Griechische Finanzwunder

image_pdfimage_print

eu-3157207_1280Capri23auto

Was passiert, wenn wohlmeinende Nachbarländer einem bankrotten Staat ganz viel Geld geben? Nun, er macht ein Fass auf, und es ist ein Fass ohne Boden (Bild: Capri23auto & Astryd_MAD, pixabay).

Und dann verlangt er noch mehr Geld.

In Zahlen gefasst sind es 350 Mrd. Euros, die schon im Fass drin sind, und es sollen weitere 280 Mrd. Euros nachfolgen. Besagtes Land hat auch einen Namen, Griechenland. Die Griechenland-Story ist wegen der Italien-Story ein wenig aus dem Fokus geraten, aber sie hat alles, um die Euro-Politik zu beglücken und ihre Kritiker auf die Palme zu treiben. Die Rede ist von Rettungen und Reparationen und Restglaubwürdigkeit. Dreimal darf man raten, welche von den drei Positionen abnimmt, und welche beiden anderen ausufern?

Jeder weiß oder meint zu wissen, dass von dem vielen griechischen Geld kaum was in Griechenland ankam. Das Geld wurde unter dem Label Griechenlandrettung lockergemacht, um dann flugs an Hellas vorbei kanalisiert zu werden, direkt in die Banken hinein. Bei der authentischen Griechenland-Story muss das Fass-Aufmachen deshalb ein wenig zurechtgerückt werden. Nicht ganz von Griechenland weg, nur zeitlich zurück. Im Einzelnen:

Im Jahr 1974 war noch alles in Ordnung, beim Fall der Junta hatte Griechenland eine Verschuldung von 29% BIP (Bruttoinlandsprodukt). Danach wechselten sich demokratisch gewählte Regierungen der Nea Dimokratia und der Pasok ab und stockten die Verschuldung auf. Mit einigen Unterbrechungen trieben sie den Wert über die 100%-Grenze – das Fass war auf.

Verlockung

Dessenungeachtet erschwindelte sich das Land den Euro-Beitritt (2001, 1.). Dadurch durfte es an einem Dreh teilnehmen, der mit dem offenen Fass gut beschrieben ist. In ihrer anfänglichen Naivität fielen die Finanzmärkte nämlich auf die Naivität der Euro-Politik rein: Alle Euro-Staaten bilden dasselbe Risiko, alle zahlen dieselben Zinsen. So lautete das Credo.

Speziell für die Griechen war das eine große Verlockung. Sie waren hohe Geldentwertung gewohnt, und wo sie nun Kredite für 3% kriegten statt 13%, war das praktisch ein Geschenk von 10%. Entsprechend wurde gepumpt, und das Geld wurde nicht nachhaltig angelegt. Bezeichnend für die Vergeudung ist der Wahlkampf 2009, den der spätere Premier Georgios Papandreou mit dem Slogan führte "Geld ist vorhanden."

Damit meinte er, Geld konnte zu den günstigen Zinssätzen der Euro-Zone unbegrenzt beschafft werden. Allein für 2009 betrug das griechische Haushaltsdefizit denn auch 15%. 2011 war das Land zahlungsunfähig.

Die Märtkte hatten endlich gemerkt: Die Griechen zahlen zwar die gleichen Zinsen wie die soliden Staaten, dessenungeachtet wirtschaften sie noch so unsolide wie zuvor. Nein, noch unsolider, denn zuvor wurden sie durch ihre hohen Kreditzinsen etwas diszipliniert. Sobald sie für ihre vielen Schulden wieder echte Marktzinsen zahlen mussten, waren die Griechen praktisch pleite. Das Land hatte sich soviel Geld gepumpt, dass es nun noch mehr Kredite aufnehmen musste, bloß um die Zinsen zu bezahlen.

Zahlungsunfähigkeit

Die Finanzmärkte hatten sich von der Naivität befreit – die Euro-Politik nicht. Sie begann mit ihren Manipulationen gegen die griechische Zahlungsunfähigkeit, Rettung genannt. Zwei Rettungsschirme wurden aufgespannt, um die griechischen Staatsanleihen aufzukaufen, welche die Märkte nicht mehr haben wollten (höchstens zu Wucherzinsen). Bei den Rettungsschirmen wurden die Zinsen fast ganz gestrichen, und die Tilgung wurde auf zig Jahre hinaus verschoben. Das reichte aber immer noch nicht, und dafür waren vor allem drei Faktoren maßgeblich:

  • In einer regulären Ökonomie muss Kreditwürdigkeit erworben werden, durch solides Wirtschaften und durch Substanz, die mit den Krediten aufgebaut wird, so dass die Kredite am Ende zurückgezahlt werden können. Sonst ist das Land überschuldet, wie es in Griechenland der Fall war. Man hatte das Fass aufgemacht und das Geld vergeudet – ein Fass ohne Boden.
  • Die Einführung des Euros machte Griechenland international konkurrenzunfähig, denn das Land konnte nicht mehr abwerten wie sonst immer. Dadurch war die Wirtschaft mehr oder weniger zusammengebrochen.
  • Regulär verlangt die Ökonomie bei Überschuldung und Konkurrenzunfähigkeit, d.h. bei Zahlungsunfähigkeit, einen Konkurs mit einer Restrukturierung. Wenn ein Staat das leistet, kann er anschließend Aufbaukredite zu günstigen Zinsen bekommen und bald wieder florieren. Die Disziplinierung durch Kreditzinsen wurde in der Eurozone aber abgeschafft.

