Warum ich kein Christ sein will V

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Red.: Die ersten vier Kapitel des Buches (Inhaltsverzeichnis) wurden dominiert vom Verhältnis der Wissenschaften zum Glauben, was bereits einige heftige Diskussionen unter den Kommentatoren ausgelöst hat – ein erfreuliches Zeichen von Interesse. Die von mir gewählte Form der Darstellung, möglichst den Autor vermittels Leseproben selber sprechen zu lassen und die verbindenden Texte entsprechend kurz zu halten, kann naturgemäß zu Lücken im Argumentationsgang führen, die letztlich nur durch Lektüre des gesamten Buches gefüllt werden können.

In der Einleitung zu Kapitel V behandelt Lehnert zunächst die mangelhafte Darstellung nichtchristlicher Positionen in den Medien, die eindeutig von den Großkirchen dominiert werden.

Lehnert: Entscheidend jedoch ist, dass die nach Millionen zählende Zahl der sich zu keiner der beiden christlichen Kirchen bekennenden Menschen überhaupt keine Möglichkeit erhält, sich gleichberechtigt und regelmäßig in den meinungsbildenden Medien zu äußern, um auch für ihre Auffassungen zu werben. In Berlin sind nur noch 30 % der Bürger Mitglied in einer der beiden gro­ßen Kirchen, aber nur sie haben regelmäßig Sendungen in Rundfunk und Fernsehen, die übrigen 70 % weltanschaulich anders orientierten Menschen werden in den Sendern ignoriert. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren in einer Talkshow über Fragen der Ethik, Sterbehilfe oder zum Beispiel Präimplantationsdiagnostik auch einmal ausführlicher die Ansichten eines betont nicht-christlichen oder gar atheistischen Vertreters gehört zu haben. In der Regel sitzen bei solchen Diskussionen vier oder fünf mit kirchlich-christ­lichen Positionen sympathisierende Vertreter einem Alibi-Atheis­ten gegenüber, der nur wenn er Glück hat, seine Auffassungen ohne Unterbrechung äußern kann. Wenn die Diskussion sich zu eindeutig zugunsten einer humanistisch-atheistischen Position entwickelt, schwenkt der Moderator zu einem anderen Thema um. Im Übrigen achtet der Moderator streng darauf, den Unterhaltungscharakter einer solchen Talkshow nicht zu gefährden. […]

Die Situation im deutschen Fernsehen in Sachen Meinungsfreiheit bezogen auf weltanschauliche Fragen ist bisher nur vergleichbar mit dem Zustand des früheren DDR-Fernsehens. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Zuschauer des DDR-Fernsehens damals um die Einseitigkeit und Partei­lichkeit der Berichterstattung wussten, heutigen deutschen Fernsehzuschau­ern ist diese Meinungssteuerung zugunsten der Kirchen in den meisten Fäl­len noch nicht einmal bewusst. Erst im Jahr 2007 zeigten sich in Rundfunk und Fernsehen erste zaghafte Versuche, religiöse Themen auch aus der Sicht erklärter Nichtchristen zu diskutieren. Es bleibt abzuwarten, ob diese ersten Lockerungen Bestand haben werden oder nur der erwarteten höheren Zu­schauer- und Zuhörerquote geschuldet sind.

Red.: Die Diskrepanz zwischen öffentlicher Darstellung der Kirchen und der tatsächlichen Gläubigkeit der Menschen zeigt sich auch dann, wenn man einmal die „Christlichkeit“ der gemeinhin als „Christen“ gezählten Mitglieder der Kirchen anschaut:

Lehnert: Nicht wenige Menschen neigen inzwischen zu einer agnostischen, wenn nicht gar atheistischen Auffassung. Sobald sie aber mit Fragen der Moral konfrontiert werden, insbesondere der Frage der letztlichen Verankerung von Moral, verfallen sie in das übliche Denkschema und meinen, dass die Grundlage moralischen Handelns nur göttlicher Natur sein könne. Für viele – selbst der große Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) war dieser Auffassung – stellt die behauptete Notwendigkeit eines absoluten moralischen Bezugspunktes einen Beweis für die geradezu notwendige Exis­tenz und An­erkennung Gottes dar. […]

Ich kann eine solche Haltung verstehen und tolerieren, für mich akzeptieren kann ich sie nicht. Es ist eine Haltung, die es vermeidet oder gar ablehnt, die Dinge zu Ende zu denken, sei es aus Gleichgültigkeit, aus Bequemlichkeit, aus Gründen gesellschaftlicher Anpassung oder aus Angst, schließlich vor dem Nichts zu stehen. Solche Menschen halten schlicht an dem Bild fest, das sie aus der Kindheit und dem Religionsunterricht kennen – eine schöne, heile, vorgegaukelte Bibelwelt. Solange es gut geht, leben diese Menschen sorgloser und glücklicher als manch ein Grübler und Skeptiker. Hat sich aber erst einmal der Zweifel eingenistet, das intellektuelle Verlangen entfaltet, den Dingen auf den Grund zu gehen und Widersprüche zu klären, dann gibt es auch bei ihnen kein Halten mehr. Es kann auch ein exis­tenzieller Schock sein, ausgelöst zum Beispiel durch den Tod eines geliebten Menschen, der wie ein Keulenschlag eine solche Glaubensgewissheit ins Wanken bringt. Dann fällt das Gebilde eines solchen naiv zurecht gelegten Gottesglaubens zu­sammen und hinterlässt erst einmal Ratlosigkeit und in nicht wenigen Fällen auch Orientierungs- und Trostlosigkeit.

