Perverse Logik der modernen Sklaverei

image_pdfimage_print

Reeve_and_Serfs

Dass es moderne Sklaverei gibt, ist kein Geheimnis. Sogar in Europa gibt es  Arbeitssklaven in Gewächshäusern und Plantagen und Sexsklavinnen in den Bordells (Bild: Leibeigene, ca. 1310, Wikimedia Commons).

In Afrika, Asien, Arabien und Amerika ist Sklaverei durchaus verbreitet (1.). Die Rede ist von echter Sklaverei, nicht bloß von Lohnsklaverei und Schuldknechtschaft. Dabei spielen Elemente des einen beim anderen eine Rolle. Darüber berichtet der britische Professor of Business and Society von der University of Bath, (2.).

Die besondere Perversion dabei: Es gibt Sklaven, die weniger arbeiten, als sie wollen. Die Logik hinter dieser speziellen Form der Ausbeutung ist verdreht, aber zwingend.

Zunächst ein paar Takte aus Cranes Bericht referiert: Demnach bezeichnet "moderne Sklaverei" die schlimmsten Formen der Ausbeutung. Das trifft auf junge Mädchen zu, die zur Prostitution gezwungen werden, auf Bauarbeiter, die in Knebelverträgen gefangen sind, auf Migranten, die für Jahre auf Fischerbooten ohne Bezahlung arbeiten müssen.

Die Kreativität der Ausbeuter kennt kaum eine Grenze. Sie generieren Profite für sich selbst auf Kosten der anderen. Die Profite sind so enorm wie die Kosten schrecklich sind. Es wird Gewalt angewendet, um die Opfer in Rollen zu zwingen, die sie freiwillig nicht annehmen würden. Anstrengende, gefährliche Arbeit von morgens bis abends, für Hungerlohn oder zum Abarbeiten von Schulden – so werden die Kosten gesenkt und die Produktivität erhöht.

Aber nicht immer. Cranes Forschungen brachten auch ein anderes Ausbeutungsmodell zum Vorschein. Speziell bei Arbeitssklaven in der Landwirtschaft gab es eine neue Form der Unterbeschäftigung. Sie arbeiteten für längere Perioden nur kurz oder gar nicht. Wie verträgt sich das mit der Optimierung der Ausbeutung?

Der Professor liefert eine plausible Erklärung. Selbst für entrechtete Arbeitssklaven kann es im Sinne der Ausbeutung sinnvoll sein, sie nicht zu beschäftigen. Es gibt nämlich nicht nur eine Art der Ausbeutung. Da greifen mehrere Strategien ineinander.

Arbeitskosten reduzieren ist die offensichtliche Methode. Aber es gibt ja noch die Schuldknechtschaft. Wenn die richtig eingesetzt wird, bindet sie die Arbeiter genauso wie physische Gewalt. Das Verfahren ist einfach:

Zuerst werden die Arbeiter in ein europäisches Land gelockt, z.B. Großbtritannien. Der Ausbeuter verspricht ihnen Geld, Unterkunft und Arbeit – und dann gibt er ihnen absichtlich keinen Job. Er vertröstet sie, den Job gäbe es in 2, 3 Wochen. Sie können in der Unterkunft bleiben, sie bekommen ein Handgeld zum Überleben. Zurückzahlen ist erst nötig, wenn sie Geld verdienen. Das hört sich alles ganz nett an, aber so wird der Einstieg in die Schuldknechtschaft geschaffen. Die beschäftigungslosen Arbeiter schulden immer mehr, sie können nicht weggehen, weil ihnen sonst niemand Geld und Job gibt.

Die Perversion geht noch weiter. Der Ausbeuter verkauft den Arbeitenden alles extra teuer. Er zieht zusätzliche Profite aus überteuerten Gütern und Leistungen, welche die Arbeiter mangels Alternative in Anspruch nehmen müssen. Wohnung, Essen und Transport werden zu Monopolpreisen angeboten, und den Ausgebeuteten bleibt nichts anderes übrig als zu akzeptieren. Der Ausbeuter steigert dadurch nicht nur seine Gewinne, er verstrickt die Arbeiter immer tiefer in Schulden.

