Rezension Detel Grundkurs Philosophie 1-3

image_pdfimage_print

detelband113580331-00-00Der emeritierte Philosophieprofessor Wolfgang Detel hat einen 5+2-bändigen Grundkurs der Philosophie verfasst, der hier gewürdigt werden soll (5 Bände stammen von Detel, 2 von renommierten anderen Autoren). Ins Auge springen zwei besondere Vorzüge:

  1. Die Autoren bleiben beim Thema. Eine Menge Kollegen tun das nicht. Sie füllen Seiten mit Zeugs, das schon 100-mal geschrieben wurde und in Philosophiegeschichtsbüchern besser aufgehoben wäre.
  2. Detel hat den Stoff durchgearbeitet und strukturiert, und er nutzt das für vielfältige Verweise – man wünschte sich, sowas über andere Philosophie-Autoren sagen zu können.

Im Hinterkopf des Rezensenten regt sich eine Wunschvorstellung: Wie wäre es, wenn alle sich auf eine gemeinsame Verweisstruktur einigen könnten? Die ganzen Philosophie-Doktorarbeiten strotzen doch von Zitaten und Verweisen (d.h. "das hab ich auch gelesen"). Das könnte statt Ablenkung auch Nutzen haben, wenn das Doktorthema eben wäre, einen Begriff fürs Allgemeinverständnis aufzubereiten. Nicht freifliegend wie bei wiki, sondern systematisch mit numerischer Codiereung. Gern auch mit Farbcode, je nach Geistesrichtung (emergent materialistisch, naiv subjektivistisch). Gern auch schwarz auf schwarz für fundamentalistische Einstellungen (forget it).

Soweit die Abschweifung vom Abschweifungskritiker – zurück zum Thema. Wie der Verlag schreibt, sind die Bücher für alle, die sich gründlich in die Philosophie einarbeiten wollen: Die Reihe präsentiert Begriffe und Positionen aller wichtigen philosophischen Disziplinen in knapper, möglichst verständlicher Form. Die Teilbereiche werden systematisch eingeführt, bauen aufeinander auf und werden durch zahlreiche Beispiele erläutert. Es gibt auch Übungsaufgaben am Ende jedes Bandes, Literaturhinweise und ein Sachregister.

Die Bücher sind nicht nur zum Lernen nützlich, sondern auch zum Nachschlagen, wenn man die Info ("Explikation") kompakt wünscht (für elaborierte allgemeine Information kann man wiki nutzen). Bei Band 6 und 7 gibt es keine Verweise, so dass Begriffe nochmal erläutert werden, oder eben nicht – man merkt den Unterschied.

Ganz problemlos gestaltet sich das nicht. Es gibt eine ältere und eine neuere Auflage, dabei wurde z.B. Band 3 stark überarbeitet. Im neuen Band 3 haben einige Explikationen die alten Nummern für neue Inhalte. Im neuen Band 4 wird z.T. noch auf die alten Nummern verwiesen, so dass man sich am besten den alten und den neuen Band 3 zulegt. Das ist aber nur ein kleiner Schönheitsfehler, zumal die Bände preisgünstig sind.

In einem Interview mit dem Reclam-Verlag äußert sich Professor Detel selber zu seinem Projekt. Wie die Bände aufeinander aufbauen? Nach Detel in zweifacher Hinsicht:

  1. Zum einen entwickeln sie ohne Voraussetzung ein umfangreiches Netz von Begriffen und Positionen, und dabei beziehen sich spätere auf frühere Bände. Ein formaler Ausdruck dieses engen Zusammenhanges sind die fortlaufende Nummerierung der eingeführten Begriffe und Positionen und vielfältige Rückverweise durch alle fünf Bände hindurch.
  2. Zum andern beschreiben die Bände im Anschluss an eine Einführung in die Logik (Bd.1) aus philosophischer Sicht nacheinander die Bereiche der Natur (Bd.2), des Geistes, der Sprache (Bd.3), des Wissens, der Wissenschaft (Bd.4), der sozialen Beziehungen (Bd.5) und deren Verknüpfung.

Auf diese Weise zeichnet der Grundkurs den allgemeinen Aufbau der Welt aus philosophischer Perspektive nach. Grob gesprochen beruht das Soziale ja auf dem Geistigen und das Geistige auf der Natur. Die beiden Bände zur politischen Philosophie (Bd.6) und zur Ethik (Bd.7) knüpfen an diese Grundlagen an. Detel gibt auch Auskunft über seine Sicht der Entwicklungen in der Philosophie der letzten 30 Jahre:

Bis vor ca. 30 Jahren galten Logik und Wissenschaftstheorie als die Königsdiszplinen der theoretischen Philosophie, und Metaphysik wurde entweder als Sammelsurium von Scheinproblemen angesehen oder nach Kants Zerstörung der Metaphysik als überholt betrachtet. Inzwischen sind die Philosophie des Geistes und die Bedeutungstheorie (Semantik) in das Zentrum der theoretischen Philosophie gerückt. Die Metaphysik gilt als rehabilitiert.

Außerdem sind neue Disziplinen wie Handlungstheorie, Entscheidungstheorie und Sozialontologie hinzugekommen. Alle diese Diszipinen haben sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend miteinander vernetzt. Und schließlich zeichnet sich auch eine neue Auffassung zum Status der Philosophie ab.