1. Von den vergeblichen Versuchen, Gottes Existenz zu beweisen oder zu widerlegen

Red.: von den bekannten Gottesbeweisen greift Lehnert die folgenden drei heraus und behandelt sie eingehend:

Kausaler Gottesbeweis

Kosmologischer Gottesbeweis (das theistische anthropische Prinzip)

Moralischer Gottesbeweis

Lehnert: Schon Kant konnte schlüssig zeigen, dass es unzulässig ist, vom Begriff Gottes auf dessen Existenz zu schlie­ßen. Allgemein besteht heute, auch unter Theologen, Einigkeit darüber, dass die Existenz Gottes rational-logisch weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Die Frage nach Gott könnte sich allerdings auf eine ganz unspektakuläre Weise allmählich von allein erledigen. Wenn Kosmologie, Quantentheorie, Evolutionstheorie und Hirnforschung im Laufe der Jahrzehnte es immer selbstverständlicher werden lassen, dass zur Erklärung der Welt, des Lebens und des geistigen Geschehens keinerlei Rückgriff auf eine göttliche Macht erforderlich ist, ja diese eher als störender Faktor empfunden würde, dann bestünde immer weniger Anlass, noch an die biblische Schöpfungsgeschichte und an einen Schöpfer zu glauben. Das Ergebnis ist irgendwann der von nahezu allen Menschen akzeptierte Erkenntnisstand, dass Gott in der Wissenschaft, aber auch im alltäglichen Leben keine Rolle spielt, folglich auch nicht mehr benötigt oder vermisst wird. Das wäre zwar immer noch kein Beweis seiner Nichtexistenz, aber die Frage nach seiner Existenz würde mangels wissenschaftlicher und praktischer Bedeutung überhaupt nicht mehr gestellt, sie würde sich als Frage gewissermaßen auflösen. Die Frage nach der Existenz der alten ägyptischen, griechischen oder z. B. aztekischen Götter ist heute auch keinem Menschen mehr des Nachdenkens wert.

Von dem französischen Dichter und Kunstkritiker Charles Baudelaire (1821-1867) stammt der bemerkenswerte Satz: »Gott ist das einzige Wesen, das, um zu herrschen, noch nicht einmal selbst zu existieren braucht«.

2. Theodizee – Gottes grenzenlose Liebe und das unendliche Leiden in der Welt

Red.: Die Theodizee, diese unlösbare Widersprüchlichkeit eines allmächtigen und allgütigen Gottes angesichts von real existierendem Leid, ist nicht zum ersten Mal Thema dieser Seite. Lehnert gibt einige erschütternde Beispiele, wobei ich mich hier auf eines beschränken möchte. Lehnert:

Elie Wiesel (*1928), US-amerikanischer Schriftsteller und Überlebender des Holocausts, Friedensnobelpreisträger 1986 und Professor für Lite­ratur in Boston, erinnert sich in seinem autobiographischen Buch »Die Nacht zu begraben«:

»Wo ist Gott? Die SS schien besorgter, beun­ru­higter als gewöhnlich. Ein Kind vor Tausenden von Zuschauern zu hängen, war keine Kleinigkeit. Der Lagerchef verlas das Urteil. Alle Augen waren auf das Kind gerichtet. Es war aschfahl, aber fast ruhig und biss sich auf die Lippen. Der Schatten des Galgen bedeckte es ganz. Diesmal weigerte sich der Lagerkapo (Häftling, der für ›schmutzige Arbeit‹ Vergünstigungen erhielt), als Henker zu dienen. Drei SS-Männer traten an seine Stelle. Die drei Verurteilten stiegen zusammen auf ihre Stühle. Drei Hälse wurden zu gleicher Zeit in die Schlingen eingeführt. ›Es lebe die Freiheit!‹ riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind schwieg. ›Wo ist Gott, wo ist er?‹ fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. ›Mützen ab!‹ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. ›Mützen auf!‹ Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Er­wachsenen lebten nicht mehr. Ihre geschwollenen Zungen hingen bläulich heraus. Aber der dritte Strick hing nicht reglos: der leichte Knabe lebte noch … Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Und wir mußten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorüberschritt, seine Zunge war rot, seine Augen noch nicht erloschen. Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: ›Wo ist Gott?‹ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: ›Wo ist er? Dort – dort hängt er am Galgen … .‹« 8

Einen solchen Bericht kann man nur noch erschüttert zur Kennt­nis nehmen. Nicht so sehr die großen Zahlen an Toten, Ermordeten und Gequälten sind es, die uns aufwühlen, es sind die Einzelschicksale, die uns konkret vor Augen führen, welch unerträgliches Leid dem Menschen durch den Menschen angetan werden kann.

Red.: Über Generationen hinweg haben Philosophen und Theologen versucht, diese Widersprüchlichkeit im Verhalten eines Gottes in eine verständliche Sprache zu übersetzen und zu erklären, vor allem natürlich an dem biblischen Paradebeispiel der Leiden des Hiob. Es ist ihnen nicht gelungen.

Lehnert: Inhaltlich geht es um die Frage des Leidens und der Leidensbewältigung. Hiob, ein weiser und gottesfürchtiger Mann, ist mit allergrößtem Wohlstand und Glück gesegnet. Das gibt dem Satan Anlass zu der Frage, ob er auch dann noch gottesfürchtig bliebe, wenn es ihm schlecht erginge. Gott wettet, dass Hiob nicht vom Glauben an ihn abfällt, Satan hält dagegen. In der Folge wird Hiob von einer Kette schlimmster Unglücksschläge getroffen. Er verliert alles, Frau und Kinder, Haus und Hof, allen Besitz. Schließlich wird er auch noch mit Krankheit und schlimmsten seelischen und körperlichen Schmerzen gepeinigt. Hiob aber lässt sich nicht von Gott abbringen.

