Rezension des Buches „Sigmund Freud: Leben und Sterben“ von Max Schur von Frank Sacco

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Frank Sacco, Doktor der Medizin, hat es mit Freud, wie die Zahl seiner Freud-Artikel beweist. Jetzt kommt eine Rezension dazu, von einem Buch, das Max Schur, der Leibarzt Sigmund Freuds, über selbigen schrieb.

Schon ein Weilchen her, aber das Thema ist ein Dauerbrenner. Es geht wieder um religiös induzierte Schuldgefühle und die zugehörige Androhung ewiger Folter – immer noch Hits im Wertekatalog der Kirchen.

Rezension Max Schur: „Sigmund Freud“  von Frank Sacco

Freud schrieb, die Angst vor dem Tod, „unter deren Herrschaft wir häufiger stehen, als wir wissen, sei gewöhnlich das Ergebnis eines Schuldgefühls (Quelle Max Schur, Sigmund Freud, S. 357). Deuten kann man den Satz nur so, dass die Angst vor dem irdischen Tod den Eintritt in ein Jenseits bedeutet, in dem diese „Schuld“ bestraft wird. Eine (verständliche) Angst vor einem qualvollen Sterben äußert Freud ja nicht. Ab dem Tod fühlt man sich dem schlimmsten aller Götter ausgeliefert, dem Christengott. Die vom „Katholiken“ Freud angenommene Schuld war gar keine. Es war lediglich eine Sünde. Er selbst brachte sein zur  Ohnmacht führendes Panikgefühl 1912  in München (irrtümlich) mit infantilen Konflikten „um den  Tod seines jüngeren Bruders Julius“ in Zusammenhang. Hier theoretisierte Freud natürlich, denn als Erwachsener kann man sich an keine Schuldgefühle erinnern, denen man als Einjähriger unterlegen sein mag. Freud meinte, er habe damals seinem Brüderchen den Tod gewünscht. Für einen Einjährigen ist das keine Schuld. Es ist aber eine schwere „Sünde“. Die Hölle ist nicht für kinderfrei erklärt. Der Geistliche regiert mit diesem selbst erfundenen Begriff „Sünde“ die Welt, so Nietzsche. Und er macht sie krank. Diese Welt.

Freud weist in „Das Ich und das Es“ auf die „große Bedeutung des Schuldgefühls (eigentlich also eines Sündengefühls) für die Neurosen“ hin. Die neurotische Angst erfahre „in schweren Fällen eine Verstärkung der Angstentwicklung zwischen Ich und Über-Ich (Kastrations-, Gewissens-, Todesangst)“. Die Todesangst sei etwas, das „sich zwischen Ich und Über-Ich abspielt“.  Das Ich fühle sich durch das Über-Ich „gehasst und verfolgt, anstatt geliebt“. Unbewusst fühlte sich Freud von seinem Kindheits-Überich gehasst, hatte er ja seine beiden Kindheitsgötter umgebracht. Bewusst war sie ihm aber nicht,  seine „Sünde“ des doppelten Gottesmordes. In gut einer Stunde hätte ich Freud von seiner Panikstörung geheilt. So aber muss Freud die Kirchen  und ihre erfundenen Götter  hofieren, denn das Maß seiner „Sünden“ sah sein Unbewusstes als übervoll an. Freud sah in psychischen Erkrankungen ursächlich einen Kind – Eltern – und nicht, wie des richtig ist, einen Gläubiger – Gott – Konflikt. Die Götter hätten drei Aufgaben, so Freud:  1. Die „Schrecken der Natur zu bannen, 2. mit der „Grausamkeit des Schicksals, besonders wie es sich im Tode zeigt, zu versöhnen“ 3. „und für die Leiden und Entbehrungen zu entschädigen“…

