Der alternde Nietzsche von Frank Sacco

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Der Name Nietzsche taucht ständig auf in den Artikeln von Frank Sacco, Doktor der Medizin. Jetzt also ein Artikel, der den Namen von Nietzsche im Titel trägt, und der sich explizit gegen  Nietzsches Ansatz zur „Züchtung“ von „höherwertigen, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren“ Menschen wendet (Bild des Züchtungsapparats: Sacco).

Der alternde Nietzsche  von Frank Sacco

Der alternde Nietzsche war schon ein Wegbereiter für die Ereignisse 33-45. Er wurde damals nicht falsch interpretiert. Er war kein Antisemit, aber doch ein Kritiker am Judentum.  Er ent- bzw. umwertete alle bisherigen Werte, und sprach da speziell Toleranz und Mitleid an. Er hatte kein Verständnis für die Schwachen. In seinem Buch „Der Antichrist“ schreibt er: „Was ist schlecht? Alles, was aus der Schwäche stammt…  Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Friede überhaupt, sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit… Die Schwachen und Missratenen sollen zugrunde gehen… Was ist schädlicher als irgendein Laster? Das Mitleiden der Tat mit allen Missratenen und Schwachen – das Christentum.“

Er plädiert für die „Züchtung“ eines „höherwertigen, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren“ Menschen, einer, der bisher gefürchtet wurde. Die Folge ab 1936: Zuchtanstalten für blonde Arier. Aus der Furcht vor so einem  „Furchtbaren“ habe man bisher das Gegenteil „gezüchtet“: Das „Haustier“ Mensch. Doch ist nicht ein Haustier besser als ein Hitler? Ein Mitleiden mache „depressiv‘“. Das stimmt allerdings.  „Man verliert Kraft, wenn man mitleidet.“ Auch das ist richtig. Darwins „Gesetz der Selektion“, habe man missachtet. Man habe „gewagt, das Mitleiden eine Tugend zu nennen“. Es kreuze jene Instinkte, welche …auf „Werterhöhung des Lebens aus sind“. Gegenüber den Schwachen „unerbittlich sein, hier das Messer führen – das gehört zu uns, das ist unsre Art der Menschenliebe“, so  Nietzsche. Man müsse durch „Verachtung“ der „Menschheit überlegen sein“. Wer jedoch so denkt und handelnd das Messer zückt, der steht irgendwann, wenn er nur lang genug lebt,  an Massengräbern. Das wusste der Denker und er hoffte, das dann auch aushalten zu können. Er hielt seine Philosophie nicht aus. Und erkrankte schwer. Das Christentum predigt eine aufgezwungene „Liebe“. Und das  KZ Hölle für Abweichler. Von einer eigenverantwortlichen Liebe zum Nächsten dürfte die heutige Erde noch immer ein Defizit aufweisen.

Nietzsche bemängelt, dass die „starken Rassen des nördlichen Europa den christlichen Gott nicht von sich gestoßen haben“, diese „Ausgeburt der décadence“. Weiter: Die Juden seien das merkwürdigste und „verhängnisvollste Volk der Weltgeschichte.“ Sie hätten „die Religion, den Kultus, die Moral, die Geschichte, die Psychologie auf eine unheilbare Weise in den Widerspruch zu deren Natur-Werten umgedreht“ und damit „die Menschheit dermaßen falsch gemacht, dass heut noch der Christ anti-jüdisch fühlen kann…“. Der „Priester-Instinkt des Juden“ habe mit der Erfindung des Christentums das „gleiche große Verbrechen an der Historie“ wie schon am Judentum begangen. Man erfand einen „der korruptesten Gottesbegriffe“ mit der „Lüge vom auferstandenen Jesus“. Nota bene: Mit seiner Kritik am Judentum ist der Denker noch kein Antisemit.