Red.: Man stelle sich das vor. Gott schließt mit dem gefallenen Engel Satan eine Wette ab, in deren Folge einem Menschen entsetzliches Unrecht und Leid widerfährt. Nur hart gesottene Christen kommen da nicht auf die Idee, dass dieser Gott zumindest gelegentlich sadistische Anwandlungen hat.

Lehnert: Ich kann mit dieser Geschichte nichts anfangen. Zunächst erschreckt mich die Menschenverachtung, die in der Wette zwischen Gott und Satan zum Ausdruck kommt. Um Hiob auf die Probe zu stellen, wird Hiob der Willkür des Teufels ausgeliefert und seine Frau, seine sieben Söhne und drei Töchter werden einfach um ihr Leben gebracht, seine Sklaven werden erschlagen, Abertausende seiner Tiere werden ihm genommen. Was mich eben­so abstößt, ist die Absurdität der Moral dieser Geschichte. Selbst Gott bescheinigt Hiob seine Untadeligkeit, er stellt fest, »es ist nicht seinesgleichen im Lande«. Aber Hiob muss erfahren, dass selbst ein Mensch, der niemals Unrecht getan hat und der »des Blinden Auge und des Lahmen Fuß« war, nicht davor bewahrt wird, von schrecklichen Krankheiten befallen zu werden und unaussprechliche seelische und körperliche Qualen erleiden zu müssen. Die Geschichte dieses Mannes endet mit der Erkenntnis, dass es weder Ge­rechtigkeit noch irgendwelche vernünftigen und einsehbaren Gründe gibt, die Gottes Handeln an Hiob verständlich machen. Gott straft und belohnt nach eigener unbegreiflicher Machtvollkommenheit. Allein blinder Gehor­sam, ehrfurchtsvolle Anbetung und demütige Hinnahme scheinen gefragt. Hiob wird nicht überzeugt, er ergibt sich. Der Schluss unterstreicht nur, wie absurd, mit Verstandesgründen nicht nachvollziehbar es nach dieser Geschichte auf der Welt zugeht. […]

In Auschwitz, das [Ratzinger] im Jahr 2006 als Papst besuchte, richtete er an Gott die Worte »Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden?« Eine Antwort darauf wusste er nicht und bestätigte damit indirekt das Scheitern der christlichen Theologie an dieser Grundfrage. Der »Katholische Katechismus«, verantwortlich zusammengestellt von ihm noch als Kardinal Ratzinger, stellt fest, dass es aus christlicher Sicht darauf keine direkte Antwort gebe. Stattdessen wird auf die göttliche Gnade und Weisheit verwiesen, die erst am Ende aller Tage offenbar würde

3. Ist Moral ohne Gott möglich?

Lehnert: Wann immer sich die Gelegenheit ergibt, fordern Politiker, vornehmlich jene aus den großen Parteien, sich auf die christlichen Grundwerte zu besinnen. Mit dem Verweis auf den angeblichen oder tatsächlichen »Verfall der Werte« wird die so genannte »christliche Wertegemeinschaft« beschworen. Das Christentum sei die Grundlage allen ethischen Handelns, heißt es. Moral ohne Bezug auf Gott führe über die Beliebigkeit schließlich zur Unmoral, ein Volk ohne eine in Gott verankerte Moral habe keine Zukunft und was derlei mehr im Brustton der Überzeugung, aber in der Regel ohne tiefere Kenntnis der Bibel vorgebrachte Bekundungen sein mögen. Und die grenzenlose Amoral, die sich in der Geschichte des Chris­tentums widerspiegelt, wird so­wieso souverän ignoriert.

Red.: Als Grundlage so genannter christlicher Moral gelten gemeinhin die zehn Gebote, auf die Lehnert ausführlich eingeht. Ich werde sie hier nicht wiederholen, sondern mich auf die Einschätzung Lehnerts berufen. Die ersten drei Gebote haben ohnehin mit Moral nichts zu tun, sondern kennzeichnen lediglich den Machtanspruch einer Priesterkaste, die sich damit das Volk gefügig machen kann.

Lehnert: Die folgenden sieben Gebote stellen den Kern einer zu akzeptierenden Moral dar. Allerdings haben sich diese Forderungen weltweit so oder ähnlich praktisch in allen Gesellschaften herausgebildet, können also keine spezifisch biblische Originalität beanspruchen. Schon das viele Jahrhunderte vor dem Alten Testament existierende »Ägyptische Totenbuch« formulierte die­se Forderungen. Erwähnenswert ist, dass das Tötungsverbot (5. Gebot) sich nur an die Mitglieder der eigenen Gruppe richtete. Das Töten von Menschen anderer Völker war selbstverständlich erlaubt, wie die vielen Kriegsberichte im Alten Testament und Aufforderungen Jahwes, sich die umliegenden Völker gewaltsam untertan zu machen, überdeutlich erkennen lassen.

Das 10. Gebot, das eng mit dem 6. und 7. zusammenhängt, ist insofern bemerkenswert, als es die Sklaverei als eine selbstverständ­liche, offenbar auch von Gott nicht in Frage gestellte Ausbeutung von Menschen durch Men­schen hinnimmt. Überhaupt wird in diesem Gebot die Ehefrau Sklaven, Haustieren und Sachen gleichrangig nebeneinander ge­stellt und wie selbstverständlich als Besitz des Mannes bezeichnet. Dass das Sklaventum offenbar von Gott gebilligt wird und dass dies keine von mir will­kürlich vorgenommene Deutung darstellt, geht zum Beispiel auch aus dem 2. Buch Moses (Exodus), Kapitel 21, Vers 2 bis 11 hervor. Auch dort wird aus­führlich die offenbar gottgewollte Rolle des Sklaven als privates Ei­gentum des jeweiligen Herrn festgelegt. Apostel Paulus argumentiert ebenfalls in diesem Sin­ne. Im 1. Korinther, Kapitel 7, Vers 21f drückt er sich sehr eindeutig und gera­dezu ermunternd für das geduldige Ertragen des Sklavendaseins aus.

