Rezension Tretter/Grünhut Ist das Gehirn der Geist?

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Die Titelfrage ließe sich ad hoc beantworten: Nein, das Gehirn ist nicht der Geist. Schließlich ist das Gehirn ein Organ, und der Geist ist eine Menge von Hirnaktivitäten, mithin eine ganz andere Kategorie. Trotzdem scheint die kategorienverletzende Frage ihre Kreise zu ziehen. Mit dabei sind der Medizinprofessor und Dreifachdoktor Felix Tretter und die Fachärztin für Psychiatrie Christine Grünhut.

Die beiden Autoren haben eine Sammlung von Erklärungsansätzen rund um das Thema herum zusammengetragen.

Es ist eine Sammlung von vielfach bereits gescheiterten Ansätzen, die sich meist noch gegenseitig widersprechen. So kommt es, dass das Buch alle paar Absätze für etwas Neues argumentiert, oft für das Gegenteil von vorher. Die Materie ist so vielgestaltig, dass kaum etwas zusammenpasst. Das erzeugt beim Lesen einen diffusen Eindruck, zumal alle Ansätze mit großer Geduld durchgenommen und mehr oder weniger gleich(-wertig) dargestellt werden.

Das einführende "Grundfragen"-Kapitel gibt schon mal einen Vorgeschmack. Da werden sämtliche Themen kurz angesprochen, was die meisten Leser stressen dürfte. In Kapitel 2-8 werden die einzelnen Themen dann vertieft. Kapitel 2 liefert ein paar Begriffe und ein paar Definitionen, die mal hier, mal da eingesammelt wurden und kein konsistentes Bild aufbauen. Unter "Unbstimmtheitsrelation" wird auch darauf eingegangen, dass ein "molekularbiologisch fundiertes Determinismus-Konzept von Gehirn und Geist fragwürdig erscheine". Zusammen mit ein paar weiteren unbestimmten Absätzen zur Unbestimmtheit ("Der Determinismus ist begrenzt") ist das die weitestgehende Annäherung der Autoren ans moderne physikalische Weltbild. Bei ihnen gehen die "Erkenntnisprogramme von Physik und Chemie" von einem deterministischen Weltbild aus.

Kapitel 3 wiederholt weitere Punkte aus dem Vorlauf, diesmal als Grundfragen zur Philosophie des Geistes. Die Beantwortung der Grundfragen ("Was ist der Geist?") besteht aus zusammengefügten Versatzstücken aus der Literatur, was unter "Gegenüberstellungen der bekanntesten Positionen" läuft. Eigene Stellungnahmen kommen praktisch gar nicht vor, es wird nicht gesagt, dieser Ansatz ist wissenschaftswidrig (Idealismus) oder überkommen (Dualismus). Immerhin findet sich ein zitierter Passus über die Präzisierung, nicht Gehirn sei der Geist, sondern Gehirnzustände seien Geistzustände, was aber den "Wahrheitsgehalt der Kernaussage nicht steigere".

Die Autoren lassen die Identitätstheorie (wie passen neuronale Aktivitäten und Geist zusammen?) für sich sprechen, bloß dass sie immer nur compilieren und nicht editieren, damit ein zusammengehöriges Ganzes draus wird. Für viele Leser mag das stressig wirken, sofern sie nicht in erster Linie wissen wollen, was man alles darüber denken konnte und kann, sondern wenn sie einen stimmigen aktuellen Stand erfahren möchten.

In Kapitel 4 wird eine Menge zur Psychologie compiliert, wobei die Information wieder einseitig auf der philosophischen Seite bleibt, die neuronalen Aspekte kommen hier nicht vor. Denen gehört das Kapitel 5 über die Neurobiologie, in dem die psychologischen Aspekte verschwinden. Man hat jetzt schon über die Hälfte des Buches gelesen, ohne dass die Beziehung Gehirn-Geist konkret vertieft worden wäre. Die Vorgangsweise ist, für jeden Aspekt erstmal Autoritäten zu sammeln, in der Hoffnung, damit wäre das Problem dann schon irgendwie bearbeitet. Es tauchen aber bloß neue Fragen auf, was von den konkurrierenden Darstellungen gelten soll, und vor allem, was es über den Grundzusammenhang aussagt.

Das Kapitel 5 erwähnt so nebenbei das zentrale Element der Hirntätigkeit, die Schleifen ("Feedback-Loops"), um dann über Informatik und Systemtheorie zu referieren. Der Leser wird mit Modellen konfrontiert, deren Bezug zum eigentlichen Thema recht gering scheint, die aber als "äußerst erfolgreich" beschrieben werden – welche Erfolge sind das, bei der Transposition von biologischen Neuronen in artifizielle Neuronen? Statt immer noch mehr belehrender Details hätte man inzwischen gern mal einen Erfolg beim Erkenntnisfortschritt.

