Rezension Vollmer Gretchenfragen an Naturalisten

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gretchenvollmerIn einer klaren und allgemeinverständlichen Sprache bietet das Buch einen instruktiven Einstieg in den Naturalismus, schreibt der Verlag, und er hat recht. Das kleine Buch des Physikers und Philosophen Gerhard Vollmer aus der Schriftenreihe der Giordano Bruno Stiftung hat es in sich. Zehn Themenbereiche werden abgehandelt, von abstrakten Objekten wie Logik, Mathematik und Metaphysik über Kosmologie und Evolution bis hin zu Religion und Moral.

Der Text ist durchaus anspruchsvoll und setzt gutes Basiswissen und Begriffsverständnis voraus. Das kann sich der geneigte Leser ggf. bei den wissenbloggt-Bunge-Rezensionen anlesen (wb-Links). Das Lesen lohnt sich in jedem Fall, denn der Aufwand geht direkt ins Inhaltliche, ohne irgendwelche künstlichen Komplikationen.

Wie bei wissenbloggt üblich, ist der Rezensent Wilfried Müller nur glücklich, wenn auch ein bissel was zu bekritteln ist. Ja, an dem rundherum gelungenen Buch finden sich kleine Kritikpunkte, die hier aus der bungeschen Sicht angemerkt werden. Wie Bunge im Band III von Matter and Mind schreibt (wb-Links), gehört der Naturalismus um das Soziale, das Moralische, das Rechtliche, das Wissenschaftliche, das Technische, das Künstlerische, das Ökonomische, das Politische und das Kulturelle erweitert.

Was uns umgibt, ist ja zumeist nicht die Natur, sondern es sind Produkte unserer Kultur. Wir sitzen drauf, wir ziehen sie an, wir haben sie vor (und oft sogar auf) der Nase. Deshalb ist der Begriff Naturalismus schlecht geeignet. Der bungesche Begriff Materialismus trifft es wohl besser, auch wenn er die Attribute emergentistisch und systemisch braucht – genug der Abschweifungen.

Vollmer fängt mit den abstrakten "Gegenständen" Logik, Mathematik und Metaphysik an (hier hätte sich der allgemeinere Begriff "Objekte" angeboten). Er klärt, was ist die Natur der Logik, der Mathematik, und was ist Metaphysik? Er gesteht Logik und Mathematik eigentlich keine Natur zu, denn sie existieren nicht im "abstrakten Ideenhimmel", sie werden nicht entdeckt, sondern erfunden (sind also Produkte der Kultur). Und die Aussage zur Metaphysik lautet, es gibt schlechte (dogmatische) und gute (kritisierbare), und auch von der letzteren gilt: so wenig wie möglich.

Das Gegenteil gilt vom Realismus: so viel wie möglich. Vollmers Wahrheitsbegriff ähnelt dem von Bunge, der Tatsachen von Tatsachenaussagen unterscheidet; bei Vollmer ist ersteres die Wahrheit einer beschreibenden Aussage.

Vollmers Welt ist von Naturgesetzen gesteuert, wobei ihm auch Bunges klärende Unterscheidung Gesetze (implizit definiert) und Gesetzesaussagen (vom Menschen gemacht) abgeht. Aufwendig wird die Frage geklärt, ist die Welt deterministisch?

Nein, sie ist es nicht, denn es gibt den absoluten (Quanten-)Zufall, der "steht beim Beginn einer neuen Weltlinie." Das ist Vollmers Formulierung dafür, dass die Quantenereignisse die Weltläufte bestimmen.

Und wie ist die Welt entstanden? Da räumt Vollmer mit den Vorstellungen eines "Vorher" (vor dem Urknall) und eines "Schöpfers" auf – Naturalisten nehmen diese übernatürliche Krücke lieber nicht in Anspruch. Ähnlich ist es mit der Unendlichkeit der Welt, mit Mehrfachwelten und den Parametern des Universums. Warum die so sind, darüber gibt es nur – erfahrungswissenschafllich nicht seriöse – Spekulationen. Die Frage, warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? setzt etwas Außerweltliches voraus und ist deshalb entweder sinnlos oder unbeantwortbar.

Evolution

Weiter geht's mit der Evolution und der Entstehung von Komplexität. Das steht nicht im Widerspruch zur Zunahme der Entropie, weil diese lokal auch abnehmen kann. Der Begriff Emergenz wird von Vollmer als Beschreibung akzeptiert. Wenn beim Entstehen von neuen Eigenschaften (wie meist) der Zufall eine Rolle spielt, gibt es dafür keine Ursache und daher auch keine vollständige Erklärung (das hätte gern durch ein Beispiel vertieft werden können).

Vollmer sieht Naturwissenschaftler als Reduktionisten, die das Gesamtsystem aus den Komponenten erklären möchten, im Gegensatz zu den Holisten, bei denen nur das Ganze zählt. Die aufkommenden Fragen heißen jetzt, wie entstand das Leben, wie entstand der Mensch? Ersteres liegt ziemlich im Dunkel, es könnte ja Vorstufen gegeben haben, von denen keine Spuren mehr existieren. Zu letzterem wird natürlich mit Darwin argumentiert. Dabei, wie auch bei der Entstehung der Sprache, sehen Naturalisten keinen Grund, an einer natürlichen Entwicklung zu zweifeln (wobei die Sprache eigentlich den Naturalismus in Richtung Kultur verlässt).

