Rezension zu „Die verhängnisvolle Anmaßung“ von Friedrich von Hayek

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11TBW3CZEQL._AC_US218_Eine Rezension von Dr. Günter Dedié aus dem Emergenz-Netzwerk vom Sonntag, 29. Oktober 2017. Dedié schreibt über den (Neo-)Liberalen F.A.v.Hayek:

 

Hayeks Vermächtnis – eine Pflichtlektüre

Das Büchlein (195 Seiten) des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Friedrich von Hayek Die verhängnisvolle Anmaßung mit dem Untertitel Die Irrtümer des Sozialismus war sein letztes Werk und ist aus meiner Sicht außerordentlich empfehlenswert. Es ist sein Vermächtnis in Sachen ökonomischer Ordnung und kultureller Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Seine Kernbotschaft zur Gesellschaft ist die Bedeutung der „Erweiterten Ordnung des menschlichen Zusammenwirkens“, von der „… nicht nur die Entstehung, sondern auch der Fortbestand unserer Zivilisation … abhängen.“ Er verbindet in der Erweiterten Ordnung den Pluralismus der spontanen selbstorganisierten Prozesse in der Gesellschaft mit ihrer gewachsenen Kultur. Eine wesentliche Voraussetzung für den Pluralismus ist die Freiheit der Menschen, aber auch ihre Verantwortung dafür, was sie tun.

Da kürzlich der Wirtschaftsnobelpreis 2017 an Richard H. Thaler für seine Untersuchungen zur „Entzauberung“ des Homo oeconomicus im Rahmen der sog. Verhaltensökonomie vergeben wurde, hat Hayeks Büchlein nochmals an Aktualität gewonnen.

Die Entstehung des Werks war von erheblichen Problemen Hayeks mit dem geplanten Stoff (ursprünglich auf drei Bände angelegt) und seiner nachlassenden Gesundheit überschattet; Hayek befand sich bereits im 80. Lebensjahr. Er kam lange Zeit mit seiner umfangreichen Stoffsammlung nicht so recht voran. Da Hayek nach drei Jahren das Manuskript des ersten Bandes noch nicht fertig hatte, übernahm der US-Philosoph William W. Bartley in Abstimmung mit Hayek die Herausgabe. 1988 erschien der Band mit dem Titel „The Fatal Conceit“. Trotz gewisser Bedenken wegen der Authentizität des Werkes wurde es 2011 in die Gesamtausgabe von Hayeks Werken aufgenommen.

In der verhängnisvollen Anmaßung hat Hayek nochmal alle wichtigen Themen behandelt, die ihn als Wirtschaftswissenschaftler und Fachmann für selbstorganisierte Komplexität beschäftigt haben.

Im ersten Kapitel weist Hayek darauf hin, dass sich die komplexe Ordnung der menschlichen Gesellschaft lange dem menschlichen Verständnis entzogen hat. Aristoteles glaubte, die Ordnung könne sich nur so weit erstrecken, wie die Stimme eines Herolds reicht. (Er konnte natürlich noch nicht wissen, dass moderne Herolde weltumspannend gehört und gesehen werden können.) In den Horden der Jäger und Sammler wurden das Zusammenwirken noch von Instinkten gesteuert, von zwischenmenschlichen Gefühlen wie Solidarität und Altruismus, von der Fähigkeit zur Empathie sowie von persönlicher Autorität. Das alles aber nur innerhalb der eigenen Horde.

Die heutige Ordnung der Gesellschaft in ihrer Größe und Komplexität sieht er als Ergebnis einer Evolution der Kultur der Gesellschaft (bei ihm oft Tradition genannt), und nicht als Ergebnis eines rational geplanten Moralsystems. Diese Evolution ist ein ontologischer Prozess, der nur empirisch untersucht werden kann. Die geistigen Fähigkeiten der Menschen entwickeln sich im Rahmen der kulturellen Evolution in einer Ko-Evolution von Kultur und geistigen Fähigkeiten. Dabei entwickelten sich abstrakte Regeln menschlichen Verhaltens, die als Verbote oder Gebote das Zusammenleben von Großgesellschaften möglich machen. Dazu gehört Tausch und Handel, Arbeitsbereitschaft, Risikobereitschaft, Vertragstreue, persönlicher Besitz uva. Also das, was wir inzwischen durch Gesetze, Ethik und Moral beschreiben. Die Wirkung der Gefühle stand und steht dazu oft im Wiederspruch. Sie beschränkte sich zunehmend auf Nahbereiche wie die Familie, wo sich Menschen dauerhaft persönlich kennen und vertrauen.