Systematische theoretische Philosophie wurde bis vor etwa 30 Jahren weitgehend als analytische Philosophie betrieben. Sie galt als angewandte Logik – als eine Disziplin, die nicht die Welt zu beschreiben versucht, sondern kritisch analysiert, wie andere Disziplinen über die Welt reden.

In letzter Zeit hat sich dagegen zunehmend die Auffassung verbreitet, dass auch die Philosophie mit dem Anspruch auf eigenständiges Weltwissen aufzutreten vermag, beispielsweise gegenüber der Psychologie, der Biologie oder der Informationstheorie. Die ersten fünf Bände des Grundkurses versuchen dieses erweiterte Spektrum, seine innere Vernetzung und seinen neuen wissenschaftlichen Status abzubilden.

Hier nun die Bände im einzelnen, zunächst 1-3, in einem weiteren Artikel folgen dann 4-7:

Band 1: Prädikations- und Argumentationstheorie – Aussagen- und Prädikatenlogik – Anwendungen der Logik (Reinschauen 1.)

Wie argumentieren wir? Was ist eine Prädikation? Was sind Wahrheitswerte? Was sind deskriptive Sätze? Was ist ein schlüssiges Argument? Was ist modus ponens, modus tollens? Was sind die Prinzipien und Variablen der Logik? Was ist ein logischer Kalkül? Wozu taugt die Logik? Was ist die Semantik der Junktoren Negation ¬; Konjunktion Λ Disjunktion V usw.? Was bedeuten die Quantoren Allquantor ∀ und Existenzquantor ∃?

Ein Beispiel: ∀ x ¬ P(x): Für jedes x gilt: x ist nicht P (kein x ist P).

Man lernt einiges über Prädikatenlogik, bis hin zur formalen Analyse philosophischer Argumente. Es geht weiter bis zur Aussagenlogik und Mengenlehre und zur Erwähnung der Theorie algebraischer Gruppen als Kalkül.

Band 2: Allgemeine Metaphysik – Naturphilosophie und nomologische Erklärungen – Theorie natürlicher Funktionen und funktionale Erklärungen

Welche Arten von Dingen (Gegenständen) gibt es in unserer Welt? (einzelne konkrete Gegenstände, einzelne abstrakte Gegenstände, konkrete Universalien, abstrakte Universalien, oder auch keine Universalien und dafür Tropen – siehe auch wb-Links Bunge & Tropentheorie.) Welche Metaphysiken gibt es? (der Materialismus läuft hier unter Naturalismus und Physikalismus.) Welche dieser Dinge sind grundlegend? Was sind Naturgesetze? Was ist Kausalität, Verursachung und Determinismus? Was sind die Grundsätze der Quantenmechanik? Wie lässt sich der Bereich der Natur und der funktionalen Systeme beschreiben? Welche Formen von Erklärungen sind angemessen? Was sind deduktiv-nomologische Erklärungen? Was sind natürliche Systeme und Funktionen? Wie sieht eine moderne Naturvorstellung aus?

Ein Beispiel: (A1, …, An), G ├ B (mit den Antecedensbedingungen A1, … , An, dem kausalen Naturgesetz G, dem Schluss-Symbol ├ und dem Explanandum B gilt: Die Form der Erklärung ist eine logische Deduktion).

Band 3: Allgemeine Philosophie des Geistes, der Repräsentationstheorie, der Bewusstseinstheorie und der Sprachphilosophie

Hier geht es um mentale Zustände, das Leib-Seele-Problem und die Frage Dualismus oder Monismus?. Was ist Supervenienz und schwacher oder starker Physikalismus? Was ist Kognition? Was sind Repräsentationen, speziell sprachliche und nicht-sprachliche? Was sind propositionale Gehalte? Wie verhält sich der Geist zur Natur und zum Gehirn? Inwiefern repräsentieren geistige Zustände und sprachliche Ausdrücke Zustände in der Welt? Was ist das Bewusstsein? Was sind Qualia? (Hier wird auch Mary's room besprochen, siehe auch wb-Link Mary.) Was sind Gefühle?

Die Hälfte des Bandes gehört dann der überarbeiteten und ausgebauten Sprachtheorie. Die Neuausgabe wurde u.a. um Abschnitte zur Kognitionswissenschaft, zur Theorie der verkörperlichten Kognition und zu Ludwig Wittgenstein, Robert Brandom und Donald Davidson ergänzt: Was sind natürliche Sprachen, welche syntaktischen und semantischen Strukturen weisen sie auf? Die Carnap-Semantik wird eingeführt und die Frage diskutiert, was logisch wahr ist (L-wahr)? Was sind Referenzen? Was ist eine generative Grammatik? Was besagt die Wittgenstein-Theorie? Wie sehen Wahrheitstheoreme aus? Wie sieht das Modell einer davidsonianischen Interpretationstheorie aus (nach Davidson mit der Sprache der "Lareten")?

Ein Beispiel:                        NP
                                       ┌──┼──┐
                                   Det      A      N
                                      │       │      │
                                  Die muntere Fee

Struktur einer Phrase mit Nominalphrase NP, Determinierer Det, Adjektiv A, Nomen N.

 

(Band 4-7 werden im Folgeartikel Rezension Detel Grundkurs Philosophie 4-7 besprochen.)
 

Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie Band 1 bis 7, Reclam, um die 200 Seiten

  1. Reinschauen in Band 1 (reclam)
  2. Detel: Grundkurs Philosophie – Band 1: Logik (Eine Besprechung von Joachim Stiller)

Links von wissenbloggt:

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Buch, Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar