Krieg zwischen Wissenschaft und Religion vermeidbar?

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totem-pole-467528_1280werner22brigitteGottes Streitkräfte schreiten zur Verteidigung der Religion, wie zwei neue Artikel deutlich machen: Es muss was unternommen werden gegen den Reli-Exit. Dabei geht es nun nicht um den Islam, erst recht nicht um Stammesreligionen (Bild: werner22brigitte, pixabay), sondern um unsere alte Haus- und Hof-Religion Christentum.

Die britischen Professoren David N. Livingstone und John Hedley Brooke verteidigen die Religion, die vom US-amerikanischen Professor Jerry Coyne angegriffen wurde (1.). Von dort stammt das Wort vom Krieg zwischen Wissenschaft und Religion, der nicht unvermeidbar sei. In Deutschland geht es mehr um gegenseitige Animositäten. Über die berichtet der Redaktionsleiter von Christ & Welt und Träger vom Katholischen Medienpreis, Raoul Löbbert (2.,3.). Er bezieht sich auf einen Religions-/Atheismus-Index von 2012 (4.). Bei wissenbloggt gibt es einen neueren Index zu sehen (auch von WIN-Gallup, wb-Link Reli-Rating). Im einen Fall steht Deutschland auf Platz 8 der atheistischsten Länder, im anderen auf Platz 16. Großbritannien kann sich einmal nicht unter den top ten qualifizieren, ist beim anderen aber auf Platz 10.

So viele Heiden … Denen gilt es zu wehren, so die Leitlinie.

Beim deutschen Artikel heißt es, der moderne Heide wolle nicht diskutieren, es genüge ihm, die eigene Ignoranz bestätigt zu sehen. Der britische Artikel spricht vom "biologist and polemicist" Jerry Coyne, ehe er ihm die Leviten liest.

Diesen Furor zog Coyne auf sich, weil er schrieb, Wissenschaft und Religion seien genauso inkompatibel wie Rationalität mit Irrationalität inkompatibel ist. Solch eine Verallgemeinerung mögen die gegnerischen Professoren nicht leiden. Deshalb hacken sie ein wenig auf einem weiteren Professor herum, mit ihrem Fazit, bei dessen Aussagen sei der Krieg zwischen Wissenschaft und Religion als gegeben impliziert. Ihre Entgegnung hebt darauf ab, es gebe viele Wissenschaften und viele Religionen, und die seien alle ganz anders zu sehen.

Ein kleiner Einschub von wissenbloggt – viele Wissenschaften? Es gibt doch nur den einen Kanon der Wissenschaften und nicht etwa eine deutsche und eine britische Physik. Bei den Religionen haben sie allerdings recht, die gibt's nach Belieben. Allein darin zeigt sich doch der Unterschied, das eine ist klar definiert, das andere beliebig.

Die Professoren gehen so weit zu sagen, Begriffe wie "Religion" und "Atheismus" hätten keinen Gehalt (terms such as “religion” and “atheism” have no essence). Naja, die Wissenschaften lieferten schon mal die eine oder andere Antwort auf Fragen aus der Glaubensgeschichte, aber sie ließen Raum offen für religiöse Nachfragen & Hinwendung. Und wenn's darum geht, was für die Menschheit wichtiger ist, dann wären das nicht die wissenschaftlichen Fragen. Wissenschaft könne nur im Zusammenhang mit Religion oder Ideologie florieren.

Wow.

Schließlich seien Wissenschaft und Religion Komplemente (wie beim Ex-Papst, der in ihnen die beiden Flügel sah, mit denen sich die Menschheit erhebt). Geschichtlich gesehen lagen Wissenschaft und Religion schon mal über Kreuz, zumal bei der wissenschaftlichen Abkehr vom Wunderglauben, beim wissenschaftlichen Glauben an unbrechbare Naturgesetze oder beim Leugnen des Freien Willens.

Anmerkung wissenbloggt: Aus der Sicht, die hier vertreten wird (wb-Link Unfreier Wille) ist das eine putzige Umkehrung: Die Religion sieht den Willen als frei (damit der Mensch fehlen kann und Gott ihn dafür strafen kann), während viele Wissenschaftler immer noch an den unfreien Willen glauben.

Andererseits habe die Religion die Wissenschaft vielfach inspiriert (z.B. durch die Annahme des gemeinsamen Ursprungs der Menschen). Und die wissenschaftlichen Apparaturen wie das Teleskop wurden erfunden als Kompensation für den Sündenfall (Scientific methods and instruments were devised as a means for ameliorating the damage to human cognitive powers and sensory apparatus believed to have been brought about by human sinfulness). Der Artikel nimmt auch die Gestalt vom Globus als religiöse Errungenschaft in Anspruch, sie sei fundamental für die Entwicklung der Wissenschaft.

Anmerkung wissenbloggt: Nur dass die alten Griechen schon wussten, wie die Welt aussah, und dass die christliche Religion deren Erkenntnisse 1000 Jahre lang verbaggert hat – die Professoren beanspruchen Lorbeeren für die Religion, die sie nicht verdient.

