wenn einer dieser männlichen Kleiderbubis auch noch eine Fischmütze auf hat, dann wird es meistens heftig.
#8Azrail am 15. Juli 2011 um 12:57
"Der Wahnwitz war auch, wie die Alte (Drache Theresa) starb, hat man zentnerweise SChmerzmittel und andere lindernde Medikamente gefunden, die sie den bedauernswerten Opfern verweigert hatte. Soviel zur christlichen Nächstenliebe.
Die Sterbenden mussten bis zuletzt unvorstellbar furchtbare Schmerzen aushalten, bis sie der Tod endlich erlöste. Bis dahin war es eine grausame Agonie für die Sterbenden.
Das sieht man mal wieder, wie religiöser Wahn den Verstand und die Menschlichkeit vernebelt – ja sogar umnachtet."
Ich bin geneigt, das Ganze mal auf den Kopf zu stellen: Diese Frau ist kein armes Opfer einer Religion. Sie fand darin eher die Möglichkeit, ihre Perversion auszuleben.
Niemand hat sie gezwungen, Schmerzmittel zu verweigern, vielmehr wäre es schon ein Gebot natürlicher Empathie gewesen, diese angemessen zu verabreichen, statt sie heimlich zu horten.
Taugten gewissen Menschen was, könnte im Koran stehen, was will, das würde deise unberührt lassen, aber just ein gewisser Typus fühlt sich ja geradezu bestärkt in den Terror-Anweisungen. Und um diesem Typus den Boden unter den Füßen zu entziehen, wäre es auch nötig, dem Quatsch Einhalt zu gebieten, wofür es möglicherweise schon zu spät ist.
#10 Rechtspopulist am 15. Juli 2011 um 13:34
Taugten gewissen Menschen was, könnte im Koran stehen, was will, das würde deise unberührt lassen, aber just ein gewisser Typus fühlt sich ja geradezu bestärkt in den Terror-Anweisungen. Und um diesem Typus den Boden unter den Füßen zu entziehen, wäre es auch nötig, dem Quatsch Einhalt zu gebieten, wofür es möglicherweise schon zu spät ist.
Repo
Dein Einwand ist interessant… Dies zeigt doch, dass meine These richtig ist, dass gewisser Menschentypus für religiösen Wahn anfällig ist. Es muss dann doch eine gewisse Prägung vorhanden sein, die diese Leute veranlasst, ihren Wahn auszuleben.
Dieser Typ hat keinerlei Empathie für seine Mitmenschen, als Beispiel möchte ich nur die sogenannten Inquisitoren nennen, die massenweise Menschen martern ließen um ihrer Perversion zu frönen. Ich könnte mich schütteln vor Abscheu. Dieser Menschentypus war mir schon immer suspekt. Dasselbe gilt auch für Leute, die irgendeinem anderen Fanatismus anhängen.
#11Azrail am 15. Juli 2011 um 13:59
Um es mit einem Wort zu sagen: Soziopathen!
#10 Rechtspopulist am 15. Juli 2011 um 13:34
Repo
Da muss ich Dir Recht geben was die Alte (Drache Theresa) betrifft. Sie war wahrlich kein Opfer. Sie wusste genau was sie tat, diese alte Sadistin
Die und im Himmel, dass ich nicht lache. Da kann sie der Papst hundertmal selig sprechen. Die vielen 1000 Sterbenden, die sie hat leiden lassen, werden sie fleißig verfluchen.
Rechtspopulist am 15. Juli 2011 um 14:02
#11Azrail am 15. Juli 2011 um 13:59
Um es mit einem Wort zu sagen: Soziopathen!
Repo
Also doch eine Geisteskranke. Dieser Typus bevölkert massenweise die Forensik und die Politiklandschaft.
Ein widerlicher Haufen.
"Ähnlich geläufig ist das christliche Argument, dass unser Leben ein Geschenk Gottes sei, über das wir nicht nach Belieben verfügen dürfen. So anschaulich diese Analogie auch sein mag, sie ist offenkundig unhaltbar. Um ein Geschenk erhalten zu können, muss man schließlich zuallererst existieren. Wenn man nicht existiert, kann man auch kein Geschenk in Empfang nehmen. Wem genau könnte Gott also überhaupt das Leben zum Geschenk machen? Denjenigen, die existieren? Aber sie haben es bereits! Denjenigen, die noch nicht existieren? Aber es gibt niemanden, der nicht existiert!"