Ich denke so: Nietzsches mir nur zu begreiflicher Hass auf das „schauderhafte Heidentum“ Christentum führte ihn auch irgendwo in die Irre. Er führt ihn weg von jenen Werte – Idealen, die schon weit vor der Geburt des Christentums in der freundlichen Zuwendung zum Nächsten, der Toleranz und des Mitgefühls für Schwächere lagen. Diese „Liebe“ erfand ein Jesus nicht. Ich kritisiere das Christentum nicht aus diesen Gründen. Ich kritisiere es aufgrund seiner Stärke,  seiner Unbarmherzigkeit und Grausamkeit, diesen „Qualitäten“ der Geistlichkeit. Und hier treffe ich mich wieder mit Nietzsche. N.: Der Priester herrsche „mit einem kaltblütigen Zynismus“  durch die „Erfindung der Sünde“. „Alles Glück“ mache er zum Lohn Gottes, alles Unglück zur „Strafe für Ungehorsam gegen Gott…“.  Er zitiert auch die klerikal erfundenen Bibel-Strafen für die angesprochenen „Sünden“: „…in das höllische Feuer geworfen, da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht erlischt.“ Und Markus 6,11: In Sodom und Gomorra werde es erträglicher gewesen sein als am Tag des „Jüngsten Gerichtes“. „Was kann noch unevangelischer sein als Vergeltung, Strafe und Gerichthalten!“, so N. Kein Evangelium, nein ein „Dysangelium“ sei dieser Glaube. Die „heilige Schrift „sei eine „literarische Fälschung“. In der Tat! Sie ist nach Friedrich dem Großen ein orientalisches Märchenbuch, verfasst von einer brutalen Hochintelligenz: „Oh sie sind klug, klug bis zur Heiligkeit“, so N. Über die jenseitigen Strafen schreibt er: „Es sind  Folter-Instrumente, es sind Systeme von Grausamkeiten, vermöge deren der Priester Herr wurde, Herr blieb…“ Der Priester sei „die gefährlichste Art Parasit, als die eigentliche Giftspinne des Lebens“, dem großen „Pomp des Kultus“ zugetan. Überall im Leben, „bei der Geburt, der Ehe, der Krankheit, dem Tode“ und bei der Mahlzeit erscheine der „heilige Parasit“. Heiliggesprochene dieser Zunft seien Verrückte oder große „Betrüger“. Man solle sich als moderner Mensch schämen, sich „Christ noch zu heißen“. Das sei „unanständig“ und „hier beginnt der Ekel“, so N. Der Gedanke der  „Auferstehung“, die ja den Gedanken einer ewigen Höllenfolter erst ermöglicht, sei das bisher „bösartigste Attentat“ auf die Menschheit. Das Christentum, das „alles“ verspreche, aber „nichts“ halte, sei noch „dreimal“ mehr die „ultima ratio der Lüge“ als das Judentum. Es stelle sich gegen alles „Frohe“ „Hochherzige“ und das „Glück auf Erden“. Diese Décadence (Sünde, enges Gewissen) nutze „eine priesterliche Art“ für sich als Mittel: „Diese Art Mensch hat ein Lebens-Interesse daran, die Menschheit krank zu machen…“, krank mit der Verseuchung der Lebenslust auf den Gebieten eines gesunden Egoismus, einer gesunden Lebensfreude. Leiden solle man in dieser Welt, so die Bibel. „Alles was leidet, alles was am Kreuze hängt, ist göttlich“, so N. dazu.

Das Christentum hat auch unsere Sexualität vergiftet. Bevor die Missionare als Vorhut des ausbeutenden Kapitalismus in der südlichen Welt auftauchten, gab es dort keine sexuellen Perversitäten. Sie waren nicht nötig, denn übliche Heterosexualität führte bei den „Wilden“ noch nicht in eine ewige Hölle. Der homosexuelle Einstein des Sex, Magnus Hirschfeld, erklärt uns, was die Kirchen aus der Vulva jeder erwachsenen Frau gemacht haben: Den „Eingang zur Hölle“.  Seinen Penis woanders hineinzustecken, z. B. in Kinder, ist demnach religionspsychologisch harmloser, gesünder und nicht einmal biblisch verboten. Darum tun es auch so etliche. Die Pädophilie ist nach Hirschfeld und nach Frank Sacco Ersatzsexualität. Das hat die heutige Psychiatrie vergessen. Man hat die alten Meister vergessen.

Doch Nietzsche übertrieb. Da war er m. E. schon auf dem Weg zur bzw. bereits in der Erkrankung. Seine Umwertung aller Werte war über das Ziel hinausgeschossen. Sie trieb ihn in eine für ihn schreckliche Einsamkeit. Alle Freunde wendeten sich ab, „selbst Lou“.  Ja er selbst wurde sich unheimlich in dieser nie so ausformulierten neuen „Moral“ des Menschen.  Schlimm sei er. Als Folge wurde er kurz manisch. Manie ist hier – wie allermeist –  die Abwehr einer drohenden Depression  und Symptom eines beginnenden Sacco-Syndroms. In Turin strotzte er  nur so vor Kraft, einem nie gekanntem Lebensmut  und einem hervorragenden Appetit. Kurz darauf glitt er nahezu zeitgleich mit der Veröffentlichung des Antichristen in eine zehnjährige Psychose ab. Die Gewissensqual, dieser Fangarm des Christentums, fing den vermeintlichen Atheisten dann doch noch ein. „Wir sind die Mörder aller Mörder“ rief der Gottesmörder Nietzsche. Er rief es in den Wind. Denn ein Gott, den es nicht gibt, den kann keiner ermorden, selbst ein Nietzsche nicht.

