Viele reden von Humanismus. Was aber ist damit gemeint?

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9783865692849-689x1024Nahezu jede Verwendung des Wortes „Humanismus“ erfolgt aus programmatischen Motiven und Überlegungen, schreibt der Verlag, und weiter: Diese Variationen werden in diesem Kompendium erstmals umfassend dargestellt anhand exemplarischer Beispiele in wissenschaftlichen Studien, populären Texten und grundsätzlichen Äußerungen in deutscher Sprache. … Wer in der Gesellschaft mit einem Konzept von Humanismus auftritt oder aufzutreten beabsichtigt oder dagegen argumentiert, wird sich nach Vorliegen der Publikation dieser Sammlung bedienen können, um sich zu verorten. Eine Rezension von Siegfried R. Krebs, zuerst bei Freigeist Weimar, 24.10.2018:

Viele reden von Humanismus. Was aber ist damit gemeint?

WEIMAR. (fgw) Horst Groschopp, Herausgeber der Reihe „Humanismusperspektiven“, hat nun mit Band 4 – „Konzeptionen des Humanismus“ – eine ganz besondere Studie vorgelegt. Der Untertitel verweist darauf, worum es sich bei dieser handelt: „Alphabetische Sammlung zur Wortverwendung in deutschsprachigen Texten“. Gemeint sind hier aber vorwiegend wissenschaftliche Texte.
 

Im Klappentext heißt es dazu, daß diese Studie „ähnlich einem Lexikon" sei. Das stimmt mit Blick auf die alphabetische Anordnung. Aber anders als in einem üblichen Lexikon werden in dieser Publikation keine allgemein-verbindlichen Definitionen der einzelnen Begriffe gegeben. Sondern Groschopp führt auf, anhand von belegten Zitaten, wo und wie und auch von wem die Begriffe „Humanismus" bzw. „humanistisch" verwendet worden sind bzw. verwendet werden. Bewertungen werden da vermieden, allerdings werden diese Zitate in den jeweiligen historischen oder gesellschaftlichen Kontext gestellt. Also kommen hier nicht nur freigeistige (wissenschaftliche oder künstlerisch tätige) Autoren zu Wort, sondern nicht minder auch Politiker, Theologen bis hin zu den Päpsten der letzten Jahre und sogar Feinde des Humanismus.

Übrigens, ursprünglich hatte Groschopp seine literatursoziologische Studie mit „Gebrauch des Begriffes Humanismus" titeln wollen, was dem Charakter dieses Kompendiums eigentlich näher kommt als der Begriff Konzeptionen. Insofern trifft die Verlagsankündigung Groschopps Intentionen durchaus zu: „Es geht dabei um sachkundige Einführung und Vorstellung von realen Konzepten des Humanismus per Wortgebrauch."

Denn, so die wichtigste Erkenntnis Groschopps, wie auch die des Lesers, viele, sehr viele reden von Humanismus. Aber was sie damit meinen, das bleibt oft unklar, das kann mal dies, mal sogar jenes bedeuten. Es gibt eben nicht den Humanismus an sich. Und Humanismus ist auch mehr als das, was z.B. der Humanistische Verband Deutschlands darunter versteht. Allerdings muß einschränkend bemerkt werden, daß die aufgeführten Zitate in der Regel noch kein konkretes Humanismuskonzept beschreiben, darstellen. Sie können nur Anregung geben, sich mit den angeführten Quellen zu befassen. Insofern stellt dieser Band eine (preisgünstige) Ergänzung zum exorbitant teuren Handbuch „Humanismus: Grundbegriffe" dar.

Seiner alphabetischen Sammlung von A wie „Abendländischer Humanismus" bis Z wie „Zweiter Humanismus" hat Groschopp eine längere Einführung mit dem überaus zutreffenden Titel „Pluralität des Humanismus" vorangestellt. Hierin geht er u.a. auf die Ergebnisse seiner Recherchen und die von ihm gewonnenen Erkenntnisse ein.

Seine wohl wichtigste Erkenntnis faßt Groschopp unter der Überschrift „Humanismen im Humanismus" zusammen und schreibt dazu u.a.: „Der Hauptbefund der vorliegenden Studie besteht darin, um es in einem blumigen Bild auszudrücken, daß Humanismus zwar ein weites feld ist, aber die Kulturen darauf den Dialog und den Vergleich ermöglichen, weil keine unverträglichen 'letzten Antworten', 'absolute Wahrheiten' oder 'höchste Wesen' Gemeinsamkeiten verbieten. Humanismus kann als eine Kultur gesehen werden, in der es viele Kulturen gibt, wie die vorgelegte Sammlung zeigt." (S. 15)

Aber man kann die große Zahl der Begriffsverwendungen durchaus zusammenfassen; bei Groschopp ergeben sich hier zwölf Zuordnungen. Von „Erstens ist Humanismus eine kulturelle Bewegung." bis zu „Einige Humanismen haben, ein zwölfter Punkt, Appellfunktionen, verkünden einen moralischen Auftrag, wollen bestimmte Haltungen befördern…" (S. 17-20)

