Elektroauto muss erst richtig erfunden werden

image_pdfimage_print

severed-arms-1785022_1280

Viel wird gejammert ob des Deutschen Kaufzurückhaltung beim Elektromobil. In Norwegen ist's viel besser, und erst recht in China. Da werden wohl demnächst die Kinderwägen elektrisch mobilisiert, damit jeder von klein auf das echte Elektro-Gefühl spürt. Gut fürs Geschäft der Elektro-Verkäufer (Bild: Amber_Avalona, pixabay).

Aber was passiert da eigentlich? Ganz normale Autos kriegen einen Elektroantrieb und einen dicken Akku statt Verbrennungsmotor und Tank. Das ist das Grundprinzip, und es ist falsch. Damit lassen sich weder die heutigen Verkehrsprobleme noch die heutigen Umweltprobleme beheben. Warum nicht?

Nun, die Städte und Autobahnen sind noch genauso verstopft, wenn die gleichen Karossen einen anderen Antrieb kriegen. Und die Umweltbelastung der elektrifizierten Vehikel ist gar nicht so günstig, wenn man Gift & Energiebedarf der Batterieherstellung einkalkuliert. Bei der aktuellen Akku-Technologie schneidet ein Elektromobil nicht besser ab als ein Dieselfahrzeug (wb-Links Elektro).

Den Bohei der Stickstoff-Debatte kann man sich bei wissenbloggt schenken. Früher hat man sich um CO2 und Ozonloch gesorgt und deswegen den Diesel gepriesen. Heute sorgt man sich um NOx und preist das Elektroauto. Irgendwann merkt der Mainstream, wie schmuddelig das Elektrische daherkommt, jemand rechnet aus, wieviel Tote das Akku-Gift kostet, und dann wird wieder was anderes hochgejazzt.

Immerhin braucht es z.Z. ~ 20 kg Lithium-Polymer-Akku, um soviel Antriebsenergie zu speichern wie von 1kg Benzin (Verbrennungsmotor-Wirkungsgrad 30% eingerechnet). Das macht größenordnungsmäßig 1 t Akku anstelle vom 50-l-Tank (genauer 750 kg bei Benzin, bei Diesel wären es 830 kg), und diese Tonne muss bewegt, beschleunigt und gebremst werden. Das zeigt das Hauptproblem des derzeitigen Elektro-Konzepts: viel Akku für wenig Reichweite.

Ansonsten geht die Rechnung einigermaßen auf. Die elektrische Energie wäre im Grunde schon da. Berechnet auf 2 Wegen kommt dieselbe Schätzung raus für die gesamte deutsche PKW-Flotte pro Jahr:

  • Flottenverbrauch ist ≈ 50 Mio. t Diesel und Benzin pro Jahr, entsprechend ≈ 50*109*10kWh = 500 TWh. Bei 30% Wirkungsgrad ergibt das einen Energiebedarf von 150 TWh pro Jahr.
  • Fahrleistung pro E-Mobil ist 15.000 km / Jahr, realer Stromverbrauch 20 kWh pro 100 km, bei 45 Mio. Autos sind das 45 Mio. * 15.000 km/Jahr * 20 kWh/100 km ≈ 150 TWh pro Jahr.

Der elektrische Energieverbrauch in Deutschland liegt bei etwa 600 TWh / Jahr, d.h. es käme noch ¼ drauf. 150 TWh / Jahr entsprechen 150 TWh / 8760 h = 17 GW. Das kann man theoretisch auf ~ 11 Kernkraftwerke (à 1.500 MW) oder 23 Kohlekraftwerke (à 750 MW) oder 20.000 Windkraftanlagen (à 4 MW mit 20% Wirkungsgrad) umrechnen. Dieser Kraftanlagenpark muss aber nicht gebaut werden, wenn die Akkus nachts geladen werden, während die Nachfrage nach Strom gering ist. Dann wird einfach die Stromproduktionskapazität besser ausgenutzt..