Ähnlich wird argumentiert, Gottes Schöpfungsgeschichte hätte die Entdeckung der Abstammung der Arten initiiert, und heutzutage, nütze die Religion beim Dialog zwischen theologischer Anthropologie und Transhumanismus. Die neuen technischen Möglichkeiten werfen die Frage auf, was "menschlich" sei. Dazu hätten die Theologen viel zu sagen.

Einschub von wissenbloggt – die Philosophen haben noch mehr dazu zu sagen, und zwar ohne den Bias, der daher kommt, dass die Religion ihren vermeintlichen Gott über die Menschen stellt.

Auch bei der Wertediskussion ist die Religion demnach wertvoll. Wo die Begriffe "Wissenschaft" und "Religion" so viele Änderungen durchlaufen haben, stelle sich die Frage, ob Religionen in technologischen Gesellschaften überleben können?

Das haben sie schon, und aus wichtigen Gründen, so die Autoren. Religionen spenden Identität und Sinn – sie interpretieren das Universum, sie erklären es nicht. Die Religion für einen schiefgegangenen Versuch zur Welterklärung zu halten, ist demnach genauso wie das Ballett für einen schiefgegangenen Versuch zum Nachrennen nach dem Bus zu halten.

Anmerkung wissenbloggt: Interpretieren statt erklären? Tanzen statt Denken? .

Der deutsche Artikel setzt da an, wo der britische aufhört. Er verbreitet auch die Mär der populistischen Atheisten, welche die Religiösen mit ihren Erkenntnissen belästigen. Demnach arbeiten sie sich "mit glühendem Eifer am Glauben ab" – das ist auch eine Art, wie man Aufklärung bezeichnen kann.

Von all der Indoktrinierung und Mission hat der Autor Löbbert anscheinend noch nie was gehört, und von lernresistenten Bischöfen auch nicht. Aus seiner Sicht wolle der moderne Heide nicht diskutieren und nicht herausgefordert werden. Er sei außerdem träge, Wissen sei ihm egal, er interessiere sich nicht für philosophische Theorien und Beweise. Und für die Sinnstiftung der Religion auch nicht.

Anmerkung wissenbloggt: Das ist Sophistik, einfach die Vorwürfe umkehren. Und den Sinn gibt sich jeder selber, entweder direkt, oder indirekt durch die Wahl der Religion. Das scheint dem großen Theoretiker Löbbert nicht klar zu sein.

Er zitiert einen anderen Geistesriesen mit diesem Spruch: Die Erforschung des Universums habe ihm gezeigt, dass die Existenz der Materie ein Wunder ist, das sich nur übernatürlich erklären lasse.

Abschließende Bemerkung wissenbloggt: Das ist also die Zielrichtung, statt beyond god zurück zum Wunderglauben. Wer mit Philosophie und Wissenschaft argumentiert, sollte aber wissen, dass die Wissenschaft auf einer materialistischen Weltvorstellung aufbauen muss. Sie kann doch nicht auf Basis eines Wunderglaubens argumentieren und forschen, der beliebige Natur- und Menschengesetze außer Kraft setzt (außer den Theologen, die können das).

 

Medien-Link:

  1. War between science and religion is far from inevitable (The Conversation 19.11.): In his 2015 book Faith versus Fact, the biologist and polemicist Jerry Coyne launched one of his many attacks on religion in the name of science: science and religion, he wrote, are “incompatible in precisely the same way and in the same sense that rationality is incompatible with irrationality”.
  2. Religion: Atheisten nerven (Zeit Online 14.11., 500 Kommentare, Zahlsperre): Wer heutzutage sagt, dass er an Gott glaubt, wird schnell blöd angemacht. Unser Autor kennt das alltägliche Christen-Bashing und findet es niveaulos.
  3. Wenn Atheisten nerven (pro christliches Medienmagazin 15.11.): Wenn er auf einer Party davon berichte, dass er gläubig sei, ernte er meistens eine Tirade an Anfeindungen, schreibt der Journalist Raoul Löbbert in der Wochenzeitung Die Zeit. Dabei ist er sich sicher, dass es auch für hartgesottene Atheisten Momente gebe, wo sie existenziellen Trost brauchen.
  4. Global Index of Religion and Atheism (WIN-Gallup International 2012)

Götter-Links usw. von wissenbloggt:

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Eine Antwort auf Krieg zwischen Wissenschaft und Religion vermeidbar?

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Dass die Religion die Wissenschaft als Gegner sieht, ist doch klar: Die Wissenschaft forscht über die Entstehung der Menschheit und ob es einen Gott gegeben hat, was sie dann wissenschaftlich belegen kann – so wie der Astrophysiker und Wissenschaftler Stephen Hawking davon überzeugt ist, dass es aus wissenschaftlicher Sicht keinen Gott gibt und auch nicht geben konnte, da die Erde von selbst entstanden ist, durch den Urknall im Universum.

    Die Religion kann es ihrerseits nicht belegen und beweisen, dass es Gott gegeben hat, ihr bleibt nur ihr erfundener Glaube daran – da ist ihr natürlich die Wissenschaft ein Dorn im Auge, weil sie der Religion schaden kann. Zwischen Religion und Wissenschaft wird es immer Krieg geben.

    JWG

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