Auch Percy Bysshe Shelley wußte es: „There Is No God!“

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shelleypHeiner Jestrabek (Hrsg.): Percy Bysshe Shelley: „There Is No God!". Religions- und Herrschaftskritik. 172 S. m. Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2019. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-71-6.

Rezension von Siegfried R. Krebs:

WEIMAR. (fgw) Percy Bysshe Shelley war noch nicht einmal 30 Jahre alt, als er am 8. Juli 1822 im Meer bei Viareggio an der Toskanaküste ertrank. Ein kurzes Leben, dennoch hinterließ er ein bedeutendes Werk. An eben dieses zum Teil abenteuerliche Leben, Wirken und Werk will Heiner Jestrabek mit seiner neuesten Publikation erinnern.

Denn, so Jestrabek in seiner Einführung, Shelley erlangte Berühmtheit nicht nur als einer der bedeutendsten Dichter der englischen Romantik – zusammen mit Byron und Keats – er war auch Philosoph und kämpferischer Atheist, politischer Pamphletist und Aktivist, Abenteurer, Frauenschwarm und sogar Frauenrechtler, Vorkämpfer für freie Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen.

Das vorgelegte Buch führt knapp und übersichtlich in Leben und Werk des am 4. August 1792 als Sohn eines Baronets geborenen Dichters ein. Der Lebensbeschreibung hat Herausgeber Jestrabek eine kleine Auswahl von Shelleys radikalen religions- und herrschaftskritischen Schriften beigefügt.

Bereits der junge Shelley habe an den Vesten gerüttelt, die die feudale, bürgerliche und achso christliche Ordnung stützten: „In der Universität in Oxford, ab 1810, schloss Percy eine lebenslange Freundschaft mit Thomas Jefferson Hogg (1792-1862). Mit Hogg gemeinsam entstand auch die Idee zu dem Pamphlet 'The Necessity of Atheism' („Die Notwendigkeit des Atheismus") 1810/1811, eine philosophische Streitschrift in der Tradition der radikalen Aufklärung. Shelley und Hogg wurden wegen dieser Schrift und auch wegen ihrer rebellischen Haltung gegenüber der Collegeleitung der Universität Oxford verwiesen." (S. 9)

Auch seine Familie verstieß ihn und so mußte Shelley lange Jahren in prekären Verhältnissen leben. Dennoch ließ er sich nicht entmutigen und schuf ungeachtet dessen – und angesichts der ökonomischen und politischen Verhältnisse in Großbritannien – ein umfangreiches publizistisches Werk.

„Queen Mab" war das erste große Poem des Dichters. Diese allegorisch-utopische Verserzählung nach mythologischen Vorbildern wurde 1811 geschrieben und 1813 veröffentlicht; nunmehr unter dem Titel „Queen Mab. Philosophical Poem with Notes." Die hinzugefügten umfangreichen 'Notes' – historische und philosophische Annotationen – erweiterten das Werk zusätzlich zu einem eigenen philosophischen Manifest. Darin enthalten waren u.a. der erweiterte Wiederabdruck von „The Necessity of Atheism". Poem und Notes als ein Buch, erlangten so den Ruf einer „Bibel" der Bewegung der Chartisten, so schätzte es später Georg Bernhard Shaw (1856-1950) ein. Jestrabek schreibt seinerseits dazu: „Shelley gestaltete in seinem Poem 'Queen Mab' als eine dichterische Vision von der Zukunft der Menschheit (…) und als Perspektive zur Überwindung von Monarchie und Priestertum hin zu einer freien Gesellschaft." (S. 11)

„1814 folgt die Publikation von 'A Refutation of Deism' („Eine Widerlegung des Deismus"). Shelley grenzte sich darin eindeutig von einem 'Deismus' ab, dem damals viele Aufklärungsphilosophen anhingen, zugunsten eines konsequenten Atheismus. Er zeigte dessen Inkonsequenzen auf und widerlegte, in Form eines Dialogs zwischen den Gesprächspartnern Eusebes und Theosophus, derartige Argumente und Scheinbeweise der Kreationisten, Sophisten und aller Religiösen." (S. 15)

Jestrabek geht dann auf Shelleys Freunde und Mitstreiter, wie William Godwin (1756-1836), Lord George Gordon Byron (1788-1824) oder John Keats (1795-1821) ein. Ausführlicher wird über Shelleys zwei Ehen, und die in beiden gezeugten Kinder, berichtet. Die erste Ehe schloß er auf abenteuerliche Weise mit der damals erst 15jährigen Kaffeehausbesitzer-Tochter Harriet Westbrook. Die zweite mit Mary Godwin (1797-1851). Dazu heißt es im vorliegenden Buch:

„Durch die Flucht mit Mary war es zu einem Zerwürfnis mit Godwin gekommen, da Shelley zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet war. Erst nach dem Tod Harriets und der Heirat mit Mary am 30. Dezember 1816 kam es zu einer Aussöhnung zwischen Percy und Mary mit William Godwin. Mary Shelley, geb. Godwin, sollte später selbst eine berühmte Schriftstellerin werden und die literarische Nachlassverwalterin Percys." (S. 19) Mary Shelley ist heutzutage vor allem bekannt durch ihren Roman „Frankenstein, or, The Modern Prometheus", erstmalig 1818 in London veröffentlicht.

