Manipulative Berichterstattung über Hungernde

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Die Zahl der Hungernden ist weltweit runtergegangen, aber jetzt ist sie erstmals seit zehn Jahren wieder gestiegen. Das wird in einem Bericht von fünf UN-Organisationen dargelegt (1.), und das gab Anlass zu zahlreichen Medienberichten. Es geht um 821 Millionen Menschen, die 2017 unterernährt waren, 17 Millionen mehr als 2016 (Bild: OpenClipArt-Vectors, pixabay).

Unter anderen greift auch ein Bericht der Zeit dies Thema auf (2.). Wie immer bei der Zeit, kann man sich auf kritische Leserstimmen verlassen. Die Stichpunkte in diesem Artikel gehen u.a. auf die Zeit-Foristen zurück – und Kritik erscheint angebracht.

Es geht schon mal damit los, dass die Zahlen kritisch angeschaut werden müssen. Denn die Unterernährten werden nicht gezählt, sie werden berechnet und extrapoliert (Methodologie ab Seite 140 in 1.). Der Anstieg von 804 Millionen auf 804+17=821 Millionen entspricht gleichbleibender Prozentzahl von der Weltbevölkerung. Die Tabelle wurde mit Hilfe von (3. und 4.) erstellt, und sie zeigt nebenbei, dass die Zunahme der Weltbevölkerung nicht bei 80 Mio. pro Jahr liegt, wie viele annehmen, sondern bei 100 Mio. pro Jahr.

Jahr Bevölkerung Zuwachs  Hungernde Zuwachs Hung. %
2015 7,35 Mrd.   800 Mio.   10,88%
2016 7,45 Mrd. 100 Mio. 804 Mio. 4 Mio. 10,81%
2017 7,35 Mrd. 100 Mio. 821 Mio. 17 Mio. 10,83%

Der Anteil der Hungernden ist gleich geblieben, aber wenn man den Berechnungen trauen darf, ist ihre Anzahl zuletzt gestiegen. Die Kurve zeigt allerdings längerfristig nur Abnahme (3., in den letzten 50 Jahren auf 1/5), und inwieweit die Zunahme signifikant ist, wird nicht belegt.

Darauf beruht der Manipulations-Vorwurf aber nicht. Der macht sich am Text der Meldung von dpa & Co. fest: Weltweit leiden erstmals seit zehn Jahren wieder mehr Menschen an Hunger. Dass die Zahl steigt, liegt laut einer UN-Studie an Kriegen und Konflikten – und am Klimawandel (wiedergegeben in der Zeit 2.).

Als ob die Bevölkerungszunahme garnix damit zu tun hätte.

Im Bericht der Fao (1.) wird das Bevölkerungswachstum nur so nebenbei in Kombination mit anderen Problemen als Ursache erwähnt (2 Erwähnungen S. 2 & 4 "population growth", gegen ca. 10* "vegetation growth" und gefühlt 100* "child growth"). Anders als das andere zentrale Thema Klima hat die Bevölkerungsentwicklung keinen eigenen Abschnitt – und in der verbreiteten Meldung ist dieser Punkt glattweg verschwunden.

Das ist Manipulation. Die Übervölkerung dürfte die Ursache Nummer eins für den Hunger in der Welt sein. Aber das Thema Bevölkerungsexplosion ist generell ein Tabuthema. Es gibt nicht mal eine klare Aussage dazu, wie groß die Zunahme pro Jahr ist, etwa 80 Millionen kann man vielfach lesen. Die Statistik in 5. und 6. zeigt aber eher 100 Mio., also erheblich mehr.

Während der Bevölkerungsaspekt zahlenmäßig und bedeutungsmäßig heruntergespielt wird, bzw. so gut wie ignoriert wird, ist der Klimaaspekt der Dreh- und Angelpunkt beim Ernährungs-Report. In der Studie laufen Kriege und Konflikte immer nur nebenbei mit, insofern bildet die dpa-Meldung nicht mal diese Priorisierung richtig ab (liegt … an Kriegen und Konflikten – und am Klimawandel).