Red.: Auch das monströse Strafsystem des AT gegenüber ehebrechenden Frauen, Homosexuellen, oder Kindern, die ihre Eltern nicht achten (alles endet jeweils mit dem Tod) ist bemerkenswert und erinnert stark an eine andere große Weltreligion.

Lehnert: Die Reihe monströser Bedrohungen und Bestrafungen ließe sich weiter fortsetzen. Auch von Unterwerfungen ganzer Völker und dem Hinschlachten – wie es oft wörtlich heißt – sich nicht freiwillig Ergebender und Anders­gläubiger ist an vielen Stel­len die Rede. Vorbilder für unsere heutige Zeit? Selbst wenn man den zeitlichen Kontext berücksichtigt, in dem diese Ge­setzgebung steht, was soll davon in »Gottes Namen« für uns noch von Be­deutung sein? Keine Spur von mitfühlendem Verstehen oder barmherziger Nachsicht. Nicht einmal im Kern kann doch solches Gedankengut als Richt­schnur für moralisches Handeln taugen. Die Beispiele mögen willkürlich zusammengestellt sein, untypisch für das Denken des Alten Testaments sind sie keinesfalls.

Red.: Als Fazit des alttestamentlichen Befundes zitiert Lehnert aus dem „Manifest des evolutionären Humanismus“ des Philosophen Michael Schmidt-Salomon:

»Als ethisches Vorbild für unsere Zeit taugt der Gott der Juden, Christen und Muslime gewiss nicht. Im Gegenteil. Wäre die Bibel tatsächlich ›Gottes Wort‹, müsste man den in ihr wirkenden göttlichen Tyrannen gleich mehrfach wegen kolossaler Verbrechen gegen die Menschlichkeit anklagen! Kein noch so verkommenes Subjekt unserer Spezies hat jemals derartig weitreichende Verbrechen begangen, wie sie vom Gott der Bibel berichtet werden! Man denke nur an die völlige Auslöschung von Sodom und Gomorra, den weltweiten Genozid an Menschen und Tieren im Zuge der sog. Sintflut oder aber an die für Christen und Muslime verbindliche Androhung ewiger Höllenqual, gegen die jede irdische und damit endliche Strafmaßnahme verblassen muss.« (Hervorhebungen im Original)

Red.: Doch wie sieht es im NT aus, das mit seiner „Bergpredigt“ gemeinhin als das so zu sagen renovierte Kernstück christlicher Moral gilt?

Lehnert: Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeitsliebe, Barmherzigkeit, Reinheit des Herzens – im Sinne von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit – und Friedensliebe sowie – modern gesprochen – Zivilcourage sind in der Tat Tugenden, die dem gedeihlichen Zusammenleben der Menschen dienen. Zu Recht wohl gelten die­se Passagen des Neuen Testaments, so unmodern sie in unseren Ohren heute klingen mögen, als eine zentrale, von jedem Menschen guten Willens zu beherzigende Botschaft. Ich möchte mich voll dazu bekennen und anerkenne, dass an dieser Stelle die Bibel einen Ankerpunkt moralischen Denkens und Handelns darstellt. Aber – und damit nehme ich nichts von meiner Zustimmung zurück – auch andere Gesellschaften haben solche Gebote entwickelt, auch ohne Bezug auf den christlichen Gott und seinen Sohn Jesus. Offenbar liegt diesen Geboten ein allen Menschen gemeinsames Bedürfnis nach einem harmonischen, Leid ver­hindernden Miteinander zu Grunde.

Eine kritische Frage muss ich allerdings anschließen: Wieweit hat sich Jesus mit diesen Forderungen eigentlich durchgesetzt, haben sie sich zu mehr als einem Lippenbekenntnis entwickelt? Die 2000-jährige Geschichte des Christentums jedenfalls, insbesondere das Verhalten ihrer maßgeblichen geist­lichen Führer, müsste Jesus – lebte er noch – in die Verzweiflung treiben.

Red.: Doch nicht nur die christliche Praxis weist die Friedfertigkeit der Bergpredigt in enge Grenzen, auch das NT selbst bietet zahlreiche Stellen, in denen von völlig unangemessenen Strafen die Rede ist, die alttestamentarischen Charakter haben. Lehnert führt dazu zahlreiche Beispiele an, die den Kirchenoberen wohl immer näher standen als die Kernaussagen der Bergpredigt und kommt zu dem Schluss: Wenn denn nun schon Gott nicht eingriff, als über Jahrhunderte im Namen der christlichen Lehre die allerschlimmsten »Menschenrechtsverletzungen« begangen wurden, warum wirkten nicht wenigstens Päpste, Priester und Theologen, die diese Botschaft täglich verkünden, als moralisches Korrektiv? Das Gegenteil war meistens der Fall: Sie wirkten bei den Exzessen wider die Menschlichkeit im Namen des Herrn freudig mit und riefen oft genug »Mit Gott«, »Für Gott« oder »Weil Gott es so will«. […]

