Rentenprognosen: ⅓-½ der Beschäftigten droht Mini-Rente

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photomanipulation-2110496_1280-4144132auto-1661009_1280-Tama66Hui rein & pfui raus – die Rente ist sicher … nicht so gut wie erhofft (Bilder: 4144132 und Tama66, pixabay).

Im September hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) einen Wochenbericht vorgelegt, nach dem die rentennahen Jahrgänge große Lücken in der
Sicherung des Lebensstandards haben. Bei mehr als der Hälfte der erwerbstätigen 55- bis 64-Jährigen ist demnach der aktuelle Konsum größer als die bisher erworbenen Rentenanwartschaften (2.).

Jetzt hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) eine Prognose vorgelegt, nach der etwas geschehen muss, sonst greifen die Mini-Renten um sich. Pressemitteilung der NGG, Hamburg, 3. Dezember 2018 (1.):

Jedem dritten Beschäftigten droht eine Mini-Rente

NGG legt Rentenprognose vor | 12,8 Millionen Arbeitnehmer unter der Grundsicherung

Deutschland droht Altersarmut – in einem größeren Ausmaß als bislang angenommen. Das befürchtet die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). 12,8 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer würden – so, wie sie heute arbeiten – nur eine Rente unterhalb der staatlichen Grundsicherung bekommen. Und das, wenn sie nach immerhin 45 Berufsjahren in den Ruhestand gingen. Das sind bundesweit 42 Prozent aller Beschäftigten, die in Vollzeit, Teilzeit oder ausschließlich geringfügig arbeiten.

Die Schwelle für „Alters-Hartz-IV“ liegt im Bundesschnitt bei aktuell 785 Euro im Monat. Dabei sind insbesondere die Kosten fürs Wohnen berücksichtigt. Dies geht aus einer Renten-Analyse des Pestel-Instituts hervor. Die Wissenschaftler aus Hannover haben dabei für die Gewerkschaft NGG amtliche Statistiken ausgewertet.

Demnach könnte die Zahl armutsgefährdeter Rentner in Deutschland künftig noch deutlich steigen – nämlich dann, wenn die durchschnittliche Rente bis zum Jahr 2030 auf nur noch 43 Prozent des Einkommens abfallen sollte. Dann gäbe es mehr als 16 Millionen Menschen, die nach 45 Beitragsjahren bei einer Rente unterhalb der Grundsicherung landen, so das Pestel-Institut. Claudia Tiedge, stellvertretende NGG-Vorsitzende, spricht von „alarmierenden Zahlen“. Wer ein Leben lang gearbeitet habe, müsse später auch von seiner Rente leben können, betont sie: „Am Ende steht hier das Vertrauen in die staatliche Altersvorsorge und damit der gesellschaftliche Zusammenhalt auf dem Spiel.“ Die Bundesregierung hat eine Sicherung des Rentenniveaus bei 48 Prozent lediglich bis 2025 vereinbart. „Das reicht nicht aus“, so Tiedge. Die Große Koalition müsse das Rentenniveau längerfristig stabilisieren und möglichst anheben.

Zugleich sieht die NGG die Arbeitgeber in der Pflicht. „Klar ist, dass aus Mini-Löhnen keine Spitzen-Renten werden“, betont Tiedge. Gerade in Branchen wie dem Gastgewerbe und Bäckerhandwerk müssten viele Beschäftigte im Alter aufstocken. „Dabei haben Hoteliers, Gastronomen und Bäckermeister bei der Bezahlung durchaus Spielraum. Anstatt auf Aushilfen mit wenigen Wochenstunden zu setzen, sollten sie reguläre Vollzeitstellen schaffen – und zwar bezahlt nach Tarif“, so die Gewerkschafterin.

Viele Beschäftigte hätten zwar das Glück, dass der Partner mehr verdiene und so die Haushaltskasse im Rentenalter aufbessere. Doch häufig sei das Geld selbst dann sehr knapp. Gerade wer einen Teilzeit- oder Minijob habe, müsse sich auf einen „extrem mageren Rentenbescheid“ einstellen. Frauen seien davon besonders häufig betroffen. Sogar knapp 29 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten haben nach Berechnungen des Pestel-Instituts aktuell einen Rentenanspruch von weniger als 1.000 Euro monatlich – nach 40 Arbeitsjahren.

