„Bullshit-Bingo“: eine Entschleierung ging in die Hose

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jeans-785990_1281Der Begriff Bullshit-Bingo steht im weiteren Sinn für Pfuscherei mit Schlagworten. Wenn die Worte zum Migrations-Politjargon gehören, und wenn ihre Bedeutung einer Entschleierung unterzogen werden soll, kann das in die Hose gehen (Bild: myMuzick & Hans, pixabay, Kombination von wb).

Eigentlich sollte es ja ganz anders kommen – Auslöser war das Schlagwort "linksgrün", das ganz unterschiedliche Interpretationen erfährt, je nachdem.

Wie der geneigte Leser in den Kommentaren zum Jahrhundertprojekt Umsiedlung verfolgen kann, gibt es da keinen Konsens. Der Kommentator Frank sagt: "rechtsextremistisch", Eckhardt meint: "das Wort erklärt nichts", und der wb-Schreibknecht Wilfried hält es für ein akzeptables Kürzel von SPD, Linke+Grüne.

Dahinter steckt ein Problem. Wenn das Wort von den Rechtsextremisten benutzt wird, in dem Sinne "Alles 'Grünlinke' heißt 'nicht-AfD'", spielt man ihnen dann in die Hände, wenn man "linksgrün" oder "grünlinks" sagt? Das ist praktisch die Frage nach der Deutungshoheit. Wer bestimmt, was die Schlagworte bedeuten?

Zu dem Thema hat sich die Zeit vorgewagt mit einem Wörterbuch der Verschleierung (1.), in dem die Autoren die "gängigsten Begriffe und Formulierungen sammeln und die politischen Interessen dahinter offenlegen" möchten. Auch wenn das Projekt unter "subjektives Glossar" läuft, stößt es auf einiges Kontra in den fast 500 Leserkommentaren. Die Zustimmung steht weit hinter der Ablehnung zurück.

Ein besonders klarsichtiger Forist fasst das Grundproblem in die Argumentation, dass manche der "Kampfbegriffe" den Sachverhalt zwar verrissen, überzogen und unangemessen darstellten, dass sie aber doch auf einem realen Problem beruhten. Das Problem könne in der Realität viel kleiner sein als dargestellt. Aber wenn man so täte, als gäbe es das Problem gar nicht, sei das wiederum auch undifferenziert und führe eher zu einem Aufschaukeln der Diskussion als zu einer Lösungsfindung.

Dieses Argument kommt vielfach mit anderen Worten, auch mit der Bekräftigung, dass diese Begriffe meistens nur haften blieben, wenn sie zumindest einen Splitter Wahrheit beinhalten. Dazu kommt noch die Frage, wenn nicht diese Begriffe, welche dann? Oder ist es überhaupt nicht stubenrein, über sowas zu reden?

Generell wäre das die Kritik vom "Strohmannangriff" auf die Leute, die solche Begriffe verwenden – das sei eher ein Versuch, faktenbasierte Kritik am Asylsystem mundtot zu machen. Ebenso kritisch ist die Wertung, da werde letztlich bei jedem Begriff ein missbräuchliches Framing unterstellt, gleichzeitig aber die eigene Deutung als Fakt hingestellt.

Nun ja, die Deutungshoheit liegt bei den Gutmenschen, oder ist dieser Begriff auch tabu? Eine Auswahl der Begriffe zeigt auf, wie konträr die Einschätzungen sein können. Der erste Teil (bis Asyltourismus) basiert auf dem Zeit-Artikel, der zweite auf den Foren und anderen Quellen. Besonders manipulative "Entschleierungen" sind mit * markiert:

"Kampfbegriff" "Gutmenschen" "Schlechtmenschen"
Flüchtlingsansturm, Flüchtlingsstrom Soll Angst vor Flüchtlingen schüren und von ihren Schicksalen ablenken. Die Opfer werden zu Tätern umgedeutet, die eine Gefahr darstellen. Videos von Flüchtlingsströmen gibt's viele, von Ceuta und Calais gibt's auch Videos, die einen Ansturm zeigen.
Überfremdung Schürt die Angst. Die Angst ist real und muss von der Politik respektiert werden.
Masseneinwanderung Suggeriert, diese Einwanderung geschähe ohne Kontrolle und ohne Steuerung.* Dagegen gab es viel Einspruch, denn wo sind denn Kontrolle und Steuerung?
Grenzöffnung Der Begriff verdrehe die Tatsachen, die Grenzen waren offen und wurden nur nicht geschlossen.* Fake, offen doch nur für EU-Mitglieder.
Rechtsbruch Es gab keinen.* Doch, die Grenzöffnung hätte vom Bundestag abgesegnet werden müssen. Auch Pässe wegschmeißen und übers Alter lügen sind Rechtsbrüche.
Außengrenzen schützen So werden aus Opfern sprachlich Täter gemacht, vor denen man sich schützen müsse. Das Wort "Grenzschutz" ist nun mal etabliert.
Aufnahmezentrum,
Ankerzentrum,
Willkommenszentrum
Diese Zentren sind Lager, niemand soll aufgenommen oder willkommengeheißen werden – es sind Abschiebegefängnisse. Die Bezeichnung Lager Friedland war damals kein Problem.
Asylkritiker Verharmlost und verschleiert Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt.* Wie sonst soll jemand genannt werden, der die Handhabung unseres Asylsystems kritisiert?
Asylindustrie Verunglimpfung der Helfer, damit ließe sich eher wenig Geld verdienen. Geschäftemacherei ist real: In Hotels, Heimen und Aufnahmezentren rollt der Rubel, viele neue Jobs für Sozialberufe.
Asylbetrug Das gäbe es nicht, der Begriff stelle das Asylrecht insgesamt infrage "da generell betrogen werde."* Das gibt es, und das zu sagen muss erlaubt sein.
Integrationsverweigerer Einseitige Anpassung sei gefordert. Ist nicht so, wäre aber unser gutes Recht bei nicht Anerkannten.
Obergrenze Verbietet sich schon aus ethischen Erwägungen (besonders sophistische Argumentation).* Ist für Immigranten völlig legitim, eigentlich selbstverständlich.
Sicherer Herkunftsstaat Sicher sind nicht mal alle europäischen Herkunftsstaaten. Aber Touristen und heimaturlaubende Asylanten können überall hin.
Subsidiärer Schutz Statt echter Hilfe nur Menschlichkeit auf Zeit.* Aller Schutz ist nur auf Zeit. Und die Subsidiären sind Abgelehnte.
Asyltourismus Oxymoron, also ein Widerspruch in sich. Stimmt eh nicht, weil Touristen selber bezahlen und wieder heimfahren. 2erlei Maß:

Wenn die Leute nur zum Gucken herkommen, muss sich alles an den Etabliertenrechten ausrichten.

Wenn sie zum Dableiben kommen, haben die Etabliertenrechte zurückzustehen, sonst ist es Fremdenfeindlichkeit.

Abschiebung ist Mord!   Falscher Hype.
Seenotrettung (impliziert Einwanderung in EU) Missbrauch, wenn die Seenot absichtlich herbeigeführt wird.
no borders!   Extremposition von SPD, Linken und Grünen.
Rechtsradikale, Fremdemhasser, Nazis   Diffamierung normaler Menschen, die für Grenzkontrolle, Durchführung der Abschiebungen und Seenotrettung mit Rücktransport sind.
Fachkräfte   Hat nicht gestimmt.
Buntheit   Meist Männer, und die Frauen verschleiert.
Bereicherung   Eher Rückschritt.
menschenverachtend   Alle, die nicht für das ungerechte, inhumane no-borders-Hilfsmodell sind.
Rechtsverschiebung   Es ist eine Rückkehr zur Normalität. Die Abkehr von einem massiven Linksruck als Rechtsruck zu bezeichnen ist sprachliche Manipulation.

Auffällig bei den Kommentaren zu dieser Sprachzensur und -sophistik ist das juristische Hickhack, ob dies oder jenes legal sei. Meist geht dabei unter, dass es nicht wirklich um die Buchstaben des Gesetzes geht, sondern um das, was der Souverän will. Die Gesetze müssen sich dem allmählich anpassen. Einige Passagen stammen aus Zeiten, wo das neue Migrationsgeschehen nicht absehbar war. Die müssen upgedated werden. Allerdings führt der Weg in die Irre, den die UN mit ihrem Flüchtlingspakt (wb-Link Umsiedlung) beschreiten wollen:

  • Alle Migranten gleichstellen, unabhängig vom Migrationsgrund,
  • und eine dauerhafte Umsiedlungspolitik von Afrika nach Europa.

Interessanterweise wird von den Gutmenschen sofort unterstellt, dass Begriffe wie "Umsiedlung" aus dem Schlechtmenschen-Vokabular stammen. Dem ist nun nicht mehr so, das stammt aus einem Bericht vom EU-Parlament (wb-Link Umsiedlung) und dürfte noch Furore machen, wenn es allgemein bekannt wird.

Zwei Dinge sind nachzutragen: Die Fülle der Manipulationsmöglichkeiten, die es im Sprachraum gibt, und die z.B. von der Werbeindustrie ständig ausgeschöpft wird. Und die aktuelle Stimmungslage der deutschen Allgemeinheit. Dazu gibt es eine Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov (2.). Das Ergebnis stützt die Schlechtmenschen: 62% der deutschen Befragten sind der Meinung, dass Deutschland bei der Aufnahme von Einwanderern weit mehr in der Verantwortung steht als eigentlich angemessen, nur 13% fanden es ok.

