Philosophie: Freier Wille III – Zufall regiert

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chains-433541_1280Der Freie Wille taucht in philosophischen Büchern oft auf, und meistens ist er unfrei (Bild: geralt, pixabay). Da darf man anderer Ansicht sein.

Dieser Artikel argumentiert für die Ansicht, dass der Freie Wille real ist und tatsächlich existiert. Dazu wird der Umweg über eine Analogie gewählt.

"Mein Körper gehört mir!" ist eine gängige Ansicht. Kaum jemand aus unserer Kultur würde sagen, "Mein Körper gehört Angela Merkel." Oder Mario Draghi, oder sonstwem (mit "meinem Geld" ist es was anderes). Der Besitzanspruch am "eigenen Körper" ist eine Selbstverständlichkeit.

Dabei ist der menschliche Körper für die beteiligten Moleküle nur ein vorübergehender Aufenthalt. Durchschnittlich alle sieben bis zehn Jahre erneuern sich die Körperbestandteile. Manche gar nicht, manche in zwei Wochen oder noch schneller. Es gibt eine hohe "Erneuerungsrate" für die Körpermoleküle.

Die beteiligten Atome sind dafür um so langlebiger. Sie wurden vor Milliarden Jahren in einer Sonne fusioniert, bei deren Explosion ins Weltall geschleudert und dort als Staub von der Akkretion der Erde eingesammelt. Dort waren sie z.B. als CO2 Bestandteil der Luft, dann Bestandteil von Pflanzen und am Ende von Menschen. Meist nur vorübergehend, wie die Erneuerungsrate besagt. Die Atome gehören im Lauf ihres weiteren Daseins zu Pflanzen, Tieren, Menschen und weiteren Elementen der Biosphäre, oder zur Atmosphäre oder zur Geosphäre. In Milliarden Jahren zerfallen sie dann (wenn sie nicht "stabil" sind noch schneller).

Es ist also nicht so, dass auf allen Atomen von Müller "Müller" draufsteht. Im Gegenteil könnte die Namensliste ziemlich lang sein, und Waldi kann auch dabei sein. Dessenungeachtet spricht man ganz selbstverständlich von "seinem Körper". Warum nicht auch von seinem "Freien Willen"?

"Die Gedanken sind frei," sagt man. Gemeint ist damit auch, "der Wille ist frei." Wie frei der Wille sein kann, zeigen kleine Kinder. Bei deren Verhalten ist ein starkes Zufallselement dabei, das man oft ungebremst beobachten kann. Bei Erwachsenen spricht man dann von spontan, impulsiv und launisch.

Es gibt viel Kritik an der Setzung des Zusammenhangs Freier Wille – Zufall. Ein Argument könnte sein, die Launen wären ja deterministisch festgelegt. Das ist aber auf alle Fälle falsch, denn auf Dauer ist nichts deterministisch festgelegt. Irgendwann schägt der Zufall durch. Es ist nicht die Frage ob, sondern wann (Der Begriff Determinismus wird hier im überwiegend gebräuchlichen engen Sinn verstanden). Um es argumentativ abzuhaken:

  • Der objektive, intrinsische, (Quanten-) Zufall schafft zwar fast nur Änderungen auf der Mikro-Ebene. Aber dynamische Systeme verstärken minimale Änderungen in die Meso- und Makro-Welt hinein (wb-Link Quanteneffekte). Quantenereignisse sind das einzige, was die Welt davor bewahrt, vollständig deterministisch zu sein. Dies ist also das Argument, die Abwesenheit von vollständigem Determinismus schafft Freiheit – denn sonst wäre ja alles für alle Zeiten festgelegt.
  • Die ganze Welt ist ein dynamisches System, und auch das Hirn ist ein dynamisches System. Man darf annehmen, dass es auch dort labile Zustände gibt, wo Quanteneffekte in die Meso-Welt hinein verstärkt werden. (Schafft es ein Impuls über eine Potentialschwelle oder nicht? Schafft es ein Erregungszustand in den Fokus des Bewusstseins und erlangt Durchgriff?) Dies ist das Argument, das Hirn kriegt von der Quanten-Freiheit was ab (aus der nicht gänzlich deterministischen (Um-)Welt heraus sowieso, und wahrscheinlich noch aus Myriaden internen Quellen).
  • Nun darf noch das Mein-Körper-gehört mir-Argument herangezogen werden. Das liefert einen guten Grund, eine mikroskopische Eigenschaft wie den Quantenzufall für die eigene Person in Anspruch zu nehmen. Es liefert auch einen Grund, die komischen Entitäten und Eigenschaften der Mikro-Ebene als Bestandteil zu akzeptieren (wenn man die Mikrostruktur der Intelligenz erforscht, sieht man auf der untersten Ebene wohl auch nichts Intelligentes mehr, sondern nur Logik).

