Toleranz und Wertschätzung

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DuAToleranz ist ein vielbemühter Begriff im Umgang mit Menschen aus anderer Herren und Damen Länder, aus anderen Kulturkreisen, Menschen mit anderen Wertvorstellungen oder mit anderen Weltanschauungen als der eigenen. Toleranz ist jedoch auch ein manchmal missverstandener oder unzutreffend interpretierter Begriff, und die Grenze zur Heuchelei ist dabei bisweilen nicht weit entfernt.

Ein Erlebnis aus den 1990er Jahren ist mir in Erinnerung, welches anschaulich macht, was Toleranz nicht ist (vgl. den letzten Satz dieses Beitrags). In einem kleinen Restaurant saß ein junges Ehepaar mit seinen Kindern an einem Nachbartisch, das Rauchen war seinerzeit in Gaststätten in Bayern noch erlaubt. Der Familienvater zündete sich eine Zigarette an, was sein ca. achtjähriger Sohn unter Tränen wegen der für ihn als unerträglich empfundenen Geruchsbelästigung deutlich missbilligte und darum bat, aufs Rauchen bei Tisch und in einem geschlossenen Raum zu verzichten. Der Vater erwiderte seinem Sohn, er möge doch tolerant sein. Umgekehrt schien es dem Familienvater nicht möglich oder zumindest nicht angemessen, dem Wunsch seines Kindes zu entsprechen.

Im Umgang mit religiösen oder ethnischen Minderheiten ist der Toleranzbegriff in den letzten Jahrzehnten und bis in die Gegenwart hinein (vgl. Das selbstherrliche Gott — oder: Vom Ende absoluter Macht, letztes Drittel) oft ein wenig überstrapaziert worden. In einem satirischen Beitrag aus dem Mai 2018 wird einer Politikerin einer seit vielen Jahren im Deutschen Bundestag vertretenen Partei etwas untergeschoben, das, vergleicht man es mit anderen Aussagen, die aus dieser Partei bisweilen zu vernehmen sind (siehe den Beitrag „Gastfreundschaft, Wertschätzung und religiöse Diktate“, vierter Absatz), von der Realität nicht weit entfernt scheint: «Ein Verkaufsverbot für Alkohol während des Ramadans sei ein „wichtiges Zeichen für die Toleranz“».

Karl Raimund Popper (1902-1994), ein österreichisch-britischer Philosoph, schrieb in einem seiner Bücher: „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ („We should therefore claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant.“).
Der Widerspruch in seiner Aussage ist ihm möglicherweise nicht aufgefallen, denn sobald man die Intoleranz nicht toleriert, wird man selber intolerant. Wie aber will man in dem Fall mit sich selbst umgehen?

Zutreffender und im Nachgang der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hat es der SPD-Politiker Dr. Carlo Schmid in seiner Rede vor dem Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 formuliert, als er vom „Mut zur Intoleranz denen gegenüber“ sprach, „die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen“.

Grenzen der Toleranz wurden der Weltöffentlichkeit Ende Dezember 1989 drastisch vor Augen geführt. In Rumänien hatte der Diktator Nicolae Ceaușescu die Menschen jahrzehntelang tyrannisiert, und die Rumänen, ein duldsames, also tolerantes Volk, wussten dagegen lange Zeit nichts zu unternehmen. Erst nach dem Fall der Berliner Mauer und noch vor dem sich abzeichnenden Zusammenbruch des Warschauer Pakts und dessen Schutzmacht Sowjetunion begehrten die Menschen in dem Land während einer Rede Ceaușescus auf, wenige Tage später wurde der Tyrann nach einem Prozess und Urteil hingerichtet, ermordet, ein Racheakt, den ich niemals gutheißen kann und der sich, wie jedes Todesurteil, bislang noch immer und überall als kontraproduktiv erwiesen hat.

In seinem Buch «Kritik der reinen Toleranz» schreibt Henryk M. Broder: „Tolerieren bedeutet wörtlich dulden, gewähren lassen. Wer die Güte hat, jemand zu tolerieren, hat auch die Macht, ihn zu vernichten, wenn er es sich anders überlegt hat.“

Man duldet — toleriert –, was man im Grunde nicht mag. Mit Wertschätzung hat Toleranz also nichts zu tun. Toleranz geht einher mit Geringschätzung, die bis in den Bereich der Verachtung und der Feindschaft reichen kann.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Beitragsbild:
tolerandus & acceptus — Auszug aus einem Lateinisch-Deutsch-Wörterbuch
(1979, eigenes Bild)

Weblinks:
Toleranz, Wikipedia
Trefflich: Brief an die Heuchler
Grüne Niedersachsen, „gegen […] Intoleranz“
Berliner Express, 28. Mai 2018 (eine Satire)
Das selbstherrliche Gott — oder: Vom Ende absoluter Macht, Wissenbloggt
Gastfreundschaft, Wertschätzung und religiöse Diktate, Wissenbloggt
Karl Raimund Popper, Wikipedia
Karl Raimund Popper, Wikiquote
Google Books, Karl Raimund Popper, The Open Society and Its Enemies, Band 2
Was heißt eigentlich: Grundgesetz? (PDF), von Dr. Carlo Schmid (SPD)
Nicolae Ceaușescu, Wikipedia
Fall der Berliner Mauer, Wikipedia
Tyrannenmord, Wikipedia

Weiterführend:
Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten, Wissenbloggt
Jeder soll nach seiner Façon selig werden, Wissenbloggt

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