Percy Shelley war nicht nur Literat. Denn, so heißt es bei Jestrabek:

„Der Kampf um politische Reformen wurde unterstützt, Anteil genommen an den infolge von Arbeitslosigkeit, Hunger und Unterdrückung entstandenen revolutionären Unruhen. Shelley veröffentlichte das Traktat 'Proposal for Putting Reform to the Vote' („Vorschlag für eine Reform des Wahlrechts"), 'An Address to the People on the Death of the Princess Charlotte' („Eine Botschaft an das Volk anlässlich des Todes von Prinzessin Charlotte"), den gemeinsam mit Mary geschriebenen Reisebericht 'History of a Six Weeks' Tour' („Geschichte einer sechswöchigen Reise"), die Verserzählung 'Laon and Cythna' wird gedruckt (und erst nach Umarbeitung als 'The Revolt of Islam') im nächsten Jahr veröffentlicht. Hierin wurden Ziele und Ideale der Französischen Revolution verteidigt und als folgerichtige Reaktion auf die vorherigen sozialen Missstände und politische Unterdrückung dargestellt. Die Handlung verlegte Shelley in den Orient und verknüpfte diese mit einer Liebesgeschichte von Geschwistern." (S. 21)

Heiner Jestrabek würdigt aber nicht nur Percy Shelley, sondern er äußert sich auch deutlich zu Mary Shelleys Verdiensten um das geistige Erbe ihres Mannes:

„Große Verdienste um die Edition seiner Werke erwarb sich seine Witwe Mary Shelley. Sie musste sich in prekären Verhältnissen durchschlagen und gegen Schikanen des Schwiegervaters wehren, der dem Werk seines verstorbenen Sohnes ablehnend gegenüberstand. Die erste durch sie besorgte zuverlässige vierbändige Ausgabe der Gedichte von Percy Bysshe Shelley mit ihren Anmerkungen erschien daher erst im Jahr 1839. (…) Mary Shelley blieb bis an ihr Lebensende politisch radikal und den Ideen von Emanzipation und Aufklärung verbunden. Sie starb am 1. Februar 1851 in London, vermutlich an einem Gehirntumor, im 54. Lebensjahr." (S. 27-28)

Zu Percy Shelley und der bis heute andauernden Mißachtung seines Werkes schreibt Jestrabek:

„Ohne Zweifel trug sein kompromissloser und öffentlich vorgetragener Atheismus dazu bei: Shelley definierte sich selbst mit einer griechisch verfassten Inschrift in einer Hütte in den Schweizer Alpen: 'Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Percy B. Shelley.' Shelley verband seine Gesellschaftskritik mit einem tief empfundenen Humanismus und Pazifismus." (S. 30-31)

Und der Herausgeber läßt Shelley diesbezüglich selbst weiter zu Wort kommen; mit einem Zitat aus dem Vorwort zu dessen letztem Drama:

„Dies ist das Zeitalter des Krieges der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, und jene Rädelsführer der privilegierten Mörder- und Gaunerbanden, Landesherren genannt, sehen sich untereinander nach Hilfe um gegen den gemeinsamen Feind und stellen die Feindseligkeiten gegeneinander nur ein angesichts einer mächtigeren Furcht. Alle Despoten dieser Erde sind im Grunde Mitglieder dieser Heiligen Allianz. Der Kampf gegen die Hypothese 'Gott', gegen den 'gnädigen und rachevollen Gott', welcher, 'ein Urbild menschlicher Tyrannenherrschaft', als metaphysische Projektion der Monarchie erfunden wurde – dieser kämpferische Atheismus ist die Voraussetzung für die Unschädlichmachung jenes Hauptinstruments jahrhundertelanger Gewaltherrschaft, dessen Name Christentum lautet." (S. 31)

Nach der doch etwas längeren Einführung durch den Herausgeber folgen nun einige Schriften aus Shelleys Feder. Zunächst – und erstmals vollständig in deutscher Sprache – „The Necessity of Atheism – Die Notwendigkeit des Atheismus" aus dem Jahre 1811 auf den Seiten 33 bis 47.

