Armutsberichte: Die Ungleichung geht nicht auf

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discount30-2789868_1280Früher gab es Sonderangebote bei den Gütern, die verkauft wurden. Jetzt werden die Normalverbraucher selber zu Sonderangeboten. Das ist die Botschaft hinter den Armutsberichten, die wieder mal im Schwange sind (Bilder: MarcoRoesler, pixabay, "100%" von wb).

Die Zahlen sind nicht gut. Mehr als 2 Millionen Minderjährige sind von Armut betroffen. 1,2 Millionen Berufstätige müssen mit Hartz IV aufstocken (1.). Berlin und Bremen bleiben "die Armenhäuser Deutschlands". 40% der Einelternfamilien sind betroffen; jedes dritte arme Kind hat ausländische Eltern. In der übrigen Bevölkerung ist jeder achte Minderjährige arm. Weitere Zahlen sieht man in dem Sozialbericht 2018 (2.).

discount60-2789874_1280 Entsprechendes entnimmt man Artikeln (3.), die auf dem WSI-Verteilungsbericht 2018 basieren (4.). Der Sozialbericht 2017 sagt auch nicht viel anderes (5.). Nach Befragungsdaten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) muss rund jeder 8. aus der Erwerbsbevölkerung dauerhaft unter prekären Bedingungen leben, das sind gut 12% der Erwerbsbevölkerung bzw. gut 4 Millionen Menschen. Prekäre Umstände, das heißt: Job ohne Perspektive, zu wenig Einkommen, mangelhafte soziale Absicherung, und das über Jahre (6.).

discount90-2789877_1280Wie sich die prekären Verhältnisse auch auswirken, zeigt die Statistik der Stromabschaltungen (7.). 344.000 deutsche Haushalte wurden mit Stromsperren belegt, 14.000 mehr als im Vorjahr. Sogar drüben in den USA ist die Hälfte der unter 18-Jährigen unterstützungsbedürftig (51,7%, 8.). Zeit für die Frage, existiert ein verfestigtes Prekariat? (9.). Eine etwas ältere Statistik zeigt ein Auf und Ab bei Unterschicht und Oberschicht (10.)., ansonsten geht der Trend klar zur Ausweitung der Unterschicht und zum Reicherwerden der Oberschicht.

Das ist (nicht nur) das Produkt von 13 Jahren Merkel-Regierung. Die Einkommensschere öffnet sich weiter, die Lebenswelten von Armen, Mittelschicht und Reichen fallen immer weiter auseinander, oder mit Merkels Worten: "Nie ging es den Deutschen so gut wie heute".

Dieser sarkastische Spruch stammt aus dem Leserforum der Zeit (4.). Dort finden sich auch andere gute Argumente. Demnach ist es nichts Neues, dass bildungsferne Familien immer mehr abgehängt werden. Das habe aber nichts mit den ausbeuterischen Reichen zu tun, sondern mit der Tatsache, dass immer mehr Menschen hier leben die in der modernen Arbeitswelt nicht mithalten können und bei denen es selbst an den Grundlagen wie der Sprache und Schulbildung fehlt.

Das sind natürlich vielfach Ausländer, weshalb viele Foristen den Anstieg der Armut auch auf den Zuzug der Flüchtlinge zurückführen möchten. Andere finden diese Denke erbärmlich. Nur ist das Argument nicht von der Hand zu weisen, dass man mit 50 Millarden Euro die Armut in Deutschland schon recht wirksam bekämpfen könnte (oder wie auch immer die Kosten für die Flüchtlinge sind; in dem Fall wäre abzuziehen, was die entsprechende Hilfe vor Ort kosten würde).

Ein weiteres Argument kann Logik für sich beanspruchen:Wenn die Linken (und Grünen) Armutsmigration befürworten, gibt es automatische eine Spreizung der Ungleichheit. Das dann mit noch mehr Belastung der arbeitenden Bevölkerung zu bekämpfen, sei die falsche Richtung, das zieht die ja noch weiter runter.

Überhaupt haben sich die Verhältnisse geändert. Früher war es breiten Schichten möglich, Familien zu gründen und Häuser zu bauen. Aus eigener Kraft ist das nun kaum mehr machbar, selbst wenn beide Verdiener Akademiker mit vermeintlich guten Gehältern sind.

discount100-2789863_1280Das ist ja die Crux, dass die Gehälter kaum mehr für all die Nebenkosten und den Aufbau reichen. Das sollen die Preisetiketten symbolisieren: Die Arbeitskraft wird immer mehr verramscht. Ob sie irgendwann wirklich 100% vom Einkommen abschreiben muss? Man wird sehen. Hauptsache für die Boni ist gesorgt (11.).

