Wenn die Realität mit der Wirklichkeit kollidiert… Gedanken von Udo Endruscheit

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Wasser-zu-WeinUns allen ist der Spruch des „Was nicht sein kann, das nicht sein darf“ aus dem Munde des Herrn Palmström und der Feder des unvergänglichen Christian Morgenstern geläufig. Eine Alltagsweisheit – aber wussten Sie schon, dass es die menschliche Neigung zu verrückten Konstellationen fertigbringen kann, dass es auch zu einem „Was nicht sein darf, das nicht sein kann“ kommt? Es verwundert nicht, dass ein Beispiel hiervon uns ausgerechnet aus dem Bereich der Pseudomedizin auf die Füße fällt.

Bekanntlich hat der Gesetzgeber die Pseudomethode Homöopathie (mit zwei anderen Bereichen) mit dem Arzneimittelgesetz von 1978 in den Adelsstand einer sogenannten „besonderen Therapierichtung“ erhoben, die gegenüber echten pharmakologischen Arzneimitteln besondere gesetzlich verankerte Privilegien genießt. Diese Privilegien kulminieren darin, dass an die Stelle einer wissenschaftlich fundierten Prüfung eines Wirkungsnachweises, wie er nach strengen Regeln für jegliches pharmazeutische Mittel vorgeschrieben ist, das als Arzneimittel einen Marktzugang begehrt, der sogenannte „Binnenkonsens“ tritt. Der Binnenkonsens ist nichts anderes als die Regelung, dass es für die Marktzulassung und die Arzneimitteleigenschaft von Homöopathika lediglich notwendig ist, dass Angehörige der Therapierichtung Homöopathie (also nur „eigene Experten“) die Mittel als wirksam ansehen. Was beispielsweise ja dann genauso für eine Expertengruppe denkbar wäre, die sich über die Existenz fliegender Teppiche einig ist und der die offizielle Deutungshoheit über dieses Phänomen vom Gesetzgeber zuerkannt wird.

Um auch institutionell diese höchst erstaunliche Regelung abzusichern, wurde beim Gemeinsamen Bundesausschuss, dem obersten Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, die besondere „Kommission D“ eingerichtet, die im eigenen Kreis, geschützt und gefeit vor der wissenschaftlichen Kritik an der Homöopathie durch die gesetzliche Garantie einer nahezu unanstastbaren Deutungshoheit, nach eigenem Dafürhalten den Segen über Homöopathika sprechen kann.

Und so ist durchaus erwartbar, dass die Realität des wirklichen Lebens irgendwann mit der Wirklichkeit innerhalb der Kommission D kollidiert. Es gab vor einiger Zeit einen Rechtsstreit eines Herstellers, der ein Mittel mit homöopathisch hergestellten Bestandteilen als „Medizinprodukt“ auf den Markt bringen wollte. Der Ausgang soll uns hier gar nicht weiter interessieren, wohl aber der Umstand, dass dieser Rechtsstreit sich auf den Begriff der „pharmakologischen Wirksamkeit“ zuspitzte. Die im wissenschaftlichen Sinne zweifellos -und das wissen auch die Richter- für Homöopathika durchweg zu verneinen ist. Aaaaber…

Was sollen die Richter tun? Sich nach den wissenschaftlichen Fakten richten? Oder danach, dass eine Gesetzeslage besteht, die eben diese wissenschaftlichen Fakten ersichtlich nicht interessiert, ja beiseite schiebt? Richter sind an das Gesetz gebunden… Man vernehme, wie hier entschieden wurde:

Die Richter argumentierten, dass „der Rechtsbegriff über die naturwissenschaftliche Begriffsbestimmung der ‚pharmakologischen Wirkung‘ hinaus unter den rechtlichen Wertungen des Gesetzgebers auszulegen sei. „Homöopathika sind also Arzneimittel kraft gesetzlicher Erstreckung“, erklärten sie. „Erstreckt der Gesetzgeber den Arzneimittelbegriff auf diese Präparate, so ist auch der Begriff der pharmakologischen Wirkung in rechtlicher Hinsicht auf diese zu erstrecken.“

Da gab es doch mal so eine Geschichte, wo jemand Wasser in Wein verwandelt hat. Das ist ja nun gar nichts gegen die Leistung des Gesetzgebers, per Dekret Zuckerkugeln in pharmakologisch wirksame Arzneimittel verwandelt zu haben.

Schon schwierig, wenn die Realität Probleme mit der Wirklichkeit bekommt. Was nicht sein darf, das nicht sein kann, wie eingangs erwähnt. Es ist nicht nur ein Skandal, dass ein Schutzraum für unwirksame Mittel im Gesundheitswesen existiert, es ist eine Groteske. Schluss damit!

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5 Antworten auf Wenn die Realität mit der Wirklichkeit kollidiert… Gedanken von Udo Endruscheit

  1. Leider ist die Kommentierfreude noch nicht wieder auf den alten Stand zurückgekehrt. Ich hoffe, dass sich das bald wieder ändern wird. Doch es ist schwer, eine Wüste wieder zu bewässern – das nimmt Zeit. :D

  2. Zum Beitrag von Udo Endruscheit:

    Dass auch Placebos eine Wirkung entfalten, halte ich für erwiesen — auch wenn deren physiologische Wirkung den Umweg über eine psychologische nimmt. Ob homöopathische Mittel oder andere Placebos bei mir wirken würden, habe ich allerdings noch nicht ausprobiert.

    In mindestens einem Punkt aus dem Beitrag wäre ein Weblink für mich hilfreich gewesen: dem Arzneimittelgesetz von 1978.

