Dunkel ist der Rede Sinn

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Die Alltagssprache nutzt viele Redensarten, und oft weiß der Sprecher gar nicht, was das ursprünglich bedeutet. Macht nix, aber es ist trotzdem interessant, mal ein wenig in den Ursprüngen herumzustöbern. Da kommt die eine oder andere Petitesse ans Licht (Bild: romanosky, pixabay).

Oft ist die Entstehungsgeschichte unklar, und manchmal liegt sie auf der Hand (wie bei der Bedeutung von auf der Hand liegen, die auf der Hand liegt).

In anderen Fällen ist es nicht so klar. Wo kommt der rote Faden her? Ist es der Ariadne-Faden, der Theseus aus dem Labyrinth des Minotauros heraushalf? (1.) Oder hat Goethe recht, der den  Ursprung bei der königlich britischen Flotte sah, wo in sämtliche Tauwerke ein roter Faden eingesponnen war, damit man sehen konnte, dass es der Krone gehört (2.).

Ersteres wird von wiki vertreten, letzteres ist einem Artikel der nzz entnommen. Dort breitet der Linguistikprofessor Angelo Garovi eine Auswahl von Redewendungen aus – viele haben mit Fäden oder letztlich mit Spinnen oder Weben zu tun. Z.B. keinen guten Faden an ihm lassen heißt nur Schlechtes von ihm reden. Bei den Webern prüfte der Lehrmeister das Meisterstück der Gesellen nach Strich und Faden –  und wenn es schlecht war, ließ er keinen guten Faden an dem Stoff.

Die mythologische Vorstellung vom Lebensfaden, den die Parzen (Schicksalsgöttinnen) für jeden Menschen spannen und bei seinem Tod durchschneiden, stammt dagegen aus der Antike.

Einige Redensarten befassen sich mit dem Himmel, z.B. es schreit zum Himmel, wie man bei einer schrecklichen Tat sagt. Ansonsten steht der Himmel eher für Glückseligkeit. In frühen jüdischen Texten kommt der siebte Himmel vor, laut Talmud der oberste Himmel, der Ort des Rechts und der Gerechtigkeit. In der Vorstellung der Renaissance ist der Himmel voll mit geigenspielenden Engeln, daher der Spruch der Himmel hängt voller Geigen.

Nicht jedem war der Weg in den Himmel der Liebe vergönnt, wenn er nämlich einen Korb bekam. Mittelalterliche Miniaturen bilden ab, wie die Burgfräuleins ihre Liebsten in einem Korb zum Fenster hinaufzogen, und wenn die Liebe erkaltete, sorgten sie dafür, dass der Boden des Korbs durchbrach – der Liebste fiel dann durch – Später war der kosige Brauch nicht mehr so mühsam; sie schickten dem Verschmähten dann einen Korb ins Haus.

Auch mit Krediten gab's schon in alten Zeiten Kummer. Verwendet wurde ein gespaltener Stab ("Tessel" oder "Beilen"). In beide Teile wurden zugleich (symmetrische) Kerben gehauen. Das Kerbholz war eine frühe Form der Kontoführung mit Blaupase oder Kopie. Säumige Zahler hatten viele Kerben auf dem Stab – sie hatten Schulden. Später galt das auch in übertragenen Sinn. Wer sich etwas zuschulden kommen ließ, hatte etwas auf dem Kerbholz.

Eine kleine Auswahl deutet an, was es noch alles gibt, von 08/15 bis Zeter und Mordio. Interessant sind die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede z.B. deutsch-englisch. Grün steht in beiden Sprachen für unerfahren, die Deutschen sind grün hinter den Ohren, und die Engländer haben grüne Hörner (greenhorn). Aber wenn die Deuschen sagen, das kommt mir spanisch vor , dann sagen die Engländer it sounds Greek to me.

Auswahl Redewendungen aus wiki, ergänzt von wb: (1.)

