Kurzsichtig – durch Rückkopplung?

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Ein Artikel von Dr. Günter Dedié aus dem Emergenz-Netzwerk vom Freitag, 17. August 2018, Bilder: Quelle Pixabay/Dedié.

Kurzsichtig – durch Rückkopplung?

Bei der Entwicklung der Kurzsichtigkeit spielen offenbar Rückkopplungen eine große Rolle. Die Problematik ist wichtig, weil die Kurzsichtigkeit weltweit rasch zunimmt, besonders in vielen asiatischen Ländern, weil alle anderen Erklärungen und Therapien bisher keinen signifikanten Erfolg hatten (vgl. arte: „Generation kurzsichtig“, 20.1.2018) und weil es ein Musterbeispiel einer bisher nicht ausreichend beachteten und sogar zweistufigen Rückkopplung in der Gesellschaft ist.

dedie39281939_1775798625839270_7089096203563958272_oBild: Anpassung der Augenlinse für Fernsicht (a) und Nahsicht (b) durch den Ziliarmuskel (punktiert). Bei (b) muss der Ziliarmuskel sich zusammenziehen. Weitere Erläuterungen im Text.

Nach der Geburt sind Kinder etwas weitsichtig; die Normalsichtigkeit entwickelt sich in den ersten Lebensmonaten. Normalsichtigkeit bedeutet, dass die Länge der Augäpfel und ihre optischen Eigenschaften – insbesondere die der Augenlinsen in der Nähe der Ruhestellung – dafür sorgen, dass das Bild eines weit entfernten Gegenstandes auf der Netzhaut scharf ist, vgl. (a). Das Bild eines nahen Gegenstandes wäre bei der gleichen Einstellung der Linsen erst hinter der Netzhaut scharf. Der sog. Ziliarmuskel des Auges zieht die Linse deshalb soweit zusammen, dass das nahe Objekt auf der Netzhaut scharf abgebildet wird, vgl. (b). Die stärkere Krümmung der Linse für die Nahsicht entspricht einer zusätzlichen Brechkraft von ca. 3 Dioptrien.

Beim Wachstum des Kindes wachsen auch die Augen. Ihr Wachstum wird u.a. von den Sehnerven und den Nerven des Ziliarmuskels beeinflusst. Beim Wachstum kann sich die Länge der Augäpfel offenbar so anpassen, dass das Bild auf der Netzhaut für die meistbenutzte Sehentfernung in der Ruhestellung der Augenlinse und des Ziliarmuskels scharf ist. Das ist die erste Stufe der Rückkopplung. Wenn ein Kind also viel liest oder viel auf den Bildschirm eines Laptops oder Smartphones schaut, ist dabei ständig der Ziliarmuskel angespannt. Wenn der Ziliarmuskel entspannt bliebe, wäre das Bild erst hinter der Netzhaut scharf, vgl. (c). Da der entspannte Zustand vom Körper bevorzugt wird, können die Augen beim Wachstum länger werden, vgl. (d). Dadurch entsteht die Kurzsichtigkeit, wenn das Kind eine Disposition dafür hat, und vor allem dann, wenn die zu lesenden Zeichen eine besonders feine Struktur haben und die Kinder sehr fleißig lesen und schreiben wie in China und anderen asiatischen Ländern, wo die schulischen Leistungen einen hohen Stellenwert haben.

Ein weit entfernter Gegenstand ist aber dann beim verlängerten Augapfel aber nicht auf der Netzhaut, sondern davor scharf, vgl. (e). Darin bestet die Kurzsichtigkeit. Sie wird spätestens dann diagnostiziert, wenn sie etwa 3 Dioptrien beträgt, weil das Kind dann z.B. seine Eltern oder Bekannte auf der anderen Straßenseite nicht mehr erkennen kann (so war es bei mir). Sie wird dann durch eine Brille oder durch Haftschalen korrigiert, die die Verhältnisse von (a) wiederherstellt.

Die zweite Stufe der Rückkopplung kommt ins Spiel, wenn das Kind bzw. der Jugendliche die Augen auch mit der Brille weiter bevorzugt im Nahbereich benutzt. Dann geht die Entwicklung bei (b) weiter und bei (e) ist eine stärker korrigierende Brille nötig. Diese zweite Rückkopplung kann verhindert werden, wenn das Kind, sobald es eine Brille hat, diese für den Nahbereich konsequent nicht benutzt, weil dann das Bild auf der Netzhaut in der Ruhestellung der Augenlinse scharf ist, vgl. (d), und kein weiteres Längenwachstum des Augapfels provoziert wird. Mit einer „Kinder-Lesebrille“ von ca. 2 Dioptrien könnte man eine Kurzsichtigkeit bei gefährdeten Kindern möglicherweise sogar vorbeugend verhindern.

Ich habe persönlich und unbeabsichtigt auch eine Gegenprobe gemacht: Seit ich als älterer Mensch eine Lesebrille benutze, hat sich meine Kurzsichtigkeit etwa alle 10 Jahre um 1 Dioptrie abgeschwächt. (Diese Veränderung hat nichts mit der zunehmenden Altersweitsichtigkeit zu tun, weil diese darin besteht, dass die Augenlinsen nicht mehr stark genug akkommodieren können.)

 

Links zu Dediés Buch  Die Kraft der Naturgesetze, Günter Dedié, Verlag tredition, zweite Auflage 2015.
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2 Antworten auf Kurzsichtig – durch Rückkopplung?

  1. Eine stärkere Kurzsichtigkeit kann auch schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben: Mit zunehmender Länge des Augapfels wächst das Risiko für eine Netzhautablösung oder eine Makula-Degeneration.

  2. Eine kleine Ergänzung noch zur zweiten Stufe der Rückkopplung durch neue, für die Fernsicht optimierte Brillen: Die Weiterentwicklung der Kurzsichtigkeit lässt sich zu jeder Zeit stoppen, wenn die jeweils neue Brille nur für die Fernsicht und die "alte" Brille zum lesen usw. benutzt wird.

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