Bayernwahl: Sitzverteilung erneut ungerecht

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christmas-2411764_1281Die Bayernwahl hat wieder mal ein hübsches Nebenergebnis gezeitigt: Sie zeigt, wie die Wählerstimmen auf der Regionalebene zurechtfrisiert werden, so dass die CSU am Ende mehr Sitze im Parlament bekommt, als ihr von der Stimmenzahl her zustehen. Auch bei der letzten Bayernwahl gab es diese Ungerechtigkeit, und diesmal fällt sie noch frappanter aus (wb-Link Bayernwahl, Bild: geralt, pixabay, verändert von wb).

Besonders fällt auf, dass das bayerische Wahlrecht die Grünen um 1,6 Sitze und 4,1% ihrer Stimmen benachteiligt.

In der Tabelle wird das mit den Zahlen vom bayerischen Landtag deutlich. 6 Parteien haben mehr als 5% erreicht und sind im neuen Landtag vertreten. Von den 72,4% Wahlbeteiligung erzielten die 6 zusammen 91,3% (exakt nachgerechnet 91,41%, Beispiel: der Prozantanteil der CSU ergibt sich aus 5.047.006 von 13.549.111 gültigen Stimmen zu 37,2497%).

Zusammen haben die 6 Parteien 12.385.710 Stimmen erhalten (der Rest bis 13.549.111 entfällt auf die Parteien mit weniger als 5%). Aus den 205 Sitzen ergibt sich der Wert von 60.418,098 Stimmen pro Sitz. Umgerechnet auf die einzelnen Parteien zeigen sich Abweichungen zu den zugeteilten Parlamentssitzen: 5.047.006 Stimmen durch 60.418,098 Stimmen pro Sitz ergibt nur 83,5 Sitze für die CSU. Sie bekommt also 1,5 Sitze mehr als ihr von der Wählerzahl her zustehen.

Besonders groß ist die Differenz auch bei den Grünen, sie bekommen 1,6 Sitze weniger. Die letzte Spalte zeigt, wieviel Wählerstimmen der Differenz entsprechen. Die CSU hätte für ihre 85 Sitze 90.627 Stimmen mehr gebraucht und die Grünen für ihre 38 Sitze 96.669 Stimmen weniger, also nur 2.281.097 und nicht 2.377.766, also ein Unterschied von -4,1%.

Partei % % exakt Sitze +-Diff. Stimmen Diff.
Ges. 91,3 91,4134 205 205 13.549.111  
CSU 37,2 37,2497  85 83,5+1,5  5.047.006 +90.627
SPD 9,7 9.7271    22 21,8+0,2  1.317.942 +12.083
FDP 5,1 5,0767    11 11,4-0,4   687.842 -24.167
Grüne 17,5 17,54924 38 39,6-1,6  2.377.766 -96.669
FW 11,6 11,5970 27 26,0+1,0  1.571.288 +60.408
AfD 10,2 10,2137 22 22,9-0,9  1.383.866 -54.376

Das CSU-freundliche Häufelsystem ist so ausgerichtet, dass es bestimmte Landkreise stärker gewichtet, und das sind – wie der Zufall so spielt – welche im bayerischen Wald usw., in denen die CSU dominiert. So schafft sich die CSU unter vorgeblicher besserer Wählerberücksichtigung einen Bonus von z.Z. 1,8% auf ihre Stimmen.

Solange sie die Regierung stellt, wird sich das wohl nicht ändern. Oder doch? Immerhin haben die anderen Parteien jetzt zusammen eine Mehrheit von 120 : 85 Stimmen, so dass sie ein gerechteres Wahlsystem erzwingen könnten. 0,5 Sitze und mehr Abweichung sind doch kaum vermittelbar. Gute Lösungen zur Berechnung der Sitzverteilung gibt es nach Methode wissenbloggt, die kommen mit 0,2 oder 0,3 Abweichung aus. Mal sehen, wie lange die anderen, speziell die Grünen, sich mehr bieten lassen.

 

Anhang: Um Logik in der Zahlenwirrnis aufzuspüren, wird dasselbe für Zweitstimmen statt Gesamtstimmen untersucht. Die Erststimmen gibt man in Bayern auf Tapeten ab, wo man unter hunderten von Namen einen ankreuzen kann. Für die Zweitstimmen gibt es schmale Streifen, wo nur die Parteien draufstehen. Bei der Bundestagswahl werden die Erststimmen nur für Direktmandate herangezogen, aus den Zweitstimmen kommen Prozente und Sitzverteilung. In Bayern kommen die Direktmandate natürlich auch aus den Erststimmen, aber die offiziellen Prozente werden aus den Gesamtstimmen berechnet, wie die Tabelle oben zeigt. Die Sitzverteilung bleibt intransparent. Zu den Gesamtstimmen passt sie schlecht, wie oben sichtbar. Aber zu den Zweitstimmen auch nicht, wie man unten sieht. Das fängt damit an, dass die FDP nur 4,9% hat und nach den Bundes-Regeln rausfliegen würde. Gemeinsam ist die Benachteiligung der Grünen, aber bei Maßgabe der Zweitstimmen würden die Freien Wähler profitieren statt der CSU:

Partei % % exakt Sitze +-Diff. 2.-Stimmen Diff.
Ges. 91,3 91,0535 205 205 6.759.803  
CSU 37,2 37,7385 85 84.965+-0  2.551.046 0
SPD 9,7 9,3798  22 21.118+0,9  634.058 +27.022
FDP 5,1 4,9592 11 11.165-0,2  335.229 -6.005
Grüne 17,5 17,5727 38 39.564-1,6 1.187.881 -48.039
FW 11,6 11,2749 27 25.384+1,6  762.162 +48.039
AfD 10,2 10,1285 22 22,803-0,8  684.664 -24.020

(mit 30.003 Zweitstimmen pro Sitz + 6.155.040 Zweitstimmen über 6 Parteien summiert)

 

Medien-Link:

Vorläufiges amtliches Endergebnis (Landtag Bayern)

Links von wissenbloggt dazu:

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2 Antworten auf Bayernwahl: Sitzverteilung erneut ungerecht

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Das kennt man doch schon aus vorherigen Wahlen und so wird es auch bei der Wahl in Hessen und bei anderen Landtagswahlen sein – Manipulation und Trickserei!

    Die einzige Wahl, an der ich mich noch beteilige, ist die Wahl, was ich heute Essen und Trinken werde – da stimmt auch die Sitzverteilung.

    JWG

  2. Wilfried Müller sagt:

    Bei der Bundestagswahl kannte ich solche Schieflagen nicht aufdecken. Da ist das Problem nur die Zahl der Sitze, sie rechnen oft zuviele aus, wo weniger Sitze eine gerechtere Verteilung ergeben würden. Die 709 Sitze vom letzten Mal gehen allerdings in Ordnung, das ist auch meine erste gute Lösung. Das bayerische System verfälscht die Proportionen durch wahlkreisbezogene Rumrechnerei, die lokal sicherlich begründet ist, aber eben insgesamt den Wählerwillen verfälscht.

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