 

Medien-Links:

  1. Verfestigte Kinderarmut (junge Welt 15.11.): Neuer Report: Mehr als zwei Millionen betroffene Minderjährige. 1,2 Millionen Berufstätige müssen mit Hartz IV aufstocken
  2. Datenreport 2018 Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland (Bundeszentrale für politische Bildung): Doch eines von sechs Kindern wächst bei einem alleinerziehenden Elternteil auf und jedes elfte Kind lebt in einem Haushalt, in dem niemand erwerbstätig ist.
  3. DAUERHAFTE ARMUT UND VERFESTIGTER REICHTUMWSI-Verteilungsbericht 2018 (WSI 11/18): Vor allem Armut hat in sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verfestigt, aber auch Reichtum wird immer dauerhafter.
  4. WSI-Verteilungsbericht: Soziale Spaltung in Deutschland nimmt weiter zu (Zeit Online 5.11., 1100 Kommentare): Die Mittelschicht ist geschrumpft, zeigt der Verteilungsbericht des WSI. Das liege daran, dass es mehr Menschen mit geringem und mehr mit sehr hohem Einkommen gebe.
  5. Sozialbericht 2017 (Bundesministerium für Arbeit und Soziales)
  6. Rund jede und jeder achte in der Erwerbsbevölkerung muss dauerhaft unter prekären Bedingungen leben (scharf links 20.10.): Rund jede und jeder achte in der Erwerbsbevölkerung muss dauerhaft unter prekären Bedingungen leben. … In der Erwerbsbevölkerung leben gut 12 Prozent oder gut vier Millionen Menschen dauerhaft in prekären Umständen. Das heißt: Job ohne Perspektive, zu wenig Einkommen, mangelhafte soziale Absicherung, und das über mehrere Jahre. … Befragungsdaten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP)repräsentative Angaben von fast 10.000 Personen …  die im Beobachtungszeitraum von zehn Jahren mindestens einmal erwerbstätig waren. Der Untersuchungszeitraum reicht von 1993 bis 2012.
  7. Blackout für 344.000 Haushalte (junge Welt 12.11.): 2017 wurden in Deutschland 14.000 Stromsperren mehr exekutiert als im Jahr zuvor.
  8. The Welfare Generation: 51.7% Kids in 2017 Lived in Households Getting Govt Assistance (CNSNews 8.11.): Among American residents under 18 years of age in 2017, according to the Census Bureau, 51.7 percent lived in households in which one or more persons received benefits from a means-tested government program.
  9. Existiert ein verfestigtes „Prekariat“? (Hans Böckler Stiftung 09/18): Prekäre Beschäftigung, ihre Gestalt und Bedeutung im Lebenslauf und die Konsequenzen für die Strukturierung sozialer Ungleichheit.
  10. Relative Einkommensposition (Bundeszentrale für politische Bildung 27.9.13):
    1992: 20,3% Unterschicht, 17,0% Oberschicht (nach Wiedervereinigung)
    1998: 17,5% Unterschicht, 17,9% Oberschicht (Ende schwarz-gelbe Kohl-Ära)
    2005: 22,3% Unterschicht, 18,3% Oberschicht (Ende Rot-Grün)
    2009: 22,3% Unterschicht, 18,8% Oberschicht (Ende erste Groko der Neuzeit)
    2011: 21,4% Unterschicht, 18,4% Oberschicht (Mitte Schwarz-Gelb)
  11. Everyone On Wall Street Is Getting Bigger Bonuses This Year (Zero Hedge 12.11.): Here is how the report estimates that bonuses will rise across Wall Street:
    Equities sales and trading:                      5-20%
    Private equity:                                            5-10%
    Investment banking underwriting:        5-10%
    Corporate Management:                          5-10%
    Hedge Fonds and asset management       5%

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4 Antworten auf Armutsberichte: Die Ungleichung geht nicht auf

