Pseudowissenschaftliche Journale lächerlich gemacht

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Wie kommt das Klopapier von BartuLenka, pixabay, in den wissenschaftlichen Rahmen von David Mazières und Eddie Kohler (Get me off your fucking mailing list)?

Das hängt tatsächlich zusammen, und ein konzeptueller Penis gerät auch noch ins Spiel. Letzterer zuletzt, erstmal sollen Klorolle und Mailing-List ihren Auftritt auf der Bühne der Wissenschaft bekommen.

Dazu verhilft der Klorolle ein Artikel aus The Conversation (1.): Der Psychologie-Dozent Gary Lewis vom Royal-Holloway-College der University of London bekam ein Fake-Paper veröffentlicht – des Inhalts, wie sich Großbritanniens Politiker den Hintern abwischen.

Politiker der Rechten würden die linke Hand nehmen, Politiker der Linken wischen sich mit rechts hinten ab. Lächerlich? Gewiss, aber die Frage war, würde irgendein wissenschaftliches Journal das publizieren? Schließlich ist die Rede von den “predatory journals”, die sich einen seriösen Anschein geben, aber Artikel ungeprüft veröffentlichen (2.). So werden sie zu einer Plage der Wissenschaft.

Angesichts der Psychologie der unbewussten gesellschaftlichen Beeinflussung (unconscious social priming) stellte Lewis die Spekulation in den Raum, das könnte ja auch für die Gesäße der Politiker gelten. Und tatsächlich konnte er mit ein paar gefakedten Nachforschungen bei den Politikern “Boris Johnski”, “Teresa Maybe” und “Nigel F. ‘Arage” punkten. Achteinhalb Probanden reichten, und sie wischten sich alle über kreuz mit ihrer Politik ab.

Solche Kunde musste publiziert werden, und Crimson Publishers taten es (3.). Das gefakedte Manuskript wurde durch einen gefakedten peer reviewer angereichert, und gegen Zahlung von 581$ sollte es publiziert werden. Lewis drückte den Preis noch auf 99$, und dann erschien sein Artikel. Als Autor firmierte ein "Gerry Jay Louis" vom “Institute of Interdisciplinary Political and Fecal Science”.

Institut für interdisziplinäre Politische und Fäkal-Wissenschaft – wenn das jemand gelesen hätte, wäre der Artikel nicht erschienen. Lewis zitiert genüsslich den hehren Anspruch an peer review, den der Verlag herausstellt ("wichtigstes Instrument zur Qualitätssicherung, das neue Forschungsergebnisse analysiert, validiert und integriert"). Man lässt das peer review anscheinend vom Praktikanten oder vom Büroboten machen, wenn überhaupt (wb).

Bedenklich ist, dass derartig geführte Magazine auch klimaskeptische Artikel bringen und so die wissenschaftliche Klima-Debatte (oder andere) verfälschen. Damit werden sogar renommierte Wissenschaftler reingelegt (Fachwort scam = Betrug). Lewis' Fazit: Man braucht nicht unbedingt einen Doktortitel oder überhaupt irgendwelche Expertise, um einen wissenschaftlichen Artikel publiziert zu kriegen.

Einen Beweis dafür liefert ein anderer Fake-Artikel, der nur aus dem 1000-fach wiederholten Satz Get me off your fucking mailing list besteht. Die Informatiker David Mazières und Eddie Kohler waren genervt von täglich 10 Anfragen der predatory journals. Davon inspiriert, verfertigten sie ihren "wissenschaftlichen" Text, der auch beim International Journal of Advanced Computer Technology als exzellent akzeptiert wurde (aber nicht veröffentlicht, weil die Gebühr von 150$ nicht bezahlt wurde). Der Text ist wirklich zum Kreischen, weil er auch die wissenschaftlichen Publikations-Gebräuche karikiert (4.).