Um den Schulden zu entkommen, greifen die Arbeiter auch auf Gelder von Familienmitgliedern zurück – noch ein zusätzlicher Profit für den Ausbeuter. Ansonsten sorgen überzogene Zinsen dafür, dass die Ausgebeuteten ihre Schulden nicht abzahlen können. Das Geschäft läuft also immer weiter, es mündet in einen Zyklus von Schulden und Ausbeutung, der kaum mehr aufzubrechen ist.

Das Besondere des Geschäftsmodells ist, dass es sozusagen verfeinert ist. Kein direktes Auspressen von möglichst viel Arbeitsleistung aus möglichst wenigen Sklaven unter der Knute. Nein, der Ausbeuter holt sich absichtlich viel mehr Arbeiter, als für den Job nötig sind, und dann lässt er sie schmoren. Sie sind ja notgedrungen auch Konsumenten, die keine Wahl haben, als die Güter und Leistungen des Ausbeuters zu konsumieren.

Sie können nicht anders, als sich in Schulden zu verstricken. Die beschäftigungslosen Sklaven sind keine Verirrung, sie sind ein neues Geschäftsmodell. Crane sieht sie als Illustration der ständigen Innovation auf dem Gebiet der Ausbeutung.

Was es sonst noch an schauerlichen Methoden gibt, belegen die weiteren Links. Der ISIS, der aus Geldknappheit Sexsklavinnen auf Facebook verhökert (3., Kosten 8000$). Der ISIS, der Verwundete tötet, um deren Organe zu vermarkten (4.). Kinder, die in die Sklaverei verkauft werden (5. und 6.).

Und derweil kaspert unsere Politik herum, um selbstausgesuchten Hilfenachfragern möglichst optimal zu helfen, während für einen Bruchteil der Kosten woanders viel mehr Humanität möglich würde. Wahrhaft pervers.

 

Medien-Links:

  1. Modern Slavery Grows (New York Times 2.12.14): Global slavery has become a profitable growth industry generating an estimated $150 billion a year in illicit profits. Modern-day slaves include construction workers in the Persian Gulf, girls from Nepal trafficked into prostitution, shrimp fishermen on Thai ships, children in India working in brick kilns and garment workers in Bangladesh. Slavery is also present in prostitution rings, and even in private homes that employ domestic workers in the United States and Europe.
  2. Some people trapped in ‘modern slavery’ are underworked – and they pay a heavy price for it (The Conversation 18.6.): People trapped in modern slavery situations endure terrible conditions, threats to their safety, and limits on their freedom. Yet sometimes, they actually do less work than they really want to. It may sound unlikely, but as a business model of exploitation, it has its own warped logic.
  3. Cash-Strapped ISIS Is Selling Sex Slaves On Facebook: Asking Price $8,000 Each (Zero Hedge 29.5.): One month after disturbing reports emerged that the cash-strapped Islamic State regime, … has been killing its own fighters in order to sell their organs, as well as paying $50 to fighters for every female sex slave they own, ISIS has now tapped into yet another critical cash-flow stream: selling female sex slaves.
  4. Cash-strapped ISIS killing injured fighters to sell organs: Reports (Times of India 20.4.16): Cash-strapped Islamic State terror group has been killing its injured fighters so that their organs can be extracted and sold on the black market abroad, according to media reports. … Iraqi Ambassador to the United Nations Mohamed Alhakim had made the similar accusations last year, saying that the ISIS is trafficking human organs and has executed a dozen doctors for failing to go along with the programme.
  5. Number Of Children Forced Into Slavery Hits All-Time High (Zero Hedge 26.3.): Statistics released by the NCA (National Crime Agency) show the number of potential victims of slavery has increased by 35% to 5,145 since 2016 – the highest since records began in 2009.
  6. Cash-Starved ISIS Offers Incentive Pay For Fighters: $50 Per "Female" Sex Slave (Zero Hedge 25.4.16):

    • For each of his two wives, al-Jiburi would receive an extra $50.
    • For each of his six children under age 15, he would get another $35.
    • Any “female captive” – sex slave – would entitle him to an additional $50.

Links zu wissenbloggt-Artikeln:

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar