Troll-Aus


Troll_becoming_a_mountain_ill_jnlTrolle sind bekannt als menschengestaltige Fabelwesen der Mythologie. Im Internetzeitalter hat der Begriff eine neue Bedeutung bekommen: So bezeichnet man nun "eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielen".[1]
Für viele Menschen, die häufig im Internet unterwegs sind, ist dies ärgerlich, andere mögen sich daran ergötzen. In "sozialen" Netzwerken wie Facebook sind Internet-Trolle sehr präsent, in den moderierten Kommentarbereichen der Online-Auftritte mancher Zeitungen und Zeitschriften werden einzelne, gemäßigte Troll-Kommentare bisweilen freigeschaltet, weil sie dort m.E. tatsächlich eine soziale Funktion erfüllen können: indem sie Hassgefühle und Sündenbockprojektionen kanalisieren. Insgesamt enthalten Troll-Kommentare jedoch nichts Konstruktives, sondern eher Destruktives.

Ein Beispiel eines Leserkommentars, den ich als Troll-Kommentar einstufe, zeigt der Screenshot von der Website einer Tageszeitung. In dem zugehörigen Zeitungsartikel geht es um den Versuch der Entmachtung des venezolanischen Präsidenten Maduro, dem Verfasser des dazu abgegebenen Leserkommentars hingegen geht es — themenfremd, emotional, unsachlich — um einen Seitenhieb auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Bundesregierung.

Screenshot, eigenes Bild

Screenshot, eigenes Bild

Im Januar 2019 veröffentlichte der Verein ichbinhier auf seiner Facebookseite einen «Offenen Brief an Online-Redaktionen und Journalisten», dessen Text man laut schriftlicher Auskunft des Vereins verwenden und verbreiten darf (die Einverständniserklärung liegt mir vor). Da nicht jeder WB-Leser über einen Facebook-Account verfügt und da der Text m.W. nicht auf der Website des Vereins ichbinhier veröffentlicht wurde, stelle ich ihn hier zur Verfügung.

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Offener Brief an Online-Redaktionen und Journalisten

 

ichbinhier Der Verein·Sonntag, 20. Januar 2019

Liebe Online-Redakteure bei reichweitenstarken Facebookseiten: So wird das nicht gutgehen!

Eure Kommentarspalten werden mit Desinformationen, Aufrufen zu Gewalt, aufhetzenden Kommentaren, Lügen und Verdrehungen geflutet. Es fehlen Klarstellungen! Vor allem aber fehlen Aufforderungen zur Unterlassung und das Sanktionieren von Beleidigungen und Beschimpfungen. Was soll denn das?

Unter solchen Kommentaren werden dann noch viele Likes und Bestätigungen hinterlassen. Wir haben oft genug darauf hingewiesen, dass nur wenige Personen durch mehrfache Accounts in den Kommentarspalten den Eindruck einer Mehrheit erzeugen wollen. Online-Wahlkampfhelfer verabreden sich auf genau solchen Medien-Seiten, auf denen sie ungestört kübeln und ihre Botschaften verbreiten können.

Eure Facebookseiten verkommen zu riesigen Echokammern. Und anscheinend interessiert es Euch nicht. Das ist fahrlässig!

Täglich schlagen wir uns auf Euren Seiten mit Fake- und Mehrfachprofilen herum, müssen uns auslachen und dumm anmachen lassen. Wenn es in der Meldung um eine Gewalttat geht, wünscht man uns: "Hoffentlich trifft es euch mal!"

Ein besonderes Beispiel ist die Facebook-Seite von ZDF heute: Wir alle bezahlen die Rundfunkgebühr und damit auch den Facebook-Auftritt, die Redakteure und die Aufbereitung des Social-Media-Contents. Und ich sehe es wirklich nicht ein, dass mich Trolle, Fake-Profile und Sockenpuppen von den Seiten einer durch die Allgemeinheit finanzierten Medienanstalt verjagen.

Ganz deutlich: Natürlich möchte ich nicht, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Probleme müssen selbstverständlich aufgezeigt werden, aber bitte mit Augenmaß. Es geht nicht um "Meinungsdiktatur". Schon das Wort ist Unfug. Die Meinungsfreiheit wird vielmehr von denen gefährdet, die mit ihren Kampagnen Eure Kommentarspalten dominieren. Ihr überlasst ihnen willig das Feld.

Ich bin es leid, dass wir seit Monaten vor diesem Missbrauch der Kommentarspalten warnen, ohne dass Ihr etwas dagegen unternehmt. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Regulierung durch Moderation einen mäßigenden Einfluss hätte.

Ihr lasst zu, dass Diskurs von Euren Seiten vertrieben wird. Er findet einfach nicht statt, weil wir uns damit beschäftigen müssen, dass Accounts den Holocaust relativieren, die Todesstrafe fordern oder Gewalt- und Selbstjustizphantasien online ausleben.

Natürlich müssen auch wir uns immer wieder fragen, ob wir bereit sind, andere Meinungen zu akzeptieren oder eventuell Menschen zu Unrecht und zu schnell in eine Ecke stellen. Keine Frage.

Und dennoch, liebe Facebook-Redakteure: Denkt bitte darüber nach, ob Ihr Euch zum Werkzeug von Leuten machen lassen wollt, die unseren Staat kaputt machen wollen. Mit dem immer fortwährenden Schüren von Ängsten und dem Anzweifeln des Rechtsstaats. Und ob Ihr populistische Propaganda bis hin zu Verschwörungstheorien, massiven Desinformationen und Verharmlosungen der Nazizeit auf Euren Seiten haben möchtet.