Vor allem spielt sich dieses "Geschenk" weltweit gesehen zumeist in Elendsbedingungen ab, die man hierzulande seinem ärgsten Feind nicht wünscht, wenn man ein halbwegs netter Kerl ist …
Wem genau könnte Gott also überhaupt das Leben zum Geschenk machen? Denjenigen, die existieren? Aber sie haben es bereits! Denjenigen, die noch nicht existieren? Aber es gibt niemanden, der nicht existiert!"
Um nicht völlig widersinnig zu sein, braucht diese Geschenk-These die Präexistenz der Seele – die aber von den Christen durchwegs abgelehnt wird.
"Denn wenn wir tatsächlich in der von Gott bestimmten Stunde sterben müssten, hätten wir nicht nur kein Recht, das Leben todgeweihter Menschen zu verkürzen, sondern auch kein Recht, das Leben todgeweihter Menschen zu verlängern.
Das ist ein gutes Argument, aber es kommt noch etwas hinzu: Wenn der Allmächtige eine Stunde bestimmt hat, dann hätten wir nicht nur kein Recht sondern vorallem auch gar keine Möglichkeit das zu ändern. Die haben wir (angenommen, es gäbe diesen allmächtigen Gott) nur dann, wenn er diese Stunde nicht selbst bestimmt sondern uns – zumindest innerhalb bestimmter Grenzen – die Freiheit gegeben hat über sie zu bestimmen."
Stimmt. Wenn buchstäblich die Stunde, in der wir zu sterben haben, von Gott festgelegt wäre, hätten wir gar keine Möglichkeit, das Leben von Menschen zu verlängern. Selbst wer gerade ein neues Herz erhalten hat, würde dennoch tot umfallen.
Ich denke, es ist nur im übertragenen Sinne gemeint: Die Stunde, die der Allmächtige für unseren Tod vorgesehen hat, soll wohl der Zeitpunkt sein, an dem wir sterben würden, wenn "wir der Natur ihren Lauf ließen".
#16Argutus rerum existimator am 15. Juli 2011 um 16:26
"Um nicht völlig widersinnig zu sein, braucht diese Geschenk-These die Präexistenz der Seele – die aber von den Christen durchwegs abgelehnt wird."
Und selbst das wäre kein Geschenk, sondern nur Ausdruck eines Gestaltungsgesetzes unseres Evolutionssystems – welches sich jenseits menschlicher Auffassungen von Gut und Böse, von Geschenk oder Fluch, bewegte.
Ich bin ja selbst aus persönlichen Gründen dem Wiedergeburtsgedanken alles andere als abgeneigt, aber nichts läge mir ferner, als darin ein "Geschenk" zu sehen.
Da gibt es aus meiner Sicht keinen Schenker und keine Beschenkten. Insofern ist die Vorstellung vom "Geschenk Gottes" bestenfalls eine religiöse Anmaßung. Als seien mit diesem "Geschenk" nicht auch Alter, Krankheit und Tod, ja die geamte Dramatik des Daseins unweigerlich verbunden.
#17Edgar Dahl am 15. Juli 2011 um 18:29
Dein Geschenk-Gedanke ist so gut, dass ich mir erlaube, ihn dir für mein Buch-Projekt dahingehend zu klauen, dass ich diesen Gedanken an geeigneter Stelle mit einfließen lasse.
Das ist zwar gewissermaßen ein mentales Plagiat, aber es untermauert meine Thesen …
Ich nenne das die sexuele Gotteswiderlegung …
#17Edgar Dahl am 15. Juli 2011 um 18:29
"Ich denke, es ist nur im übertragenen Sinne gemeint: Die Stunde, die der Allmächtige für unseren Tod vorgesehen hat, soll wohl der Zeitpunkt sein, an dem wir sterben würden, wenn "wir der Natur ihren Lauf ließen"."
Damit allerdings wäre jegliche Medizin unchristlich …
"Solange diese Unkultur besteht, das man Glaubensvertreter immer wieder eine Wortmeldung erlaubt, wird man sich auch darüber aufregen, einfach auf Durchzug stellen, wenn mal wieder einer dieser Spezies anfängt zu reden…"
Ich hatte in der Akademie der Wissenschaften mal einen Vortrag zu "Reproduktionsmedizin, Religion und Recht" gehalten, in dem ich mich dafür aussprach, keine Kleriker in den Deutschen Ethikrat zu berufen. Was können diese Leute schließlich zu einer Ethik-Debatte beitragen? Sie können sich selbstverständlich äußern, aber, wie ich meinte, ausschließlich in ihren Gemeindeblättern. Wie es sich ergab, waren drei Leute des Ethikrates dabei. Obwohl liberal, fanden sie meinen Vorschlag "infam" und "respektlos". Der Ethikrat sei eine Expertenkommission, der Vertreter aller weltanschaulichen Richtungen Deutschlands repräsentiere.