Selbst da gibt es also eine Schieflage – und noch mehr. Im Fao-Report ist auf S. 39 eine Grafik zu wetterbedingten Desastern zu sehen, die seit 2006 keine Zunahme mehr zeigt. Das steht im Widerspruch zu dem Text im Fazit (S. 112: Evidence shows that, for many countries, recent increases in hunger are associated with extreme climate
events …
).

Im weiteren Text gilt Erwärmung stets als schlecht, auch wenn sie z.B. in Russland gewaltige neue fruchtbare Zonen schafft. Dass die Sahelzone sich klimatisch verbessert hat, wird gar nicht erwähnt. Bei den ausführlich aufgezählten Schäden ("damage and loss") vermisst man die Aussage, wieviel davon der Übervölkerung verdankt wird. Wenn sich die Bevölkerung vervielfacht und damit auch Wasserverbrauch, Holzeinschlag usw., gibt es nun mal Umweltzerstörung durch Übernutzung.

Auch hier also ein Bias, eine Voreingenommenheit, welche die Menschen der 3. Welt von Schuld freispricht, während sie den Menschen der 1. Welt unausgesprochenermaßen alle Schuld zuschiebt. Die sollen ebenso unausgesprochenermaßen auch die Programme für den Klimaschutz bezahlen (climate resilience policies, programmes and practices), denn nur so könne das Ziel erreicht werden, den Hunger zu beenden (S. 113).

Hierher gehört noch das weitestgehend ignorierte Argument, dass Europa und speziell Deutschland mit seiner niedrigen Fertilitätsrate auf dem Weg zu nachhaltigen Zuständen war, bevor die Immigration einsetzte und den Weg verbaute. Speziell wenn die Immigranten aus der 3. Welt kommen, ist das ein echtes Heuchel-Thema: Wenn wir sie nicht aufnehmen, sündigen wir gegen die Humanität. Und wenn wir sie aufnehmen, sündigen wir gegen die Umwelt.

Wie es scheint, wird nur der Punkt Kriege und Konflikte halbwegs objektiv abgehandelt ("conflict" zieht sich parallel zu "climate shocks" durch den Text). Die Menschen der 3. Welt leisten selber genug in der Richtung – Kriege, Bürgerkriege, Genozid. Schande über unsere Flintenuschis und Säbelrassler, die sich mit zusätzlicher Kriegstreiberei da einmischen.

Unterm Strich zeigt sich eine manipulative Grundhaltung, die fern von Objektivität ist. Sie steht nicht hinter der Zahlen-Gymnastik vom deutschen Arbeitsamt zurück, und auch nicht hinter dem Wahrheits-Stretching vom Bamf. In der Fao-Studie ist die Desinformation schon angelegt, und die Berichte darüber setzen die schräge Vorgabe noch schräger um.

Abschließend noch ein paar Argumente aus dem Zeit-Forum (2.), die der Report auch beiseite lässt:

  • Warum schwanger werden, wenn nicht genug zu esen da ist? Kinder als Altersvorsorge funktionieren nicht, wenn sie verhungern. Haben die Frauen keinen Zugang zu Informationen und Verhütungsmitteln? Oder geht das auf das Machotum der Männer zurück, die viele Kinder als Ausdruck der Männlichkeit sehen?
  • Ist die Vergeudung und Vernichtung der Lebensmittel in der 1. Welt schuld? Hunger entsteht aber dadurch, dass die Hungernden nicht genug Geld haben, um Nahrungsmittel und deren Transport zu bezahlen. Wenn das die reichen Länder tun, helfen sie nur kurzfristig und zerstören langfristig die Landwirtschaft vor Ort.
  • Die Bevölkerungs-Wachstumsraten sind meist dort sehr hoch, wo die Ernährungssituation besonders schlecht und unsicher ist. Vielleicht erscheint dies den UN-Fachleuten zu banal, um es zu erwähnen? Ebenso sarkastisch die Frage nach dem Zusammenhang, ob mehr Hungernde auf der Welt womöglich etwas zu tun haben mit immer mehr Menschen auf der Welt?
  • Konstruktiv ist die Frage, ob eine Kombination von Nahrungsmittelhilfe und Bevölkerungsregulierung möglich ist? Durch 5-Jahres-Spirale oder durch Sterilisation? Dies wurde allerdings kontrovers diskutiert ("Zwangssterilisation"). Aber welche Lösung soll es denn geben, wo doch die Bevölkerungsvermehrung schneller geht als alle Aufbauhilfe?