Italienisches Zwischenspiel

In der Euro-Politik können dieselben Fehler problemlos öfters gemacht werden, sie werden allenfalls ein wenig variiert. So wurde dasselbe für Italien eingerichtet, die gleiche Verlockung auf andere Weise – und Italien wurde auch drangekriegt mit dem bodenlosen Fass. Ein paar Jahre, nachdem es in Griechenland schiefgegangen war, wurde die Verlockung der billigen Kredite noch mehr gesteigert, bis Italien der Versuchung erlag.

Italien (und den anderen solventen Euro-Staaten) wurden die Kredite geradezu nachgeschmissen, z.T. sogar mit Negatizins. D.h. es gab eine Belohnung fürs Schuldenmachen (von der EZB durch die QE-Maßnahmen). Dass die notorisch unsolide italienische Finanzpolitik dem nicht widerstehen konnte, war abzusehen. Es verwundert eher, dass andere Eurozonen-Mitglieder nicht genauso mitmachten. Wieder wurden Schulden aufgetürmt und das Geld vergeudet.

Aber der italienische Crash kommt erst noch. Daran arbeitet die EZB derzeit, indem sie der missliebigen neuen italienischen Regierung droht, den Geldhahn zuzumachen. Jahrelang konnte die EZB Italien nicht genug Geld hinten reinschieben, bis sie den Großteil der italienischen Staatsanleihen aufgekauft hatte. Aber jetzt, wo eine unbotmäßige, eurokritische Regierung an die Macht gekommen ist, soll sie diszipliniert werden. Die Botschaft ist: Wir bestimmen, wie ihr regiert. Wir haben schließlich eure Schuldscheine in der Hand, und ihr habt zu kuschen. Wehe, wenn ihr wider den Stachel löckt und weiter versucht, euch aus den Zahlungsverpflichtungen rauszuwinden.

Griechenland

Das täten die Griechen auch gern, aber das Land hat weniger Macht als Italien. Es hat wenig Chancen, die Euro-Politik in einen Zahlungsverzicht zu drängen oder sich sonstwie herauszulavieren. Daher die Idee mit den 280 Mrd. Reparationsforderungen (2.) …

Erstmal ist noch die Rede von den 350 Mrd. Rettungskrediten (Rettungsschirme EFSF und ESM (3.) plus nicht öffentlich gemachte Kredite der EZB). Dabei geht es nicht bloß um Zinsdumping (durchschnittlich ca. 1% statt zweistellig, 4.). Es geht auch nicht nur darum, dass die öffentlichen Euro-Kassen das Kreditrisiko übernahmen, nachdem die Banken Zinsen dafür kassiert hatten. Als das Geld von den Rettungsschirmen via Griechenland in die Banken floss, war das Kreditrisiko vielmehr so gut wie eingetreten:

Die Rettungsschirme haben den Banken die Kredite zurückgezahlt, die Griechenland nicht bezahlen kann, und sie haben Griechenland dafür neue Kredite gegeben, die Griechenland nicht bezahlen kann – darum geht es.

Und es geht darum, dass immer noch so getan wird, als würde Griechenland die Kredite dermaleinst zurückzahlen. Vor kurzem wurde sogar noch gefeiert, dass die Griechenland-Krise vorbei wäre. Die griechischen Banken bestanden den Stresstest – aber der ist bloß ein "PR-Instrument der EZB". Bald die Hälfte der Bankgeschäfte ist doch inzwischen in den unregulierten Schattenbereich ausgelagert – und da wird nicht getestet. Der riskante Handel mit hochspekulativen Derivaten ist der Kontrolle entzogen und taucht in den Bilanzen der Geldhäuser gar nicht mehr auf.

Willkür

Und es hieß, die Politik würde aus dem Euro-Rettungsschirm entlassen (5., 6.) – wie denn wohl? Denn die Restrukturierung klappt ja nicht (7.). Wenn nicht der Druck vom Konkurs dahinter steht, wird platterdings nicht ernsthaft reformiert. Das hat die endlose Geschichte der griechischen Rettungsgelder-Bewilligung Tranche für Tranche klargemacht.

Alles wurde dem Diktat der politischen Willkür unterworfen, und es rächt sich, wenn Rechtstreue und Verantwortlichkeit immer wieder durch politische Willkür ausgehebelt werden. Politischer Druck ist ja Verhandlungssache, und je nachdem wie die politische Willkür ausfällt, werden die einen oder die anderen bevorzugt. Das ist praktisch die ultimative Aufforderung Kuhhandel – zur Ausnutzung aller Erpressungspotentiale.

