Elektro hin und Diesel her, Autofahren ist so schwer

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allianzschiene2018PNVZur Abwechslung mal wieder der Diesel. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit, denn vor ein paar Tagen war mal wieder das Elektromobil dran. Diesmal geht es speziell um die sozialen Aspekte vom Diesel-Bohei, und auch ein wenig um Beruhigung der künstlichen Aufregung. Dazu soll hier strikt wissenschaftlich vorgegegangen werden. Zu diesem Behufe wird hiermit der Begriff artifical brouhaha (AB) geprägt (Bild: Allianz pro Schiene).

Wie wenig am artifical brouhaha dran ist, zeigen die Schaubilder von der Konkurrenz (1.). Benzin- und Diesel-PKW zusammen wird im Personennahverkehr kaum mehr NOx-Emission zugeschrieben als dem Bus (auf Personenkilometer berechnet). Noch schöner wär's gewesen, wenn Benzin und Diesel getrennt gezeigt würden. Dann würden die Benziner mehr Energieverbrauch und Treibhausgase aufweisen und die Diesel mehr Stickoxide. Alles kein Grund für brouhaha.

Zumal dahinter ein von Partikularinteressen angetriebener Lobbyismus steckt, der dem NOx des Diesels 7.000 Tote pro Jahr zurechnen möchte. Dem Rauchen werden 140.000 Tote zugerechnet, und wenn man dasselbe Konzept auf die Akku-Gifte anwendet, kommen bestimmt auch Tausende von Toten raus.

Diesen spekulativen Toten steht eine reale Vernichtung von Milliardenwerten gegenüber. Wegen Bohei und brouhaha sind alte Diesel-Autos unverkäuflich geworden (2.). Dabei galten Dieselfahrzeuge vor einigen Jahren noch als umweltfreundlich, und ihr Kauf wurde gefördert. Der Kraftstoffverbrauch war geringer als beim Benziner und der Ausstoß an CO2 ebenfalls. Nun stellt man die Stickoxyde NOx in den Vordergrund, und das ganze kehrt sich um. Der Benzinmotor soll jetzt umweltfreundlicher sein, und die Dieselfahrzeuge werden geächtet (3.). Das schlagende Argument sind die spekulativen Toten-Zahlen.

Mit den Zahlen ist das allerdings so eine Sache. Die Allianz pro Schiene kommt z.B. auf einen Primärenergieverbrauch von 6,1 l Benzin pro 100 Personenkilometer beim PKW und auf 1,1 l bei der Bahn (Benzin aus Diesel oder Strom umgerechnet). Eine Gegenrechnung der FAZ ergibt 5,2 l für den PKW und 3,9 l für den ICE (4.). Da schneidet die Bahn gar nicht gut ab. Die Schienen-Befürworter können aber die Verkehrstoten in die Kalkulation einbeziehen: Von den gut 3.000 Verkehrstoten pro Jahr kann man vielleicht 500 dem Ferrnverkehr zurechnen (ca. 400 auf der Autobahn incl. Motorradfahrer). Das ist im langjährigen Schnitt das 50-fache wie bei der Bahn (5.) und rechtfertigt allemal den Titel … Autofahren ist so schwer.

Es wurde aber was Soziales versprochen, und das wird nun anhand des Scharf-links-Artikels von G. Karfeld (3.) geliefert. Das Wechselspiel Diesel hui, Diesel pfui ist nämlich ein lukratives Geschäft für die Autoindustrie. Wenn es Fahrverbote für den Diesel gibt, werden eine Menge Benziner oder auch Elektros verkauft.

Und der Verlierer ist – wieder mal der Nichtprivilegierte. Jeder, der alte Diesel-Autos fährt, jeder, der den Diesel braucht, weil er pendeln muss und sparsam fahren muss, und der nicht das Geld hat, sich alle paar Jahre ein neues Auto zu kaufen. Schließlich ist nach so kurzer Zeit der Verlust am größten.

Der Hauptkritikpunkt aus sozialer Sicht ist, dass man keine Fahrverbote aussprechen darf, ohne entsprechenden öffentlichen Personennahverkehr anzubieten. Naja, die Umweltbilanz vom ÖPNV ist nicht gar so günstig, wie die Grafik oben zeigt, und wenn man die FAZ dran rechnen lässt, fällt sie vielleicht noch ungünstiger aus.

Hinzu kommt noch ein Punkt, der gern vergessen wird: Kein Neuwagen ist ein sauberes Gefährt, denn zu seiner Produktion wird viel Umwelt verbraucht. Man darf also nicht nur die Belastungswerte alt/neu vergleichen, sondern man muss die Hypothek einkalkulieren, mit der der Neue ins Rennen geht. Das bedeutet meistens: Den Alten fahren, solange es geht.

Auch deshalb darf man das Scharf-links-Fazit unterstreichen: Fahrverbote dienen der Automobilindustrie; wer wirklich saubere Luft haben will, propagiert den Ausbau des Nahverkehrs und nicht Fahrverbote (Bild: Allianz pro Schiene).

allianzschienePFV Bleibt bloß das ewige Mysterium: Warum trifft es immer nur VW? Jedesmal wenn es happige Strafen gibt, sind die auf VW gezielt. Dabei sind die anderen genauso aufgestellt (6., 7., 8., 9.). VW hat nicht mal das Urheberrecht für Diesel-Täuschung. Ein Leserkommentar zu 6. berichtet, dass Daimler schon 2003 durch die Verkehrsbehörde des Bundesumweltamtes unter Leitung von Axel Friedrich des Betruges überführt wurde. Damals betraf es LKWs, und auch dort erkannte die Software den Prüfzyklus, so dass sie bei der Prüfung sauber arbeiten konnte und auf der Straße eben nicht mehr.