Tja, das war wohl nix. Das Entschleierungs-Projekt brachte keine konstruktiven Ansätze, es zeigte viel Anmaßung und brachte wenig Zustimmung. Die Meinungsumfrage zeigte ein ähnlich geringes Maß an Zustimmung – das ging voll in die Hose.

 

Medien-Links:

  1. Das Wörterbuch der Verschleierung (Zeit Online 13.7., 480 Kommentare): Die Autoren sammeln in diesem subjektiven Glossar die gängigsten Begriffe und Formulierungen und versuchen, die politischen Interessen dahinter offenzulegen.
  2. Einwanderungspolitik in Europa: Besonders Briten sehen ihr Land in der Verantwortung (YouGov 7/18): In Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Schweden sind die Mehrheit der Befragten der Meinung, dass Einwanderungspolitik ihres Landes zu nachlässig ist. In Deutschland (72 Prozent) und Schweden (64 Prozent) ist diese Meinung besonders ausgeprägt.

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5 Antworten auf „Bullshit-Bingo“: eine Entschleierung ging in die Hose

  1. Alle, die sich ein wenig in der rechtsradikalen Szene auskennen, wissen, dass es dort üblich ist, auf einschlägige Artikel hinzuweisen, wo man "völkischen" Protest absondern kann. Sie fordern ganz offen dazu auf, solche Kommentarteile zu überschwemmen.

    Daraus analytische Schlüsse zu ziehen, ist mehr als gewagt.

  2. Wilfried Müller sagt:

    Meinst Du wirklich dass in den Zeit-Foren "völkische Protestler" posten? Was ich so lese ist zumeist vertretbar. Allerdings löscht die Redaktion manchmal haufenweise Posts. Vielleicht ist das damit erklärt?

  3. Um einen Punkt aus der Tabelle herauszugreifen:

    Rechtsbruch

    Es gab keinen.*

    Doch, die Grenzöffnung hätte vom Bundestag abgesegnet werden müssen. Auch Pässe wegschmeißen und übers Alter lügen sind Rechtsbrüche.

    Die Situation war auf euopäischer Ebene eine Herausforderung. Angela Merkel hatte drei Handlungsoptionen:

    Human
    Inhuman
    Formalrechtlich

    Sie hat sich für die humane Option entschieden und dafür viel Kritik einstecken müssen. Humanitäre Hilfe zu leisten halte ich für keine Schandtat !

    Hätte sie sich für die inhumane Variante entschieden, wäre der Aufschrei womöglich noch größer gewesen, und die formalrechtliche Möglichkeit zu wählen hätte ihr leicht den Vorwurf der Drückebergerei eingetragen (auch wenn der Rückzug auf eine formalrechtliche Position bequem ist; in der Politik / bei politischen Entscheidungen spielen oft auch psychologische und einige andere Faktoren eine Rolle, die formalrechtlich nicht oder nicht leicht zu fassen sind. Nicht von Ungefähr gibt es die sogenannte "Politische Verantwortung").

    Einige europäische Staaten haben sich 2015 völlig aus der Verantwortung gezogen und tun dies bis heute.

    Übrigens, "Pässe wegschmeißen und übers Alter lügen" ist kein Fehlverhalten, das man Angela Merkel zum Vorwurf machen kann.

    Noch was: wieviele Flüchtlinge leben eigentlich bis heute in Jordanien und in der Türkei in Zeltlagern ?

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  4. @Wilfried:

    Du erinnerst dich vielleicht an unser Treffen in Erding. Hatte ich da blaue Augen? :D

  5. Wilfried Müller sagt:

    Frank, Deine Augen waren nicht blau. Wo wir von Überschwemmung der Kommentarteile reden, fällt mir auch eine gegenteilige Chose ein. Der o.a. bullshit-bingo-Artikel hatte im Zeit-Forum eine Menge gleichlautende Lobesmeldungen. Die wurden nicht von der Redaktion getilgt – ich hab auch keine blauen Augen.

    Eckhardt, es geht nicht um die Spontanreaktion im Herbst 2015, sondern um die Untätigkeit seither. Die rechtliche Situation scheint zu sein, dass der Bundestag der dauernden Aussetzung der Grenzkontrolle hätte zustimmen müssen. Diese Unterlassung wurde und wird zurecht kritisiert. Stimmt, es hätte in jedem Fall Geschrei gegeben, aber dann wären wenigstens die demokratischen Spielregeln eingehalten gewesen. Dass Pass-Wegschmeißen Vorteile bringt, ist ein deutsches Unikum und klarerweise ein Vorwurf an die Regierung. Kontrollverlust ist nicht gleich Humanität, im Gegenteil.

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