Und der konzeptuelle Penis? Es ist auch zum Kreischen, wie der die Genderei auf die Schippe nimmt (5.). Der Artikel ist mindestens genauso lächerlich wie der Klorollen-Artikel, das wissenschaftliche Bramabasieren ist eher noch schöner. Ein Teil davon übersetzt (6., Bild: Meditations, pixabay, und David Mazières und Eddie Kohler):getmeoff0

"Penisse mögen anatomisch existieren, aber weil unoperierte Transgender-Frauen ebenfalls anatomische Penisse haben, ist die Gegenüberstellung Penis – Männlichkeit ein inkohärentes Konstrukt. Die Forscher argumentieren, dass der konzeptuelle Penis nicht als anatomisches Organ zu verstehen sei, sondern besser als soziales Konstrukt, isomorph zur performativen toxischen Maskulinität. Mittels detailliertem poststrukturellem diskursivem Kritizismus' und anhand des Beispiels vom Klimawandel will dies Paper die vorherrschenden zerstörerischen gesellschaftlichen Sprachbilder herausfordern, dass Penisse am besten als männliche Geschlechtsorgane verstanden würden, und ihnen wieder die passendere Rolle als eine Art der maskulinen Performanz zuschreiben."

Das Geschwurbel wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Gender-Studies, weil es sich kaum von der Rabulistik der einschlägigen Gender-Artikel unterscheidet.

Thema sind aber nun die pseudowissenschaftlichen Journale mitsamt ihrer Lächerlicheit. Dazu liefert die SZ ein paar Zahlen (7.):  5.000 deutsche und 400.000 internationale Forscher haben in den letzten Jahren ihre Studienresultate in unwissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht.

Grund genug, die Argumente von ein paar Zeit-Foristen zu referieren (2.). Der Zeit-Artikel selber schreibt von der "Welt der Pseudowissenschaft", wo Zeitschriften nur aus einer Website und einem Briefkasten bestehen und Spitzenforscher ohne deren Wissen als Herausgeber auftauchen. Es gibt zuhauf Autoren, die nichts Interessantes herausfinden, deren Arbeiten die methodischen Qualitätsstandards nicht erfüllen, die an einer unbekannten Universität in einem wissenschaftlich unbedeutenden Land stammen.

Sie alle sind auf Publikationen und Zitierungen angewiesen – und ihnen kann geholfen werden. Seit ca. 2005 kümmern sich die predatory journals um diese Autoren. Es sind Zeitschriften, die so gut wie alles publizieren – Hauptsache, der Autor zahlt ein paar Hundert Dollar "Bearbeitungsgebühr". Laut Zeit ist um diese "Wegelagerer des wissenschaftlichen Publikationssystems" herum eine ganze Industrie entstanden. Spezielle Firmen kümmern sich sogar um den impact factor, der Bedeutung signalisiert.

Die Foristen halten nicht viel von peer-reviewed publications. Ein besonders kundiger  nennt sie ein elendes Geschäft. Früher sei die Uni Verleger und Drucker gewesen und habe mit ihrem Namen für Qualität gestanden. Dann kamen Verlage wie Wiley, Elsevier und andere und wollten alles billiger und besser erledigen. Daraus wurde ein Milliardengeschäft, in dem die Wissenschaftler sowohl Hersteller wie auch Käufer wurden – sie schreiben die Artikel und zahlen dafür.

Dazu kam noch das Konzept des freien Zugangs zu wissenschaftlicher Literatur im Internet. Seit open access seien alle Dämme gebrochen. Täglich erhalten Wissenschaftler 10-20 dubiose Einladungen von ominösen Journalen und 2-3 seltsame Einladungen zu Konferenzen in China oder sonstwo. In diesem Grundrauschen gingen seriöse Benachrichtigungen weitgehend unter. Und seit die Spitzbuben auch noch den impact factor ihrer Journale manipulieren, ginge die Qualitätskontrolle völlig den Bach runter. Um diesen ganzen Zirkus zu ordnen, schlägt der Forist eine Akkreditierungsorganisation mit einer Whitelist vor, um die sich die EU bittesehr verdient machen möge.

Aber damit sind die anderen Probleme nicht gelöst, die Review-Zirkel, die Zitierkreise, die Seilschaften, die sich gegenseitig in Position bringen. Ein Forist sieht das eine oder andere Journal "gekapert" von immer denselben Leuten. Wer da nicht mitmacht oder mitmachen will oder kann, der kommt in die Journale nicht rein.

Und das Problem open access ist damit auch nicht gelöst. Ein Forist, der sich als einstiger glühender Verfechter von open access bezeichnet, verortet das Ganze nun als einen einzigen Wilden Westen. Und man will ja nicht, dass die wissenschaftliche Fachliteratur auf Wiki-Niveau absinkt, wo am Ende das stehen bleibt, was der hartnäckigste Forist durchdrückt. Und, wie ein anderer anmerkt, mit likes und dergleichen kommt man auch nicht weiter.

Naja, vielleicht hilft Lächerlichmachen. Und wenn nicht, dann hat man wenigstens gelacht.

 

Medien-Links:

  1. I got a hoax academic paper about how UK politicians wipe their bums published (The Conversation 20.7.): Building on some prominent findings in social psychology, I hypothesised that politicians on the right would wipe their bum with their left hand; and that politicians on the left would wipe with their right hand. … I wanted to see if any “journal” would publish my ass-wiping “findings”.
  2. Fachzeitschriften: Journale im Zwielicht (Zeit Online 23.3., 90 Kommentare): Forscher müssen veröffentlichen, um voranzukommen. Verlage bieten ihnen an, ungeprüft Artikel in vermeintlich seriösen Onlinemagazinen unterzubringen. Der Ruf der Wissenschaft steht damit auf dem Spiel.
  3. Testing inter-hemispheric social priming theory in a sample of professional politicians – a brief report (Original nicht mehr online, ersetzt durch Squarespace 2.7.): There ist hardly a more impertinent social issue than where one sits on the left-right political dimension. This information controls countries, generates wars, and can be considered more relevant to our well-being than cancer, climate change, and Donald J. Trump’s policy to build a wall combined. In consequence, we designed a
    study to better understand the implications of this important psychological construct.
  4. Get me off Your Fucking Mailing List (David Mazières und Eddie Kohler 2005/2014): Get me off your fucking mailing list. Get me off your fucking mailing list. Get me off your fucking mailing list. 
  5. The Conceptual Penis as a Social Construct: A Sokal-Style Hoax on Gender Studies (Skeptic 2017): The androcentric scientific and meta-scientific evidence that the penis is the male reproductive organ is considered overwhelming and largely uncontroversial. … We used this preposterous sentence to open a “paper” consisting of 3,000 words of utter nonsense posing as academic scholarship. Then a peer-reviewed academic journal in the social sciences accepted and published it.
  6. The conceptual penis as a social construct (cogent social sciences 11.5.17): Anatomical penises may exist, but as pre-operative transgendered women also have anatomical penises, the penis vis-à-vis maleness is an incoherent construct. We argue that the conceptual penis is better understood not as an anatomical organ but as a social construct isomorphic to performative toxic masculinity. Through detailed poststructuralist discursive criticism and the example of climate change, this paper will challenge the prevailing and damaging social trope that penises are best understood as the male sexual organ and reassign it a more fitting role as a type of masculine performance.
  7. Bildung – Wie unseriöse Publikationen die Wissenschaft schaden (Süddeutsche Zeitung 19.7., der Schreibfehler stammt vom Original): Das Recherchenetzwerk von NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung Magazin" berichtet, dass mehr als 5000 deutsche Forscher in den vergangenen Jahren ihre Studienresultate in unwissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Weltweit sind es demnach etwa 400.000 Forscher.

Links von wb dazu:

 

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