Vor 15 Jahren kam man noch ohne artifical brouhaha aus, deshalb ist die Kunde davon nicht verbreitet worden. Das Messen mit zweierlei Maß bei VW im Gegensatz zu den anderen ist allerdings ein Punkt, für den nun bittesehr etwas mehr AB fällig wäre.

 

Medien-Links:

  1. Allianz pro Schiene (Grafiken von Allianz pro Schiene): Die Allianz pro Schiene bringt den umweltfreundlichen Schienenverkehr in Deutschland voran. In unserem gemeinnützigen Verein arbeiten 23 Non-Profit-Organisationen und über 140 Wirtschaftsunternehmen zusammen.
  2. Gebrauchtwagen: Alte Diesel werden verstärkt ins Ausland verkauft (Zeit Online 7.8., 190 Kommentare): Der Export von gebrauchten Dieselautos ist um 20 Prozent gestiegen. Vor allem in die Ukraine haben sich die Ausfuhren gesteigert. Ein Grund dürfte der Abgasskandal sein.
  3. Luftqualität und Fahrverbote für Dieselfahrzeuge (scharf links 30.8.): Fahrverbote aussprechen, ohne alternative Verkehrsmittel wie den öffentlichen Nahverkehr auszubauen stellt keine Lösung dar. … Wer wirklich saubere Luft haben will propagiert den Ausbau des Nahverkehrs und nicht Fahrverbote. Fahrverbote dienen der Automobilindustrie.
  4. Klimabilanz der Bahn : Noch eine unbequeme Wahrheit (Frankfurter Allgemeine Zeitung 14.10.07): Sind Eisenbahnfahrer große Energiesparer? Solange die Bahn so betrieben wird wie heute in Deutschland, wohl kaum. Rein rechnerisch könnte man sich fast gleich ins Auto setzen …
  5. Verkehrssicherheit Nichts ist gefährlicher als eine Fahrt im Auto (Welt 13.12.17): Bahnen und Flugzeuge sind die sichersten Verkehrsmittel. Busse schneiden nicht viel schlechter ab. … Autofahren birgt das größte Risiko.
  6. Rückruf bei Daimler: Die Autoindustrie kommt schon wieder damit durch (Zeit Online 12.6., 420 Kommentare): Die Bundesregierung hat im Abgasskandal erneut auf Bußgelder verzichtet, es gibt für Daimler nur einen Pflichtrückruf. Das ist inakzeptabel, so entsteht kein Vertrauen.
  7. Abgasnorm: Welcher Neuwagen wirklich sauber ist (Zeit Online 11.6., 240 Kommentare): Immer mehr Automodelle erfüllen die zukunftsfähige Abgasnorm Euro 6d-Temp. Vorbildlich sind die Marken Peugeot und Citroën, bei VW läuft die Umstellung schleppend.
  8. Saubere Diesel: So gut sind die neuesten Euro 6d-TEMP-Modelle (ADAC 23.4.): Der ADAC hat erstmals drei Diesel-Modelle mit der neuen Schadstoffnorm Euro 6d-TEMP getestet, um zu prüfen, wie gut sie die Stickoxid-Grenzwerte einhalten.
  9. Abgasskandal – Import-Fahrzeuge viel dreckiger als deutsche Autos (Süddeutsche Zeitung 4.9.17): Das CAR-Institut der Universität Duisburg-Essen hat die Abgaswerte von 138 Autos aktuellen Euro- 6-Dieselautos verglichen. Im Schnitt stoßen sie beim Fahren auf der Straße das 5,3-Fache des in Europa erlaubten Grenzwerts von 80 Milligramm Stickoxid aus. Dabei schnitten die Modelle deutscher Hersteller sehr gut ab, die Fahrzeuge von VW waren in der Untersuchung sogar die saubersten.

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2 Antworten auf Elektro hin und Diesel her, Autofahren ist so schwer

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Seit 1937 gibt es Dieselfahrzeuge, die im Jahre 1973 von der Bundesregierung sogar gefördert wurden. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Diesel stets weiterentwickelt und ist, im Vergleich zu früher, schadstoffärmer geworden; durch Rußpartikelfilter und sonstige Verbesserungen. Und nun soll der Diesel aufeinmal schlecht sein?  Das mit Toten zu verrechnen, finde ich absurd. Was war denn damals mit den Kohle geheizten Öfen, da hat man nicht so hohe Wellen geschlagen, so wie jetzt mit dem Diesel. Es sind wirtschaftliche Aspekte die dahinter stecken. Am Anfang ist alles "gut" und dann alles wieder "schlecht". Man will jetzt die E-Autos vermarkten und verkaufen, da muß das andere eben schlecht gemacht werden – jetzt müssen die Diesel und Benziner herhalten, genauso wie jetzt auch die Glühbirnen herhalten müssen. Alles Strategie!

    Gruß JWG

  2. Wilfried Müller sagt:

    Deine Sprache von den kohlegeheizten Öfen, die Wellen schlagen, finde ich sehr ausdrucksstark. Ich stimme Dir in fast allem zu, nur bei den Glühbirnen seh ich es etwas anders: Die Glühbirnen mussten objektiv mangels Effizienz weg, nur hat man es 3 Jahre zu früh gemacht und dadurch eine unselige Generation von Quecksilberdampflampen verbreitet, aufwendig, teuer, lukrativ und schädlich.

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