Anders als Bibel und Kirche uns weismachen wollen, sind moralische Prinzipien nicht von Gott dem Menschen in Form offenbarter Texte vorgeschrieben worden, sondern haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte auf evolutionärem Wege von selbst herausgebildet. Es haben sich in Jahrtausenden jene Regeln des Zusammenlebens herauskristallisiert, die das Überleben einer Gesellschaft am besten ermöglichten. Moral, also ein System von sittlichen Normen, das dem Mitmenschen und der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit gut tut, hat sich auf diese Weise selbst konstituiert. Dass dem wohl so ist, dafür spricht die Tatsache, dass weltweit weitgehend dieselben Grund­sätze gelten: Du sollst nicht töten, nicht lügen und betrügen, du sollst das Eigentum des Anderen respektieren, du sollst dem in Not Geratenen helfen und weitere, weltweit übereinstimmende Gebote. Dabei dürfte unbestritten sein, dass die behauptete Existenz eines höheren Wesens, das nach dem Tode angeblich gutes Verhalten belohnen und schlechtes bestrafen würde, solchen grundlegenden Normen zusätzlich höchste Autorität verlieh.[…]

Die Ablösung einer religiös motivierten Moral und die Begründung einer Ethik in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen der menschlichen Natur führen also keineswegs zu dem von christlich-kirchlicher Seite prophezeiten Zusammenbruch von Moral schlechthin. Im Gegenteil – eine Moral beziehungsweise Ethik, die die menschliche Natur zum Ausgangspunkt nimmt und damit rational begründbar ist, wird »lebbar« und damit von den Menschen auch ohne göttliche Strafandrohung akzeptiert.

4. Was denken andere und was denke ich?

Red.: Dass Gott in der modernen Philosophie ganz schlechte Karten hat, belegt Lehnert im letzten Teil dieses Kapitels mit sehr anschaulichen und lesenswerten Beispielen. Ich darf mich auf seinen Schlussabsatz beschränken, um dem Leser nicht die Freude am Original zu nehmen.

Lehnert: Was bin ich nun? Bin ich ein Atheist, der Gottes Existenz strikt leugnet? Bin ich vielleicht doch eher ein Agnostiker, also einer, der das Göttliche für unerkennbar hält, aber dessen Existenz nicht unbedingt verneint? Als ein – hoffentlich – mit Vernunft begabtes Wesen sehe ich mich jedenfalls nicht in der Lage, an den mir über unsere Kultur vermittelten »lieben Gott« zu glauben. Von daher kann ich auch nicht die Vorstellung haben, von dieser göttlichen Instanz dereinst erlöst zu werden. Wer einmal »vom Baum der Erkenntnis« gegessen hat, für den gibt es kein Zurück. Zu viele Widersprüche zwischen verkündeter Botschaft und erlebter Wirklichkeit tun meinem Ver­stand weh. Aber auch das weiß ich: Mein und unser aller Verstand ist be­grenzt, vieles können wir nicht sehen, vieles nicht denken und begreifen, noch viel mehr nicht wissen, und wer weiß, wie viel wir nicht einmal erahnen?

So halte ich denn meinen Geist und meine Seele – so ich denn eine hätte – offen für Einsichten, die mir vielleicht bisher verborgen geblieben sind. Der Christ und der Muslim freuen sich auf den Himmel, der ihnen dereinst unendliche Freuden bescheren wird. Ich bin da bescheidener und freue mich darüber, ein wenn auch winziger Teil des Universums zu sein, der sich vor­übergehend als ein »Ich« empfinden und sich dieses unbegreiflichen Universums bewusst werden konnte. Vielleicht – so denke ich manchmal – hat ja das Universum uns Menschen hervorgebracht – aber das ist nun wirklich nur naives Phantasieren jenseits aller wissenschaftlichen Logik und Erkenntnis! – nur um sich durch uns seiner selbst bewusst zu werden.

 

Bibliographisches:

„Warum ich kein Christ sein will“

4., überarbeitete und erweiterte Auflage, Januar 2011

TEIA AG – Internet Akademie und Lehrbuch Verlag

Salzufer 13/14, 10587 Berlin

ISBN 978-3-939520-70-2

Bezug zum Beispiel über http://www.amazon.de/Warum-kein-Christ-sein-naturalistisch-humanistischen/dp/3939520705/ref=zg_bs_340579031_21

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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12 Antworten auf Warum ich kein Christ sein will V

  1. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Für viele – selbst der große Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) war dieser Auffassung – stellt die behauptete Notwendigkeit eines absoluten moralischen Bezugspunktes einen Beweis für die geradezu notwendige Exis­tenz und An­erkennung Gottes dar. […]

    Wobei dieser Rückzug auf das "Göttliche" vielleicht auch noch der Zeit geschuldet war, in der er lebte – heute würde er vielleicht akzentuierter formulieren.

    Man stelle sich das vor. Gott schließt mit dem gefallenen Engel Satan eine Wette ab, in deren Folge einem Menschen entsetzliches Unrecht und Leid widerfährt. Nur hart gesottene Christen kommen da nicht auf die Idee, dass dieser Gott zumindest gelegentlich sadistische Anwandlungen hat.

    Gerade das Buch Hiob hat viele zum Nachdenken gebracht – aber eher in Richtung Gottlosigkeit. Wie fahrlässig optimistisch musste damals die Priesterschaft sein, zu erwarten, dass Menschen diese Geschichte als positive Reklame für Gott betrachten. Die beschriebene Ungerechtigkeit und Allmacht Gottes in dieser Story wäre eher ein Beispiel, das im Islam auftauchen könnte.

  2. Argutus rerum existimator sagt:

    Ist Moral ohne Gott möglich?

    Moral ohne Gott ist wie ein Fisch ohne Fahrrad. In beiden Fällen reizt die Begriffs-Zusammenstellung zum Lachen, weil es nicht den mindesten inhaltlichen Zusammenhang gibt.

