Willkommenskultur/Obergrenze wissenschaftlich untersucht

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access-933142_1280Es gab schon eine wissenschaftliche Studie zu Flüchtlingskrise und Willkommenskultur, die scharfe Kritik an den Mainstreammedien übte (wb-Link Berichterstattung). Die beanstandete Schieflage der Berichte erntete wenig Aufmerksamkeit – und dasselbe droht auch einer neuen wissenschaftlichen Studie mit vergleichbaren Resultaten (1., Bild: geralt, pixabay, Text: wb).

Die Vermutung liegt nahe, denn die Studie von Ulf Liebe, Jürgen Meyerhoff, Maarten Kroesen, Caspar Chorus und Klaus Glenk wurde schon am 1.8. bei der amerikanischen nonprofit organization Public Library of Science (PLOS) veröffentlicht, und in den deutschen Medien kam kein Echo an. Jetzt haben die Autoren Ulf Liebe (Professor of Sociology and Quantitative Methods, University of Warwick) und Klaus Genk (Environmental Economist, Scotland's Rural College) einen populärwissenschaftlichen Artikel in The Conversaton nachgeschoben (2.). Bei wissenbloggt wird über den Bericht und das Ergebnis der Studie referiert.

Zunächst die Feststellung, wie Bundeskanzlerin Merkel für ihre Entscheidung zur Grenzöffnung 2015 von Kommentatoren und Politikern rund um die Welt gepriesen wurde. Auch Tausende von deutschen Bürgern hießen die Flüchtlinge willkommen und spendeten Kleidung, Proviant und mehr.

Das lief unter "Willkommenskultur". Der Begriff wurde quer durch politische Debatten und Medienberichte gebraucht, um die Ereignisse vom Herbst 2015 zu beschreiben – aber ein Jahr später hatte sich das Bild dramatisch geändert.

Ende 2016 fokussierte sich die öffentliche Debatte auf die "Flüchtlingskrise", ebenso wie auf die Religion der Flüchtlinge/Migranten und die begrenzten Kapazitäten zu Aufnahme und Integration. Jetzt wurde über "Obergrenzen" diskutiert, über die Zahl der Flüchtlinge, die maximal hereingelassen werden sollten.

Die Studie der Autoren (1.) ergab nun, dass die Willkommenskultur nie so weitgehend in der deutschen Gesellschaft verbreitet war, wie die öffentliche Debatte von 2015 glauben machte. Aber auch die Wahrnehmung als Flüchtlingskrise war nicht allzu weit verbreitet.

Drei Viertel der beobachteten Deutschen waren anfangs skeptisch in Bezug auf Flüchtlinge und Migranten. Wie auch andere Studien zeigten, vertraten die meisten dennoch ausgeprägte humanitäre Ansichten. Ungeachtet der Wende in der politischen Debatte von 2015 auf 2016 blieben die Ansichten relativ stabil – und sie waren keineswegs allzu willkommensorientiert.

Für die Studie wurden 861 Bürger aus ganz Deutschland befragt (2015) und dann nochmal 418 (2016). Der Unterschied zu anderen Studien war, dass keine allgemeinen Migrations-Fragen gestellt wurden, sondern die Einstellung zu einer konkreten Situation erforscht wurde: Wie stellten die Befragten sich zu Flüchtlingsheimen oder -wohnungen in ihrer Umgebung? Die Frage war realistisch, weil überall im Land solche Wohnstätten eingerichtet wurden.

Den Teilnehmern wurden verschiedene mögliche Konfigurationen von Flüchtlings- bzw. Migrantenwohnstätten in ihrer Umgebung vorgestellt, und sie wurden gefragt, welche sie davon bevorzugten. Unterschiedlich wurden z.B. die Heimatländer der Bewohner abgefragt, deren Religion, die Qualität der Bauten und die Entfernung zur Wohnung der Befragten.

Humanitäre Sicht

Es ergaben sich Gemeinsamkeiten und auch Unterschiede. Zwei Gruppen konnten 2015 unterschieden werden:

  • 20% waren ausgesprochen pro Flüchtlingsheime/-wohnungen in ihrer Umgebung,
  • 80% der Befragten waren strikt dagegen.

Dabei teilten beide Gruppen ausgeprägte humanitäre Ansichten. Wegen des tragischen Mittel-Ost-Kriegs bevorzugten sie Migranten aus Syrien gegenüber anderen Ländern wie Nigeria. Sie bevorzugten Familien gegenüber Einzelpersonen. Sie bevorzugten ordentliche Wohungen und Häuser gegenüber Containersiedlungen.

  • Die 20%-Gruppe unterschied nicht zwischen Nichtmuslimen und Muslimen, hatte nichts gegen größere Ansammlungen und nichts gegen Heime in der näheren Nachbarschaft.
  • Die 80%-Gruppe bevorzugte Nichtmuslime gegenüber Muslimen, sie bevorzugte kleinere Heime/Wohnungen und größeren Abstand zum eigenen Domizil.

