Gilets Jaunes, Yellow Jackets, Gelbe Westen – Warnwestenpflicht in Europa

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Das gab es wahrscheinlich noch nie, dass der (autofahrenden) Bevölkerung ein genormtes Kleidungsstück aufgezwungen wird, das nun zum Protestsymbol mutiert. Bei wiki liest man über Warnwestenpflicht in Europa, womit natürlich keine Pflicht zum Protest gemeint ist (Bild: Conmongt, pixabay). Wiki weiter: Eine Warnweste ist eine Weste in meist gelber oder oranger Tagesleuchtfarbe mit retroreflektierenden Streifen, die zur besseren Sichtbarkeit von Personen dient. … Seit Juni 2013 ist die neue
EN ISO 20471 gültig …

Die Warnweste ist mithin ein EU-Produkt. Erstaunlich, dass die EU nicht von Missbrauch spricht, wo das gelbe Accessoire nun für ganz andere Warnungen eingesetzt wird als vorgesehen. Für die EU wär's doch kein Problem, eine entsprechende Verfügung in die Wege zu leiten (z.B. eine neue Warnwestentrageverordnung 2018/87/EG), mit der das missbräuchliche Tragen von EN ISO 20471 sanktioniert wird?

Die Missbrauchsvorwürfe kommen aber von anderer Seite. Schon in Frankreich wurde ohne viel Erfolg von der "braunen Pest" geredet ("peste brune") und die Verantwortung der Rechten Le Pen und dem Rassemblement National zugeschrieben. In Deutschland gibt es diese Anwürfe:

  • Wie braun sind die Gelben Westen?
  • Rechtsradikale ziehen gelbe Westen über. Verschiedene Gruppen versuchen französische Proteste nach Deutschland zu bringen und zu instrumentalisieren.
  • Rechte Gruppen missbrauchen "Gelbe Westen"-Bewegung für ihre Zwecke.

Außerdem gab es in Deutschland keine Benzinpreiserhöhungen. Weshalb also formt sich jetzt der Protest wie in Frankreich und auch in Belgien? Ist Gelb wirklich das neue Braun (1.)? Dem halten die Cicero-Leserkommentatoren verschiedene Argumente entgegen.

Wieso wird der Agenda nach immer alles von rechts instrumentalisiert? Erst die Opfer von Gewalttaten und nun die gelben Westen. Von Links wird doch ebenso vorgegangen, gegen Rechts, gegen Kohle, gegen Atomenergie usw. Es wird gestört, blockiert, randaliert und eingeschüchtert. Ob links oder rechts, die Leute artikulieren eben ihre Interessen.

Und da geht es nicht bloß um Energieverteuerung und Mobilitätseinschränkung, sondern auch um Migration und Wohnungsmangel. Immer klarer wird erkennbar, wieviel sozialer Protest gegen die Folgen grüner Politik dahintersteckt. Das sind weniger politische Ambitionen, die da geäußert werden, schreibt ein Forist. Die Leute wollen keine Geldnöte mehr zum Monatsende haben, sie wollen von ihrer Arbeit anständig leben können, sie wollen wieder einen öffentlichen Dienst, der ordentlich funktioniert, sie wollen ein Gesundheitswesen, das erschwinglich ist.

Der Protest wendet sich gegen die "Eliten", welche die zunehmende Armut und Ungleichheit in "die Wirtschaftsglobalisierung und den Hyperkapitalismus eingepreist" haben, und die "indifferent gegenüber dem exponierten Bevölkerungsanteil" sind. Das macht die Menschen wütend.

Die nzz redet denn auch von Wutbürgern (2.), und damit dürfte sie die Sache besser treffen. In Frankreich stimmen 94% der Bevölkerung den Gelben Westen zu (3.), und das lässt keinen Raum für die "Braun"-Behauptung – es sei denn, man wollte 94% der Bevölkerung in die braune Ecke schieben.

In Deutschland haben die Gelben Westen ja auch braun-unverdächige Fürsprecher wie Sahra Wagenknecht (4.). Es wird wohl so sein, wie ein kluger Cicero-Forist schreibt: Die Gelben Westen stehen nicht für rechts gegen links, sondern für unten gegen oben. Die Konfliktlinie hat sich um 90 Grad gedreht. Die Grundidee ist, dass die Geplünderten gegen "die da oben" stehen, in Frankreich also gegen den Präsi Macron. Sie wollen denen zeigen "wo der Frosch die Locken hat", wie ein eloquenter Forist textete.

Man muss wohl zustimmen, dass die "Braun"-Anwürfe gerade in Frankreich eine Beleidigung der ganzen Nation sind. Denn, wie ein anderer Forist richtig erkannte, wer sich eine rotgüne Brille aufsetzt, kriegt als Mischfarbe braun.

Bei den aktuellen Protesten sollte also gelten: Warnwestenpflicht in Europa.

 

Medien-Links:

  1.  
  1. Wie Rechte die Gelbe-Westen-Aktion vereinnahmen – Gelb ist das neue Braun (Cicero 30.11., 23 Kommentare): Diese Weste ist jetzt offenbar auch hierzulande der letzte Schrei. Das Must-have für Menschen, die Wut im Bauch haben. Wut, weil die Benzinpreise steigen und ihr Diesel bald nichts mehr Wert ist.
  2. Es sind die Wutbürger, die sich nun gegen Macron erheben (Neue Züricher Zeitung 18.11.): Beim Protest der französischen Wutbürger handelt es sich um ein neuartiges Phänomen. Die Mobilisation – von der Polizei offenkundig unterschätzt – erfolgte weitgehend spontan über Internet und Smartphone, in lokalen Gruppen ohne zentrale Steuerung. … Keine Partei, keine Gewerkschaft, kein Verband steht im Hintergrund, es gibt auch keine sichtbare Führung.
  3. «Gilets jaunes»: les Français appuient de plus en plus massivement le mouvement (Le Figaro 28.11.): Selon notre enquête Odoxa-Dentsu Consulting, 84 % des Français trouvent désormais la contestation justifiée.
  4. Sahra WagenknechtFraktionschefin der Linken lobt "Gelbe Westen" als Vorbild für Proteste hierzulande (Focus Online 29.11.): Die Vorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht, begrüßt die französische Protestbewegung "Gelbe Westen" und sieht sie als Vorbild auch für Deutschland. "Ich finde es richtig, wenn Menschen sich wehren und protestieren, wenn die Politik ihr Leben verschlechtert – die Benzinpreiserhöhungen sind gerade für Pendler existenziell".

Links von wissenbloggt:

 

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Eine Antwort auf Gilets Jaunes, Yellow Jackets, Gelbe Westen – Warnwestenpflicht in Europa

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Die Gelbwesten-Proteste in Frankreich könnte man auch so interpretieren: Gelb steht für (Gelbe Karte/Verwarnung), sollte die Politik darauf nicht reagieren, müsste man beim nächsten Protest, Rotwesten tragen, (Rote Karte/Platzverweis) für die Politik.

    JWG

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