Der Kulturwissenschaftler Groschopp verschweigt allerdings seine Wertungsfragen nicht und stellt kurz eigene Positionen vor. Auch äußert er sich zu den Kriterien der von ihm getroffenen Auswahl. (S. 21-27)

Zur von ihm getroffenen Auswahl schreibt er: „Die Liste erfaßt 250 Bedeutungen von 'Humanismus' und über achtzig Präzisierungen von Substantiven durch den Zusatz von 'humanistisch'. (…) Vollständigkeit war nicht das leitende Prinzip. Es fehlen mehrere Länder und Regionen. Sie sind relativ leicht hinzuzufügen." (S. 24-25) Die Zahl der Fußnoten beläuft sich auf etwa 1.300, während die „Auswahlbibliographie gedruckt vorliegender deutschsprachiger Bücher, Broschüren und Themenzeitschriften" 23 Seiten füllt. Hinzu kommt noch ein mehrseitiges Verzeichnis der in den Texten, einschl. Fußnoten, erwähnten Personen.

Eine Begriffsverwendung soll hier beispielhaft im Wortlaut vorgestellt werden, gerade weil diese in gewissen freigeistigen Kreisen schon fast zur Quasi-Religion erhoben wird:

Veganer Humanismus

Plädoyer für ein Ende der menschlichen Tiernutzung in all ihren Varianten und für eine Abkehr von einem menschenzentrierten Humanismus: 'Mit dem Ende aller Tiernutzung soll eine Bedingung geschaffen werden, daß die Tiere ihre moralischen Qualitäten ohne Anleitung und Beeinflussung durch die Menschen unter sich zur Geltung bringen. Wir haben die Pflicht, sie zu einer eigenen Ausübung ihrer Lebensansprüche frei zu lassen. Das Recht der Tiere besteht nur in einem: Im Recht zur Regulation ihrer Angelegenheiten durch niemanden als sie selbst.' (Zitatquelle) Dies sei eine Weltanschauung mit 'anthropokosmischer' Dimension. (Zitatquelle)

Der Schauspieler und Veganer Christoph Maria Herbst meint, daß der Humanismus als 'Animalismus' neu definiert werden sollte. (Zitatquelle)

Der Rezensent muß sich sehr zusammenreißen, um hier keinen Kommentar anzubringen…

Allerdings muß er auf einen Umstand eingehen, der zwar mit dem eigentlichen Gegenstand dieser Studie nichts zu tun hat, der dem Rezensenten aber bitter aufstößt:

Es ist mehr als bedauerlich, daß sich Horst Groschopp unkritisch der bundesdeutsch-verordneten Sprachregelung unterwirft und nur von „Nationalsozialismus" (mit Betonung auf Sozialismus!) redet anstelle von Faschismus bzw. deutscher Faschismus oder von der „Zeit des Nationalsozialismus" anstelle von faschistisches Deutschland.

Hierauf möchte der Rezensent mit einem Zitat von Vera Friedländer, die zu den überaus wenigen jüdischen Überlebenden der faschistisch-deutschen Mordindustrie gehört, antworten. Sie hat diesbezüglich am 18. Oktober 2018 in der Tageszeitung „junge Welt" geschrieben: „Wenn ich über diese Zeit spreche, nenne ich sie nicht »Nationalsozialismus«. Dieses Wort lenkt von der Unmenschlichkeit des Systems ab. Es war ein Werbewort der Nazis, um die Massen zu gewinnen, die sich unter Sozialismus etwas Erstrebenswertes vorstellten. Sie versprachen ihnen einen »nationalen Sozialismus«. Das war Betrug. Die Nation führten sie in den Krieg, und den Sozialismus bekämpften sie. Leider verwendet heute fast jeder in unserem Land dieses Wort, als sei es gesellschaftlich vorgeschrieben. Ich ziehe es vor, das System mit dem Wort zu bezeichnen, das international üblich ist: Faschismus, deutscher Faschismus."

Humanisten sollten sich eben grundsätzlich auch einer humanistischen Sprache verpflichtet sehen und das Wesen einer Sache benennen und deshalb schlimme, gar schlimmste Euphemismen grundsätzlich meiden.

 

Siegfried R. Krebs

 

Horst Groschopp: Konzeptionen des Humanismus. Alphabetische Sammlung zur Wortverwendung in deutschsprachigen Texten. Reihe Humanismusperspektiven, Band 4. 314 S. Taschenbuch. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2018. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86569-284-9

Link zum Originalartikel bei Freigeist Weimar

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Eine Antwort auf Viele reden von Humanismus. Was aber ist damit gemeint?

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Humanismus wird m. E. in unserer Gesellschaft meistens nur noch als Humanität, Menschlichkeit, Solidarität und Toleranz verstanden. Bei der Politik und der gesamten Wirtschaft kennt man diese Worte anscheinend nicht mehr oder man hat es verlernt. Es ist schön, dass wb solche Themen aufgreift.

    JWG

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