    Ein Mensch handelt moralisch, wenn er er tut, was er für gut hält und unterläßt, was er für schlecht hält. Ob ein anderer Mensch, ein Gesetzbuch, eine Religion oder sonst etwas Äußeres mit diesem moralischen Urteil konform geht, ist unerheblich. Die einzige Wurzel der Moral ist das jeweils eigene Gewissen.

    Wenn es nun einen Gott gäbe, der etwas, das ich schlecht finde, gut findet, und ich täte das, dann würde ich unmoralisch handeln. Ich bin ja nicht Gott, sondern ich bin ich und für mich ist nur mein eigenes Gewissen maßgeblich, nicht das einer anderen Person.

  3. Uwe Lehnert sagt:

    Ich möchte an dieser Stelle mal Frank Berghaus sehr für seine Arbeit danken, mein Buch hier in Auszügen darzustellen. Gewiss keine leichte Sache, aus der Textfülle jene Stellen zu präsentieren, die kennzeichnend für meine Ansichten sind. Ich denke, dass ihm das gut gelungen ist. Und wenn diese Kostproben zur Lektüre des ganzen Buches anregen, wäre das natürlich besonders schön. Nochmals herzlichen Dank an Frank Berghaus!

    Bei dieser Gelegenheit ein wichtiger Hinweis. In den letzten ein bis zwei Wochen haben alle mir bekannten Internet-Buchversender mein Buch einem anderen Autor (Uwe Schmidt) zugeordnet und als Erscheinungstermin den September 2011 angeben, also als derzeit nicht verfügbar bezeichnet. Das ist natürlich blanker Unsinn gewesen und inzwischen korrigiert, hat aber für erhebliche Verwirrung bei potentiellen Käufern und zu einem Nachfragerückgang geführt. Das Problem entstand offenbar durch Fehlinformationen der Großhändler. Einzig Amazon (http://www.amazon.de) zeigte konstant die richtigen Buchdaten. Im Übrigen wurden bei Amazon inzwischen 35 z.T. sehr ausführliche Rezensionen und etwa 100 Kommentare von Lesern eingestellt, über die ich mich in fast allen Fällen sehr freuen kann. 

  4. Rechtspopulist sagt:

    "3. Ist Moral ohne Gott möglich?"

    Das scheint mir ein Druckfehler zu sein … :-)

    Wie wäre es mit der Frage: "Ist Moral mit Gott möglich?"

  5. Dr. Frank Berghaus sagt:

    #4 Rechtspopulist am 28. Juli 2011 um 16:54

    Dass eine Moral im Grunde nur gegen einen wie auch immer gearteten monotheistischen Gott möglich ist, hat Lehnert ja sehr eindrücklich ausgeführt.

  6. Rechtspopulist sagt:

    #5Dr. Frank Berghaus am 28. Juli 2011 um 17:21

    Sooooo einfach ist das aber auch nicht. Es gibt z.B. einen Humanismus, der dem Judentum zu eigen ist. Man muss ja sagen, dass sei es mit ihrer Moral offensichtlich ernst meinen.

    Wäre dem nicht so, hätten sie schon längst alle "Palästinenser" ausgelöscht, den Iran in die Steinzeit befördert und ihre Auseinandersetzungen mit den Arabern auf das Härteste geführt.

    Das tat sie nicht und das tun sie auch heute nicht – obwohl noch immer Raketen auf ihr kleines Land fliegen.

    Stell dir mal vor, aus einem Nachbarland wären tausende an Selbstbauraketen auf Deutschland gefolgen … Dann wär hier aber schon längst eine andere Parteienlandschaft im Parlament.
    Im Judentum besagt der Monotheimus nicht, dass damit die gesamte Welt zu beglücken ist.

    Die Thematik ist so gesehen von einer gewissen Komplexität. Es ist ja die Frage: Warum wollen Christentum und Islam die Auflösung des Judentums?
    Ja, warum hat "Gott" es sich vor 2000 Jahren plötzlich anders überlegt? – Und zwar zu Lasten derer, die den Monotheimus überhaupt erst als zivilisatorische Grundlage ihres eigenen Volkes installiert hatten?

    Mein Verhältnis zum Monotheismus ist so gesehen auch ein durchaus zwispältiges.

    "Anders als Bibel und Kirche uns weismachen wollen, sind moralische Prinzipien nicht von Gott dem Menschen in Form offenbarter Texte vorgeschrieben worden, sondern haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte auf evolutionärem Wege von selbst herausgebildet."

    Da juckt es mir glatt in den Fingern, diese schöne These zu bezweifeln. Am Anfang waren also alle tumb und brutal, dann steigerte sich die moralische Reife, alles wurde zunehmend besser gößer und schöner – so dass dann das 20. Jh als Gipfel deises Prozesses eine Epoche des Friedens auf Erden war …

    Sorry, aber das glaub' ich so nicht. Es gibt hochintelligente Leute, die vollständige Psycho- und Soziopathen sind und es gibt Primitive, deren Moral geradezu vorbildlich ist.

    Selbst das Sozialverhalten von Delphinen ist weit besser als der der Menschen … in Somalia.

    Abgesehen davon hege ich keine Sympathien für einen ideosykratisch bedingten reduktiven Materialismus, der damit gerechtfertigt werden soll, dass es angeblich keine Gründe gäbe, diesem zu widersprechen …

  7. Uwe Lehnert sagt:

    #6 Rechtspopulist

    „Da juckt es mir glatt in den Fingern, diese schöne These zu bezweifeln.“

    Es wäre natürlich der Diskussion förderlich, wenn wenigstens der Ansatz zu einer konstruktiven Kritik gegeben würde. Nur anzweifeln ist halt etwas wenig.

