Pupsglobuli – Köstliches von Udo Endruscheit.


Linda 17-09-13Paderborner Spezialitäten oder: Wie Absurdes in Absurdem verpackt werden kann.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf der homöopathiekritischen Seite „Susannchen braucht keine Globuli“ (www.susannchen.info). Bei wissenbloggt wird er nun in erweiterter Form veröffentlicht.

Wie bekannt, balanciert die Homöopathie auf drei Grundsäulen. Die erste ist das Ähnlichkeitsprinzip, das sich in dem bekannten Satz similia similibus curentur ausdrückt, also der Annahme, ein Mittel, das beim Gesunden bestimmte Symptome auslöst, sei in der Lage, ähnliche Symptome beim Kranken zu heilen. Dies manifestiert sich in der zweiten Säule, der Arzneimittelprüfung am Gesunden. Symptome, die die Gabe einer Substanz beim Gesunden auszulösen scheint, sollen beim Kranken damit zum Verschwinden gebracht werden. Und dies mit tatkräftiger Unterstützung der dritten Säule: Dem Potenzierungsprinzip, wonach bei fortlaufender Verdünnung in Zehner- oder Hunderterschritten durch rituelles Schütteln und Schlagen der Lösungen auf einen federnden Untergrund zwar eine physikalische Verdünnung eintritt, aber angeblich eine „geistige Arzneikraft“ frei werde, die sich mit jedem Potenzierungsschritt auch noch steigere.

Nun ist nichts von alledem haltbar. Ein auf menschliche Belange bezogenes Ähnlichkeitsprinzip gibt es nicht, eine solche Annahme ist ein Relikt aus ebenso magischen wie anthropozentrischen Zeiten. Die aufgezeichneten „Ergebnisse“ von Arzneimittelprüfungen am Gesunden, von Homöopathen als therapeutischer Schatz gehütet, zeigen bei Licht nichts, was man als Kausalität von Substanzeinnahme und Symptomatikbetrachten dürfte – sie strotzen vor Unspezifität und Beliebigkeit. Und eine geistige Arzneikraft, die durch rituelles Schütteln und Schlagen aus jeder beliebigen Substanz „herauspotenziert“ wird, gibt es nicht. Zumal eine wie auch immer geartete substanzielle Zunahme von Irgendetwas (Veränderung des energetischen Zustandes) durch Schütteln nicht mit der Thermodynamik und einephysiologische Wirkung minimalster und meist gar nicht mehr vorhandener Mittelnicht mit dem Massenwirkungsgesetz vereinbar ist.

Ein nicht unbedingt aus der Luft gegriffenes Bonmot besagt, es gebe so viel Homöopathien, wie es Homöopathen gibt. In der Tat – etwas als „die Homöopathie“ Faßbares und Beschreibbares gibt es nicht. Bereits Hahnemanns Grundlehre krankte an inneren Widersprüchen, die Fantasie und Kunstfertigkeit seiner Exegeten haben daran wahrlich nichts verbessert. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Homöopathen oft leicht mit ihren eigenen Grundannahmen widerlegt werden können.

Ein ganz besonders Beispiel hierfür soll uns heute interessieren. Der Autor schickt voraus, dass er für die Echtheit des Sachverhaltes garantiert und es sich nicht um Satire handelt.

Schon mal von "P-Globuli" gehört, den sogenannten "Pupsglobuli" oder, vollständig, "Paderborner Pupsglobuli", der „Spezialität“ einer Paderborner Apotheke, die sich viel auf ihre Homöopathie-Kompetenz zugute hält? Gibt’s schon länger, wurde vom früheren Eigentümer „entwickelt“ und heute offenbar voller Überzeugung weiter vertrieben von der Geschäftsnachfolgerin. Wie man hört, ein Präparat, das sich bei den jungen Muttis der Umgebung durchaus einer gewissen Beliebtheit erfreut. Dieses "Mittel" sogar den Weg in einen Artikel der „Neuen Westfälischen“ gefunden, der zwar eine Ahnung von Kritik spüren lässt, aber mehr eben auch nicht.

Jedoch: Ein näherer Blick lohnt sich trotz oder gerade wegen des spontanen Gefühls von Absurdität.

Es zeigt sich, dass es sich um – mäßig – homöopathisch verdünnte Stoffe wie Fenchel und Kümmel handelt, also um Stoffe, die bei Bauchschmerzproblemen von Säuglingen und Kleinkindern als Gaben von Tee oder Aufgüssen durchaus ihre Meriten haben. Ja und? Ist doch gut dann – oder?