Und ein paar aktuelle Informationen dazu, wie das Denken sich neurologisch darstellt, wären auch nett. Denn das Buch kommt nicht zu der Verbindung von Geist und Gehirn. Es gibt keine Aussagen dazu, wie sich Denken, Erkennen, Bewusstsein usw. in neuronalen Schleifen darstellen. Der Weg wurde von oben her bereitet (Philosophie) und von unten her (Systemtheorie), und wo sich nun beides treffen sollte, um in einer Synthese zum Erkenntnisfortschritt beizutragen, da passiert: Nichts. Im Grunde ist das ein Versagen beim Thema, beim Eigentlichen.

Stop, nicht ganz, denn in Kapitel 7 gibt es doch ein wenig davon, denn jetzt wird der Freie Wille diskutiert. Was dabei rauskommt, ist allerdings nicht ganz das Erwartete. Immerhin wird mehr oder weniger gesagt, dass der Wille nicht unfrei sein könne, bloß aus den falschen Gründen, und so windelweich wie üblich. Es fängt an mit dem Einstieg, wo drei Positionen unterschieden werden:

  1. Frei-Zufall,
  2. Bedingt frei-stochastische Determination und
  3. Unfrei-strikte Determination

Nun sollte klar sein, dass das heutige physikalische Weltbild die Position 3. nicht zulässt. Und es bleibt unklar, warum 2. bedingt frei sein sollte, wo doch dort auch Zufall mitspielt – den kann man doch nicht abschalten. Und bei 1. spielt der Quantendeterminismus genauso mit, den kann man auch nicht abschalten.

Die weitere Diskussion ist nicht frei von Dualismus, es wird so getan, als gäbe es einen Unterschied zwischen Person und Wille, zwischen Ich und Wille. Das Ich ist aber eine Menge von Hirnprozessen, und der Wille ist eine Untermenge davon – der Wille ist Bestandteil des Ich. An dieser Stelle werden wieder externe Positionen eingebunden, die z.B. den Freien Willen als Illusion erklären. Die Libet-Experimente werden diskutiert und mit Wenns und Abers versehen. Wie Entscheidungen zustandekommen, wird anschließend nur vom Philosophischen her besprochen, dabei muss man doch nur die mikroskopischen Vorgänge anschauen, um Libet zu erklären.

Verwirrend ist, wie nochmals zwischen den pro- und contra-Positionen zum Freien Willen hin und her gesprungen wird, wobei auch physikwidrige Standpunkte gelten. Am Ende wird das Bestreiten des Freien Willens eine "überzogene Position" genannt. Endlich mal eine Stellungnahme, wenn auch eine fragwürdige.

Als vorläufiges Fazit kommt nun Kapitel 8, mit dem Vorschlag zur Etablierung einer interdisziplinären Neurophilosophie. In einer Tabelle werden die Fragen dazu genannt, und es verwundert kaum, dass das Eigentliche wieder völlig unterrepräsentiert ist ("Mikro-Makro-Problem"). Kapitel 9 bringt das Thema als Zusammenfassung auch nicht auf den Punkt, aber immerhin ist die Rede von einer nötigen "Zusammenführung". Ein bissel Zusammenführung hätte man allerdings von dem Buch erwartet, nicht bloß die Aneinanderreihung von Literaturhinweisen und Autorennennungen. Soll man sich die alle merken? Wozu, wenn sie sich doch meist widersprechen?

 

F. Tretter, C. Grünhut, Ist das Gehirn der Geist? Grundfragen der Neurophilosophie, Hogrefe, 260 Seiten, 2010

(Das Thema Freier Wille wird im wissenbloggt-Artikel Philosophie: Freier Wille III – Zufall regiert nochmal aufgegriffen.)

Links von wisssenbloggt: zum Thema Freier Wille & Bewusstsein.

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2 Antworten auf Rezension Tretter/Grünhut Ist das Gehirn der Geist?

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    "Was ist der Geist" : mit dieser Frage sind auch die Hirnforscher, die Wissenschaft, und die Fachärzte der Psychiatrie beschäftigt. Der Geist ist ein allgemeiner Ausdruck für die kognitiven Fähigkeiten des Menschen.

    Den "Geist" findet man auch in der Politik, Religion, Islam, Judentum, und in der Philosophie.

    Aus der Bibel: "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" (Matthäus).

    JWG, Berlin

  2. Wilfried Müller sagt:

    Es gibt auch die Fraktion "Das Fleisch ist willig, aber der Geist ist schwach."

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