Mir leuchtet das nach wie nicht ein. Seit wann sind Theologen "Experten"? Wofür? Und wenn alle Bürger repräsentiert sein sollen, warum dann nicht auch einen Imam, einen Rabbi und einen Neo-Nazi berufen?
Dein Geschenk-Gedanke ist so gut, dass ich mir erlaube, ihn dir für mein Buch-Projekt dahingehend zu klauen, dass ich diesen Gedanken an geeigneter Stelle mit einfließen lasse.
Das ist zwar gewissermaßen ein mentales Plagiat, aber es untermauert meine Thesen …
Ich nenne das die sexuele Gotteswiderlegung …
Gerne. Was ich geschrieben habe, ist schließlich auch aus der Philosophiegeschichte zusammen gestohlen. Das Argument von der "Todesstunde" stammt bereits von David Hume. Und das Argument mit dem "Geschenk" habe ich von Jan Narveson.
Was schreibst Du für ein Buch?
#18 Rechtspopulist am 15. Juli 2011 um 18:36
Aus dem Blickwinkel der Reinkarnation ist die Geschenk-Idee abwegig. Eine Präexistenz wäre zwar auch ohne sie denkbar, aber viel mehr Sinn macht das Geschenk dabei auch nicht. Und wenn man auch die bloße Präexistenz ablehnt, dann wird das Geschenk (wie Dahl schon in seinem Aufsatz aufzeigte) vollends unsinnig.
Vielleicht machen wir uns alle dabei viel zu tiefschürfende Gedanken. Für die meisten Christen (Theologen nicht ausgenommen) sind solche Begriffe in erster Linie zum emotionalisierenden Plappern da und nicht zum klaren Denken.
#21 Edgar Dahl am 15. Juli 2011 um 18:44
Ethikrat
Aus meiner Sicht ist ein Ethikrat in jedem Fall unsinnig – egal, wer darin sitzt.
Wir kann irgend ein Mensch ein "Experte" für Ethik sein? Sicherlich gibt es gelehrte Kulturhistoriker, die über die Geschichte der ethischen Systeme gut Bescheid wissen, aber das ist ja nicht gefragt.
Die Frage, was gut und was böse ist, ist eine solche der persönlichen ethischen Werte (des "Gewissens" wenn man es so nennen möchte), das kann keine "Experten"-Gruppe festlegen.
Sinnvoll wäre es vielleicht zu fragen, welche ethischen Normen derzeit in einem bestimmten Land mehrheitsfähig wären. Aber das herauszufinden ist eine soziologische Aufgabe, für die ein Ethikrat nicht kompetent ist.
Kurzum: ich plädiere für die ersatzlose Streichung jedweder Ethik-Räte. Die sind ebenso überflüssig wie Ästhetik-Räte (die klären sollen was schön anzusehen ist und was nicht) oder Gustatorik-Räte, (die über Geschmacksfragen zu urteilen hätten).
#22Edgar Dahl am 15. Juli 2011 um 18:48
"Was schreibst Du für ein Buch?"
Das ist eine fundamentale Kritik des Monotheismus.
#23Argutus rerum existimator am 15. Juli 2011 um 18:51
"Vielleicht machen wir uns alle dabei viel zu tiefschürfende Gedanken. Für die meisten Christen (Theologen nicht ausgenommen) sind solche Begriffe in erster Linie zum emotionalisierenden Plappern da und nicht zum klaren Denken."
DAS ist des Pudels Kern …
Ich bin übrigens gerade dabei, gewisse Mechanismen, derer sich eine solche Rhetorik des Religiösen bedient, näher unter die Lupe zu nehmen.
Man fragt sich ja: Wie kann es sein, dass ein vortefflicher Gott sich sein Ebenbild schafft, der Gott als einziger im Universum Narrenfreheit genießt, seine Ebenbilder aber nur die Sklavenrolle zu spielen haben?
Wie kann es sein, dass Unfreiheit göttliches Programm ist?