In einer relativ kurzen Zeit hätte ich den Denker von seinem Wahn geheilt, dem Wahn, es könne einen Gott geben, der ein KZ schlimmer als Auschwitz unterhält, ein KZ,  in dem nach Bischof Nikolaus Schneider mit Feuer gefoltert wird, „von Ewigkeit zu Ewigkeit“, wie es in der Bibel heißt. Eine Ewigkeit ist der klerikalen Erfindung Christengott nicht einmal zum Foltern genug. Der vergleichsweise harmlose Hitler hatte sich noch mit einem tausendjährigen Reich und gut 10 Jahren Folter für seine Gegner begnügt. Deutsche, auch Kinder, verheizte er in der Glut feindlicher Bombenhagel. Doch einmal zu verbrennen ist vergleichsweise nicht so schmerzhaft. „Welche Gnade ist für Sünder jedes nicht brennende Körperteil!“, schreibt der Kirchenautor Deppe zur ewigen Feuerqual  durch einen Jesus. Er diskutiert die dortige Hitze. „6000“ Grad? Das schreibt er unseren Kindern in seinem  Buch „Wie wird es in der Hölle sein“, betanien. Dass ein derart folternder Jesus an einem Kreuz sterben musste, sollte man es nicht als gerecht empfinden? Doch Jesus war ganz anders. Erst der Klerus macht ihn und seinen Herrn Papa  in finanziellem Eigennutz zu Hitlerfiguren. Sie sind Opfer des „Geschäftes“ mit der Angst, ein Geschäft, das der Verbrecher Bischof Nikolaus Schneider im Der Spiegel 43/2014 als Geschäft zugibt. Die Amtskirchen sind nicht nur kriminelle, sie sind auch terroristische Vereinigungen.

Über die Schuld Nietzsches: Denker denken nun mal. Und oft auch mal verkehrt. Besonders, wenn sie krank sind oder im Begriff sind, es zu werden. Bevor wir uns fremde Theorien oder Denkarten zu Eigen machen, müssen wir sie auf unseren persönlichen Prüfstand stellen. Ist es wirklich angebracht, Toleranz,  Mitgefühl oder Mitleid aufzugeben?  Kriege und Gaskammern sind keine Lösung,  die (vermeintlich) „Schwachen und Missratenen“ zu beseitigen. Wer will sich da auch auf der Rampe das Urteil anmaßen, ob missraten oder nicht. Sind nicht die Henker oft missratener als die schuldig gesprochenen? Wer wie Nietzsche  als psychisch schwer Kranker Krankes denkt, der ist oft nicht zurechnungsfähig und ggf. unschuldig. Wer solches Denken als „Gesunder“ übernimmt, der kann schuldig sein, wenn er Erdachtes in der Praxis umsetzt. Doch gibt es ihn, kann es ihn geben, den gesunden Homo sapiens?

Immerhin, wo wir Nietzsche die entlarvende Entschlüsselung des Sacco-Syndroms zu verdanken haben, haben wir mir die Namensgebung zu verdanken. Der christliche Glaube setze Menschen „Berge“ vor, gemeint sind hier Berge von Sündengefühlen: „Ein flüchtiger Gang durch ein Irrenhaus klärt zur Genüge darüber auf“, so N.  Das Christentum „hat diese Krankheit nötig. „Krank machen ist die eigentliche Hinterabsicht des ganzen Heilsprozeduren-Systems der Kirche“, so N. Die Kirchen haben sich heute in ihrer Hochintelligenz zu den Trägern dieser „Irrenhäuser“ gemacht und verdienen damit noch an den Kranken, die sie sich selbst produzieren. Ich habe das das Perpetuum mobile des Christentums genannt.

Das Sacco-Syndrom weist je nach Konstitution ganz unterschiedliche Symptome auf: Mal kommt es zu angstbesetzten Depressionen mit Sündengefühlen, mal zu einer Manie, mal zu Süchten (wie bei Freud), mal zu einem Defizit an Aufmerksamkeit, mal zu einer Abkehr von dieser Welt in Form einer Psychose – beim Kind Autismus,  beim Erwachsenen: Schizophrenie.

 

Frank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor der Bücher

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