Viele Grüße
Alex Urban für die Aktionsgruppe #ichbinhier

ichbinhier wünscht sich von Online-Medien:

1. Weniger Triggerthemen!
Stellt Euch bei der Themenauswahl breiter auf und bedient nicht die Erregungsspirale, die von einer kleinen, lauten Minderheit stetig in Gang gehalten wird, indem Ihr weit überproportional über Zuwanderung, "Ausländerkriminalität" pp. schreibt.

2. Fakten statt Spekulation!
Berichtet, wenn Fakten da sind, ansonsten beruft Euch auf die Veröffentlichungen der Polizei. Wer über ein aktuelles Ereignis wenig Informationen hat, sollte zurückhaltend berichten und nicht wenige Teilinformationen zu einer großen Geschichte aufblasen. Wir alle müssen uns darum bemühen, Ungewissheit auszuhalten. Das gilt für die Journalisten wie für die Leser gleichermaßen.

3. Verzichtet auf Clickbaiting. Seriöser Journalismus kommt ohne aus.
Bitte kein Clickbaiting durch reißerische und teils irreführende Überschriften und das Provozieren heftiger Emotionen!

4. Geht verantwortungsbewusst mit Eurer Reichweite um!
Und so oder so: Wer die sozialen Medien für Reichweite nutzt, ist auch dafür verantwortlich, was unter den Beiträgen in der Kommentarspalte los ist. Die ersten Kommentare beeinflussen den Deutungsrahmen zu den Inhalten. Eine aufmerksame Moderation ist unerlässlich!

5. Macht Eure Kommentarspalten zum Wohlfühlort für Demokraten!
Eure Leser sollen sich auch in den Kommentarspalten wohlfühlen. Setzt daher Eure Netiquette durch! Macht die Kommentarspalten zu einem Ort, an dem Menschen sich austauschen können, ohne Angst haben zu müssen, beleidigt und angegangen zu werden. Wenn Ihr gut moderiert, schafft ihr Euch eine Community, die aus echten Menschen besteht und Euch langfristig unterstützt. Profile, die andere Nutzer persönlich angreifen, und solche, die sich menschenfeindlich äußern, gehören gesperrt.

6. Steht für journalistische Qualität ein!
Erklärt Eure Standards, immer und immer wieder. Nicht nur, weil wir für gute Debatten auch eine gute Faktenbasis brauchen, sondern damit wir und die Mitglieder Eurer Communities in der Fülle an Informationen die guten von den schlechten trennen können und diesen Maßstab woanders einfordern können.

Edit [Anmerkung des Vereins „ichbinhier“]:

Verschiedene Studien bestätigen die Notwendigkeit von Moderation:

Die Medienanstalt NRW zeigt in ihrer Studie praktische Maßnahmen auf, die die Diskussionskultur maßgeblich verbessern: https://www.medienanstalt-nrw.de/service/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2018/2018/juni/dont-feed-the-trolls.html
In unserer Studie in Kooperation mit dem Institute for Strategic Dialogue haben wir nachgewiesen, wie Rechtsextreme die Kommentarspalten großer Medienseiten bewusst als Propagandafläche nutzen. https://www.isdglobal.org/wp-content/uploads/2018/07/ISD_Ich_Bin_Hier_2.pdf
Die Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) Jena im Auftrag von Campact zeigt, dass die Meinungsfreiheit im Netz durch Hassrede eingeschränkt wird. Die Autoren sprechen von einem “schleichenden Angriff auf unsere Demokratie”. https://www.idz-jena.de/newsdet/hass-im-netz-der-schleichende-angriff-auf-unsere-demokratie/

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Eine Anmerkung meinerseits zum Thema Moderation:

Die Moderation von Leserkommentaren wird manchmal als "Zensur" bezeichnet. Es steht einem Onlinemedium sowie einem Verlag jedoch frei, unaufgefordert eingesandte Textbeiträge wie z.B. Leserkommentare, Buchmanuskripte, aber auch Bilder etc. zu veröffentlichen — oder nicht zu veröffentlichen. Dies ist eine redaktionelle, manchmal auch eine verlegerische Entscheidung. Die Pflicht zur Veröffentlichung besteht lt. Pressegesetz nur im Fall der Gegendarstellung (siehe z.B. Art. 10 des Bayerischen Pressegesetzes; in anderen Bundesländern gelten vergleichbare Rechtsvorschriften).
Zensur hingegen ist, wenn "der Staat", vertreten durch seine Institutionen, das Recht auf freie Meinungsäußerung behindert oder unterbindet. Aufgrund von Gesetzen kann das Recht auf freie Meinungsäußerung jedoch auch in einem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat in begründeten Fällen (!) eingeschränkt sein (siehe z.B. Artikel 5 unserer Verfassung, des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland). Die Begründung muss öffentlich sein.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Siehe auch:
https://www.bosch-stiftung.de/de/story/was-tun-gegen-hassrede-im-netz

[1]: https://de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Mythologie)

Bildquellen:
Troll (Mythologie), Illustator: JNL, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Troll_becoming_a_mountain_ill_jnl.png
Screenshot, eigenes Bild
Troll nicht füttern pink, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Troll_nicht_fuettern_pink.png