Dieser Text soll keine Stellungnahme gegen Hilfe für die Hungernden sein, im Gegenteil. Viele von der Studie vorgeschlagene Maßnahmen zur besseren Umgang mit Klimaproblemen mögen hilfreich sein. Aber was bestimmt nicht hilfreich ist, ist Desinformation und Ablenkung vom Hauptproblem Übervölkerung.

Insgesamt ist das Thema Hunger stark unterrepräsentiert. Warum gibt es kaum Demos oder Transparente zur Rettung der 800 Mio. Hungernden, während die 2 oder 3 Mio. Flüchtlings-Migranten aus Lybien und dem Mittelmeer ständige Medienpräsenz haben?

 

Medien-Links:

  1. Food Security and Nutrition in the World (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (Fao) des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (Ifad), des UN-Kinderhilfswerks Unicef, des Welternährungsprogramms WFP und der Weltgesundheitsorganisation WHO 2018) Klima-Auswirkungen auf Seite 39 zeigen seit 2006 keine Zunahme, die geschätzten Hungernden-Zahlen ab S. 140.
  2. 821 Millionen Menschen sind unterernährt (Zeit Online 11.9., 120 Kommentare): Weltweit leiden erstmals seit zehn Jahren wieder mehr Menschen an Hunger. Dass die Zahl steigt, liegt laut einer UN-Studie an Kriegen und Konflikten – und am Klimawandel (Den Bericht hat die Zeit anscheinend von
  3. Global Extreme Poverty (Our World in Data, 2013, Revision 27.3.17). Die Kurve dort zeigt 9,6% extrem Arme für 2015.
  4. Weltbevölkerung von 1950 bis 2017 (statista 2018). Angezeigt werden 7,35 für 2015 und 7,55 für 2017.
  5. Bevölkerungsentwicklung (Bundeszentrale für politische Bildung 1.7.17). Die Statistik zeigt 7,3 Mrd. für 2015 und 7,77 Mrd. für 2020, das sind fast 100 Mio. pro Jahr, und dazu eine durchschnittliche Wachstumsrate von 1,1%, entsprechend gut 80 Mio.

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2 Antworten auf Manipulative Berichterstattung über Hungernde

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Zahlen sind manipulierbar. Ob der Klimawandel und die Überbevölkerung an der ganzen Misere schuld ist, bezweifle ich. In Asien gibt es auch Überbevölkerung, aber nur wenige müssen hungern – weil Asien eine bessere Infrastruktur hat.

    Was ist eigentlich mit den Spenden, die seit Jahrzehnten und länger in die 3.Welt gehen – und was tut deren Regierung gegen den Missbrauch? Ich sehe keinerlei Infrastrukturverbesserungen und Veränderungen. Wenn ich in Fernsehberichten dann sehen muss, dass Nestlé in der 3.Welt Wasserquellen aufkauft und sie stilllegt, um dann ihr eigenes Wasser an die Armen teuer zuverkaufen. Das gilt auch für die Ersatzmuttermilch von Nestlé für Babys, die sich aber dort kaum einer leisten kann. Und dass nennt sich dann human.

    JWG

  2. Der wesentliche Grund für Überbevölkerung bleibt leider zumeist unerwähnt: mangelnde Bildung und Gleichberechtigung der Frauen.

    Bei uns in Tunesien ist seit Jahrzehnten daran gearbeitet worden mit dem Ergebnis, dass 50% der Studenten weiblich sind und die Geburtenrate bei 2,2 liegt, also gerade mal beim Erhaltungssatz. Einen Youth Bulge kennen wir hier nicht..

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