Die große Mehrheit hat ihre Meinung von 2015 auf 2016 nicht geändert. Entgegen dem Verlauf der Debatte äußerten sich 8% sogar mehr zustimmend. 9% folgten der Debatte und wurden mehr ablehnend. Unterm Strich kaum eine Änderung. Auch für 2018 ergaben andere Untersuchungen eine ähnliche Stabilität der Ansichten zur Immigration.

Teilnehmer, die in der Nähe von Flüchtlingsheimen/-wohnungen lebten und Kontakt mit Flüchtlingen hatten, neigten eher zur Befürwortung von solchen Heimen in ihrer Umgebung und behielten diese Ansicht auch bei. Das Gleiche galt für besser ausgebildete Bürger mit generell positiverer Sicht auf Migranten.

Diskrepanz in der Debatte

Anders als die politischen Debatten und die Mainstream-Medien nahelegen, sind die Ansichten der Bürger nicht durch Herkunft und Religion der Flüchtlinge dominiert. Die Forschung der Autoren ergab vielmehr, dass andere Faktoren wichtiger sind: Lieber Familien statt Einzelpersonen, bessere Unterbringung usw.

Die deutsche Mehrheit war immer skeptisch gegenüber Flüchtlingsheimen/-wohnungen in ihrer Umgebung, auch als 2015 weltweit die Willkommenskultur gepriesen wurde. Behauptungen über die schöne "deutsche Willkommenskultur" waren also wahrscheinlich übertrieben. Ebenso dürfte das Hochschreiben der Flüchtlingskrise überzogen sein, weil es die starken humanitären Ansichten der Bevölkerungsmehrheit ignoriert.

Insgesamt stellt der Artikel eine Diskrepanz zwischen den Ansichten der Bevölkerung und dem Fokus der politischen Flüchtlingsdebatte mitsamt seiner medialen Wiedergabe fest (2.).

Dazu der 1. Klartext von wissenbloggt: Das entzieht dem Gerede von allüberall Nazis, Rechtsradikale, Ausländerfeinde die Grundlage – eine Entschuldigung ist angebracht.

Weitere Punkte zur Studie

Eine Erklärung für die erwähnte Diskrepanz zwischen dem medialen Abfeiern der Willkommenskultur und den Ergebnissen der Studie könnte in einem weitern Effekt liegen, genannt Not-In-My-Back Yard (NIMBY, "nicht bei uns"). Wenn nämlich nach der generellen Akzeptanz von Flüchtlingen gefragt wird, gibt es andere Resultate, als wenn nach der Akzeptanz von Flüchtlingen nebenan gefragt wird (1.).

Das erinnert an einen weiteren Effekt namens Other-People's-Money (OPM, "Geld von anderen"). Wenn's nicht das eigene Geld ist, gibt es sich leichter aus.

Nun der 2. Klartext von wissenbloggt: Auch wenn das nicht so ausgesprochen wird, belegt es, dass viele Willkommens-Kulturelle zum Aufnehmen (und zum Bezahlen) andere vorschieben – auch da ist eine Entschuldigung angebracht.

Und abschließend der 3. Klartext von wissenbloggt: Die Studie legt nahe, dass eine 20%-Minderheit eine 80%-Mehrheit politisch und medial bevormundet hat – und das verlangt erst recht nach einer Entschuldigung.

 

(Der Klartext stammt von wissenbloggt. In der Studie wird dergleichen nicht ausgesprochen, sondern sie endet mit dem Hinweis, dass "vor dem Hintergrund der anhaltenden Immigration nach Deutschland und anderswo die Immigrationspolitik solche Aspekte wie Schutz und Integration von Flüchtlingen und anderen Migranten in die Gesellschaft unterstützen muss.")

Medien-Links:

  1. From welcome culture to welcome limits? Uncovering preference changes over time for sheltering refugees in Germany (Public Library of Science PLOS): The majority of the study population is rather disapproving of refugees and migrants living in their vicinity, and a decreasing minority has positive preferences towards refugees and migrant homes in their vicinity. This suggests that the “welcome culture” was actually not present in German society to the extent suggested by many media reports and opinion polls, and by its promotion through politicians.
  2. We asked Germans what they really felt after Angela Merkel opened the borders to refugees in 2015 (The Conversation 24.10.): Overall, there was and still is today a mismatch between people’s views, the focus of political debates about refugees and media coverage of these issues.

Links zu Artikeln von wissenbloggt:

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2 Antworten auf Willkommenskultur/Obergrenze wissenschaftlich untersucht

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Diese wissenschaftliche Untersuchung und Studie, die in ganz Deutschland 861 Bürger (2015) und 418 Bürger (2016) befragt haben, stellt für mich keine Studie dar. Die Studie besagt: 20 % Pro und 80 % dagegen – unter welchem Prozentsatz wird meine Meinung dazu und die der anderen nicht befragten Bürgern eingestuft und berechnet – unter die 80 % oder die 20 %?

    JWG

  2. Wilfried Müller sagt:

    Gar nicht, Du warst ja nicht dabei. Eine Stichprobengröße von 800 oder 1000 ist im 95%-Konfidenzintervall durchaus aussagekräftig für die Gesamtheit von 82 Millionen. Siehe dazu Umfragen: dreimal selbe Frage, dreimal andere Antwort. Der verlinkte Stichprobenrechner funktioniert leider nicht mehr.

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