Arbeit ohne Sinn (aber mit Bezahlung)

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Natürlich haben die Juristen nicht das Anrecht auf den ersten Platz, wenn es um sinnlose Tätigkeiten geht. Da dürfen auch die Werbeleute ein Wörtchen mitreden, die Zertifizierer oder gewisse Politiker (Bild: GraphicMama-team, pixabay, Text von wissenbloggt).

In der Theorie sind Juristen dazu da, Rechtssicherheit zu schaffen. Sie eggen und säen und pflügen das juristische Land. Sie häufeln nur ein bisschen zuviel, denn die Zahl der Rechtsanwälte in Deutschland stieg zwischen 1990 und 2018 von 46.933 auf 164.656, eine Zunahme um 250%, jährlich beinahe 5% mehr im Schnitt.

Das entnimmt man einem Zeit-Artikel zur "Arbeit ohne Sinn" (1. und der Statistik 2.). Der Artikel kommentiert das Buch "Bullshit-Jobs" von David Graeber, das schon bei der Zeit besprochen ist (3.). Hier werden ein paar interessante Aspekte aus den Leserkommentaren herangezogen. Zusammen mit anderen Quellen liefert das eine trübe Sicht auf die moderne Arbeitswelt, ohne Bullshit, aber mit Bedenken.

Jurisprudenz

Ein großer Teil der Juristen ist demnach damit beschäftigt, durch Schreiben von Gesetzen, Verordnungen, Verträgen, allgemeinen Geschäftsbedingungen, Haftungsregeln oder Konventionen die Komplexität des Rechtssystems weiter zu erhöhen. Andere Juristen verkaufen sich als Experten für den Umgang mit diesem System oder bieten Wege an, wie die Regulierungen umgangen bzw. endlos verzögert werden können. Was wiederum nach weiteren Bestimmungen ruft usw.

Ein selbstverstärkender Trend wirkt darauf hin, das System zu verkomplizieren. Juristen, Steuerberater usw. sind sind nicht daran interessiert, dass sie obsolet werden. Im Gegenteil, sie wollen die  Gefilde ausweiten, denen sie ihren Verdienst verdanken. Stichworte dazu: die legalisierte Abzocke beim Abmahner-Unwesen, die  Erpressung mit Patenten durch die Patenthaie, die Abzock-Spitzenleistungen bei CETA, TTIP oder Toll Collect durch Verträge mit Schiedsgerichten (wb-Link Staatlicher Betrug).

Viele empfinden es als Frechheit, dass die beteiligten Juristen extrem viel Geld bekommen.

Steuer

Aus ähnlich gelagerten Gründen haben wir in der EU wohl immer noch keine vernünftige Steuergesetzgebung. Steuerflucht ist eben nicht bloß eine Pfründe für Steuerflüchtlinge, sondern auch für Anwälte (wb-Link Steuerflucht).

Genausowenig gibt es ordentliche Regeln zur Sozialversicherung; seit 20 Jahren sieht man da keinerlei Fortschritt. Man kann zwar in jedem EU-Land ungehindert arbeiten, baut aber in jedem Land unterschiedliche Rentenansprüche auf. Wenn man dann in Rente geht, darf man in jedem Land einen Antrag stellen – in der Landessprache, versteht sich…

Logischerweise produziert sowas Unmengen an bürokratischem Aufwand, ohne dass ein Nutzen dahintersteckt.

Uni

Früher durfte ein Professor lehren und forschen (und sein eigenes Büro/Institut betreiben). Jetzt darf er nur noch forschen, wenn er Anträge einreicht, Berichte schreibt, Formulare ausfüllt usw. Ein Arzt darf heute auch nicht einfach behandeln, sondern muss alles doppelt und dreifach dokumentieren. 

Zum Teil macht die Kontrolle auch Sinn, aber vielfach ist es nur Glasperlenschubserei – noch eine Menge bürokratischer Aufwand ohne Nutzen.

Ein pikantes Beispiel ist das Verfassen von Fake- oder sonstwie obsoleten wissenschaftlichen Artikeln (wb-Link Pseudowissenschaft).

Ebenso sinnfrei ist der Aufwand, der fürs Gendern betrieben wird. Überspitzt gesagt befassen sich nun Leute mit der Analyse der Gehälterstruktur der Institution im Hinblick auf eine geschlechtsspezifische Benachteiligung sowie der Berücksichtigung der Wünsche der weiblichen Belegschaft hinsichtlich des Speisenangebots in der Kantine (wb-Link Gender).