Mitnichten. Man beachte: Mittel, die bei ihrer normalen Verabreichung die Beschwerden genauso lindern sollen wie in der homöopathischen Form!?

Wir erinnern uns: Das Simileprinzip in der Homöopathie beruht auf der Grundannahme, dass ein Stoff, der beim Gesunden eine Krankheit auslöst, diese bei einem Kranken zu heilen imstande sein soll. Nun, lösen Fenchel, Minze, Kümmel und Co. etwa Blähungen und Bauchschmerzen aus? Im Gegenteil! Und im Wissen darüber schreibt die homöopathische Logik eine klare Schlussfolgerung vor: Die Globuli mit diesen Mitteln müssen Blähungen auslösen! Gleiche Wirkung von Stoffen in allopathischer wie in homöopathischer Darreichung gibt es nicht, kann es nicht geben, denn das ist komplett unvereinbar mit der homöopathischen Lehre. Das hier ist – von der Verdünnung abgesehen – keine Homöopathie, sondern Allopathie reinsten Wassers (besser Zuckers), was Hahnemann aus tiefstem Herzen verdammte.

Hier wird die Verrücktheit Homöopathie mit einer weiteren Verrücktheit auf eine neue Stufe der Absurdität gehoben – und dazu gehört schon was. Dagegen könnten höchstens die sogenannten Placebo-Globuli ankommen, die ein Apotheker tatsächlich vertreibt. Und zwar zur Beruhigung gesunder Geschwisterkinder, die auf ihre kranken Brüderchen oder Schwesterchen wegen deren Globuli neidisch sind… (Auch das ist nicht aus den Fingern gesogen, sondern bittere Wahrheit und persönliche Erfahrung des Autors.) Aber im Grunde gehört die Trophäe des „Hohlen Globuli“ doch nach Paderborn…

Na, die Welt ist voller Absurditäten. Nicht mehr als ein Wochenendwitz zum Schmunzeln. Oder?

Was zeigt uns diese Geschichte? Sie zeigt, dass man den Menschen mit dem über Jahrzehnte geschickt aufgebauten Image der Homöopathie (sanft, natürlich, nebenwirkungsfrei, hochwirksam, der „Schulmedizin“ überlegen) jeden Mist andrehen kann und dieseMenschen sich dafür dann auch noch mit Lobeshymnen bedanken. Sie zeigt ferner, dass von gestandenem Apothekenpersonal mit wissenschaftlich-pharmazeutischer Ausbildung keineswegs erwartet werden kann, offen zutage liegende Widersprüche auszumachen. (Was die Frage nach Sinn und Unsinn homöopathischer „Beratung“ in Apotheken erneut aufwirft.) Diese Geschichte zeigt also, welche Folgen eine über Jahrzehnte mit allerlei Euphemismen, Des- und Fehlinformationen betriebene Imagekampagne pro Homöopathie in den Köpfen der Menschen anrichten kann. Man bedenke einmal, was für eine Chuzpe es von Seiten der Homöopathielobby bedeutet, erst dieses Image, diese Stimmung aufzubauen und dann -wie es derzeit allerorten geschieht – in einem klassischen Zirkelschluss eben aus diesem Image heraus die Existenz der Homöopathie rechtfertigen zu wollen. Und so sehen wir am Beispiel der P-Globuli aus Paderborn die ganze Problematik der Aufklärung über Homöopathie schlaglichtartig beleuchtet: Dem positiven Image, der "sozialen Reputation" der Homöopathie ist kaum beizukommen. Im Gegenteil. Image und Reputation reichen offenbar völlig aus, um den absurdesten Unsinn unter die Leute zu bringen, sogar solchen, der mit Homöopathie überhaupt nichts zu tun hat, Hauptsache, das Wort "Homöopathie" oder "Globuli" steht drauf und der Apothekenpflicht ist Genüge getan (übrigens teutonisch korrekt unter „P-Globuli“, „Pups-Globuli“ wäre unstatthaft, weil ein Vertrieb mit einer Indikationsangabe unzulässig ist) . Niemand aus der homöopathischen Szene wendet sich gegen diese Absurdität, weil alles, was positives Interesse weckt, unantastbar ist in Sachen Homöopathie. Das ist nicht weniger als eine Verhöhnung ernsthafter auf wissenschaftlicher Basis betriebener Medizin und ihrer Vertreter.