freedom-2053281_1280Der Zufall werkt an Entscheidungen mit, und wenn die Entscheidungen nicht fest programmiert sind, sind sie frei. Eine andere Freiheit hat unser physikalisches Weltbild nicht zu bieten (Bild: NeuPaddy, pixabay).

Zum Thema Willensbildung bietet wissenbloggt ein Gedankenexperiment an (wb-Link Quanteneffekte). Es geht um eine Zeitmaschine, die 100* dieselbe Zeitspanne wiederholt, um festzustellen, wie stark der Zufall auf die spontanen Entscheidungen wirkt. Mithin, um den Freien Willen theoretisch einzufangen und quantitativ zu beschreiben. Mangels Zeitmaschine ist das Experiment nicht gar so realistisch, aber es erlaubt ein paar grundlegende Erwägungen. Möglicherweise lässt sich in der Richtung konkret was untersuchen, wenn man es lernt, einen Menschen im Tomographen neu zu booten? Oder man bastelt eine Computerintelligenz, an der man es simulieren kann? Aber das ist jetzt wirklich genug Spekulation.

Als Fazit kann man sagen, in der Mikrowelt ist nicht alles, wie es aus der Makro- und Mesowelt scheint. So wie Intelligenz mikroskopisch wohl nicht intelligent aussieht, so ist der "eigene Körper" etwas höchst Variables und Fluktuierendes.

Ebenso ist der Freie Wille aus mikroskopischer Sicht nur ein Produkt des intrinsischen Zufalls. Das erlaubt eine andere Formulierung – für den Willen gilt wie für die ganze Welt:

Entscheidungen emergieren aus den Quantenereignissen.

Und der Freie Wille emergiert aus den Quantenereignissen.

 

Links von wissenbloggt dazu:

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3 Antworten auf Philosophie: Freier Wille III – Zufall regiert

  1. Saco sagt:

    Der Artikel stimmt unbesehen. Kompliment. Ich habe ein Gedicht dazu angefertigt.

    Seelenwanderung

    Die Welt ist gar nicht so marode, es gibt ein Leben nach dem Tode. Schon im Staub aus dem du stammst, wirbelt Elektrodendampf. Und die Bewegung der Atome, das ist gar nicht mal so ohne.

    Später mal im echten Leben, ist Seelenwanderung ein Segen. Denn es gibt dir wahren Trost, nach dem Leben sei was los. Wie das alles dann so geht, hier es jetzt geschrieben steht.

    Ob Kiefer oder Eiche, du bist nicht tot als Leiche. Der Regenwurm frisst feste, deine ganzen Überreste. Und baut Atome deiner Nase als Molekül in seine Samenblase.

    Dann geht er mit Frau Wurm zu Bett. Deine Nase findet das ganz nett. Neun Tage nach der Zeit der Brunft, Frau Wurm kommt dann zur Niederkunft. Zehn Würmchen wachsen so heran, das freut Frau Wurm und ihren Mann.

    Doch in der Pubertät, welch Graus, Würmchen zwei wagt sich aus der Erde raus. Ein riesengroßer Elefant, hat seine Chance gleich erkannt und frisst das Würmchen mit deiner Nase für seine eigne Samenblase. Der ewge Kreislauf kann beginnen, Frau Elefant kann nicht entrinnen.

  2. Ich empfehle in diesem Zusammenhang auch gern Michael Schmidt-Salomon "Jenseits von Gut und Böse".

  3. Wilfried Müller sagt:

    Ob Kiefer oder Eiche, du bist nicht tot als Leiche … Mir fällt dazu ein, ich hab auch ein Gedicht zur

    Wiederauferstehung

    Auch ich bin auferstanden
    Zuletzt war ich ein Regenwurm
    Ich traf mich mit Bekannten
    Worauf wir dann zum Angeln fuhrn

     

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