Gehört das Christentum zu Deutschland?

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child-945422_1280Diese provokante Frage stellt sich angesichts des katholischen Kinder-Missbrauchs-Skandals. Bei den Evangelen ist nichts in einer auch nur annähernd solch extremen Ausprägung bekannt; ihnen steht deshalb eine Entschuldigung wegen unseres pauschalisierenden Titels zu. Muss man womöglich bei den Katholen auch noch relativieren? (Bild: Free-Photos, pixabay).

Wo doch die Studie noch gar nicht veröffentlicht ist, und trotzdem werden schon Schuldzuweisungen ausgesprochen? Und wo die römisch-katholische Deutsche Bischofskonferenz deswegen böse ist, weil sie doch so sehr mit den missbrauchten Kindern mitfühlt, und es sogar unternommen hat, ein Beratungs-Telefon für diejenigen zu schalten, die aufgrund der Berichterstattung aufgewühlt sind (Pressemitteilung 1.).

Wie bitte? Die sehen seit zig Jahren zu, wie Missbrauch getrieben wird, sie verhindern eine angemessene Strafverfolgung der Verbrechen, sie begünstigen die Täter und befördern sie z.T. noch (4.), und nun spendieren sie den Opfern ein Telefon, weil die "aufgrund der Berichterstattung" "aufgewühlt" sein könnten? Solche bischöfliche Rede ist Menschenverachtung pur.

Doch immer der Reihe nach. Ausgangspunkt ist eine systematische Studie, in der die Deutsche Bischofskonferenz über vier Jahre lang sexuelle Gewalt in der Kirche erforschen ließ. Durch eine Indiskretion kam es zur "verantwortungslosen Vorabbekanntmachung der Studie" (1.) z.B. in der Zeit (2.) und im Spiegel (3.).

Die Kirche hatte demnach 38.000 Personalakten aus den Jahren 1946 bis 2014  zur Verfügung gestellt, in denen sie selbst die Eintragungen gemacht hat. Aus den untersuchten Akten ergab sich die "untere Schätzgröße", dass 4,4% aller Kleriker in diesem Zeitraum 3677 Minderjährige sexuell missbraucht haben. Von den aktenkundigen 1670 Beschuldigten wurde nur gegen 566 ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet, 154 Verfahren endeten ohne Strafe oder Sanktion. In 103 Fällen gab es lediglich eine Ermahnung. 41 Beschuldigte wurden aus dem Klerikerstand entlassen,  88 Beschuldigte wurden exkommuniziert. Rechtsstaatliche Verfolgung der Straftaten gab es gar nicht.

Die Beschuldigten haben mehrheitlich keine Reue gezeigt (2.).

Worum es ging bei den maximal 13 Jahre alten Betroffenen? Eine nicht belegbare Quelle zitiert S. 288 der noch geheimgehaltenen MHG-Studie: Berührung primärer Geschlechtsteile unter der Kleidung, Küsse auf den Mund, genitale Penetration, Masturbation an Betroffenen, Entkleidung Betroffener, Demütigung und Züchtigung, Oralverkehr, Fingerpenetration, Zeigen pornografischer Bilder.

screenshotdbk2018Schon bevor die Studie publiziert ist, werden Zweifel angemeldet, dass die Studie "eine umfangreiche und sorgfältige Erhebung ist", wie die Bischofskonferenz behauptet. Diese Kritikpunkte werden geäußert (z.B. im Zeit-Forum 2.):

  • Die Missbrauchszahlen aus kirchlichen Internaten kämen in der Studie nicht vor.
  • Wahrscheinlich gibt es neben den 38.000 Datensätzen noch mehr, das "anzunehmende Dunkelfeld" könnte ebenso groß sein.
  • In der Studie gebe es in vielen Fällen Hinweise, dass Akten "vernichtet oder manipuliert" worden seien.

(Ein pikanter symbolträchtiger Bildausschnitt von einem Screenshot der dbk-Site.)

Das Missbrauchsproblem kann noch größer sein als gedacht. Das Forschungskonsortium der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen spricht von "bis zu 8% der gesamten Kleriker" in den Diözesen, die als mutmaßliche Missbrauchstäter aktenkundig geworden seien (in Australien waren es bis zu 7%, wb-Link).

Oft wird der Vergleich mit häuslichen Verhältnissen oder Sportvereinen usw. gezogen, wo auch Missbrauch stattfindet. In einer Organisation, wo Männer den Frauen entsagen und Kleider tragen, sammeln sich aber besonders viele Päderasten und Pädophile. Und die Kirche ist nun mal die Organisation, welche anderen Menschen vorschreiben will, wie sie zu leben haben. Auch weil die Täter z.T. in gehobener Position waren (4.), müssen dort andere Maßstäbe angelegt werden – allerdings nicht in der Weise, wie es tatsächlich passiert: Da wird geschiedenen und neu verheirateten Paaren das Leben schwer gemacht, da werden Nicht-Kirchenmitglieder diskriminiert. Und die Missbrauchsopfer werden nach wie vor missachtet.

Der vorige Papst riet ihnen, die Kraft zur Vergebung der Täter zu finden. Der jetzige Papst plant für 2019 eine Bischofskonferenz im Vatikan. Das Kalkül dürfte sein, bis dahin hat sich die Lage beruhigt.

Es soll einfach nicht diskutiert werden, was da im Zeichen des Kreuzes geschieht. Ob dem bayerischen Minipräsi klar ist, was er da in den Ämtern an die Wand nageln lässt? Im Grunde ist das Kreuz das Zeichen für eine real existierende Sharia, eine kirchliche Parallelwelt mit eigenen Gesetzen und Paralleljustiz. Die Politiker, die keine Paralleljustiz zulassen wollen – wo sind sie, wenn es um die Auflösung des Reichskonkordats und der Sonderrechte geht? (5.).

Der Missbrauchsskandal liefert eine Begründung zum Hinterfragen der überkommenen kirchlichen Privilegien, an der kaum vorbeizukommen ist. Die Aussage von einem Zeit-Foristen hat es auf den Punkt gebracht: "3.677 Opfer ließen sich einfach nicht mehr verschleiern." Das darf einfach nicht ohne ernsthafte Konsequenzen bleiben.

Das Kirchenrecht und die Kirchenprivilegien gehören abgeschafft, das Reichskonkordat gehört aufgelöst. Und die Politiker, die zu sehr religiös indoktriniert sind, um die notwendigen Konsequenzen zu ziehen, die gehören auch abgehalftert. Solches Christentum gehört nicht zu Deutschland.

 

Medien-Links:

  1. Bischof Ackermann zur Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ (Pressemeldung der Deutschen Bischofskonferenz 12.9.): Gerade mit Blick auf die Betroffenen sexuellen Missbrauchs ist die verantwortungslose Vorabbekanntmachung der Studie ein schwerer Schlag. Für die Woche der Herbst-Vollversammlung (24.–27. September 2018) haben wir geplant, ein Beratungs-Telefon für diejenigen zu schalten, die aufgrund der Berichterstattung aufgewühlt sind und mit jemandem sprechen möchten.
  2. Sexueller Missbrauch: Das Ausmaß des Verbrechens (Zeit Online 12.9., 500 Kommentare): Über vier Jahre lang haben die deutschen Bischöfe sexuelle Gewalt in der Kirche systematisch erforschen lassen. Wir veröffentlichen erste Ergebnisse der Studie.
  3. Katholische Kirche in Deutschland – Missbrauchsstudie dokumentiert Tausende sexuelle Übergriffe (Spiegel Online 12.9.): Eine neue Studie der katholischen Kirche offenbart: Mindestens 1670 Kleriker haben sich von 1946 bis 2014 an Schutzbefohlenen vergangen. Und der Missbrauch dauert offenbar noch an.
  4. Sexueller Missbrauch in katholischer Kirche: Auch Täter stiegen auf (Zeit Online 14.9., 100 Kommentare): Fast zehn Prozent der katholischen Kleriker, die Kinder missbraucht haben sollen, hatten irgendwann ein leitendes Amt inne. Das belegt eine Studie, die der ZEIT vorliegt.
  5. Das Reichskonkordat von 1933 (Deutscher Bundestag 17.5.10): Eine völkerrechtliche Sonderstellung in Bezug auf ihre Auflösung ist ihnen in der Völkerrechtspraxis nicht zugestanden worden. Denkbar sind aber eine einverständliche Vertragsaufhebungen oder vertraglich geregelte Erledigungsgründe, bei deren Vorliegen der Vertrag endet.
  6. Ergebnis der katholischen Missbrauchsuntersuchung (atheisten-info.at 15.9.): Ursprünglich wollte die katholische Kirche in der BRD die Untersuchung der Geschichte ihrer Missbrauchsfälle an den Kriminologen Christian Pfeiffer auslagern, was jedoch nicht funktionierte, da Pfeiffer den begründeten Verdacht hatte, dass zahlreiche ältere Kirchenakten bereits vernichtet worden seien ... Die Kirche hat sich also letztlich selber untersucht und war jederzeit in der Lage, Quellen zu verfälschen oder ganz zu verbergen. Wenn der Bericht dann am 25.9. präsentiert wird, kann man mit den Spekulationen beginnen: wie groß ist das Dunkelfeld? Aber es ist ja historisch schon immer so gewesen, die größte Leistung der katholischen Kirche ist ihre permanente Heuchelei!

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2 Antworten auf Gehört das Christentum zu Deutschland?

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Wilfried, deinem Artikel kann ich mich nur anschließen: Der sexuelle Missbrauch, egal in welcher Form auch immer, das ist nicht hinnehmbar. Die Kirche will Macht demonstrieren und diese Macht ausleben. Der sexuelle Missbrauch an Kindern wird, wie immer, von der Kirche verschwiegen oder dementiert. So ein Christentum gehört nicht zu Deutschland.

    "Gott" würde sich – nicht im Sarg – sondern am Kreuz umdrehen.

    JWG

  2. Wilfried Müller sagt:

    Lieber Wolfgang, das wäre dann sozusagen ein Drehkreuz.

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