  • 08/15 ("Null-acht-fuffzehn" nach dem Standard-MG im 1. Weltkrieg)
  • Am Arsch der Welt (abgelegen)
  • Einen Fehler ausmerzen (im März wurden nicht zur Zucht brauchbare Schafe aussortiert)
  • Backfisch (unreifes Mädchen, von zu kleinen Fischen, die man zurückwarf)
  • nur Bahnhof verstehen (vom 1. Weltkrieg, Bahnhof = nach Hause)
  • Cherchez la femme (suchen Sie die Frau, die dahinter steckt)
  • Auf Draht sein (aus der Telegraphensprache)
  • Aus dem Effeff (etwas perfekt können, ff wie finissimo)
  • Den Faden verlieren (nicht mehr weiter wissen, auch nach dem Ariadne-Faden, mit dem Theseus aus dem Labytrinth fand)
  • Flitterwochen (nach mittelhochdeutsch vlittern = turteln)
  • Gretchenfrage (nach Goethes Faust, Gretchen fragt Heinrich: „Wie hast du’s mit der Religion?“)
  • Auf dem Holzweg sein (auf Holzwegen werden die gefällten Bäume abgeschleppt, sie enden plötzlich mitten im Wald)
  • In flagranti (lateinisch "in flagranti crimine" = "in flammendem Verbrechen")
  • Jacke wie Hose (macht keinen Unterschied, beides aus demselben Stoff)
  • Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr (Übersetzungsfehler, das Nadelöhr war eine Nachtpforte)
  • Die Katze aus dem Sack lassen (Geheimnis lüften, es beweist, dass kein Hase drin ist)
  • Einen Korb bekommen (eine Bitte nicht erfüllt bekommen, der Legende nach wurden Troubadeure von ihren Liebschaften im Korb hochgezogen, kam der Korb ohne Boden, war es aus)
  • Durch die Lappen gehen (entwischen, bei der Treibjagd wurden bunte Lappen gespannt)
  • Lunte riechen (Verdacht schöpfen, man konnte die brennende Lunte = Zündschnur riechen)
  • Muckefuck (Ersatz- oder Blümchenkaffee nach "Mocca faux" = falscher Kaffee)
  • Den Nagel auf den Kopf treffen (Schützensprache, Nagel = Scheibenmitte)
  • Ach du grüne Neune! (unangenehme Überraschung, von Pik Neun beim Kartenlegen, was Schlechtes verheißt)
  • Grün hinter den Ohren (grün = unerfahren, z.B. auch engl. greenhorn)
  • Oberwasser haben (Oberhand gewinnen, Müllersprache, Oberwasser fließt aufs Mühlrad)
  • Wie die Ölgötzen (dumm herumstehen, nach Götterstatuen)
  • Pantoffelheld, unter dem Pantoffel stehen (er hat nichts zu sagen, Hausschuhe oder Holzpantinen als Sinnbild wieblicher Bekleidung)
  • Pi mal Daumen (ungefähr, (Pi) kann nicht abgezählt werden)
  • Quadratur des Kreises (unlösbare Aufgabe)
  • In die Röhre schauen (das Nachsehen haben, Röhre = Fernglas)
  • Gib ihm Saures! (lass ihn leiden, süß und sauer stand für gut und schlecht)
  • Einen Schnitzer machen (einen Fehler begehen, vom Schnitzen, wo ein falscher Schnitt zerstörend wirkt)
  • Das kommt mir spanisch vor (seltsam, nach Karl dem V., der spanische Sitten nach Deutschland brachte, engl. sounds Greek to me)
  • Süßholz raspeln (plump schmeicheln, Süßholz ist zuckerhaltiges Gewächs)
  • Aufs Tapet bringen (etwas ansprechen, von frz. tapis = Tischdecke)
  • Kommt nicht in die Tüte (Händlersprache für Ablehnen von Waren)
  • Unter ferner liefen (hinten im Feld, von Pferdewetten, wo nur die ersten 3 zählen)
  • Auf Vordermann bringen (verbessern, Militärsprache, ausrichten wenn die Reihe schief war)
  • Würmer aus der Nase ziehen (Geheimnisse entlocken, Quacksalber zogen Hirnwürmer aus der Nase)
  • Ein X für ein U vormachen (Betrugsversuch, lat. V = U war manipulierbar zu X)
  • Zeter und Mordio schreien (Krach schlagen, germanische Anklage mit "Zêter" = zieht her und Klagegrund "mordio" = Mord)

Medien-Links:

  1. Liste deutscher Redewendungen (wiki) aus dieser Liste wurde die Sammlung oben referiert.
  2. Einen Korb bekommen: Unser Alltag ist voll von Redensarten, deren Sinn den wenigsten bewusst ist (Neue Züricher Zeitung 21.11.): Fast täglich brauchen wir – bewusst oder unbewusst, oft sogar floskelhaft – Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten, deren Sinn und Bedeutung man erahnt, aber nicht immer genau kennt.

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Eine Antwort auf Dunkel ist der Rede Sinn

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Ach du dickes Ei! (Überraschendes Ereignis. Kann positiv als auch negativ gemeint sein).

    Die Katze aus dem Sack lassen! (Eine Neuigkeit bekannt geben).

    JWG

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