Religion in Deutschland: weniger Christen, mehr Muslime

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graph-3078546_1280Die Zahlen sind gar nicht so leicht zu erlangen. Bei den Christen gibt's jedes Jahr eine Misserfolgsmeldung, deren Zahlen offenbar von Hand berechnet werden. Bei den Muslimen muss man sich die Zahlen aus allen Ecken zusammensuchen (Bild: Mediamodifier, pixabay).

"Wie gewohnt dauert es in der BRD immer bis in den Juli des Folgejahres bis die kirchlichen Statistiken vorliegen, wobei dann die Protestanten immer noch nur vorläufige Zahlen haben", schreibt Erwin Peterseil bei atheisten-info.at dazu (1.). Immerhin war 2017 wieder ein "gutes Austrittsjahr", was die Site mit den katholischen Austrittszahlen in Deutschland und Österreich belegt.

Die entsprechenden evangelischen Zahlen für die wissenbloggt-Tabelle (unten) wurden von Kirchenaustritt.de und kirchenaustritt.de/austria besorgt, wo die Zahlen manchmal geringfügig anders sind als bei atheisten-info.at – das war jetzt der einfache Teil.

Der Versuch, die Zahl der Muslime in Deutschland zu ermitteln, oder gar deren jährliche Veränderung, stößt auf Schwierigkeiten. Die amtlchen Zahlen gehen nur bis 2009, 2011 oder allenfalls 2015 (statista, Bamf). Es ist, als ob die amtlichen Statistiker mit den Fingern zählen und zwischendurch am Daumen nuckeln. Oder warum brauchen die 3, 4, 5 Jahre, um Zahlen liefern? Aktuelle Schätzungen gibt es nur bei den Rechtsauslegern oder in Forschungspapieren, die ganz allgemein auf 2020 oder 2050 abzielen.

Wenn es nicht von allein kommt, muss man's selber zusammenklabüsern. Bei wissenbloggt wurden die Zahlen von atheisten-info.at mit solchen von Kirchenaustritt.de ergänzt, wormit die evangelischen und katholischen Austrittszahlen für Deutschland und Österreich gut abgedeckt werden. Von der muslimischen Seite gibt es keine Austrittszahlen, zumal der Islam ja keine offizielle Bürokratie besitzt. Aber es gibt Zuwanderungszahlen, aus denen sich Rückschlüsse für die Entwicklung der muslimischen Bevölkerung in Deutschland ziehen lassen (für Österreich wurde das nicht analysiert, sorry).

Gewiss kann man nicht einfach die Asylzahlen in muslimische Zuwanderung umdeuten. Ein großer Teil der Zuwandernden ist muslimisch, aber nicht alle. Bei wissenbloggt wird mit 80% ein Kompromiss zwischen den 100% und den von fowid und Bamf behaupteten 50-70% verwendet (2.). Begründung für die 80%: Das Bamf trixt mit den Zahlen, und fowid verwendet die manipulierten Bamf-Zahlen.

Die Manipulation liegt z.B. darin, dass die Zuwanderung gar nicht unter Asyl subsumiert wird (siehe auch wb-Links). Formal mag das korrekt sein, aber es läuft auf Betrug hinaus. Man will doch wissen, wie viele Fremde einreisen, und dazu gehören nun mal alle, und nicht bloß die migrationsmathematisch berechneten.

Deshalb wurde der Versuch unternommen, die Entwicklung der muslimischen Religion aus den Asylzahlen und den Zuwanderungszahlen zusammenzusetzen, wobei speziell letztere schwer zu ermitteln sind. Die Geburtenzahlen wurden nicht eingerechnet, obwohl die auch einen erheblichen Beitrag leisten. Aktuell sind ca. 25% der Geburten von ausländischen Müttern; wenn davon nur die Hälfte muslimisch ist, sind es für 2017 ca. +100.000, die islamisch vereinnahmt werden (3. und wb-Link Geburtenzahlen). Die verwendete Formel ist schlicht:

Muslim-Zuwachs = 80% Asyl + 80% Familiennachzug

Das führt zu dem Ergebnis, dass es oft mehr Zuwachs ist als die reinen Asylzahlen. Man kann darüber diskutieren, ob die Zahlen von 1995-2005 nach denselben Maßstäben umgelegt werden können wie die späteren. Die Tabelle zeigt aber, dass das große muslimische Plus erst ab 2014 anfällt.

Insgesamt zeigt sich, dass der Rückgang der Religion nur für die christlichen Religionen gilt, gut 7 Mio. in 23 Jahren. In derselben Zeit hat die muslimische Religion um ca. 4 Mio. Betroffene zugenommen. Durch die ungebrochene Zuwanderung, durch noch mehr Familiennachzug und die hohen Fertilitätsraten geht der Trend weiter nach oben.

Die deutsche Säkularisierung kommt nicht mal halb so schnell voran, wie man denkt, wenn man nur die veröffentlichten Kirchenaustrittszahlen anschaut. Daran wird sich auch nichts ändern, weil die muslimischen Zuwanderer überwiegend jung sind und anscheinend nur wenige vom Glauben abfallen.