Über die Grausamkeit der Götter, dieser überaus einträglichen Erfindung der Geistlichkeit, lässt sich Freud nicht aus. Im Gegenteil. Er zeigt sich kirchenverliebt. Doch hinter dieser Verliebtheit steckt seine Angst. Seine Gottangst. Auf die Frage, was religiösen Lehren ihre Kraft verleihe, äußert der Analytiker, sie erfüllten, wenn gleich sie Illusion seien,  die „ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit“. Nicht etwa, wie ich es behaupte, sei deren Androhung ewiger Folter die Grundlage ihrer Macht, nein, die Wunscherfüllung sei das „Geheimnis ihrer Stärke“. Freud: „Durch das gütige Walten der göttlichen Vorsehung wird die Angst vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt.“ Es bedeute eine „großartige Erleichterung der Einzelpsyche, da Konflikte der Kinderzeit ihr abgenommen  und einer von allen angenommenen Lösung zugeführt werden“. Es sei daher aussichtslos, einem  Gläubigen durch Argumente den Glauben nehmen zu wollen.  „Gelänge es aber bei einigen, so wäre es eine Grausamkeit“, meint Freud.

Doch damit irrt Freud. Er führt mit diesem Irrtum die Psychiatrie in die einhundertjährige Sackgasse. Nicht wegen des lockenden Zuckerbrotes der Religionen, dem Paradies, sondern wegen ihrer Peitsche, ihrer Androhung ewiger Folter in einer sog. Hölle müssen wir den Patienten ihren Glauben nehmen. Für unsere Sacco-Kranken ist es diese Androhung ewiger Feuerfolter, die ihr Leiden bedingt. Die streng Gläubigen dagegen gehen in ein Gefängnis anderer Art: Sie finden nur Seelenfrieden durch eine vollständig zustimmende Unterwerfung unter jedes noch so verbrecherische Kirchendogma, „Bibel-Gottes“ Holocaust Sintflut eingeschlossen.

Doch manchmal klingt bei Freud dann doch noch Kirchenkritisches an, so in Mose Teil III. Mit den Kirchen habe man sich ja „vertragen“. Doch man werde sich den „stärksten Unwillen“ des  neuen Feindes (hier meint er sicher den Nationalsozialismus) zuziehen,  wenn die Analytik „zu dem Ergebnis führt, dass die Religion auf eine Menschheitsneurose reduziert und ihre großartige Macht“ darin gründe. Er spricht hier die damalige Allianz Kirche – Hitler an, die sich sehr eindrucksvoll aus dem  Buch „Gott segne den Führer“ vom Druffel-Verlag ergibt. Es sei „nicht Feigheit, sondern Vorsicht“, nicht die „Feindschaft der Kirche“ zu erwecken. Doch nun ist der Nationalsozialismus längst vorbei.  Und immer noch nicht können die Nachfolger Freuds handfeste Kritik an ihrem  größten Arbeitgeber, den Kirchen, aufbringen und ihn wegen seiner Androhung ewiger Folter Kindern gegenüber als Verursacher der meisten psychischen Erkrankungen identifizieren. Es ist keine Feigheit, sich gegen den schlimmsten aller „Götter“ zu stellen, aber es ist Angst. Es ist die größte Angst des Menschen. Und die ist so ziemlich kollektiv. Ich schrieb ein Buch darüber.

Den Vorwurf, sich mit den Kirchen „vertragen“ zu haben, muss man Freud allerdings ebenso wie der heutigen Psychiatrie machen. Denn dieser Feind unserer Kinder outet sich bis heute als kriminelle und terroristische Vereinigung, zu der es null Toleranz geben darf. Der ehemalige Chef der EKD, Bischof Nikolaus Schneider, droht unseren Kindern schriftlich bei entsprechenden Sünden ein ewiges „Feuer Jesu“ an. An anderer Stelle (Der Spiegel, 43/2014) gibt er zu, solcherlei Angstmacherei sei ein „Geschäft“ der Kirchen. Es ist illegal, dieses Geschäft. Es ist das mieseste Geschäft dieser Erde.

 

Max Schur, „Sigmund Freud: Leben und Sterben“ (suhrkamp taschenbuch, antiquarisch bei Amazon) Taschenbuch – 3. April 1982

Frank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor der Bücher

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