Eine gute tarifliche Altersvorsorge könne zwar dabei helfen, dass im Alter etwas mehr übrig bliebe. „Aber Zusatzrenten sind nicht dafür da, ein immer geringeres Rentenniveau der gesetzlichen Rentenversicherung auszugleichen“, so Tiedge. Ihr Fazit: „Der Staat muss die gesetzliche Rente sichern. Alle Beschäftigten sind auf sie angewiesen. Und die Arbeitgeber müssen bei Löhnen, Arbeitszeiten und Zusatzvorsorge viel mehr tun, damit die Menschen ihren Lebensabend genießen können.“

  1. Pressemitteilung der NGG als PDF
  2. Studie im DIW Wochenbericht 37/2018

Weitere Medien-Links:

  • Rentennahe Jahrgänge haben große Lücke bei der Sicherung ihres Lebensstandards im Ruhestand (DIW-Pressemitteilung vom 12.09.2018): Mehr als der Hälfte der 55- bis 64-jährigen Erwerbstätigen reichen derzeitige Rentenanwartschaften nicht, um aktuellen Konsum vollständig zu decken – Private Versicherungen reduzieren diesen Anteil nur geringfügig – Potentielle Versorgungslücke beträgt durchschnittlich rund 700 Euro im Monat
  • Schuften für Sozialhilfe (junge Welt 5.12. zur NGG-Studie): Rentenprognose der Gewerkschaft NGG ergibt: Mehr als jeden dritten Beschäftigten erwartet nach 45 Arbeitsjahren eine Rente unterhalb der Grundsicherung.
  • Altersvorsorge: Älteren Arbeitnehmern droht Armut beim Renteneintritt (Zeit Online 12.9., 500 Kommentare, zum DIW-Bericht): Die Hälfte der Menschen, die bald in Ruhestand gehen, erhält einer Studie zufolge nicht genug Rente, um alle Ausgaben zu bestreiten. Besonders betroffen seien Frauen.
  • Rente – Die anderen kriegen's hin, wir nicht (Süddeutsche Zeitung 16. 5.): Die Rentenpläne der Koalition wurden jüngst von Experten als unbezahlbar verworfen. Nun soll eine Kommission neue Vorschläge erarbeiten. Leser und Leserinnen werfen der Regierung Untätigkeit vor.
  • SPD-Gegenwind für Andrea Nahles? (scharf links 13.2.): Für den aktuellen Mindestlohn müsste man schon 55 Jahre in Vollzeit arbeiten, um im Alter von 71-72 Lebensjahren eine Armutsrente in Höhe der Sozialhilfe zu erhalten (analog der geringen gesetzlichen Grundsicherung, bzw. im Hartz-IV-Strafvollzug).

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2 Antworten auf Rentenprognosen: ⅓-½ der Beschäftigten droht Mini-Rente

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Diesen Kommentar musste ich aus urheberrechtlichen Gründen kürzen, Wolfgang. Man darf nicht Zeitungstexte beliebiger Länge kopieren. Ich habe den Text bei der Wirtschaftswoche gefunden und verlinke auf ihn. Darunter Dein Nachtrag.

    Rente gegen Pension – So viel mehr Geld haben Lehrer im Ruhestand (Wirtschaftswoche 11.10.): Anders als Arbeitnehmern droht Beamten keine große Rentenlücke: Um eine Rente in Höhe einer Grundschullehrer-Pension zu bekommen, müssen Angestellte in der freien Wirtschaft viel länger arbeiten und sehr gut verdienen.

    Nachtrag:

    Punkt 1: Hätte man DM=Euro 1 : 1 umgetauscht hätten wir das Problem jetzt nicht!

    Punkt 2: Es gibt in der ganzen BRD 1,8 Millionen Beamte die keine Abgaben leisten und später eine fette Pension bekommen und somit gut versorgt sind. Sie sollten genauso in das Sozialsystem einzahlen, wie jeder andere auch.

    Punkt 3: Unternehmen müssen höher besteuert werden. Arbeiten gehen lohnt sich nicht mehr. Ein Beispiel: Meine Schwester hat kaum gearbeitet und bekommt mit Rente und Grundsicherung ca. 850 €. Ich habe 40 Jahre hart gearbeitet und würde das gleiche bekommen, wenn ich alleine wäre – der einzige Unterschied dabei ist, meine Schwester hat ihre Knochen geschont und ist fit und meine sind kaputt gearbeitet.

    JWG

     

  2. Wolfgang Goethe sagt:

    Hast Du richtig gemacht, Wilfried, Danke!

    JWG

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