    Das (formal-)juristische Argument der „gesetzlichen Erstreckung“ erscheint mir nachvollziehbar, da Richter, wie in diesem Fall, zur Urteilsfindung m.W. nicht die Wirksamkeit eines Medikaments untersuchen, sondern über die Gesetzes- oder Rechtskonformität der Umstände seiner Zulassung befinden.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  3. udoessen sagt:

    Zum Kommenrat von Eckhardt Kiwitt:

    Placebo bedeutet nicht "pharmakologische Wirksamkeit". Und deshalb bedeutet eine Placebowirkung auch nicht, dass es sich um ein Arzneimittel oder auch nur um Medizin im Wortsinne handelt, wenn etwas über Placebowirkungen (und andere Kontexteffekte) keine spezifischen Wirkrungen aufzuweisen hat. Welche Anforderungen für einen entsprechenden Nachweis dabei pharmakologische Mittel in den für sie zuständigen Kommissionen und dem G-BA selbst zu bestehen haben, beschreibt die Good-Practice-Richtlinie (GCP-V – http://www.gesetze-im-internet.de/gcp-v/index.html). Nichts davon, kein Wort, gilt für Homöopathika.

    Wären reine Kontexteffekte als Medizin im Sinne des AMG definiert, würde das Verlangen nach Kuchen und Rotwein auf Kassenkosten vermutlich schnell den Rahmen sprengen…

    Nein, Placebo und andere Kontexteffekte haben viele Mittel und viele Handlungen, alle Interaktionen, die wir als "Zuwendung" beschreiben, umschließen diese. Medizin und Arzneimittel verlangen mehr: die spezifische Wirkung, die so gut bekannt ist, dass man sie in Kenntnis der Wirkungserwartung und in Abschätzbarkeit eines individuellen Nutzen-Risiko-Verhältnisses verantwortlich dem einzelnen Patienten verordnen kann. 

    Und ich frage mich oft, ob die Homöopathielobbyisten das wirklich für ihre Mittel so auch annehmen. Wenn sie es täten, müssten sie eigentlich zur wirkungsvollsten aller Marketingsmaßnahmen greifen: zum Verzicht auf den Schutzzaun des "Binnenkonsens". Sie müssten sich dann doch freiwillig den normalen Nachweisanforderungen des Arzneimittelgesetzes unterwerfen und könnten im Erfolgsfalle doch jegliche Kritik zu Recht abtun! Allein – dies geschieht nicht. Und komme mir keiner mit dem "Argument", Homöopathie sei wissenschaftlicher Methodik nicht zugänglich. Blödsinn. Eine Wissenschaft, die biochemische Funktionen auf Zellebene beschreiben und vielfach steuern kann, wird ja wohl in der Lage sein, zu unterscheiden, ob ein Mittel eine spezifische Wirkung hat oder nicht über Placebo hinauskommt. Und dies ist in ausreichendem Maße geschehen.

    Der Gesetzgeber erhält mit dem Paragrafen 38 des AMG zum Binnenkonsens (den ich hier nachliefere: – http://www.gesetze-im-internet.de/amg_1976/__38.html, der Folgeparagraf 39 gehört noch dazu) die völlig unsinnige Vorstellung, Medizin – und Wissenschaft überhaupt – sei "pluralistisch", es gebe sozusagen "mehrere Medizinen", die aus einem falschen Wissenschaftsverständnis heraus so etwas wie Gleichberechtigung genießen würden. In der Tat war dies – ein Fußtritt gegen den kritischen Rationalismus – eine Vorstellung, die sich in den New-Age-Jahren, des Neomystizismus der 1970er Jahre, auch in den Köpfen von Akademikern verbreitete. Leider reiten darauf heute noch viele herum. Aber: Das war eine Verirrung. Die Grenze verläuft nicht ausschießlich zwischen wirksam und unwirksam, zwischen nachgewiesen und nicht nachgewiesen. Ob das Mittel oder die Methode alt ist oder neu, aus der Pflanzenheilkunde kommt oder vollständig synthetisch ist, spielt keine Rolle. Insofern ist Wissenschaft – und in unserem Falle Medizin – pragmatisch, ja, auf jeden Fall, aber nicht "pluralistisch". Es ist ein schweres Versäumnis des Gesetzgebers, den Fehler des Jahres 1978 bis heute nicht korrigiert zu haben. Es geht dabei eben nicht nur um Homöopathie (und zwei andere Felder). Es geht um saubere Wissenschaft.

    Ach, ich wollte doch eigentlich nur eine kleine Glosse erzählen… :-) 

  4. udoessen sagt:

    Noch ein Hinweis: Es ging in diesem Falle nicht um die Umstände der Zulassung (die meisten Homöopathika werden übrigens nur registriert, die Zulassung ist in diesen Fällen ein Sondersachverhatl, der nach eigener Aussage des BfArM bislang noch nie einen wissenschaftlichen Wirknachweis zur Grundlage hatte, sondern auch immer nur einen "Meinungskonsens"). Es ging um eine Konkurrenzklage, die aufgrund eines besonderen Umstandes auf den Begriff der "pharamzeutischen Wirksamkeit" hinauslief. Hieraus ergab sich diese Konstellation. Solche Beurteilungen würden aufgrund der vom Gesetzgeber der Kommission zugestandenen kompletten "Deutungshoheit" über Homöopathika in der Tat allein verfahrenstechnischer und nicht materiell-inhaltlicher Art sein. Dieser Sonderfall war ja gerade deshalb so interessant, weil er die beschriebene "Zwickmühle" ausnahmsweise einmal offen zutage treten ließ.

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