Nach Hayek ist es kein Zufall, dass sich die o.g. abstrakten Regeln der Erweiterten Ordnung des menschlichen Zusammenlebens vor allem im wirtschaftlichen Bereich der Gesellschaft bildeten, denn freier Handel, Arbeitsteilung, Vereinbarungen und Verträge, Wettbewerb usw. bedingen komplexe Kooperationen und das – wie sich immer mehr herausstellt – schon sehr früh auch über große Entfernungen hinweg. Die Entwicklung der Erweiterten Ordnung umfasste die Übermittlung neuer Handlungsweisen und ihrer Fortschritte zwischen unterschiedlichen Gesellschaften, primär durch Nachahmung, und einen Wettbewerb der Kulturen. Die kulturelle Evolution verlief übrigens wesentlich schneller als die biologische Evolution.

In weiteren Kapiteln werden in hoher Dichte die Ursprünge von Freiheit, Eigentum und Gerechtigkeit beschrieben, die Evolution der Märkte, die „sozialistische Gegenbewegung“ als Aufstand von Instinkten und scheinbarer Vernunft mit dem Ergebnis der „verhängnisvollen Anmaßung“ zentral geplanter und ideologisch dominierter Staaten. Unter dem Titel „Unsere vergiftete Sprache“ weist er u.a. auf die Möglichkeiten einer geradezu babylonischen Verwirrung unserer Sprache durch das sog. “Wieselwort” sozial hin. Das Kapitel 9 zur Religion als Hüter der Tradition ist nur sechs Seiten lang und dürfte ein spezieller “footprint“ des Herausgebers Bartley sein, der praktizierender Katholik war.

Das Buch besticht durch seinen großen Gehalt an grundlegenden und wichtigen Informationen zur Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, sei sie nun liberal oder auch nicht. Verständlich, denn es ist ja Hayeks Vermächtnis. Als Rezensent gerät man dadurch aber in erhebliche Schwierigkeiten, weil eine komplette Rezension viel zu lang würde.

Ich möchte deshalb nur noch ein paar Aussagen hervorheben, die aus meiner Sicht gegenwärtig besonders relevant sind:

  • Der fatale Irrtum der Sozialisten und anderer Ideologen besteht darin, die Evolution der Kultur aus ihrer eigenen theoretischen Denkweise heraus steuern zu wollen.
  • Die Instinkte der Kleingruppen kann man nicht ungestraft auf anonyme Großgesellschaften übertragen (vgl. „Willkommenskultur“). Die Menschen müssen lernen, in Kleingruppen und Grossgesellschaften gleichzeitig zu leben, und sie nicht zu vermischen.
  • Nur der freie, pluralistische Markt ist fähig, dezentral vorhandenes Wissen der Bürger wirksam zu machen und neues Wissen zu erzeugen.
  • Die von Hayek geforderte wissenschaftliche Untersuchung des Konflikts zwischen seiner Erweiterten Ordnung und den zentral gesteuerten sozialistischen Gesellschaftsordnungen (Buch S. 4) hat in Form eines empirischen “Großversuchs” über Jahrzehnte stattgefunden und ist 1989 zugunsten der Erweiterten Ordnung, der Marktwirtschaft, ausgegangen.

Fazit: Ich finde das Buch uneingeschränkt lesenswert, vor allem in der heutigen, immer noch stark ideologisch geprägten Zeit. Auch wenn der Listenpreis mit 69 € für ein 195-Seiten-Buch ungewöhnlich hoch ist …

Last but not least noch eine Anmerkung: Es wird immer wieder behauptet, die aktuelle Finanz- und Bankenkrise sei ein Beweis für das Versagen der spontanen, selbstorganisierten Märkte. Dabei wird aber übersehen, dass die Krise durch mehrere massive Eingriffe der Regierungen in die Märkte verursacht wurde und laufend weiter verstärkt wird: Die US-Immobilienblase aufgrund dirigistischer Eingriffe der FED und der US-Regierung im US-Immobilienmarkt, der Import der US-subprime-Finanzpakete durch die deutsche Regierung zu den Landesbanken, die zwangsweise Euro-Einführung in ein dafür ungeeignetes Konglomerat von EU-Ländern und ohne flexible Wechselkurse, die „Rettung“ „systemrelevanter“ Banken vor der Insolvenz durch die riesigen, nicht demokratisch legitimierten Subventionen der EZB, die Geldschöpfung „aus dem Nichts“ durch die Banken der Euro-Staaten usw.

Hayek dürfte sich angesichts derartiger Staatseingriffe „im Grabe umgedreht haben“.

 

Friedrich A von Hayek: „Die verhängnisvolle Anmaßung, Die Irrtümer des Sozialismus, Verlag Mohr Siebeck 2001 (antiquarisch bei Amazon), ISBN-10: 316146673X, 186 Seiten.
 

Links zu Dediés Buch  Die Kraft der Naturgesetze, Günter Dedié, Verlag tredition, zweite Auflage 2015.
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