Und schon stellt sich die Sinnfrage, die Vollmer klipp und klar bescheidet: Naturalisten sind in der glücklichen Lage, sich nicht um die fragwürdigen Konstruktionen der Sinnstifter mit "Jenseits" und Übernatürlichem/Unzugänglichen kümnmern zu müssen. Sie haschen nicht nach einem objektiven Sinn und wählen frei ihren subjektiven Sinn.

Auch in den Fragen zum Leib-Seele-Problem wird der Dualismus mit seinen übernatürlichen Konstrukten abgelehnt. Vollmer spricht von unterschiedlichen "Projektionen", die den Innen- und Außenaspekt der Gehirnvorgänge schaffen (bei Bunge heißt es weniger irritierend "Eigenschaften"). Als Nicht-Dualisten lehnen Naturalisten natürlich auch die "unsterbliche Seele" ab.

Die Problematik ums Bewusstsein wird nur kurz umrissen, zumal sie ja noch ungeklärt ist – das ist das hard problem. Ob es außerirdische Intelligenz gibt, ist eine Frage der Spekulation, auf die Vollmer noch näher eingeht. Dort rechnet er mit den Ungewissheiten ab. In puncto künstlicher Intelligenz ist er optimistischer, wobei er eine interessante Argumentation pro und contra einführt:

Einerseits lösen die Computer immer mehr Probleme, wenn auch durch Primitivmethoden "brute force" (alle Möglichkeiten durchprobieren). Ja, aber wenn man Intelligenz so genau anguckt, erscheint gar nichts mehr als intelligent. Möglicherweise wirkt auch der Mensch nicht mehr intelligent, wenn man auf den Dreh kommt, wie er's macht.

Wille oder nicht

Ähnliche Überlegungen hätte man sich auch beim "Dauerbrenner" Willensfreiheit gewünscht. Da möchte Vollmer dem Naturalisten jenen deterministischen Standpunkt eintunken, der vor mehr als 10 Jahren durch die Medien ging: Es kann keinen Freien Willen geben, weil das Hirn deterministisch funktioniert. Davon ist der Erfinder inzwischen abgerückt (wb-Link schwört ab), und auch bei Bunge ist ein Sinneswandel eingetreten (wb-Link Bunge V gegenüber Bunge/Mahner II).

Laut Vollmer sagen Naturalisten nein, sie hätten nicht anders handeln können. Auch Zufall schaffe keine Willensfreiheit. Damit widerspricht er sich gleich doppelt:

  • Auf der nächsten Seite möchte er einen Verantwortungsbegriff kreieren, der ohne Willensfreiheit auskommt (also man kann nicht anders handeln und soll trotzdem dafür verantwortlich sein).
  • Auf der vorigen Seite stand die schöne Intelligenz-Analyse: Wenn man sie mikroskopisch anschaut, sieht es nicht mehr wie Intelligenz aus – dasselbe gilt doch auch für den mikroskopisch betrachteten Freien Willen, der dann auf Zufall und Spontaneität zurückgeht: Das Hirn ist in vielen seiner Aktivitäten spontan und selbstgetriggert (Bunge: self generated, siehe auch wb-Links Wille).

Religion

Dieser Punkt dürfte die einzige wirkliche Schwäche in Vollmers Buch sein. Dafür legt er auf den folgenden Seiten mit seiner Stärke los, der Religionskritik (die eigentlichen bei Goethe entlehnten Gretchenfragen). Religion hat wohl evolutionäre Wurzeln und mag Überlebensvorteile geboten haben. Das heißt aber nicht, dass diese Vorteile heute noch bestehen. Naturalisten lehnen Religion wie alles Transzendente und Dogmatische ab. Naturalisten glauben gar nix. Es gibt keinen gültigen Gottesbeweis. Religiöse Erlebnisse sind Halluzinationen und Selbsttäuschungen. Und nun die schöne Argumentation:

Existenzaussagen lassen sich belegen, aber nicht widerlegen. Deshalb liegt die Beweislast ("Beleglast") für Existenzaussagen beim Behauptenden. Überzeugende Beweise sind aber bisher nicht aufgetaucht.

Teufel, Engel, Dämonen, Gespenster, Geister auch nicht. Es mag schon mal hilfreich sein, dran zu glauben, aber wegen der damit verbundenen Ängste eher nicht. Ähnliches gilt für Wunder – das sind Verstöße gegen die Naturgesetze, und der Naturalist bestreitet, dass es sie gibt.

Ist dann eine naturalistische Moralbegründung möglich? Nur eine relative, sagt Vollmer, man muss sich halt auf ein paar Grundnormen einigen. Nur als Beispiel: "Die Begründungslast tägt der Veränderer." Und: "Ultra posse nemo obligatur" (Unmögliches zu leisten ist niemand verpflichtet). Und: "Künftigen Generationen soll es nicht schlechter gehen."

Als Abschluss werden Esoterik, Para- und Pseudowissenschaften so richtig schön abgefieselt. Was ist dran? Nichts. Vollmer hat sich die Mühe gemacht, eine lange Liste zusammenzustellen, von Aberglaube bis Zombies. Ein paar Gegenbeispiele werden aber auch genannt, wo der vermeintliche Aberglaube keiner war, etwa bei Soziobiologie oder Monsterwellen.

Nach einem geschichtlichen Zwischenspiel kommt dann noch die letzte Auflistung: Was gibt es für Naturalisten alles nicht? Keinen Gott, keine Seele, keine außerirdischen Besucher, keinen objektiven Sinn des Lebens, keine Unfehlbarkeit usw. usf. Sehr lesenswert.

 

Gerhard Vollmer, Gretchenfragen an Naturalisten, alibri, 111 Seiten, kartoniert, Euro 10, ISBN 978-3-86569-278-8, Neuauflage 2017.

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