In diesem Kontext habe ich mir gerade ein altes US-amerikanisches Experiment rausgekramt, das auch verfilmt wurde, "die Welle". Kennst du sicher auch …
Da gibt es am Schluss einen treffenden Satz des Lehrers:
„You traded your freedom for the luxury of feeling superior. You accepted the groups will over your own convictions, no matter, who you hurt …”
Genau dahinter stehen die Wirkkräfte, welche die Religion so unfassbar stark machen! Grausam, aber wahr.
#21 Edgar Dahl am 15. Juli 2011 um 18:44
Ethikrat
Aus meiner Sicht ist ein Ethikrat in jedem Fall unsinnig – egal, wer darin sitzt.
Wir kann irgend ein Mensch ein "Experte" für Ethik sein?
——————
Wenn das nach wie vor Deine Meinung ist, dann habe ich freilich eines der Ziele meines Essays nicht erreicht: Moralphilosophen sind nämlich Experten für Ethik! Ihre Aufgabe besteht zwar nicht nicht darin, uns vorzuschreiben, wie wir leben sollen. Doch ihre Aufgabe besteht durchaus darin, moralische Normen auf ihre Konsistenz und moralische Werte auf ihre Kohärenz zu untersuchen. Wie dieser Essay zeigen sollte, ist die eine moralische Ansicht keineswegs so gut wie jede andere. Einige moralische Forderungen, wie insbesondere die der Kleriker, lassen sich rational einfach nicht begründen. Ihre Argumente sind nicht schlüssig und, wie der zweite Teil hoffentlich zeigen wird, ist ihr Anspruch auf universale Gültigkeit vollkommen verfehlt.
Aber ich gebe natürlich zu, dass es zumeist so wirkt, als wäre Ethik nichts weiter als eine Phrasendrescherei, an deren Ende derjenige gewinnt, der sich rhetorisch am besten verkaufen vermag.
#21 Edgar Dahl am 15. Juli 2011 um 18:44
Ethikrat
Ach so, noch ein Punkt: In meinem Vortrag hatte ich auch die Existenz von "Ethikräten" kritisiert. Aber einfach deshalb, weil Immoralität nicht Illegalität impliziert. Es mag ja sein, dass bestimmte Handlungen unmoralisch sind; ob sie aber auch für illegal erklärt werden sollen, steht dagegen auf einem ganz anderen Blatt. Seine Frau zu betrügen, sich zu prostituieren oder seinen Lebensunterhalt mit Pornographie zu verdienen, mag unmoralisch sein, dennoch ist es keineswegs illegal – und das aus guten Gründen.
Was es bei den Diskussionen um die Sterbehilfe, die Stammzellforschung oder kürzlich um die PID zu diskutieren gilt, ist ja letztlich nicht die Frage, ob sie moralisch oder unmoralisch sind, sondern ob sie gesetzlich zugelassen oder verboten werden sollen. Und bei einer solchen Entscheidung bedarf es ganz anderer Kriterien. Hier sind Verfassungsrechtler, Strafrechtler und Rechtsphilosophen gefragt – keine Kleriker oder sonstige "Bedenkenträger".
#24Argutus rerum existimator am 15. Juli 2011 um 19:34
"Die Frage, was gut und was böse ist, ist eine solche der persönlichen ethischen Werte (des "Gewissens" wenn man es so nennen möchte), das kann keine "Experten"-Gruppe festlegen."

Na, da wirst du jetzt aber auf deutlichen Widerspruch stoßen.
(Und dass ich diese Auffassung nicht teile, ist ja bekannt … Darum sag ich dazu nix mehr. )
Der Bedeutung der Religion wird eh' viel zu viel beigemessen, dieser Illusionskadaver ist eh eine Made ohne Speck, denn der Speck kommt da von Mäusen der Verdammnis……sprich, der " Gut"gläubigen und derer, die es sich schön ausmalen……….[..]
#30
Nehmet der Religion ihre Maske und das Antglitz der Fraglosigkeit wird euch zugetan, darüber zu reden ist wie Eduard im Walde ,mit seiner friedlichen Kunigunde.
#29 Rechtspopulist am 15. Juli 2011 um 23:55
Und dass ich diese Auffassung nicht teile, ist ja bekannt … Darum sag ich dazu nix mehr.
Ja, wir beide können das sein lassen, denn an Streit über diesen Punkt hatten wir bereits eine Überdosis.
Dennoch werde ich den Eindruck nicht los, daß unsere Positionen in Wirklichkeit gar nicht so verschieden sind, bloß die Formulierungen, mit denen wir sie ausdrücken, vertragen sich nicht miteinander.