Der Strom wäre also da. Er muss bloß zum Auto hinkommen, d.h. man muss ganz viele Ladestationen bauen, wo die Autos längere Zeit dranhängen können. Beim jetzigen Konzept hängen sie lange dran. Denn selbst wenn sehr viel Strom abrufbar ist, braucht der Akku seine Zeit, um sich z.B. mit 100 kWh vollzuladen. Und eine Leitung für 100 kW ist nicht vergleichbar mit einem Lampenkabel, das ist Starkstrom, da fließt das 1000-fache durch, und selbst dann dauert es eine Stunde, bis 100 kWh durch sind.

Schon vom Aufladen her wäre es gut, wenn die E-Autos weniger energiebedürftig wären. Und sie müssten viel kleiner sein, um praktisch zu sein. Mit anderen Worten, das Konzept der 1:1-Ersetzung der Verbrennungsmotoren ist falsch.

Was wirklich einen Sinn machen würde, wären Gefährte, die den Stadtraum und den Nahbereich unter 100 km abdecken. Die müssen speziell dafür gebaut sein: kurz und schmal. Rein passt nur, was gebraucht wird, 2 Personen, 3 Kisten Bier. Von dieseauto-1325184_1280n Autos müssen 3 auf einen Parkplatz quer draufpassen. Innovative Parkplätze müssen möglich sein (Bild: webandi, pixabay). Die Karossen müssen berührungstolerant sein, also nix Hochglanzblech, sondern Gummi rundrum wie bei den Bumsautos auf dem Rummel. Der eine muss den anderen schieben können (französische Parksitten).

Noch besser ist es, wenn sie sich in der Kolonne elektronisch aneinanderkoppeln können, um mit Mini-Abstand durch die Stadt zu gondeln. Vielleicht kann man sie sogar stapelbar machen. Oder faltbar. Egal, wie das im Detail ausgeführt wird, es muss eine nette Lösung für die überfüllte Innenstadt rauskommen. Die Autobahn kann man der alten Technik oder der neuen Hybridtechnik überlassen.

Nach diesem Konzept könnte mindestens jedes 2. Auto ein Mini-Elektro-Auto sein. Das Konzept ist nicht mal neu, denn die Vorläufer waren schon von der Art. Sie müssen jetzt eine bessere, intelligentere und praktischere Neuauflage kriegen. Das darf ruhig bis hin zu selbstfahrenden Mini-Taxis gehen, die für jeden auf Abruf bereitstehen.

Damit lässt sich den etablierten people movers Konkurrenz machen. Die Bahn ist mit ihren umgerechneten 2,3 l Kraftstoffverbrauch pro 100 Personenkilometer nicht wirklich sparsam. Das können die Elektro-Minis schlagen. Allerdings sollte man nicht zuviel auf die Herstellerangaben geben. Der Verbraucher wird so oder so beschummelt. Früher waren's die Verbrauchsangaben, heute sind's die Reichweitenangaben.

Alles Gefilde, die sehr kreativ beackert werden. Man wünschte sich die Kreativität bei der Verbesserung des Angebots, und nicht bloß bei dessen Verkauf. Erfindet doch bitte das Elektroauto richtig!

 

Links von wissenbloggt dazu:

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Technik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf Elektroauto muss erst richtig erfunden werden

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Generell wird es immer verstopfte Straßen geben, egal welcher Antrieb. E-Autos sind erst einmal eine bessere Alternative zu Benziner und Dieselfahrzeugen. Was die Akkus betrifft, könnte man ein Aggregat einbauen, eine Art Lichtmaschine, das den verbrauchten Strom an die Batterie zurück gibt.

    JWG

  2. Wilfried Müller sagt:

    Gute Idee, aber da sind sie schon drauf gekommen. Nennt sich Recuperation.

  3. Wolfgang Goethe sagt:

    Nachtrag:

    In Schweden sind Ingenieure bereits in der Lage, kleinere Batterien mit höherer Leistung zu bauen. Das Recycling alter Batterien stellt auch kein Problem dar. Die Frage stellt sich nur: Woher das ganze Lithium nehmen, was es wohl nicht ausreichend geben soll. Man arbeite intensiv daran, alte Batterien in einen Kreislauf zu bringen (aus alt mach neu). Das Lithium sei das einzige Problem.

    JWG

Schreibe einen Kommentar