    Ich führe in meinem Buch aus, was die Soziobiologie inzwischen herausgefunden hat. Danach haben z.B. Schimpansen bereits ein ausgeprägtes Sozialverhalten in Form von Kooperation und Mitgefühl. Ähnliches kann man auch bei Kleinstkindern schon beobachten. Die Soziobiologie zieht daraus den Schluss, dass sich die Disposition für Moral evolutionär herausgebildet hat und an die jeweils nächste Generation weiter gegeben wird.

    Kooperation und Mitgefühl bilden danach die Keimzellen der Moral. Offenkundig haben tierische oder menschliche Gesellschaften besser oder überhaupt nur überlebt, weil ihre Mitglieder zu dieser Form des Zusammenlebens bereit waren: Gemeinsame Nahrungsbeschaffung, Teilen in der Not, gemeinsame Abwehr von Feinden und barmherzige Hilfe aufgrund von Mitleid. Die Befolgung dieser Kernelemente der Moral liegt erkennbar im gegenseitigen Interesse der Beteiligten und bedarf daher zu ihrer Durchsetzung weder der Verheißung himmlicher Freuden noch der Dro­hung mit höllischer Bestrafung.

    Zur genetischen Disposition von Moral kommt die kulturelle Einwirkung aufgrund von Vorbild und Erziehung und – jetzt sehr verkürzt dargestellt – und führt unter anderem zur Ausbildung dessen, was man Gewissen nennt.

    Komplexere Themen lassen sich nun mal nicht in wenigen Zeilen abhandeln. Insofern erlaube ich mir halt doch, auf die ausführlichen Begründungen in meinem Buch zu verweisen. 

  8. ilex (E. Ahrens) sagt:

    "Moral" ist unser tierisches Erbe und hat sich nicht nur bei Menschen als biologisch vorteilhaft erwiesen – jedenfalls als Verhalten innerhalb einer Gruppe. Gibt es ja sogar bei Löwen und Wölfen. Insofern ist da der Ansatz von Uwe Lehnert eben auch von der Entwicklung her der Wahrscheinliche.

  9. Argutus rerum existimator sagt:

    #8 ilex (E. Ahrens) am 29. Juli 2011 um 00:18

    "Moral" ist unser tierisches Erbe

    Leider gibt es da synonymiebedingte Begriffsverwirrungen. "Moral" bezeichnet einerseits die ethischen Maximen eines Individuums (den Inhalt seines persönlichen Gewissens sozusagen) und andererseits Forderungen, die die Gesellschaft (oder ein Teil von ihr) an das Verhalten des einzelnen stellen.

    Zwischen diesen beiden gibt es sowohl Überlappungen als auch Abweichungen, die sehr unterschiedliche Ausmaße annehmen können.

    Die Quellen dieser Inhalte sind einerseits genetisch durch die Evolution bedingt (mit diesem Teil beschäftigt sich die Soziobiologie) und andererseits kultur- und zeitspezifisch und somit historischen Zufällen ausgesetzt.

    Mit Gott hat die Moral natürlich nichts zu tun, denn ersten gibt es den höchstwahrscheinlich gar nicht und zweitens wäre er, wenn es ihn gäbe, dafür auch gänzlich irrelevant.

  10. Uwe Lehnert sagt:

    Die Ethik war ursprünglich eine Thematik, die in den Zuständigkeitsbereich der Philosophie fiel, später meldete die Theologie hier ihre Ansprüche an. Inzwischen schickt sich die Soziobiologie an, moralisches Verhalten von Menschen und Gesellschaften als Ergebnis der Evolution zu erklären. Damit ist in jüngster Zeit eine naturwissenschaftlich(!) orientierte Disziplin aufgetreten, die dem Anspruch von Kirche und Religion mit empirischen Belegen widerspricht, in Fragen der Moral beziehungsweise Ethik allein als urteilende Erst- und Letztinstanz legitimiert zu sein. Die Soziobiologie widerlegt mit ihren Erkenntnissen die Jahrtausende alte Vorstellung, dass nur Gott als Ursprung aller Moral und Sittlichkeit gelten könne.

    Ich denke, dass das eine der wichtigsten naturwissenschaftlichen und damit philosophischen Erkenntnisse der letzten etwa zehn Jahre ist.  

  11. Rechtspopulist sagt:

    "Red.: Die ersten vier Kapitel des Buches (Inhaltsverzeichnis) wurden dominiert vom Verhältnis der Wissenschaften zum Glauben …"

    Ich halte diesen Satz eher für problematisch, weil "die Wissenschaften" kein homogenes Ganzes sind, also wahrlich keine Einheit bilden, denen "der Glaube" gegenüberstünde und weil zudem gerne spezifische Weltanschauungen als "wissenschaft" deklariert werden, ohne tatsächlich Wissenschaft zu sein.

    #7Uwe Lehnert am 28. Juli 2011 um 23:23

    "Es wäre natürlich der Diskussion förderlich, wenn wenigstens der Ansatz zu einer konstruktiven Kritik gegeben würde. Nur anzweifeln ist halt etwas wenig."
     
    Ich bin seit langer Zeit aus dem Fach heraus und habe nur begrenzt Zeit, insofern kann ich hier nicht agieren, als führte ich einen akademischen Diskurs. …
     
    "Ich führe in meinem Buch aus, was die Soziobiologie inzwischen herausgefunden hat. Danach haben z.B. Schimpansen bereits ein ausgeprägtes Sozialverhalten in Form von Kooperation und Mitgefühl. Ähnliches kann man auch bei Kleinstkindern schon beobachten. Die Soziobiologie zieht daraus den Schluss, dass sich die Disposition für Moral evolutionär herausgebildet hat und an die jeweils nächste Generation weiter gegeben wird."
     