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Wie alles andere, hat auch die Armut ihren Anfang – ich spreche aus eigener Erfahrung! Ich gehe mal zurück ins Jahr 1987 vor der Wiedervereinigung: In Berlin hatten alle Arbeit (Vollzeit) mit guten Einkommen + Weihnachtsgeld + Urlaubsgeld + Berlin-Zulage – alle konnten sich vieles leisten – auch ich! Mein Einkommen betrug in dieser Zeit 3.500 DM Netto + 13. Monatsgehalt + 650 DM Urlaubsgeld + 300 DM Berlin-Zulage. Dann kam die Wiedervereinigung und viele Unternehmen verlagerten ihr Unternehmen nach Ostdeutschland, so wie auch das Unternehmen, für das ich gearbeitet habe – es wurden dann Ostdeutsche (Ossi genannt) eingestellt, die für sehr viel weniger Geld arbeiteten, weit unter der Hälfte von dem, was wir verdient hatten – die alte Belegschaft wurde mit einer guten Abfindung verabschiedet. Viele mussten sich arbeitslos melden, so wie ich auch. Auf der Suche nach neuer Arbeit musste man sehr große Abstriche beim Einkommen machen, sonst hätte man keine Anstellung bekommen, weil auch in Berlin die billigen Ostdeutschen bevorzugt wurden. Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld wurden weiter langsam abgebaut und zum Schluss gab es nix mehr, auch die Berlin-Zulage fiel nach der Wiedervereinigung weg. Den alten Lebensstandard konnten andere Menschen und ich uns nicht mehr leisten. 2002 kam dann noch der Euro, der das Einkommen von DM in Euro halbierte, die Preise aber wurden 1:1 umgerechnet. Ab da hat man gemerkt, wie die Armut Jahr für Jahr zunimmt, durch die Euro-Umstellung sind viele Rentner in Armut gerutscht: Wer sich heute nicht mit der Digitalisierung auskennt, den bleibt meistens nur eine Arbeit als Reinigungskraft, Mini-Job, Arbeitsvermittlungen oder eben Hartz IV und Aufstockung. Die Politik will aber davon nichts wissen und hören.

  2. Wolfgang Goethe sagt:

    Nachtrag: Um es rechnerisch und realistisch darzustellen, wie meine finanzielle Lage sich entwickelt hat, habe ich einmal meine finanzielle Lage zu D-Mark-Zeiten und der Euro-Zeit dargestellt: Zu D-Mark-Zeiten: Rentenanspruch (40 Jahre Beiträge eingezahlt) 1.820 DM Rente, abzgl. 700 DM Miete, blieben mir 1.120 DM zum Leben, abzgl. Nebenkosten blieben mir noch ca. 900–1000 DM – das heißt, es wäre ein schönes Leben! Durch die Euro-Umstellung sieht das jetzt so aus: Rentenanspruch 910 € Rente abzgl. der Krankenversicherung und Pflegeversicherung bleiben mir noch ca. 840 € Rente, abzgl. 700 € Miete (DM/€ 1:1), bleiben mir noch 140 € zum Leben, das heißt: Grundsicherung beantragen und evtl. Flaschen sammeln. Aber soweit wird es bei uns nicht kommen, weil meine Frau, als die Kinder größer waren, mitgearbeitet hat und Anspruch auf eine Rente zwischen 600 € – 700 € hat. Jetzt kommt aber der nächste Punkt, der für Armut sorgt: Wenn ich nicht mehr da bin, bekommt sie die Hälfte meiner Rente als Witwenrente, das heißt: 420 € Witwenrente plus ihre Rente macht das zusammen ca. 1020 Rente abzgl. der 700 € Miete blieben ihr 320 €, also wieder Grundsicherung – ein Teufelskreis! Die Politik züchtet regelrecht Armut und Hartz-IV-Empfänger! Ungleichland Deutschland!

    JWG

  3. Wilfried Müller sagt:

    In den USA usw. schaffen sie das auch, dass für viele immer weniger zum Leben bleibt. Es ist kein deutsches Phänomen, sondern ein globales.

  4. Wolfgang Goethe sagt:

    Da gebe ich Dir recht, Wilfried, das ist ein globales Problem! Es müssten alle Menschen in Ihrem jeweiligen Land zu Generalstreiks aufrufen, was aber nichts bringen würde, weil das die Regierungen nicht beeindrucken würde. Ich möchte auch wetten, dass Merkel und Ihre Artgenossen Ihre Gehälter damals 1:1 umgetauscht haben. In Deinem Artikel hast Du recht, dass die Bevölkerung selbst zum Sonderangebot geworden ist: Kinder würde ich mir heute jedenfalls keine mehr anschaffen!

    Gruß JWG

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