So ist das zu verstehen, wenn Griechenland nun 280 Mrd. Reparationsforderungen entdeckt (2..) oder sich bad bank-Mogeleien überlegt (8..) statt die ausstehenden Steuern einzusammeln (9.), und dass Italien sich windige Ausreden einfallen lässt, um sich die EZB-Kredite irgendwie vom Hals zu schaffen.

Ganz vorn im Geschehen sind die demokratisch nicht legitimierten Bürokraten von EU und EZB. Die haben Griechenland (und Italien) angefixt und süchtig gemacht, und jetzt schwingen sie die Knute (bildhaft gesprochen). Das Ganze ist überaus unredlich und unseriös. Mit dem Wort Voodoo-Ökonomie ist es gut beschrieben. Nur wer an Wunder glaubt, kann da einen Ausweg sehen.

Nun, für das Wunder werden die deutschen Finanzen herhalten müssen. Man hat die deutschen Dummerchen auch schon angefixt, indem man ihnen 2-3 Mrd. Minimalzinsen aufs Konto schob (10.). So doof kann eigentlich kaum jemand sein, dass er sich von Zinsen blenden lässt und die Tilgung ganz vergisst? O doch, das ist das Grundkonzept von Ponzi schemes (Schneeballsystemen).

 

Medien-Links:

  1. Andreas Georgiou – Griechischer Chefstatistiker verurteilt – wegen Ehrlichkeit (Süddeutsche Zeitung 11.6.): Mit einem groß angelegten Netz von Intrigen und einer Verschwörungstheorie wurde Andreas Georgiou zum Landesverräter und Spion im Auftrag der international agierenden, neoliberal ausgerichteten bösen Mächte gemacht.
  2. Entschädigung für NS-Verbrechen – Griechenland will 280 Milliarden Euro von Deutschland eintreiben (Spiegel Online 6.10.): Solange Griechenland am EU-Tropf hing, vermied es Premier Tsipras, Reparationen für die NS-Kriegsverbrechen zu verlangen. Doch nun, nach Ende des letzten Rettungspakets, will Athen handeln.
  3. Bisherige Euro-Rettungspakete So viel Geld floss nach Griechenland (Tagesschau 5.7.). Rettungspaket I+II+III für Griechenland (2015-2018).
  4. Varoufakis Blasts Europe's Remarkable Ability To Remain In Denial (Zero Hedge 14.7.): The Greek state has thus been offered easy repayments until 2033 in exchange for continuing harsh austerity ad infinitum; impossible annual debt repayments from 2033 to 2060; and a debt-to-national income ratio above 230% by 2060 if the next global recession puts the plan’s over-ambitious growth targets out of reach, as it surely will. Any objective assessment of the Eurogroup’s recent deal on Greek public debt would conclude that it condemns Greece to permanent debt bondage.
  5. Griechenland: Alexis Tsipras will wirtschaftliche "Wiedergeburt" (Zeit Online 9.9., 210 Kommentare): Griechenland hat den Euro-Rettungsschirm verlassen.
  6. Greece Economic Crisis Declared Over: It Isn't (MishTalk 22.6.): Mainstream media is all aglow over the alleged end of the Greek economic crisis. Mainstream media is wrong.
  7. Nach zehn Jahren Ausplünderung ist Griechenland ruiniert. Aufschwung ist nicht in Sicht (junge Welt 4.8.): Im August soll nun das sogenannte Hilfsprogramm – in Wirklichkeit ein Ausplünderungsakt sondergleichen – auslaufen, die Griechen sollen sich wieder »selbst« mit Krediten versorgen können. Zu welchen Konditionen das geschehen soll, ist bisher nicht klar, den Auguren der globalen Finanzwirtschaft gilt das schöne Land inmitten der blauen Ägäis immer noch als Ramschladen.
  8. Greece Planning Bad Debt Bailout For Its Banks After Market Crash (Zero Hedge 14.7.): While the details are still being worked out, an asset protection plan would see lenders unload some bad loans into special purpose vehicles, taking them off banks’ balance sheets. The SPVs would issue bonds, some guaranteed by the state, and sell them to investors, the people said, asking not to be named as the information isn’t public.
  9. How much? Greek state owed huge amount of uncollected taxes (AP 26.9.): Data from the Independent Authority for Public Revenue show tax arrears totaled 182.5 billion euros ($214 billion) on Aug. 10, according to a note sent from the agency to parliament last week and seen by The Associated Press Wednesday.
  10. Germany Has Made Over 3 Billion Profit From Greece's Crisis Since 2010 (Zero Hedge 22.6.): As the Federal Government announced, the Bundesbank achieved by 2017 about 3.4 billion euros in interest gains from the SMP purchases. In 2013, approximately 527 million euros were transferred back to Greece and around 387 million to the ESM in 2014. Therefore, the overall profit is 2.5 billion euros.

Links von wissenbloggt:

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Politik, Verlogenheitsbewältigung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Griechische Finanzwunder

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Lügner, Trickser – wir werden noch immer hinters Licht geführt – Griechenland sollte (muss) die Eurozone verlassen! Sie haben schon hunderte von Milliarden verprasst! Wie viele Milliarden will man denn noch an Griechenland verbrennen?

    JWG

Schreibe einen Kommentar