Jahr D-kath.1 D-ev.1 D-Musl.2 Aus-kath.1 Aus-ev.1
1995 -168.244 -296.782 +173.0004 -44.304 -2.854
1996 -133.275 -225.602 +164.000 -37.061 -2.917
1997 -123.813 -196.602 +171.000 -32.195 -2.694
1998 -119.265 -182.730 +165.000 -38.907 -2.891
1999 -129.013 -192.880 +168.000 -43.629 -3.468
2000 -129.416 -188.557 +154.000 -35.711 -3.332
2001 -113.724 -171.789 +161.000 -33.857 -3.053
2002 -119.405 -174.227 +141.000 -39.002 -3.253
2003 -129.598 -177.162 +114.000 -39.584 -3.193
2004 -101.252 -141.567 +90.0004 -51.731 -3.356
2005 -89.565 -119.561 +82.0004 -43.885 -3.208
2006 -84.389 -121.598 +69.000 -36.645 -2.943
2007 -93.667 -131.000 +68.000 -37.036 -2.975
2008 -121.155 -168.901 +63.000 -40.596 -3.020
2009 -123.681 -148.450 +64.000 -53.239 -3.128
2010 -181.193 -145.240 +83.000 -87.393 -3.931
2011 -126.488 -141.497 +86.000 -59.023 -4.251
2012 -118.335 -138.800 +106.000 -52.334 -3.812
2013 -178.805 -176.661 +147.000 -54.845 -3.985
2014 -217.716 -270.003 +213.000 -54.939 -4.262
2015 -181.925 -211.264 +447.000 -56.365 -4.264
2016 -162.093 -190.000 +680.0004 -54.884 -4.536
2017 -167.504 -200.0003 +270.0004 -53.510 -4.5003
Sum. -3.113.601 -4.110.663 +3.881.000 -1.080.649 -79.817

1: Austritte
2: Zuwanderung aus 80% der Asylanträge + 80% vom Familiennachzug (Bamf S. 93 und Bamf S. 65)
3: geschätzt von Kirchenaustritt.de bzw. wissenbloggt
4: Familiennachzug interpoliert von wissenbloggt oder aus anderen Quellen

Nachtrag 26.7. von atheisten-info.at (4.):

Bei den Muslimen lautete die von meinereinem angebrachte Überschrift "Zutritte" und nicht "Eintritte", weil diese Muslime traten ja nicht in den Islam ein, sondern fanden – besonders durch die merkelschen Bemühungen von 2015 – Zutritt in die BRD, natürlich gab's dazu auch noch einen ordentlichen Geburtenüberschuss.

Suchen wir die österreichischen Bruttozahlen von 1994 und schauen wir dann die prozentuellen Plus und Minus an! Als Tabelle mit entspr. Berechnungen sieht das so aus:

1994_2017Rel_ASomit sind seit 1994 die Einwohner um 11 Prozent mehr geworden (auch mit katholischen Einwanderern, weil die Austritte lagen ja bei etwa 1,25 Mio.), die katholischen Kirchenmitglieder wurden um knapp 16 % weniger, die Protestanten gar um über 22 %.

Man sieht wieder einmal: die Protestanten haben kein Zölibat, keine mittelalterlichen Morallehren, keine unauflöslichen Ehen usw., sie verlieren aber mehr Mitglieder, auf den Mitgliederbestand gerechnet sogar um fast 50 % mehr! Wie hier schon oft vermerkt: die protestantische liberale Beliebigkeit bindet nicht, sondern erleichtert den Austritt!

Bei den Katholiken schwebt wohl oft noch der alte katholische Geist über den Köpfen, der die Kirchenmitgliedschaft zumindest als traditionelle Pflicht vermittelt, wenn nicht gar der böse Verdammungsgott noch irgendwo im Unterhirn sitzt. Meinereiner hat in der Schule noch gelernt, dass ein Glaubensabfall das ewige Höllenfeuer zur Folge hat. Da meinereinem aber schon als Kind der Glaube fehlte, war das keine Drohung mit irgendeiner Art von Wirkung.

Beim Islam liegt das Problem deutlich anders, weil da geht es bei den Migranten sehr häufig nicht nur um den konkreten Glauben, um Allah und sein Paradies, sondern um Identität und Gemeinschaft und vor allem um Aufwertung: Als Zugehöriger zur einzigen wahren Religion ist auch ein unintegrierter Sozialhilfeempfänger ein Auserwählter! Und das ist wohl das spezielle Problem bei Migranten mit Islamhintergrund…

 

Medien-Links:

  1. Deutsche Kirchenaustritte 2017 (atheisten-info.at 21.7.): Der hier jedes Jahr vorgeführte katholische Kirchenaustrittswettbewerb zwischen Österreich und Deutschland hat natürlich auch heuer wieder einen österreichischen Sieger.
  2. Religionszugehörigkeiten der erfassten Asylsuchenden (fowid 27.9.16): In der Debatte über die Flüchtlinge 2016 wird in den Medien die Religionszugehörigkeit vereinfacht als „Muslime“ dargestellt. Dass dies nicht der Realität entspricht, belegen die Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (angegeben sind 50-70%).
  3. Geburtenanstieg setzte sich 2016 fort (Statistisches Bundesamt Destatis, Pressemitteilung Nr. 115 vom 28.3.): 2016 wurden in Deutschland 792.131 Kinder geboren.
  4. Austritte und Zutritte (atheisten-info.at 21.7.).

Links von wissenbloggt:

 

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