Werbung

Wo Werbung bloß um Marktanteile kämpft, ist sie Unsinn und Ressourcenverschwendung, und der Anteil dieser nutzlosen Werbung wird auf 80% geschätzt. Die allermeiste Werbung führt Verbraucher gezielt in die Irre, und das brauchen die Verbraucher nicht. Die smarten Verkäufer denken sich dann noch Sachen aus wie automatisierte Abzocke durch benutzerspezifische Preise, sprich Preisdiskriminierung.

Allein in Deutschland arbeiten etwa eine Million Menschen für Werbezwecke. Da sind ganze Heerscharen mit den modernen Formen des Leutebescheißens beschäftigt (Formulierung wb). Außer Belästigung produzieren die aber nichts, was irgendwer wirklich brauchen kann (wb-Link Werbung).

Minijobs

Ob man die ganzen Helferjobs zu den sinnfreien Tätigkeiten rechnen soll? Im Kleinanzeigenteil der Wochenblätter finden sich die Angebote zuhauf. Für Bäckereiverkäuferinnen, Tankstellenhelfer, Putzkräfte oder Spielhallenmitarbeiter gibt es Vergütung zum Mindestlohn, aber dort werden auch gerne Qualifizierte genommen. Zumindest aus deren Sicht dürfte die Arbeit oft sinnfrei sein.

Nur dass die Sinnfreiheit von allein zu den Arbeitenden kommt, auch wenn sie gar nicht den Job wechseln. Der sinnfreie Anteil seiner Arbeit sei in den letzten zehn Jahren deutlich angewachsen, sagt ein Zeit-Forist und stößt damit auf zustimmendes Echo. Soche sinnfreien "Bullshit-Jobs" gab es schon zu DDR-Zeiten, wird angemerkt.

Zu dem Thema mag ein putziges Beispiel aus dem Ex-Ostblock interessant sein: Auf dem Markt bietet jemand ausgebrannte Glühbirnen an – und sie werden ihm abgekauft. Die Käufer nehmen sie nämlich mit an ihre Arbeitsstelle und wechseln sie gegen intakte Glühbirnen aus.

Überreglementierung

Wie aus Idealen in der Realität Bevormundung wird, zeigt die Brüsseler Bürokratie oft und gern. Stichworte Dämmwahn, Brandschutz-Hype, Zertifizierungsunwesen …

Für alles gibt es jetzt Beauftragte, die in Firmen, Behörden und Organsationen herumschnüffeln und mit europäisch generierter Macht ausgestattet sind. Zertifizierer und Beauftragte sind die modernen Blockwarte. Die eigentliche Arbeit wird zunehmend durch Kontrollen behindert und durch unsinnige Vorschriften erschwert (wb-Link EU-Niedergang).

Den Leuten wird ständig das nächste Qualitätssicherungssystem aufgedrückt, um ihre Qualität und Leistung zu verbessern – meist ohne mehr Personal einzustellen oder sonstwie Geld auszugeben. De facto ist das ein Versuch, mit Luftakrobatik Mehrwert zu erzeugen.

In vielerlei Hinsicht regulieren wir uns längst zu Tode. Aufgrund der neuen Datenschutzregeln muss heutzutage jede kleine Metzgerei tonnenweise Dokumente anfertigen. Bestimmt nicht deshalb, weil der Metzgermeister sonst nicht wüsste, was er mit seiner Zeit oder seinem Geld anfagen soll. Die Dokumente sind auch nicht deshalb fällig, weil sein Handwerk komplizierter und komplexer wurde. Sondern deshalb, weil eine "Horde Bürokraten" in der Ferne eine neue Verordnung erlassen hat, die ihn unter existenzbedrohenden Strafen zum Dokumentieren zwingt.

Für viele ist das zum Abwinken. Was da beschrieben wird, lässt sie die Gesellschaft als hoffnungslos degeneriert empfinden. Wenn sie sich tagtäglich mit dem "geistigen Unrat" herumschlagen müssen, den "überbezahlte Theorie-Schwachmaten" austüfteln, wird ihnen das Leben schwergemacht.

Wie stichhaltig diese Kritik ist, zeigt der historische Vergleich. Woran sind denn alle großen Weltreiche der Geschichte letztendlich zugrundegegangen? Nämlich an ihrer überbordenden Bürokratie. Und, ja, wir sind auf einem guten Weg dahin, in Deutschland wie auch in der EU.

Komplexität

Deutschland und Europa brauchen einen Reset, fordert ein Forist. Keep it simple sei schließlich ein wesentlicher Grundsatz erfolgreichen Wirtschaftens.