Bemerkenswert, wie Shelley sich hier mit der christlichen Behauptung von einem Leben nach dem Tode auseinandersetzt! Er fragt nicht, ob es ein Leben nach dem Tode gäbe, sondern ob es schon ein Leben vor dem Tode gegeben habe. Mit solchem Argument sollte man heute ebenfalls pfäffische Sprüche kontern.

Shelley wörtlich: „Haben wir vor der Geburt existiert? Es ist schwierig, diese Möglichkeit sich vorzustellen. Im generativen Prinzip jedes Tiers und jeder Pflanze gibt es eine Kraft, die die Substanzen homogen mit sich selbst verändern. (…) Wenn wir vor der Geburt nicht existiert haben; wenn in der Periode, in der die Teile unserer Natur, von denen Gedanke und Leben abhängen, untereinander verwoben scheinen; wenn es keinen Grund gibt anzunehmen, wir hätten vor dieser Zeit existiert, in der offenbar unsere Existenz beginnt, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass wir nach unserer Existenz weiter existieren werden. Soweit es Gedanke und Leben angeht, wird das gleiche mit uns geschehen individuell gesehen nach unserem Tod wie vor unserer Geburt. (…) Es wird gesagt, wir könnten weiter auf eine Weise existieren, die gegenwärtig für uns unvorstellbar ist. Das ist eine höchst unvernünftige Annahme…" (S. 47)

Als weiteres Werk Shelleys wird dann auf den Seiten 48 bis 132 sein Poem „Queen Mab. Philosopical Poem With Notes" („Feenkönigin Mab. Philosophisches Poem mit Anmerkungen") aus dem Jahre 1813 im englischen Original und in deutscher Übersetzung vorgestellt. Diese Schrift in Versform dürfte allerdings für heutige Leser nur schwer zu lesen (und somit zu verstehen) sein. Nicht so aber die „Anmerkungen" I bis XVI. Diese sind überwiegend in Prosa geschrieben und geben nicht nur Aufschluß darüber, welch beachtliche naturwissenschaftliche Erkenntnisse damals schon – unter Gebildeten – vorhanden waren. Da kann man als Heutiger nur staunen.

Und nicht zuletzt machen gerade diese Anmerkungen den philosophischen und religionskritischen Wert von Shelleys Schaffen aus. Hier sei nur auf die Anmerkungen IX, XII und XV verwiesen.

Unter „IX" heißt es bei Shelley u.a.. „Der Zustand der Gesellschaft, in welchem wir uns befinden, ist ein Gemisch feudaler Wildheit und unvollkommener Zivilisation. Die beschränkte und unaufgeklärte Moral der christlichen Religion verstärkt noch diese Übel." (S. 140)

Und an anderer Stelle schreibt er mit Bezug auf freie Liebe und Partnerwahl: „Ich glaube mit Bestimmtheit, dass aus der Abschaffung der Ehe das richtige und naturgemäße Verhältnis des geschlechtlichen Verkehrs hervorgehen würde. Ich sage keineswegs, dass dieser Verkehr ein häufig wechselnder sein würde; es scheint sich im Gegenteil aus dem Verhältnis der Eltern zum Kinde zu ergeben, dass eine solche Verbindung in der Regel von langer Dauer sein und sich vor allen andern durch Großmut und Hingebung auszeichnen würde. Aber vielleicht ist es noch zu früh, diesen Gegenstand zu besprechen. Was immer aus der Abschaffung der Ehe entspringen mag, wird naturgemäß und recht sein, weil Wahl und Wechsel vom Zwange befreit sein werden.

In der Tat bilden Religion und Moral, wie sie gegenwärtig beschaffen sind, ein praktisches Gesetzbuch des Elends und der Knechtschaft; der Genius des menschlichen Glückes muss jedes Blatt aus dem verruchten Gottesbuche reißen, bevor der Mensch die Schrift in seinem Herzen lesen kann." (S. 142-143)

In Anmerkung XII konstatiert Shelley u.a. dies: „Es ist wahrscheinlich, dass das Wort 'Gott' ursprünglich nur ein Ausdruck war, der die unbekannte Ursache der bekannten Ereignisse bezeichnete, welche die Menschen im Weltall wahrnahmen. Durch die gewöhnliche Verwechselung einer Metapher mit einem wirklichen Wesen, eines Wortes mit einer Sache, ward ein Mensch daraus, mit menschlichen Eigenschaften begabt und das Weltall lenkend, wie ein irdischer König sein Reich regiert. Die Anreden an dies imaginäre Wesen klingen in der Tat ähnlich, wie die Anreden der Untertanen an einen König…" (S. 147)

