Provokation als Prinzip – von Leo Brux


RechtsMeinem Artikel über die Brexit-Mentalität kann ich noch einen Aspekt hinzufügen.  Sascha Lobo beschreibt ihn so:

Rechte definieren sich über unsere Empörung.

Rechte definieren sich über die Empörung derer, die sie als Linke sehen.

Rechte schaffen sich ihr Wir-Gefühl, indem sie sich gegen Links definieren.

Was Linke aufregt,  muss gut und richtig sein.

Es geht grundsätzlich nicht darum, was objektiv richtig ist, sondern immer darum, möglichst intensiv zu einer Gemeinschaft zu gehören. Es geht um Identität, nicht um Wahrheit. Nicht Wahrheit schafft Sicherheit, sondern Identität, Zugehörigkeit. Fake produzieren darum grundsätzlich immer nur die anderen. Man selber darf sich unbesehen immer auf das verlassen, was der eigenen Gruppe gerade passt.

Der Hintergrund ist ernst. Weder „die Nation“ noch „Europa“ noch „der Westen“ produzieren heute noch zuverlässig Wir-Gefühl. Also zieht man sich auf seinen „Stamm“ zurück – und diese eher prekäre Identität wird erzeugt und stabilisiert durch rabiate Abgrenzung. Dazu gehört die Provokation. Dazu gehört, dass man einen Teil seiner Energie aus der Empörung derer bezieht, die man als Feinde identifiziert hat.

Der Hintergrund ist aus einem weiteren Grunde ernst: Immer mehr Konservative übernehmen dieses barbarische Prinzip. In den USA hat es ein Trump damit zur Präsidentschaft gebracht.

Sascha Lobo:

Rechte betrachten Linke und Liberale als Kompass, der nach Süden zeigt. So erklärt sich, warum Trump-Fans eher Putin als Obama als US-Präsidenten akzeptieren würden. Was Linke aufregt, muss richtig sein – nach dem „Windrad-Prinzip“ wird Energie aus dem Gegenwind gezogen. Den Mechanismus der Identität durch Provokation hat der Psychologie- und Juraprofessor Dan Kahan in Yale erforscht. Er erklärte 2016, warum Trump-Fans so viele Fake News in sozialen Medien teilen. Es geht ihnen dabei nicht um Wahrheit oder Sinnhaftigkeit, sondern um ein Signal der sozialen Zugehörigkeit durch Abgrenzung: Trump-Fans teilen, was Clinton-Fans zur Weißglut treibt. Die gegnerische Empörung ist nicht Beiprodukt, sondern Hauptzweck.

 

Wir: Das sind diejenigen, die sich der Mitte und der linken Mitte zugehörig fühlen und die die bisher einigermaßen gesunde politische Kultur in Deutschland zu verteidigen versuchen.

WENN die Analyse zutrifft, heißt es: Lernen! Das Verhalten verändern!

Verzichten wir also künftig darauf, empört zu sein, wenn wir auf Menschenfeindlichkeit treffen? Wenn wir auf Rassismus und offene Lüge und krasse Inkompetenz und nackte Menschenfeindlichkeit treffen? Wenn ein Höcke den Nationalsozialismus wieder zu beleben versucht?

Ich selber neige von Haus aus nicht dazu, mich zu empören. Ich empfinde das, was andere empörend finden, meistens eher als menschlich – egal, wie gefährlich es ist. Menschen sind nun mal ziemlich unausgeglichene und oft dumme Tiere und haben unter Stress eine fatale Neigung zur Selbstzerstörung.

Empörung hin, Empörung her – es bleibt uns nichts anderes übrig, als das, was wir für falsch halten, als falsch zu bezeichnen, und den Finger auf das zu richten, was wir als schlimm erkennen.

Hmm. … Da fällt mir noch etwas auf …

Gibt es nicht unter meinen linken Freunden auch solche, die sich ähnlich negativ definieren, zum Beispiel so: WIR sind diejenigen, die KEINE Rassisten sind … ? Und denen dann die Empörung über Rassismus erst das nötige Selbstgefühl und die klare politische Identität gibt?

Und die sich dann über mich wundern, wenn ich Rassisten und Rassismus verstehe und für etwas recht Menschliches halte. – Wobei ich hier den Begriff „Rassismus“ jetzt einmal so unangemessen weit fasse, wie es meine Freunde leider gerne tun.

Auch Linke brauchen und gebrauchen und missbrauchen die Rechte, um zu „wissen“, wer sie selber sind. Ich würde doch meinen, dass WIR (!) das berücksichtigen sollten. Solche Erkenntnis mündet in einer aufgeklärten ironischen Brechung, die viele für eine Schwäche halten. Werch ein Illtum!

Link zum Originalartikel : http://migrationsblog.de/2019/01/28/provokation-als-prinzip/