Wenn es mittlerweile einfacher geworden ist, Fachkräfte von Deutschland nach China zu entsenden als etwa nach Spanien, dann müssen sich die Regulierungen der EU das Etikett hirnrissig gefallen lassen. Wenn die Stellenbescheibungen um so komplexer werden, je niedriger die Gehälter sind, dann ist da was faul. Wenn alles zu Tode reguliert wird, entstehen eben viele sinnfreie Tätigkeiten beim Ausfüllen von Formularen.

Ob das damit zu tun hat, dass modernes Wirtschaften mit ständig steigender Komplexität fertigwerden muss (beim Metzger wohl nicht)? Oder steckt ein Verantwortungstransfer dahinter, in dem Sinne, dass keiner die Verantwortung für sein Handeln übernehmen möchte, und dass es deshalb immer mehr Kontrolleure und Berater geben muss? Die sich wiederum selber mit vielerlei "Aus- oder Einschlusskriterien" absichern, so dass sie am Ende zwar teuer, aber nutzlos sind?

Oder ist es doch die maßlose und in weiten Teilen völlig sinnlose Regulierung in immer weiteren Bereichen? Schafft die diese Probleme, die es ohne sie gar nicht gäbe?

Was denn nun?

Da dürften alle drei Faktoren zusammenkommen, wobei einer den anderen verstärkt. In der Gesamtsicht kommt nun das politische Element zum Tragen. Warum brauche ich einen Steuerberater, damit ich alles richtig mache? fragt ein Forist, und: Wäre das nicht eine Aufgabe für die Parteien, unser System wieder zu entwirren und es einfacher, übersichtlicher und verständlicher zu machen?

Die Betonung auf Parteien zeigt schon dass es da unterschiedliche Betrebungen gibt. Als Regulierungsfanatiker gelten die Grünen, die SPD, die CDU und – wenn sie könnten – die Linke. Und natürlich die EU. Und was tun die Politiker in der Sicht der Foristen?

Statt zu deregulieren, werden irgendwelche Fördertöpfe aufgemacht und tausend Bedingungen dran gesetzt, die kaum jemand direkt verstehen kann. Das ist leider eine realistische Sicht, und ein wenig paradox ist es auch:

  • Als in den 1970er Jahren das große Deregulieren den Weg freimachte für die kapitalistische Machtergreifung, da flutschte das Deregulieren nur so – und wenn nun wieder reguliert werden soll, geht das ganz, ganz schwer.
  • Wo nun die EU und in ihrer Rechtsfolge Bundes- und Landesparlamente Regulierungen schaffen, da flutscht das nur so – aber wenn dereguliert werden soll, geht das ganz, ganz schwer.

Dabei wäre das Regulieren der Finanzwelt mal eine sehr sinnvolle Arbeit, und das Deregulieren der Überreglementierung auch. Dazu der sarkastische Spruch eines Zeit-Foristen: Eigentlich ist doch nur Jagen & Sammeln sinnvoll, nicht wahr?

 

Medien-Links:

  1. "Bullshit-Jobs": Arbeit ohne Sinn (Zeit Online 9.11., 90 Kommentare): Modernes Wirtschaften schafft merkwürdige Jobs, nur um mit der steigenden Komplexität fertigzuwerden.
  2. Zahl der Absolventen eines Jurastudiums 1959 – 2015 (LTO). Um 1960 gab es 2.000 Absolventen pro Jahr, das stieg auf 10.000 um 1995 und sank etwas auf 8.000 um 2015, um 2016 wieder auf 9.000 zu steigen. (wissenbloggt: Gebraucht würden 4.000 Absolventen pro Jahr, um den Bestand von 160.000 zu halten.)
  3. David Graeber: "Effizienz ist ein Mythos" (Zeit Online 9.11.): Warum halten so viele Menschen die eigene Arbeit für unnütz? Ein Gespräch mit dem linken Vordenker David Graeber über sein neues Buch "Bullshit Jobs" und die Sinnkrise auf dem Arbeitsmarkt.

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Eine Antwort auf Arbeit ohne Sinn (aber mit Bezahlung)

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Überall wird man nur noch von Werbung überschwemmt und erdrückt, für mich ist das schon Nötigung!

    Der ganze bürokratische Aufwand ist für viele ohne Nutzen, aber die den bürokratischen Aufwand erzeugen und betreiben steckt ein System dahinter!

    Dass die Zahl der Anwälte gestiegen ist, wundert mich nicht; denn heutzutage geht ja ohne Anwalt gar nichts mehr, weil man nur noch beschissen und von Betrügern umgeben ist!

    Arbeit ohne Sinn (aber mit Bezahlung): ich weiß nicht, ob man den Mindestlohn noch Bezahlung nennen kann – für mich wäre es eine Beleidigung meiner Qualifikationen und Intelligenz!

    JWG

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