Das wird von Shelley unter „XV" noch weiter ausgeführt: „Während vieler Jahrhunderte des Elends und der Finsternis fand diese Geschichte unbedingten Glauben; allein endlich standen Männer auf, welche argwöhnten, dass sie Fabel und Betrug sei, und dass Jesus Christus, weit entfernt, ein Gott zu sein, nur ein Mensch, gleich ihnen selbst, gewesen. Aber eine zahlreiche Menschenklasse, welche enormen Gewinnst aus jener Meinung, in der Gestalt eines bei dem Volk herrschenden Glaubens, zog und immer noch zieht, sagte der Menge, wenn sie nicht an die Bibel glaube, werde sie ewiglich verdammt werden, und verbrannte, verhaftete und vergiftete alle vorurteilsfreien und vereinzelten Forscher, welche gelegentlich aufstanden. Sie unterdrückt dieselben noch immer, soweit das Volk, welches jetzt aufgeklärter geworden ist, solches gestatten will. (…) Dieselben Mittel, welche jeden anderen volkstümlichen Glauben gestützt haben, haben das Christentum gestützt. Krieg, Einkerkerung, Meuchelmord und Lüge; Taten beispielloser und unvergleichlicher Rohheit haben es zu dem gemacht, was es ist. Das Blut, welches die Bekenner des Gottes der Barmherzigkeit und des Friedens seit der Einführung seiner Religion vergossen haben, würde wahrscheinlich genügen, um die Anhänger aller anderen Sekten, die jetzt auf der Erdkugel wohnen, zu ersäufen." (S. 151-152)

Deutlicher kann Religions- und insbesondere Kirchenkritik nicht sein. Und 200 Jahre NACH Shelley haben seine Worte leider immer noch Gültigkeit hier in diesem unseren Lande und nicht nur in dieser „Kirchenrepublik"…

Als drittes Werk Shelleys wird auf den Seiten 159 bis 169 das Poem „The Mask of Anarchy. Occasion of the Massacre of Manchester" („Die Maske der Anarchie. Über das Massaker von Manchester") aus dem Jahre 1819 in englischer Sprache und in deutscher Übersetzung vorgestellt.

Eine Bibliographie sowie ein Überblick über weiterführende Literatur runden diese informative und zum Nachdenken anregende Publikation ab.

Und erneut muß dem rührigen humanistischen und libertären Freidenker Heiner Jestrabek dafür Dank gesagt werden, daß er uns Heutigen wieder einmal einen mehr oder weniger vergessenen Vordenker ins Bewußtsein gerufen hat.

  Entnommen bei http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/auch-percy-bysshe-shelley-wusste-es-there-is-no-god/?fbclid=IwAR0tkDnqGAM8-0IbZa_JrbajDmgD90Nd9loNxNAE0Lf3dn2OHlTIHU0KbOE

 

Siegfried R. Krebs

 

 

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Eine Antwort auf Auch Percy Bysshe Shelley wußte es: „There Is No God!“

  1. Was Percy Bysshe Shelley zu seiner Zeit war, ist z.B. ein Raif Badawi heute.

    Die weltliche Macht des christlichen Klerus scheint mir heute weitgehend gebrochen, jene der Vertreter anderer Glaubensrichtungen reicht noch immer bis weit in die Privatsphäre vieler Menschen — auch wenn sich diesbezüglich in mehreren Ländern ein Wandel abzeichnet.

    In jenem Land, in dem Raif Badawi wegen seiner Thesen eingesperrt ist, sind "Fundamentalisten" an der Macht, also Leute, die sich auf das Fundament, auf die Grundlage ihrer Religion stützen. Vielleicht kann man sie auch als "Radikale" bezeichnen, von radix, der Wurzel; dann beziehen sie sich auf die Wurzeln ihrer Religion. Möglicherweise handelt es sich aber auch um "Extremisten". Da aber ihre Religion häufig als Ausweis der Friedfertigkeit und der Toleranz bezeichnet wird, müssten sie doch "extrem" friedlich und tolerant sein, damit die Zuschreibung "Extremisten" in diesem Zusammenhang einen Sinn ergibt.

    Nicht ganz so schlimme Nachrichten wie aus dem Lande Raif Badawis, aber doch schlimm genug um aufzurütteln, konnte man gestern, am Weltfrauentag 8. März, aus einem anderen Land der Region vernehmen, in dem Frauen gleiche Rechte auch in religiösen Angelegenheiten einfordern und ihr Klagen sinnigerweise an einer Klagemauer erheben.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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