    Da möchte ich dir glatt mal das "Sozialverhalten" anderer Affenarten zeigen – dazu gibt's irgendwo im Net Filme – das dermaßen brutal ist, dass man nur noch staunt ob der Härte. Da nimmt dann das Männchen X seinem Vorgänger die Weibchen ab und tötet dann dessen Nachkommenschaft usw. …
     
    Um ein erstklassiges Sozialverhalten zu demonstrieren sind – soweit meine Biologiekenntinsse – Delphine weit besser geeignet als Affen.
     
    Was Soziobiologen vergessen haben, ist, dass der Schluss auf eine "Disposition für Moral" zu der Frage drängt, warum wir dann nicht nur höchte Brutalität kennen – von Cäsar über Stalin, Hitler, Mao, Khomeini bis hin zu sonstwas für Terrorisdten und Folterschergen, sondern auch Formen von moral, die völlig absurd sind. So ist es im Islam moralisch, dass Frauen sich den Männern unterordnen und Kopftücher tragen. Es gilt als moralisch, im Ramadan zu fasten usw. usw. Was hat das mit Evolution zu tun?
     
    "Kooperation und Mitgefühl bilden danach die Keimzellen der Moral."
     
    Und warum verbrauchen wir dann Millionen an Tieren als Versuchsmaterial in der Vivisektion – wobei unser Mitgefühl mit deren Qual exakt = 0 ist?
     
    Das ist eine nicht ganz unbedeutende Frage in diesem Kontext.
     
    Die kann man nicht mit "Zweckmässigkeit" beantworten, weil man dan letztlich bei ganz anderen "Zweckmässigkeiten" landet, die dann aber auch gar nichts mehr mit einer moral zu tun haben, die auf Mitgefühl setzt.
     
    Das ist eine sehr heikle Thematik!
     
    "Offenkundig haben tierische oder menschliche Gesellschaften besser oder überhaupt nur überlebt, weil ihre Mitglieder zu dieser Form des Zusammenlebens bereit waren: Gemeinsame Nahrungsbeschaffung, Teilen in der Not, gemeinsame Abwehr von Feinden und barmherzige Hilfe aufgrund von Mitleid."
     
    Nö. sorry, aber ich habe zuviel Netzsche gelesen und selbst die Natur zu lange beobachtet, um dir sowas zu glauben.
     
    "Offenkundig haben tierische oder menschliche Gesellschaften besser oder überhaupt nur überlebt, weil ihre Mitglieder zu dieser Form des Zusammenlebens bereit waren: Härtester Kampf ums Überleben, strikter Egoismus, brutalste Abwehr von Feinden und strategische Bündnisse ohne jegliches Mitleid."
     
    Man kann deine these ja ins Gegenteil drehen, ohne, dass sie plötzlich falsch wäre. Und anhand von Affen kann man das, was ich da so sage auch noch untermauern. Ich muss nur noch die Art raussuchen.
     
    "Die Befolgung dieser Kernelemente der Moral liegt erkennbar im gegenseitigen Interesse der Beteiligten und bedarf daher zu ihrer Durchsetzung weder der Verheißung himmlicher Freuden noch der Dro­hung mit höllischer Bestrafung."
     
    Die Basis ist er Selbsterhaltungsinstinkt. Sonst nichts. Die Evolution kennt keine "Interessen" irgendwelcher Beteiligten. Sie kennt nur den Kampf ums Dasein. alles ist der Selbsterhaltung untergeordnet.
     
    "Zur genetischen Disposition von Moral kommt die kulturelle Einwirkung aufgrund von Vorbild und Erziehung und – jetzt sehr verkürzt dargestellt – und führt unter anderem zur Ausbildung dessen, was man Gewissen nennt."
     
    Wer sagt, dass es eine "genetische Disposition zur Moral" gibt? Und wenn ja, zu welcher? Zur Moral der Sklaven? … oder zur Moral der Tyrannen?
     
    Selbst Verbrecherorganisationen und Folterknechte irgendwelcher Terror-Regime haben irgendeine "Moral".

    "Komplexere Themen lassen sich nun mal nicht in wenigen Zeilen abhandeln. Insofern erlaube ich mir halt doch, auf die ausführlichen Begründungen in meinem Buch zu verweisen."

    Dir ist aber schon klar, dass das eine Angelegenheit ist, die sehr kontrovers diskutiert wird?!?

    Du stehst ja quasi vor dem Problem, vor dem schon Schopenhauer stand, der einerseits voluntaristich dachte, die Evolution als "einen sich selbst zerfleischenden Willen zum Daseyn" interpretierte, aber dann nicht sagen konnte, warum es die Pole Egoismus versus Selbstlosigkeit gab und gibt.

  12. Rechtspopulist sagt:

    #10Uwe Lehnert am 30. Juli 2011 um 19:57

    "Die Soziobiologie widerlegt mit ihren Erkenntnissen die Jahrtausende alte Vorstellung, dass nur Gott als Ursprung aller Moral und Sittlichkeit gelten könne.

    Ich denke, dass das eine der wichtigsten naturwissenschaftlichen und damit philosophischen Erkenntnisse der letzten etwa zehn Jahre ist."

    Ich wusste gar nicht, dass es in Asien je die Vorstellung gab, alle Sittlichkeit wurzelte in einem "Gott". :-)

    Wir erklärt uns die Soziobiologie so etwas wie den Stalinismus und die Killing-Fields der Roten Khmer usw. (um nicht immer auf Hitler rumzureiten) ?

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